mini|Murad Wilfried Hofmann (2008) Murad Wilfried Hofmann, ursprünglich Wilfried Hofmann (* 6. Juli 1931 in Aschaffenburg; † 12. Januar 2020Murad Wilfried Hofmann ist verstorben, islamiq.de, erschienen und abgerufen am 13. Januar 2020. in Bonn), war ein deutscher Jurist und Diplomat. Der 1980 zum Islam konvertierte Hofmann war u. a. der Autor von Sachbüchern zum Thema Islam und Bearbeiter einer Koranübersetzung.
Werdegang und Laufbahn Wilfried Hofmann stammte aus einer katholischen Familie. Er war ein Großneffe Hugo Balls, eines Mitbegründers des Dadaismus. Nach seinem Abitur als Klassenbester in Aschaffenburg begann er 1950 sein Studium als HELP-Stipendiat (Higher Education for Lasting Peace) und Gast der Psi Upsilon Fraternity am Union College in Schenectady (US-Bundesstaat New York) mit Schwerpunkt Soziologie, Arbeitsrecht und angloamerikanische Literatur.
Anschließend studierte er Jura in München. Er schloss dieses Studium am 27. Februar 1955 mit dem 1. juristischen Staatsexamen und am 27. Februar 1957 mit dem Doktorexamen zum Thema Der Schutz der Gerichte vor Beeinflussung und Verunglimpfung durch die Presse nach deutschem und amerikanischem Recht (Contempt of Court by Publications) bei Rudolf Pohle ab.
Während seiner Zeit als Rechtsreferendar in München von 1955 bis 1959 arbeitete Hofmann auch als Assistent für Zivilprozessrecht an der Universität München (Prof. Leo Rosenberg; Prof. Pohle) sowie bei deutschen und amerikanischen Anwaltsfirmen (Dres. Winkelmann; Dres. Oehl & Nörr; Milton M. Crook). Das 2. juristische Staatsexamen legte er am 27. April 1959 in München ab.
Von 1960 bis 1961 studierte er Amerikanisches Recht an der Harvard Law School in Cambridge, Massachusetts, mit Schwerpunkt Vertragsrecht, Zivilprozessrecht und Rechtsvergleichung. Gleichzeitig war er dort als Forschungsassistent für den Supreme Court tätig zum Thema: „Welche Ursachen führten zu Reformen des Zivilprozeßrechts in den deutschen Staaten von 1750–1830?“.
1961 trat er in den Dienst des Auswärtigen Amts ein und war bis 1994 im diplomatischen Dienst tätig, zunächst am deutschen Generalkonsulat in Algier, wo er den Algerienkrieg unmittelbar miterlebte. Von 1970 bis 1972 gehörte er unter Botschafter Dirk Oncken dem Planungsstab des Auswärtigen Amtes an. Von 1973 bis 1976 war er stellvertretender Leiter der deutschen Delegation bei den MBFR-Verhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt in Wien. Von 1979 bis 1983 leitete er das Referat „NATO und Verteidigung“ im Auswärtigen Amt in Bonn. Von 1983 bis 1987 arbeitete er als Informationsdirektor der NATO in Brüssel. Von 1987 bis 1990 war er deutscher Botschafter in Algier, Algerien. Anschließend bekleidete er bis 1994 dieselbe Funktion in Rabat, Marokko.
Von 1961 bis zu ihrem frühen Tod war Hofmann mit Elizabeth Ann Griffeth verheiratet; sein Sohn John Chaské Alexander Hofmann, geboren 1963, stammt von ihr. Von 1972 bis 2002 folgte seine Ehe mit der türkischen Harfenistin und Schönheitskönigin Bülben Uz. Seit 2003 lebte er in Bonn mit der ehemaligen bulgarischen Ballettmeisterin Iskra Zankova zusammen. Murad Wilfried Hofmann starb im Januar 2020 nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren in Bonn.Ein großer Verlust für uns alle, Nachruf auf islam.de, erschienen und abgerufen am 13. Januar 2020.
