mini|Szene im Schacht (Ausschnitt): Mensch mit Vogelkopf und Bison, Höhle von Lascaux (Magdalenien) Religion im Paläolithikum bezeichnet das (rekonstruierte) religiös-kultische Weltbild des paläolithischen Homo sapiens, teilweise auch des Neandertalers.
Die meisten Wissenschaftler nehmen an, dass sowohl die Kulturen der Neandertaler als auch des frühen Homo sapiens im Paläolithikum bereits eine religiös-kultische Prägung aufwiesen.S. Vierzig, 2009, S. 9. Problematisch ist dabei der Begriff der Religion, da es als fraglich gilt, was in der Alt- und Jungsteinzeit überhaupt als religiös und kultisch gedeutet werden kann. In der Urgeschichtsforschung, die in den Wissenschaften hauptsächlich zur Religion der Steinzeit Deutungen liefert, wird ein Religionsbegriff kaum hinterfragt, und so reichen die Interpretationen von der empiristisch-minimalistischen Annahme, bei religiösen Vorstellungen der Steinzeit handele es sich lediglich um Manifestationen von Tätigkeiten, die über das Alltägliche und die materielle Alltagsbewältigung hinausgehen, so dass nur ein Bild von der Ordnung des Universums angenommen werden kann (André Leroi-Gourhan), bis zu christlich geprägten Interpretationen, die jungsteinzeitliche Höhlenkunst als Ausdruck von Dankbarkeit einer Gottheit gegenüber sehen und an den Anfang der menschlichen Kultur eine Gotteserkenntnis als zentrales Moment stellen (Hermann Müller-Karpe). Letztere Position geht interpretativ weit über die archäologische Forschungssituation hinaus.S. Vierzig, 2009, S. 9–11.
Ethnographische Vergleiche von Kult und Mythologie heutiger Jäger- und Sammlerkulturen mit der Geschichte der Religion sind heute ebenso umstritten, da sich alle kulturellen Phänomene im Laufe solch langer Zeiträume verändert haben.Josef Franz Thiel: Religionsethnologie. Berlin 1984. Aufgrund ihrer großen Anpassungsfähigkeit an veränderte Bedingungen sind ethnische Religionen ganz im Gegenteil sämtlich jünger als die bekannten Hochreligionen.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. Habilitationsschrift, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover, 2004. S. 97.
Funde, die als religiös-kultisch interpretiert werden können, sind beispielsweise Höhlenmalereien, jungpaläolithische Kleinkunst, Frauenfigurinen und andere Skulpturen wie der Löwenmensch sowie Gräber und ihre Ausstattung. Solche Funde deuten womöglich auf religiöse Vorstellungen in der Steinzeit hin, etwa auf eine Lebenskraft-Mythologie oder auch auf eine Auseinandersetzung mit der Leben-Tod-Problematik. Hinweise auf Lunarsymboliken werden angenommen.S. Vierzig, 2009, S. 49 ff. Die Jagdmagie-Hypothese wird hingegen wissenschaftlich zunehmend kritisiert.S. Vierzig, 2009, S. 47.
Als wahrscheinlich gilt die Existenz archaisch-animistischer Religionen mit Jenseitsvorstellungen, ersten Mythen und einem „Herrn der Tiere“ als erster gottähnlicher Vorstellung in der frühen und mittleren Altsteinzeit sowie magisch-spiritueller Religionen, die erstmals in der späteren Altsteinzeit oder Mittelsteinzeit auftraten und durch kultische Rituale und vermutlich schon durch spirituelle Spezialisten gekennzeichnet waren.
Forschung und Deutungen Der erste bedeutende französische Prähistoriker war Abbé Henri Breuil (1877–1961). Er vertrat zwei Forschungsansätze: Den ethnographischen Vergleich, bei dem nach Parallelen zwischen heutigen Kulturen wie den australischen Ureinwohnern und der Kultur des Jungpaläolithikums gesucht wird. Die Theorie von der Jagdmagie, die heute allgemein nicht mehr anerkannt wird, z. B. auch deshalb, weil die dargestellten Tiere zu großen Teilen nicht aus dem damaligen Jagdwild, wie dem Rentier, bestehen, aber der Lebenswelt entsprechen.
André Leroi-Gourhan (1911–1986) stand Breuil kritisch gegenüber und lehnte den ethnographischen Vergleich und die Isolierung einzelner Bilder ab. Er erforschte Höhlen in ihrer Gesamtstruktur. Obwohl er die Urgeschichtsforschung in Bezug auf künstlerische Darstellungen geprägt hat, ist seine Theorie einer sexuell-symbolischen Gegensätzlichkeit der Darstellungen heutzutage nicht mehr anerkannt.S. Vierzig, 2009, S. 48.
