mini|Piroter Kelim, Feldmotiv Đulovi na lancu (Rosen auf einer Kette) mini|Feldmotiv Venci, Äußere Bordüre Rašićeva ploča Der Piroter Kelim (bulgarisch пиротски килим, ) ist ein Kelim aus Pirot im serbisch-bulgarischen Grenzgebirge der Stara Planina (Balkangebirge). Eine stilistisch von persischen und anatolischen Kelimen deutlich differenzierte Entwicklung ist aber nur im regionalen Zusammenschluss der Webereien in den benachbarten Tschiprowzi, Samokow und weiteren Orten im heutigen Westbulgarien zu sehen, da diese zur Zeit des Osmanischen Reiches eine geographische Einheit bildeten und die Kelime entsprechender Webereien als Piroter Kelime vermarktet wurden. In der Homonymie zum heutigen türkischen Ort Şarköy basiert eine noch immer fälschlich angenommene Herkunft des Provenienznamens, da die ehemals gleichlautende türkische Bezeichnung Pirots – „Şarköy“ – mittlerweile in Vergessenheit geraten ist.
Als Flachgewebe wird der Piroter Kelim aus feiner Schafwolle heimischer Rassen gefertigt. In verschiedenen Varianten und Größen hergestellt dient er als Wandbehang, Teppich oder Möbelüberwurf mit beidseitig gleichem Aussehen. Grundfarbe ist ein kräftiges Rot, hinzu kommen Schwarz, Weiß, Grün und seltener Blau.
Ein echter Piroter Kelim besitzt für seinen Typ unverwechselbare Muster und Ornamentik. Im Standard, für den seit 2002 eine geschützte Herkunftsbezeichnung gilt, sind 122 Ornamente und 96 Typen und Namen herausgebildet worden.Das Museum Ponišavlja in Pirot verfügt über alle Muster und Ornamente im Elaborat der geschützten HerkunftsbezeichnungVecernje novosti, 6. August 2003 [Sto šara jedna – pirotska] Die geometrischen, mehr oder minder großformatigen Ornamente sind, auch wenn sie figürliche Motive darstellen, aus wirktechnischen Gründen in eckigen Mustern ausgeführt. Ältere Piroter Kelime haben jedoch kleinere und zahlreichere Ornamente als die neueren.
Allgemeines zum Piroter Kelim Etymologie zur Bezeichnung Şarköy-Kelim mini|hochkant|links|Klare und kräftige Farben sind mit den einzelnen Ornamenten die Hauptmerkmale Aus dem alten türkischen Ortsnamen Pirots – Şarköy (eigentlich Şeherköy aus persisch شهر (šahr), türkisch şehir für Stadt und Köy für Dorf, zu – Stadtdorf – gebildet),Felix Kanitz: Reise in Südserbien und Nordbulgarien. 1864. leiten sich die traditionelle Provenienzbezeichnung und der heutige Handelsname für die gesamte Gruppe im Balkanraum, wie vergleichbarer Kelime Anatoliens, ab.Dobrila Stojanovic, 1987: Pirotski Ćilimi. Muzej Primenjene Umetnosti, Muzejske zbirke VIII, Belgrad, S. 9. Dies lässt sich auch daraus ableiten, dass Pirot als bedeutendes Zentrum der Kelimweberei spürbaren Einfluss auf die Produktion in Serbien, Bosnien und Teilen Albaniens ausübte.Dobrila Sojanović, 1987: Pirotski ćilimi. Muzej primenjene umetnosti, Belgrad, S. 5. Daneben werden diese Kelimtypen auch seltener westbulgarische oder thrakische Kelime genannt.Davut Mizrahi Der Begriff Şarköy Kelim tauchte Ende des 18. Jahrhunderts auf. Als Einrichtung reicher osmanischer Häuser erwähnt,Dobrila Sojanović, 1987: Pirotski ćilimi. Muzej primenjene umetnosti, Belgrad, Dobrila Stojanovic, S. 8. finden sich die ältesten erhaltenen Piroter Kelime noch aus ebendieser Zeit. So im Rila-Kloster sowie in der Osman Paswantoglu Moschee in Widin, wo ein Tschiprowzier und zwei Piroter Kelime aus dem XVIII existieren.D. Stankov, 1960: Чипровски килими. SofiaD. Velev, 1960: Български килими до краја на XIX б. Sofia. Die Zuordnung des ersteren ist aber zweifelhaft. mini|Piroter Kelim vom Typ Bombe u pregradama
Differenzierung balkanischer Kelim-Provenienzen Die Balkan-Kelime werden in zwei Gruppen oder Provenienzen zusammengefasst, Şarköy- und Manastir-Kelime. Für die ersteren bildeten urbane Webmanufakturen im Umkreis des Gebirges der Stara Planina in Westbulgarien, Ostserbien sowie in Thrakien den Ausgangspunkt ihrer weiten Verbreitung über den Balkanraum und darüber hinaus, für die letzteren ländliche Bereiche im heutigen Makedonien um das ehemalige Manastir (heute Bitola).
