Die Industrial Development Corporation (IDC), vollständig Industrial Development Corporation of SA Ltd. (deutsch etwa: „Industrieentwicklungsgesellschaft von Südafrika“), ist ein staatliches Unternehmen in Südafrika zur Finanzierung des Aufbaus von Industriestrukturen und zur Investitionslenkung von privaten Partnern im Rahmen der Industriepolitik des Landes.
Das Staatsunternehmen IDC wurde 1940 auf Initiative des südafrikanischen Premierminister Jan Christiaan Smuts angesichts der Auswirkungen der Großen Depression geschaffen und nahm am 1. Oktober in Johannesburg auf Basis des Industrial Development Act (Act No. 22 / 1940) seine Tätigkeit auf.Horwitz 1967, S. 352Government of South Africa: Industrial Development Act 22 of 1940. auf www.gov.za (englisch)The National Government Handbook – South Africa: Industrial Development Corporation (IDC) . auf www.nationalgovernment.co.za (englisch) Die IDC hat heute ihren Sitz in Sandton, einem Johannesburger Stadtteil, und sie ist neben zahlreichen binnenstaatlichen Aufgaben in 14 Staaten auf dem afrikanischen Kontinent mit Projekten (Stand 2024) aktiv.IDC: 2025 Annual Results. Kapitel Portfolio across the continent, S. 15 (PDF, englisch).
Aktuell (2026) ist die zuständige nationale Aufsichtsbehörde das Department of Trade, Industry and Competition.Industrial Development Corporation (IDC). Basisdaten auf www.nationalgovernment.co.za (englisch)
Vorbedingungen Die notwendigen Vorbereitungen zu ihrer Gründung lagen im Ressort des Ministers für Handel und Industrie, Richard Stuttaford, der zur Ausarbeitung des Konzeptes zwei Fachleute beauftragt hatte. Das waren A. C. McColm, ein Manager von ISCOR (South African Iron and Steel Industrial Corporation), und B. H. Friel, ein Jurist aus Johannesburg. Stutterford selbst war bis 1939 Innenminister seines Landes und entstammte einer einflussreichen Handelshausfamilie mit guten Kontakten zu Partnern in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Als Minister hatte er den Auftrag, die im Rahmen der Kriegsökonomie verfügten Import- und Preiskontrollen zu organisieren und ein Konzept für die südafrikanische Wirtschaft zu entwickeln, wodurch sie auf den kriegsbedingten Umbruch ihrer Strukturen vorbereitet werden sollte. (PDF; 7,6 MB)
Gründung und frühe Aktivitäten Die IDC hat seit dem Beginn ihrer Tätigkeit eine entscheidende Rolle beim Aufstieg Südafrikas zu einem wichtigen Industrieland eingenommen und war während der ersten beiden Jahrzehnte ihres Wirkens eng mit dem Aufbau der südafrikanischen Textilindustrie verbunden. Im Verlauf dieses Prozesses erlangte sie für die Umsetzung der Apartheidpolitik eine große Bedeutung. Ihr Gründungsvorsitzender war Hendrik van der Bijl, der bereits die ISCOR und ESCOM schuf. Als erster geschäftsführender Direktor war der Chemiker H. Jan van Eck eingesetzt worden.McDowell, 2000, S. 5, 80, 155-156
Das erste von der IDC finanzierte und gemanagte Unternehmen arbeitete auf dem Gebiet Reinigung und Aufbereitung von Wolle (Pinetown Woolwashery (Pty.) Ltd). Zusammen mit britischen Firmen begannen die von der IDC initiierten industriellen Aktivitäten im Januar 1945. Als erste Gründung gilt die Fine Wool Products of South Africa Limited am Zwartkops River bei Uitenhage. Es folgte in Kooperation mit der Calico Printers Association aus Manchester der erste südafrikanische kombinierte Baumwollspinnerei, -weberei und -veredlungskomplex (Good Hope Textile Corporation (Pty) Ltd.) bei King William’s Town, was zur Gründung des Township Zwelitsha und zum Bau des Rooikrantz Dam führte. Beide Industriestandorte befanden sich im Umfeld vom damaligen Reservat Ciskei, deren Bewohner als niedrig entlohnte Arbeitskräfte angeworben wurden. Das hatte zur Folge, dass sich schon in den 1950er Jahren eine Textilmassenproduktion in Südafrika etablieren konnte, die bis zu Beginn der 1960er Jahre weiter expandierte. Um 1965 war es diesen Industrieunternehmen möglich, im hochpreisigen Produktsektor zu produzieren.