Einer der führenden Archäologen und Prähistoriker heutzutage ist Jean Clottes, der auch zusammen mit David Lewis-Williams die Theorie vom „schamanistischen“ Ursprung der Malereien aufstellte, die zwar stark kritisiert wird, dennoch aber der Forschung neue Impulse gab.S. Vierzig, 2009, S. 48 f.
Bestattungen des mittleren Paläolithikums Im mittleren Paläolithikum erschienen die ersten bekannten Begräbnisse. In Bodenlöchern wurden die Toten begraben, oft zusammen mit Steinwerkzeugen, Requisiten und Teilen von Tieren. Diese Bestattungen liegen zeitlich zwischen 120.000 v. Chr. und 37.000 v. Chr. und gelten als die ältesten bekannten, religiös motivierten Handlungen. Da aus ihnen geschlossen werden kann, dass Tote bewusst begraben wurden, gelten sie als älteste Formen kultischer Praktiken in der Urgeschichte. Sie erscheinen sowohl beim Neandertaler als auch beim Homo sapiens, wobei sich die Form der Begräbnisse kaum unterscheidet. Begräbnisse liegen in unterschiedlichen Formen vor, die rituelle Ausgestaltung der Gräber variiert, jedoch wurde fast überall roter Ocker verwendet, der häufig von Forschern als Farbe des Lebens und des Blutes gedeutet wird. Im Jungpaläolithikum wurde der rote Ocker dann weiterhin in zahlreichen Funden kultisch verwendet.S. Vierzig, 2009, S. 34
Es gibt Merkmale dieser rituellen Begräbnisse, die darauf hindeuten, dass an ein Leben nach dem Tode geglaubt wurde: Beispielsweise wurde eine Ost-West-Ausrichtung vorgefunden, die auf eine aufgehende Sonne, ein Symbol für neues Leben, hindeutet; es wurden ferner Embryonalhaltungen des Toten vorgefunden, die gleichfalls auf eine neue Geburt hinweisen, und die Ockerfärbungen deuten auf die Farbe des Blutes und des Lebens hin.S. Vierzig, 2009, S. 37
Auffällig ist, dass Bestattungen zu dieser Zeit nicht allgemein üblich waren, sondern eine Ausnahme bildeten, und Gräber sich oft in der Nähe von Wohnplätzen befanden, so dass man daraus schließen könnte, dass nicht die Entsorgung der Toten im Vordergrund stand. Vielmehr könnte es sich bei den Gräbern um Kultdenkmäler handeln, die religiöse Überzeugungen ausdrückten. Wissenschaftlich werden Jenseitsvorstellungen, apotropäische Magie, Ahnenkulte und zahlreiche weitere Interpretation diskutiert. Überzeugende Nachweise für entsprechende Deutungen wurden bislang nicht präsentiert.S. Vierzig, 2009, S. 38 f. Ein Ahnenkult z. B. ist nicht erkennbar, da es viele Kinder- und Fötenbestattungen gegeben hat. Die Grabbeigaben werden traditionell so gedeutet, dass sie eine Ausrüstung für ein zukünftiges Leben darstellen. Dies erscheint jedoch insofern nicht plausibel, als diese Beigaben willkürlich aussehen und meistens den Toten nicht betreffen. Hier kann man annehmen, dass die Beigaben die Funktion hatten, dem Verstorbenen eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.S. Vierzig, 2009, S. 40
Wahrscheinlicher ist es, dass das Weltbild der Steinzeit geprägt war von einer „Lebensliebe“, die sich auf das natürliche Leben und dessen Erhaltung und Erneuerung bezog. Davon geht beispielsweise auch der Ethnologe Hans Peter Duerr aus, und andere Funde als die Gräber der Steinzeit, wie im Folgenden gezeigt werden soll, lassen diesen Schluss ebenfalls zu.S. Vierzig, 2009, S. 39
Insgesamt scheinen die Begräbnisse aus dem Bedürfnis entstanden zu sein, dem Schrecken des Todes durch rituell-kultische Handlungen zu begegnen. Die Tod-Leben-Thematik wurde kontinuierlich weitergeführt und ist bestimmendes Motiv jeglicher religiösen Kulturproduktion gewesen. Um diese Problematik zu bewältigen, wurde anscheinend ausschließlich an die Mächtigkeit des Kultes geglaubt.S. Vierzig, 2009, S. 41
Die Fähigkeit des Neandertalers und des Homo sapiens im mittleren Paläolithikum zur Symbolbildung und damit zur Kulturbildung wird dennoch in der Archäologie und Religionswissenschaft kontrovers gesehen. Die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn spricht den Menschen des Mittelpaläolithikums generell diese Fähigkeit ab und bestreitet deshalb, dass es irgendeine Religionsform zu dieser Zeit gegeben haben könnte. Die Archäologin C. Hackler hingegen schreibt schon dem Neandertaler eine volle Kulturfähigkeit zu, aufgrund einer materiell vorhandenen und somit auch geistig-gedanklichen Kultur, die auf eine menschliche Gemeinschaft und sprachliche Kommunikationsfähigkeit hinweist.S. Vierzig, 2009, S. 42 Damit ist klar, dass der erste sprachbegabte Mensch zugleich zeitnah einen religiösen Überbau über sein schicksalhaft geprägtes Dasein erfand.