1984 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2009 erfolgte durch Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum die Auszeichnung zur „Islamischen Persönlichkeit des Jahres“ im Rahmen des Dubai International Holy Quran Award, und 2010 wurde Hofmann durch den jordanischen König Abdullah II. bin al-Hussein in Amman mit der „Freiheitsmedaille 1. Klasse“ geehrt, der höchsten Auszeichnung unter den für Ausländer vorgesehenen Orden.Ecevit Polat vom 21. November 2019
Islam 1980 konvertierte Hofmann in Bonn zum sunnitischen Islam. Er führte seit 1982 siebenmal die kleine Pilgerfahrt (Umra) und zweimal (1992 und 2003) die große Pilgerfahrt (Haddsch) nach Mekka durch. Seit 1994 hielt er häufig Vorträge in Westeuropa, den USA und der islamischen Welt. Er war Vollmitglied der Ahl al-Bayt Foundation for Islamic Thought in Amman (Jordanien), Beirat und Ehrenmitglied des Zentralrats der Muslime in DeutschlandWir müssen durch Parteieintritt – in alle wirklich demokratisch gesinnten Parteien – dazu beitragen, dass die Parteiprogramme islamkonformer werden. Website des Zentralrats der Muslime in Deutschland, 30. August 2004 und Mitglied des Scharia-Rats der muslimischen Bosna Bank International in Sarajewo. Von 1994 bis 2008 hielt er in 31 Ländern rund 350 Vorträge über islamische Themen. 2008 wurde er von den Lesern der Islamischen Zeitung (Berlin) zum „wichtigsten Muslim in Deutschland“ gewählt. 2009 zeichnete ihn das Staatsoberhaupt des Emirats Dubai als „Islamische Persönlichkeit des Jahres“ aus. 2009, 2010, 2011, 2017 wurde er in der Liste der weltweit 500 wichtigsten muslimischen Persönlichkeiten des Prinz-al-Walid-bin-Talal-Zentrums für muslimisch-christliche Verständigung der Georgetown University und des Royal Islamic Strategic Studies Centre von Jordanien aufgeführt.
Schriften zum Islam Zu Themen des Islam schrieb Hofmann mehrere Bücher. Die meisten davon liegen auch auf Arabisch und Englisch vor; einige auf Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Französisch, Malayalam, Türkisch und Ungarisch. Seine Schriften veröffentlichte er unter den Namen Murad Wilfried Hofmann, Murad W. Hofmann und Murad Hofmann. Zur ersten Auflage seines 1992 erschienenen Buches Der Islam als Alternative schrieb Annemarie Schimmel das Vorwort. 1998 veröffentlichte er eine Neubearbeitung der Koranübersetzung von Max Henning. Außerdem war er als Literaturkritiker der in Markfield (Leicestershire) vierteljährlich erscheinenden Muslim World Book Review, des Oxford Journal of Islamic Studies und der pakistanischen Vierteljahreszeitschrift Islamic Studies tätig (rund 200 Kritiken). Daneben veröffentlichte er unregelmäßig Aufsätze und Artikel in der Islamischen Zeitung (Berlin), dem American Journal of Islamic Social Studies (Washington, D.C.), Encounters (Markfield, LE, UK) und in den Islamic Studies (Islamabad).
Positionen
Der Islam als Alternative zum westlichen Lebensstil
Entsprechend einem programmatischen Buchtitel verstand Hofmann den Islam als Alternative zu der von ihm als degeneriert empfundenen westlichen Lebenswelt. Er wandte sich gegen die „säkularistischen Ideologen“ des Westens, die für eine fatale moralische Degeneration verantwortlich seien.Murad Wilfried Hofmann: Aufsatz auf der Website der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland, 2003. Für seine Sicht der westlichen Gesellschaft mag die folgende Aussage über die westliche Jugend aus dem Buch Der Islam als Alternative stehen: „Schauen wir sie nur an, diese Opfer einer scheinbar werteneutralen Industriegesellschaft. Sie haben alles – Autonomie, Lebenssicherung von der Wiege bis zur Bahre, Sex ohne Tabus, Drogen fast nach Belieben, viel freie Zeit und alle je erdachten Menschenrechte. Aber sie erfühlen eine existentielle Leere […].“Der Islam als Alternative, München (2. Auflage) 1993, S. 23. Meik Gerhards, Golgatha und Europa oder: Warum das Evangelium zu den bleibenden Grundlagen des Abendlandes gehört, Universitätsdrucke Göttingen, Göttingen 2007 (PDF-Datei; 1,1 MB), S. 153, sieht in dieser Stelle eine Distanzierung von den in unserer Gesellschaft gültigen Grundwerten.
Hofmanns Kritik der Säkularisierung als Degeneration drückt den Konflikt zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft aus, der von Ferdinand Tönnies und Helmuth Plessner beschrieben wurde.
