Text Mining, seltener auch Textmining, Text Data Mining oder Textual Data Mining, ist ein Bündel von Algorithmus-basierten Analyseverfahren zur Entdeckung von Bedeutungsstrukturen aus un- oder schwachstrukturierten Textdaten. Mit statistischen und linguistischen Mitteln erschließt Text-Mining-Software aus Texten Strukturen, die die Benutzer in die Lage versetzen sollen, Kerninformationen der verarbeiteten Texte schnell zu erkennen. Im Optimalfall liefern Text-Mining-Systeme Informationen, von denen die Benutzer zuvor nicht wissen, ob und dass sie in den verarbeiteten Texten enthalten sind. Bei zielgerichteter Anwendung sind Werkzeuge des Text Mining außerdem in der Lage, Hypothesen zu generieren, diese zu überprüfen und schrittweise zu verfeinern.

Konzept Das 1995 von Ronen Feldman und Ido Dagan als Knowledge Discovery from Text (KDT) in die Forschungsterminologie eingeführte Text Mining ist kein klar definierter Begriff. In Analogie zu Data-Mining in der Knowledge Discovery in Databases (KDD) ist Text Mining ein weitgehend automatisierter Prozess der Wissensentdeckung in textuellen Daten, der eine effektive und effiziente Nutzung verfügbarer Textarchive ermöglichen soll. Umfassender kann Text Mining als Prozess der Zusammenstellung und Organisation, der formalen Strukturierung und algorithmischen Analyse großer Dokumentsammlungen zur bedarfsgerechten Extraktion von Informationen und der Entdeckung versteckter inhaltlicher Beziehungen zwischen Texten und Textfragmenten gesehen werden.

Typologien Die unterschiedlichen Auffassungen von Text Mining können mittels verschiedener Typologien geordnet werden. Dabei werden Arten des Information Retrieval (IR), des Dokumenten-Clustering, des Text Data-Mining und des KDD immer wieder als Unterformen des Text Mining genannt.

Beim IR ist dabei bekannt, dass die Textdaten bestimmte Fakten enthalten, die mittels geeigneter Suchanfragen gefunden werden sollen. In der Data-Mining-Perspektive wird Text Mining als „Data-Mining auf textuellen Daten“ verstanden, zur Exploration von (interpretationsbedürftigen) Daten aus Texten. Die weitestgehende Art des Text Mining ist das eigentliche KDT, bei der neue, zuvor unbekannte Informationen aus den Texten extrahiert werden sollen.

Verwandte Verfahren Text Mining ist mit einer Reihe anderer Verfahren verwandt, von denen es wie folgt abgegrenzt werden kann.

Am stärksten ähnelt Text Mining dem Data-Mining. Mit diesem teilt es viele Verfahren, nicht jedoch den Gegenstand: Während Data-Mining zumeist auf stark strukturierte Daten angewandt wird, befasst sich Text Mining mit wesentlich schwächer strukturierten Textdaten. Beim Text Mining werden deshalb in einem ersten Schritt die Primärdaten stärker strukturiert, um ihre Erschließung mit Verfahren des Data-Mining zu ermöglichen. Anders als bei den meisten Aufgaben des Data-Mining sind zudem Mehrfachklassifikationen beim Text Mining meist ausdrücklich erwünscht.

Des Weiteren greift Text Mining auf Verfahren des Information Retrieval zurück, die für die Auffindung derjenigen Textdokumente, die für die Beantwortung einer Suchanfrage relevant sein sollen, konzipiert sind. Im Gegensatz zum Data Mining werden also nicht möglicherweise unbekannte Bedeutungsstrukturen im Gesamttextmaterial erschlossen, sondern anhand von bekannten Schlüsselwörtern eine Menge relevant erhoffter Einzeldokumente identifiziert.

Verfahren der Informationsextraktion zielen darauf ab, aus Texten einzelne Fakten zu extrahieren. Informationsextraktion verwendet oft die gleichen oder ähnliche Verfahrensschritte wie dies im Text Mining getan wird; bisweilen wird Informationsextraktion deshalb als Teilgebiet des Text Mining betrachtet.z. B. Im Gegensatz zu (vielen anderen Arten des) Text Mining sind hier aber zumindest die Kategorien bekannt, zu denen Informationen gesucht werden – der Benutzer weiß, was er nicht weiß.