Höhlenmalereien und Skulpturen im Jungpaläolithikum miniatur|Tierbilder in Chauvet Vor allem in Europa kam es in der Zeit von 35.000 v. Chr. bis 10.000 v. Chr. neben der Werkzeugproduktion zur Kunst, die als regelrechte Explosion künstlerischer Aktivität gilt. Dabei wird insbesondere die Höhlenmalerei als Höhepunkt eines Kulturausbruchs des Jungpaläolithikums gewertet.S. Vierzig, 2009, S. 43 Der Großteil der bislang bekannten Höhlenkunst sind Höhlenmalereien des frankokantabrischen Raums.S. Vierzig, 2009, S. 44
Die Höhle Heutzutage wird generell angenommen, dass die bemalten Höhlen sakrale Funktion hatten.J. Leopold et al., 2001, S. 37
Ein Teil der Höhlen des Jungpaläolithikums hat einen schlauchförmigen engen Zugang an dessen Ende sich die Höhle zu einem Raum öffnete, der mit Tieren und geometrischen Formen bemalt sein kann. Verengungen, Spalten, Ovale und Grotten sind oftmals mit rotem Ocker markiert. Da verschiedene Formen vorgefunden wurden, die eine Vulvagestalt aufweisen und mit rotem Ocker markiert sind, geht man davon aus, dass die Höhlen mit einer Vulva assoziiert wurden. Aus der Altsteinzeit sind zudem einige Darstellungen von Frauen in den Höhlen erhalten, im Jungpaläolithikum häufen sich diese Darstellungen, gleichzeitig gibt es eine große Anzahl von stilisierten (oft gravierten) Darstellungen von Vulven.J. Leopold et al., 2001, S. 32 f. Einige der Venusfigurinen waren ursprünglich mit rotem Ocker eingefärbt. Da roter Ocker auch später noch kultisch verwendet wurde, kann man annehmen, dass dies auch im Jungpaläolithikum schon eine Rolle spielte.J. Leopold et al., 2001, S. 34 f. Möglicherweise handelt es sich hier um eine Symbolik, die späteren vielfältig vorkommenden Initiationsriten verwandt ist, in denen eine Neugeburt durch eine Rückkehr in den Uterus stattfindet. Die Darstellung von Tieren in den Höhlen könnte in diesem Zusammenhang darauf hindeuten, dass auch die Tiere, die in der Natur zyklisch verschwinden und wiederkehren in die Höhle eingehen, um dort neugeboren zu werden.J. Leopold et al., 2001, S. 40
Tierdarstellungen Anzunehmen ist bei jenen Wildbeutergesellschaften, dass die Abhängigkeit von der Natur das zentrale Lebensgefühl darstellte. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die Symbolisierungen steinzeitlicher Kunst um dieses Thema der Abhängigkeit von der Natur kreisen.S. Vierzig, 2009, S. 51 f. In den Höhlenmalereien spielen Tierdarstellungen eine dominierende Rolle. Dabei gibt es bestimmte Ausdrucksformen: Es werden zum größten Teil Tiere dargestellt, die sich durch Körpermächtigkeit auszeichnen, z. B. Bisons, Rinder, Mammuts, Nashörner, Löwen und wild bewegte Pferde. Steinzeitmenschen hatten nicht unsere heutige Distanz zu Tieren, die regional ihr Überleben ausschließlich sicherten. Die Darstellung solcher Tiere kann etwa als Darstellung der Sehnsucht nach dem Überleben verstanden werden.S. Vierzig, 2009, S. 50. Menschendarstellungen sind in den Höhlen selten. Man kennt Beispiele vor allem von zwei Formen: zum einen als verletzte (gespeerte) Männer und zum anderen als Tier-Mensch (sog. „Zauberer“) bzw. Mischwesen.S. Vierzig, 2009, S. 53.