Die IDC förderte aus ihren Mitteln das Entstehen großer und kapitalintensiver Unternehmen von inländischen Eigentümern. Darüber hinaus bemühte sie sich um die Anwerbung ausländischen Kapitals und technischen Know-hows.Horwitz 1967, S. 353McDowell, 2000, S. 164–166, 208
Mit einer neuen Strategie verfolgte sie das Ziel einer industriellen Dezentralisierung Südafrikas, was in einer Ansiedlungspolitik zum Ausdruck kam, die ihre Standorte in der unmittelbaren Nähe von Eingeborenenreservaten suchte. Dadurch wirkte man der inzwischen als unerwünschten Migration der schwarzen Bevölkerung aus ihren agrarisch geprägten Wohnarealen in die großen Ballungszentren Südafrikas entgegen und nutzte diesen Personenkreis als ein besser kontrollierbares Reservoir für dauerhaft verfügbare Niedriglohnarbeit.McDowell, 2000, S. 157–158
Rolle im Apartheidsystem Allgemeines Die südafrikanische Industriepolitik nach dem Zweiten Weltkrieg sah eine strikte Importkontrolle vor, was zu einem starken inländischen Wachstum und inflationären Tendenzen führte. Darum ging die Regierung zu einer Politik der Konsolidierung über, beispielsweise mit Kreditrestriktionen. Sie stützte sich auf Aussagen der Viljoen-Kommission aus dem Jahre 1959. Das IDC-Management bemühte sich demzufolge um Unterstützung der Regierung bezüglich eines Importschutzes der eigenen Industrie, was von dieser aber für diesen Sektor als zunehmend schwierig angesehen wurde.Horwitz 1967, S. 353Union of South Africa: Report of the Commission of Enquiry into Policy Relating to the Protection of Industry. Pretoria 1958, S. 57
Mit dem Wahlsieg der burischen Nationalisten unter Premierminister Daniel François Malan wechselte auch das Personal in der Führung der IDC. Die Position des Generalmanagers nahm nun M. S. Louw vom Versicherungskonzern Sanlam ein.
J. M. van Tonder, ein Unternehmer aus der Kapregion, und A. J. Bosman, früher der Handelskonsul der Südafrikanischen Union in Berlin und später Unterstaatssekretär im Ministerium für Handel und Industrie, traten an die Stelle weiterer Führungskräfte.McDowell, 2000, S. 160Sanlam Life Insurance Limited: Our History. online auf www.sanlam.com (englisch)International Directory of Company Histories, Vol. 68 (2005): Sanlam Ltd. History. online auf www.fundinguniverse.com (englisch)
Mit der personellen Neuausrichtung nutzte die afrikaanische Unternehmerschaft diese Staatsbank zur Stärkung ihrer wirtschaftlich-politischen Vormachtstellung im südlichen Afrika und bildete nach deren Auffassung ein „Bollwerk gegen den anglo-amerikanischen Kapitalismus“. Diese Konzentrationstendenz verstärkte sich noch, als in der angespannten Lage nach den Sharpeville-Unruhen von 1960 eine Flucht von in Südafrika vorhandenen ausländischen Kapital einsetzte. Diese schwierige Situation konnte mit Hilfe des Sanlam-Finanzunternehmens kompensiert werden und in diesem Prozess verschob sich der maßgebliche Einfluss in den IDC-Entscheidungen zugunsten der Afrikaaner.Charles H. Feinstein: An Economic History of South Africa: Conquest, Discrimination and Development. Cambridge 2005, S. 179, online auf www.books.google.de
Die Apartheidregierung nahm die Möglichkeiten der IDC zur Umsetzung ihrer Border Industry Policy (deutsch etwa: Grenzzonen-Industriepolitik) im Umfeld der Reservate bzw. späteren Homelands wirkungsvoll in Anspruch. Das wurde mit einem großen britischen Textilunternehmen aus Lancashire unweit von East London demonstrativ umgesetzt und propagandistisch als Wohlfahrtspolitik zugunsten der Grenzindustrie im Rahmen der Politik zur „Getrennten Entwicklung“ dargestellt.Horwitz 1967, S. 355
Der englische Textilmagnat Cyril Lord griff die ihm in Folge der politisch erwünschten Dezentralisierung der Industrie gebotenen Möglichkeiten zügig auf und gründete die Cyril Lord (S.A.) Pty Ltd., durch die unweit von East London eine Investition von 750.000 Pfund getätigt wurde. Die Vereinbarung hierzu schloss Lord mit der IDC.Philip Ollerenshaw: Innovation and Corporate Failure: Cyril Lord in UK Textiles 1945-1968. S. 6 (XIV International Economic History Congress), Helsinki 2006 (PDF; 83 kB)