Nach den Balkankriegen wurden durch die Remigration der vertriebenen Balkan-Türken die Webtypen des Şarköys und Manastirs auch in Anatolien weiterverbreitet. Der Stil der Şarköy-Kelime hatte sich jedoch bereits in osmanischer Zeit aus seinen Zentren um Pirot in der Walachei, nach Makedonien, Bosnien, Teilen Albaniens und den Banat verbreitet. Im Teppichhandel werden die Piroter Kelime bis heute zumeist unter der Provenienz des überkommenen osmanischen Begriffs als Şarköy vermarktet. Teilweise wird auch oft nur „Balkan“ angegeben.
Anders als die im ländlichen Milieu und als Gebetsteppich entstandenen Manastir-Kelime, die auf nomadische Wurzeln der anatolischen Turkmenen und Yörük zurückgeführt werden, wurden Piroter und allgemein westbulgarische Kelime ausschließlich in einem urbanen Umfeld für unterschiedliche Verwendungszwecke in osmanischen Haushalten wie auch für religiöse Bedürfnisse hergestellt.NIN, Nr. 2748, 28. August 2003 Jin i jang na Balkanu Der ursprüngliche künstlerische Impuls für die Produktion solch hochwertiger Wirkgewebe in einer abgeschiedenen Gebirgsregion liegt jedoch bis heute im Dunklen. Dieses Rätsel führte zu vielfältigen archäologisch und historisch nicht belegbaren Theorien; Impulse durch persische oder kaukasische Vermittlung werden aber oft genannt. Fest steht nur, dass ein Aufblühen der Piroter Kelimwirkerei mit den Türken und deren vielfältigem Bedarf in der osmanischen Lebenskultur und -form zusammenhängt.
Zeitgleich zum Niedergang der osmanischen Autorität zwischen 1850 und 1877 erlebte die Kelim-Weberei in Pirot und der Stara Planina – überwiegend von christlichen Familien ausgeübt – ihren künstlerischen Zenit. Dies war eine Phase individueller Inspiration, in der tradierte Muster und Ornamente weiter variiert und mit neuer Symbolik versehen wurden. Charakteristisch dafür war, dass einzelne Kelime signiert wurden oder durch bestimmte individuelle Ornamente einer Weberin zugeordnet werden konnten. Dadurch sind einzelne Namen von Weberinnen historisch übermittelt.
Blieb noch bis ins dritte Viertel des 19. Jahrhunderts eine traditionelle osmanische Kundschaft Hauptabnehmer Piroter Kelime, so übernahmen in Serbien bald nach der Unabhängigkeit die serbischen Herrscherdynastien deren Patronat. Das städtische Großbürgertum fand zeitgleich Geschmack an nationaler Folklore und Kunstfertigkeit, was insbesondere in den modernisierten Kapitalen Serbiens und Bulgariens Piroter Kelime zu nachgefragten Produkten werden ließ. Ein Status, den diese in beiden Ländern nach wie vor genießen.
Geschichte Mittelalter und Osmanische Zeit mini|links|hochkant|Piroter Kelime als zentraler Bestandteil traditioneller serbischer und balkanischer Wohnkultur. Ethnographisches Museum Belgrad Schon in vorosmanischer Zeit wurden auf der Balkanhalbinsel Kelime gewebt. In den Aufzeichnungen eines anonymen Teilnehmers des Dritten Kreuzzuges im Heer Friedrich I. Barbarossas sind diese in der Eroberung der bulgarischen Städte Plovdiv und Petritsch neben anderen Dingen als Praemultitudine spoliorum operosa tapetia erwähnt. Es wird angenommen, dass diese tapetia in Schlitzkelimtechnik ausgeführt wurden.P. Matković, 1878: Putovanja po Balkanskom poluotoku za srednjega vieka. Rad JAZU, XLII, Zagreb, S. 133. Dennoch erblühte das Handwerk erst mit der Ankunft der Osmanen und den künstlerischen Einflüssen der Webzentren Anatoliens, Syriens und Persiens. Insbesondere wurden Vorbilder aus Werkstätten in Malatya, Kayseri und Aleppo, deren zahlreiche Motive für die Şarköy-Gruppe charakteristisch wurden, adaptiert. Aber auch persische, kaukasische und zentralasiatische Motive sind in den Kelims im Balkan zahlreich vertreten.