Verfahren des automatischen Zusammenfassens von Texten, der Textextrahierung, erzeugen ein Kondensat eines Textes oder einer Textsammlung; dabei wird jedoch, anders als beim Text Mining, nicht über das in den Texten explizit Vorhandene hinausgegangen.

Als eine Fortsetzung des Text Mining kann das Argumentation Mining betrachtet werden. Hierbei ist es das Ziel, Argumentationsstrukturen zu extrahieren.

Anwendungsgebiete Web Mining Web Mining, insbesondere Web Content Mining, ist ein wichtiges Anwendungsgebiet für Text Mining. Noch relativ neu sind Versuche, Text Mining als Methode der sozialwissenschaftlichen Inhaltsanalyse zu etablieren, beispielsweise Sentiment Detection zur automatischen Extraktion von Haltungen gegenüber einem Thema.

Beispiel Die Internetseite Wörter des Tages, ein Projekt der Universität Leipzig, zeigt, was Text-Mining-Verfahren leisten können. Sie zeigt an, welche Wörter im Web aktuell häufig verwendet werden. Die Aktualität eines Begriffs ergibt sich dabei aus seiner aktuellen Häufigkeit, verglichen mit seiner durchschnittlichen Häufigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg.

Methodik Text Mining geht in mehreren Standardschritten vor: Zunächst wird ein geeignetes Datenmaterial ausgewählt. In einem zweiten Schritt werden diese Daten so aufbereitet, dass sie im Folgenden mittels verschiedener Verfahren analysiert werden können. Schließlich nimmt die Ergebnispräsentation einen ungewöhnlich wichtigen Teil des Verfahrens ein. Alle Verfahrensschritte werden dabei softwareunterstützt.

Datenmaterial Text Mining wird auf eine (meist sehr große) Menge von Textdokumenten angewandt, die gewisse Ähnlichkeiten hinsichtlich ihrer Größe, Sprache und Thematik aufweisen. In der Praxis stammen diese Daten meist aus umfangreichen Textdatenbanken wie PubMed oder LexisNexis. Die analysierten Dokumente sind unstrukturiert in dem Sinn, dass sie keine einheitliche Datenstruktur aufweisen, man spricht deshalb auch von „freiem Format“. Trotzdem weisen sie jedoch semantische, syntaktische, oft auch typographische und seltener auch markup-spezifische Strukturmerkmale auf, auf die Text-Mining-Techniken zurückgreifen; man spricht deshalb auch von schwachstrukturierten oder halbstrukturierten Textdaten. Meist entstammen die zu analysierenden Dokumente aus einem gewissen Diskursuniversum (domain), das mehr (z. B. Genomanalyse) oder weniger (z. B. Soziologie) stark abgegrenzt sein kann.

Datenaufbereitung Das eigentliche Text Mining setzt eine computerlinguistische Aufbereitung der Dokumente voraus. Diese basiert typischerweise auf den folgenden, nur zum Teil automatisierbaren Schritten.

mini|Beispiel einer XML-Syntax Zunächst werden die Dokumente in ein einheitliches Format – heutzutage zumeist XML – überführt.

Zur Textrepräsentation werden die Dokumente dann zumeist anhand von Schriftzeichen, Wörtern, Begriffen (terms) und/oder so genannten concepts tokenisiert. Dabei steigt bei vorstehenden Einheiten die Stärke der semantischen Bedeutung, aber gleichzeitig auch die Komplexität ihrer Operationalisierung, oft werden deshalb Hybridverfahren zur Tokenisierung angewandt.

In der Folge müssen Worte in den meisten Sprachen lemmatisiert werden, das heißt, auf ihre morphologische Grundform reduziert werden, bei Verben also zum Beispiel der Infinitiv. Dies erfolgt durch Stemming.

Wörterbücher Zur Lösung einiger Probleme werden digitale Wörterbücher benötigt. Ein Stoppwörterbuch entfernt diejenigen Wörter aus den zu analysierenden Daten, bei denen keine oder kaum Vorhersagekraft erwartet wird, wie dies zum Beispiel oft bei Artikeln wie „der“ oder „eine“ der Fall ist. Um Stoppwörter zu erkennen, werden oft Listen mit den am häufigsten im Textkorpus vorkommenden Wörtern erstellt; diese enthalten zumeist neben Stoppwörtern auch die meisten domainspezifischen Ausdrücke, für die normalerweise ebenfalls Wörterbücher erstellt werden. Auch die wichtigen Probleme der Polysemie – die Mehrdeutigkeit von Wörtern – und Synonymie – die Gleichbedeutung verschiedener Worte – werden mittels Wörterbüchern gelöst. (Oft domainspezifische) Thesauri, die das Synonymproblem abschwächen, werden dabei zunehmend in großen Corpora automatisch generiert.

Je nach Analyseart kann es möglich sein, dass Phrasen und Wörter auch durch Part-of-speech-Tagging linguistisch klassifiziert werden, häufig ist dies jedoch für Text Mining nicht notwendig.

Pronomen (er, sie) müssen den vorausgehenden oder folgenden Nominalphrasen (Goethe, die Polizisten), auf die sie verweisen, zugeordnet werden (Anaphernresolution). Eigennamen für Personen, Orte, von Firmen, Staaten usw. müssen erkannt werden, da sie eine andere Rolle für die Konstitution der Textbedeutung haben als generische Substantive. Mehrdeutigkeit von Wörtern und Phrasen wird dadurch aufgelöst, dass jedem Wort und jeder Phrase genau eine Bedeutung zugeschrieben wird (Bestimmung der Wortbedeutung, Disambiguierung). Einige Wörter und Satz(teile) können einem Fachgebiet zugeordnet werden (Termextraktion).

Um die Semantik der analysierten Textdaten besser bestimmen zu können, wird meist auch auf themenspezifisches Wissen zurückgegriffen.

Analyseverfahren Auf der Grundlage dieser partiell strukturierten Daten können die eigentlichen Text-Mining-Verfahren aufbauen, die vor allem auf der Entdeckung von Kookkurrenzen, idealiter zwischen concepts, basieren. Diese Verfahren sollen: In Texten implizit vorhandene Informationen explizit machen, Beziehungen zwischen Informationen, die in verschiedenen Texten repräsentiert sind, sichtbar machen.

Kernoperationen der meisten Verfahren sind dabei die Identifizierung von (bedingten) Verteilungen, häufige Mengen und Abhängigkeiten. Eine große Rolle bei der Entwicklung solcher Verfahren spielt maschinelles Lernen, sowohl in seiner überwachten als auch in seiner unüberwachten Variante.

Clusterverfahren Neben den traditionell am weitesten verbreiteten Clusteranalyseverfahren – -means und hierarchischen Clustern – werden bei Clusterverfahren auch selbstorganisierende Karten verwendet. Außerdem greifen mehr und mehr Verfahren auf Fuzzylogik zurück.

k-means Clusteranalyse Sehr häufig werden beim Text Mining -means Cluster gebildet. Der zu diesen Clustern gehörende Algorithmus zielt darauf ab, die Summe der euklidischen Distanzen innerhalb und über alle Cluster zu minimieren. Hauptproblem ist dabei, die Anzahl der zu findenden Cluster zu bestimmen, ein Parameter, der durch den Analysten mit Hilfe seines Vorwissens festgelegt werden muss. Derartige Algorithmen sind sehr effizient, allerdings kann es vorkommen, dass nur lokale Optima gefunden werden.

Hierarchische Clusteranalyse mini|Schema des Aufbaus hierarchischer Cluster Bei der ebenfalls populären hierarchischen Clusteranalyse werden Dokumente in einem hierarchischen Clusterbaum (siehe Abbildung) ihrer Ähnlichkeit nach gruppiert. Dieses Verfahren ist deutlich rechenaufwändiger als das für -means Cluster. Theoretisch kann man dabei so vorgehen, dass man die Dokumentenmenge in sukzessiven Schritten teilt oder indem man jedes Dokument zunächst als einen eigenen Cluster auffasst und die ähnlichsten Cluster in der Folge schrittweise aggregiert. In der Praxis führt aber meist nur letzteres Vorgehen zu sinnvollen Ergebnissen. Neben den Runtimeproblemen ist eine weitere Schwäche die Tatsache, dass man für gute Ergebnisse bereits Hintergrundwissen über die zu erwartende Clusterstruktur benötigt. Wie auch bei allen anderen Methoden des Clustering muss letztendlich der menschliche Analyst entscheiden, ob die gefundenen Cluster Sinnstrukturen widerspiegeln.

Selbstorganisierende Karten