Bis 1966 zog diese als beispielhaft propagierte Investition weitere 13 unternehmerische Neuansiedlungen nach sich. Dabei entstand das Township Mdantsane, mit dem man das Ziel verfolgte, die gesamte schwarze Bevölkerung aus East London dahin umzusiedeln. Gleichzeitig nahm die Bevölkerungszahl im Township Zwelitsha zu. Parallel zu diesen Entwicklungen unterstützte der südafrikanische Staat den industriellen Ausbau in den Regionen von King William’s Town und Queenstown, um den vorhandenen Unternehmen weitere wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten einzuräumen. Insgesamt belief sich das dabei erzielte Investitionsvolumen auf 15 Millionen Rand. Dabei rechnete man mit dem Zugewinn von 9800 Arbeitsplätzen, wovon 7800 für Schwarze geplant waren.SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1966. Johannesburg 1967, S. 157
Eine Regierungskommission zur Suche geeigneter Industriestandorte in der Nähe von größeren Wohnarealen der schwarzen Bevölkerung sprach Empfehlungen für Investitionsvorbereitungen aus. Diese Kommission, Permanent Committee for the Location of Industry and the Development of Border Areas (deutsch etwa: Ständige Kommission für Industriestandorte und Entwicklung der Grenzareale; gemeint waren die Grenzen der Bantu Areas) genannt, konzentrierte sich Ende der 1960er Jahre zunehmend auf die Förderung nur solcher Industriezweige, in denen besonders arbeitsintensive Prozesse anfielen. Der IDC kam zur Umsetzung der Vorgaben aus der Kommission eine wichtige Rolle zu. Im Rahmen der Apartheidspolitik verfolgte die Regierung hierbei das Ziel, unter gleichzeitig konsequentester Ausnutzung möglichst vieler Billigarbeitskräfte diesen Personenkreis in den großstädtischen Ballungszentren zu reduzieren und ihn in ländlichen Gebieten, vorzugsweise in den Reservate bzw. späteren Homelands anzusiedeln. Eines ihrer diesbezüglichen Konzepte war die Industriepolitik der border areas, die mit dem Physical Planning and Utilization of Resources Act (Act No. 68 / 1967) eine spezifische Förderung durch den Gesetzgeber erhielt. Im Jahresbericht der IDC von 1968 wurde jedoch vermerkt, dass sich in der Industrie eine ablehnende Haltung zu neuen Projekten in den border areas entwickelte, weil sich das „Finanzierungsklima“ auf Grund antinflationärer Maßnahmen in Südafrika veränderte.SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1969. Johannesburg 1970, S. 95, 971967. Physical Planning & Utilization of Resources Act No 88. auf www.nelsonmandela.org (englisch)Jacqueline Beck: Border Industries. In: The Black Sash, Februar 1968, S. 7–8, online auf www.disa.ukzn.ac.za (englisch, PDF)
Beispiele wichtiger Standortentwicklungen Im Verlauf der Dezentralisierungspolitik der Regierung bildeten sich Umfeld der Homelands mehrere regionale Gebiete als Investitionsschwerpunkte heraus. Dazu zählten Ende der 1970er Jahre grenznahe Areale (Border areas), von denen nachfolgend die wichtigsten aufgeführt sindSAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1979. Johannesburg 1980, S. 230: Bophuthatswana: Brits, Lichtenburg, Rosslyn, Rustenburg Ciskei: East London, King William’s Town KaNgwane: Malelane, Nelspruit KwaZulu: Hammarsdale (Elangeni), Pietermaritzburg, Richards Bay, Stanger Lebowa: Phalaborwa, Pietersburg QwaQwa: Bethlehem, Harrismith Transkei: Zastron Venda/Gazankulu: Louis Trichardt.
Auf der Grundlage eines Abkommens zwischen Portugal und Südafrika aus dem Jahre 1969 finanzierte die IDC den Bau von energie- und wasserwirtschaftlichen Anlagen am Kunene in Angola und Südwestafrika. Das komplexe Investitionsvorhaben wurde als Cunene Project bekannt.SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1976. Johannesburg 1977, S. 411