Mohammed als politisches Vorbild
Hofmann hat bei der Politik der deutschen „Alkohol-Nikotin-Schweinefleisch-Gesellschaft“ den fehlenden Mut zum Verbot des Alkoholgenusses beklagt. Demgegenüber nannte er Mohammeds Verhalten als politisches Vorbild: „Die politisch Verantwortlichen übersehen die Folgen des Alkohols für die Volksgesundheit und Volkswirtschaft (Arbeitsausfall; Ressourcen-Verschwendung; Unfälle) nicht. Doch sie haben nicht die Kraft und den Willen, das Unpopuläre, aber Richtige durchzusetzen. Als ob es seinerzeit für den Propheten in Medina opportuner und populärer gewesen wäre, den Muslimen diese Form des ‚Opiums fürs Volk‘ zu nehmen. Als die Muslime damals ihre Palmweinvorräte auf die Gasse gossen, demonstrierten sie, daß auch Unpopuläres populär werden kann, sofern es an Führung nicht mangelt.“Tagebuch eines deutschen Muslims, München (3. Auflage) 1998, S. 81f. (Zitat: S. 82).
An anderer Stelle betrachtete er das politische, militärische und ökonomische Geschick Mohammeds sogar als eine Art Beweis für seine göttliche Sendung: „Wenn man zeitbedingte Wundergläubigkeit und nachträgliche politische Gewichtungen auch abstreicht, so bleibt doch eine staatsmännische Persönlichkeit von großem Willen, Charisma und taktischer Schläue.“Tagebuch eines deutschen Muslims, München (3. Auflage) 1998, S. 105. Ausdrücklich nennt er den „diplomatischen Coup“ des Waffenstillstands von (al-)Hudaybiya, „der in Wirklichkeit eine vorweggenommene Kapitulation der Mekkaner bedeutete“, und „die Stadtverfassung von al-Madina […], die Muhammad in Form eines Vertrages zwischen den Muslimen und der jüdischen Gemeinde diktierte“.Tagebuch eines deutschen Muslims, München (3. Auflage) 1998 Dazu ergänzt er: „Wenn man den kaufmännischen Erfolg des Propheten hinzu nimmt sowie die Weisheit seiner richterlichen Tätigkeit, dann wird geradezu rätselhaft, wie ein Analphabet im rückständigen Arabien ohne formale Schulung solche Qualitäten entwickelt haben sollte, ganz abgesehen von der sprachlichen Wucht seiner geoffenbarten Mitteilungen. Mit rechten Dingen kann dies nicht zugegangen sein. Muß also wohl mit göttlichen Dingen zugegangen sein.“
Auffassung vom Koran
Nach Hofmann ist islamischer Glaube, der nicht den Koran in seiner arabischen Ursprache für die wortwörtlich offenbarte Botschaft Gottes hält, unmöglich: „Satz für Satz, Wort für Wort Sein [=Gottes] herabgekommenes Wort, Seine unmittelbare, Sprache gewordene Mitteilung. […] Die Anerkennung des Korans als Gottes Wort ist für den Muslim konstitutiv. Wer dies nicht glaubt, ist kein Muslim.“Koran, Diederichs kompakt, Kreuzlingen/München 2002, S. 12. Von diesem traditionellen Koran-Verständnis aus sind für Hofmann „alle wahren Muslime notwendig Fundamentalisten“ im ursprünglichen Sinn des Wortes als Schriftgläubigkeit, und er zeigt sich beeindruckt von traditionellen Koranschulen, in denen die Schüler nichts anderes als den Koran auswendig lernen.Koran, Diederichs kompakt, Kreuzlingen/München 2002, S. 105f. unter Bezug auf den Besuch einer im ganzen muslimischen Schwarzafrika renommierten Koranschule im südlichen Sudan: „Bei meinem Besuch durfte ich beliebige Schüler zum Vortrag beliebiger Teile des Korans auffordern. Jeder schnurrte den verlangten Text fehlerlos herunter.“ „Man geht dort davon aus, dass es im aufnahmebereiten jungen Alter das Wichtigste ist, zunächst den Koran-Text zu memorieren. Ihn verstehen zu lernen ist eine lebenslange, endlose Aufgabe.“ Nach seiner Ansicht enthält der Koran keine Aussagen, die gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen. Ferner erklärt er, dass bereits Phänomene wie der Urknall, die Existenz mehrerer Galaxien und die Ausbreitung des Weltalls im Koran beschrieben würden.Koran, Diederichs kompakt, Kreuzlingen/München 2002, S. 89 ff.
Rationalität und Überlegenheit des Islam