Aus den thrakischen und westbulgarischen Zentren verbreitete sich dieser Einfluss unter direkter Vermittlung der Piroter Webgruppe insbesondere in Bosnien und der Raška, wo die Vorbilder vollständig übernommen wurden. Die bekanntesten Werkstätten fanden sich daher neben Pirot und Tschiprowzi später in den Hochländern mit bedeutender Schafzucht um Sarajevo, Stolac, Gacko, Foča, Livno und Višegrad in Bosnien sowie Pljevlja, Sjenica, Novi Pazar im Novi Pazarer Sandschak. (PDF; 1,7 MB) Im Handel mit den Kelimen waren insbesondere Dubrovniker Kaufleute beteiligt. Die meisten wurden jedoch während der großen Messen an den osmanischen Handelsplätzen in den Orient verkauft.
Glanzzeit im Osmanischen Reich mini|Geografische Lage der Kelim Webzentren in der Stara Planina mini|hochkant|Kelim mit dem Feldmotiv Mihrab und Lebensbaum der mit zahlreichen stilisierten floristischen und ornithologischen Ornamenten dekoriert ist. Seinen unmittelbaren Aufstieg als Zentrum der Kelim-Produktion verdankte Pirot wohl dem Aufstand von 1688 und der Verlegung der Webereien im benachbarten bulgarischen Tschiprowzi, der damals größten christlichen Siedlung der Stara Planina.Slobodan Aleksić, RTS-online, 4. Okt. 2008 Ćilim utkan u istoriju Mit dem Aufschwung des Webhandwerks an einem bedeutenden Handelsplatz im osmanischen Reich – in Pirot verlief die Militärstraße zwischen Belgrad und Istanbul als wichtigste Kommunikationsroute – bildeten die hohen qualitativen Maßstäbe, die hinsichtlich Knüpfdichte und Wollqualität an die besten persischen Kelime heranreichte, sowie künstlerische Innovationen in der Ausprägung eigener autochthoner stilistischer Merkmale die Grundlage der großen Nachfrage nach Piroter Kelimen. Pirot stieg so zum handwerklichen und künstlerischen Zentrum der osmanischen Kelim-Weberei auf.
Dabei fehlen aber frühe Mitteilungen europäischer Reisender zu den Piroter Webereien. Erster Bericht ist die Nachricht Ami Boués, der dort zwischen 1836 und 1838 weilte. Nach Boué war die Stadt durch die Weberei geprägt und ausschließlicher Herstellungsort. Eine weitere Verbreitung erwähnt 1844 Cyprian Robert,Cyprian Robert, 1844: Les Slaves de Turqu. Paris, Vol. I pp. 34–35 der neben Pirot noch Berkowiza anführt. Robert spricht darüber hinaus davon, dass die gesamte Bevölkerung in der Teppichproduktion beschäftigt ist. Piroter Kelime waren damals schon so bekannt, dass sie selbst für hochgestellte Beamte der osmanischen Verwaltung in Konstantinopel bestellt wurden:
Nach dem ersten serbischen Aufstand siedelten sich Piroter Teppichweber auch in Knjaževac im nun neuentstandenen serbischen Fürstentum an. Der Zuzug Piroter Aussiedler verstärkte sich dort nochmal nach dem zweiten serbischen Aufstand und dem Piroter Aufstand von 1836.Milica Petković, Radmila Vlatković, S. 21.
Im 18. und 19. Jahrhundert waren in Pirot bis zu 250 Webstühle in Gebrauch. Um 1870 betrug die Produktion in den Größen des Sečadi (2,5 × 1,5 Aršin, entspricht 150 × 100 cm) 10.000 für Pirot und um die 8.000 in Berkowiza.Milica Petković, Radmila Vlatković, 1996: Pirotski Ćilim. Galerija Srpske Akademije i Umetnosti. Belgrad, S. 16. Auch noch zwischen den Weltkriegen war dort die Hälfte der weiblichen Bevölkerung in der Weberei beschäftigt.
Die Zeit des technischen und künstlerischen Zenits der Kelimweberei Pirots im 19. Jahrhundert korrelierte mit dem kommerziell größten Bedarf an Geweben im Osmanischen Reich. Er wurde hier nicht mehr nur aus praktischen Gründen gesucht, sondern als Objekt künstlerischen Ausdrucks. In der Variation der Ornamentik, den Farben und Motiven, entwickelten die Piroter Kelime einen eigenen unverwechselbaren Ausdruck, der den Höhepunkt dieser traditionellen und gepflegten Volkskunst einleitete. Gleichzeitig wurde er in muslimischen und christlichen Häusern ein weitverbreitetes Utensil.Milica Petković, Radmila Vlatković, S. 23. Der Diplomat und erste Lehrer des eminenten Ethnographen Jovan Cvijić, Vladislav Karić notierte über diese volkstümliche Verbreitung: