mini|Jimmy Savile (2006) James Wilson Vincent „Jimmy“ Savile [] OBE, KCSG (* 31. Oktober 1926 in Leeds; † 29. Oktober 2011 ebenda) war ein britischer Discjockey und Moderator der BBC und anderer Fernsehsender.

Nach seinem Tod gelangten Berichte hunderter Fälle an die Öffentlichkeit, in denen Savile vorgeworfen wurde, seine Position als Pop-Idol für sexuellen Missbrauch, vorwiegend an jungen Mädchen, ausgenutzt zu haben. Scotland Yard nannte ihn den „schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes“.Die Kollegen sahen weg: Bericht zum BBC-Missbrauchsskandal um Jimmy Savile. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 2016, S. 6. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden seien nie zuvor in der britischen Kriminalgeschichte so viele Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen eine einzelne Person erhoben worden.Savile soll für 200 Verbrechen verantwortlich sein, Spiegel Online, 12. Dezember 2012.

Leben Savile wurde als Jugendlicher während des Zweiten Weltkrieges zur Arbeit im Bergbau im Rahmen des Bevin-Boys-Programms dienstverpflichtet. Ab Ende der 1940er Jahre arbeitete er als Geschäftsführer und Unterhalter in Tanzlokalen. Er gilt als einer der ersten Discjockeys in einer Zeit, in der Tanzveranstaltungen ohne Livemusik noch unüblich waren. Seit seiner Jugend betätigte er sich sportlich als Radfahrer bei der Tour of Britain, als Pro-Wrestler sowie als Langstreckenläufer – noch 2005 war er Teilnehmer beim London-Marathon.

Karriere im Rundfunk und Fernsehen Im Jahr 1958 begann er seine Karriere im Rundfunk als Discjockey bei Radio Luxemburg. Nach einer kurzen Zeit bei Tyne Tees Television arbeitete er seit 1964 sowohl im Rundfunk- als auch im Fernsehprogramm der BBC und schuf neue Unterhaltungsformate. 1965 war Savile so berühmt, dass die BBC „Britain’s No. 1 DJ“ eine eigene Fernsehdokumentation widmete.Fernsehprogramm der Times vom 13. Juli 1965. 21:25 Uhr, BBC 1 Fernsehen, Titel: „A documentary about ten days in the life of Britain’s No. 1 DJ.“

Savile prägte als extravaganter Moderator die Hitparaden-Sendung Top of the Pops. Zusammen mit seinem Kollegen Alan Freeman präsentierte er in der ersten Sendung am 1. Januar 1964 unter anderem die Beatles mit ihrem Song I Want to Hold Your Hand.The New York Times, 2. November 2011.

Er erfand das Familienprogramm Jim’ll Fix It, das am 31. Mai 1975 erstmals um 17:55 Uhr in BBC 1 auf Sendung ging.Im Januar 1982 war Jim’ll Fix It auf Rang 3 der beliebtesten Sendungen auf BBC 1 aufgestiegen, hinter Dallas, siehe Artikel in der englischen Wikipedia Die von Savile moderierte Sendung versprach Kindern, ihre Träume zu erfüllen, unter anderem mit dem Überschallflugzeug Concorde den Atlantik zu überqueren oder einen Löwen zu bändigen. Auf seine Affinität zu Kindern angesprochen, antwortete Savile mit britischer Ironie: „Ich könnte keins davon ganz verspeisen. … Ich hasse sie.“The Guardian: Sir Jimmy Savile, 1926–2011. A look back over the life of the veteran radio and TV personality, who campaigned and raised money tirelessly for charity, 29. Oktober 2011.

Am Silvesterabend 1969 wurde seine von BBC und ZDF produzierte Sendung Pop Go the Sixties in England ausgestrahlt. Als Co-Moderatorin trat Elfie von Kalckreuth auf, die auf Deutsch moderierte. Zu den live auftretenden oder in Archivaufnahmen zu sehenden Künstlern gehörten The Beatles, The Rolling Stones, The Who und Tom Jones.Die gesamte Liste der Künstler und ihrer Lieder sind bei IMDB gelistet: Die Ausstrahlung in Deutschland erfolgte am 18. Januar 1970.

Savile war ein regelmäßiger Organisator von Wohltätigkeitsveranstaltungen und freundete sich dabei mit der Familie der englischen Premierministerin Margaret Thatcher an. Er agierte nach eigenen Angaben zudem als „inoffizieller Eheberater“ zwischen Prince Charles und Princess Diana Ende der 1980er Jahre.Jimmy Savile caused concern with behaviour on visits to Prince Charles. The Guardian, 29. Oktober 2012, abgerufen am 30. Oktober 2012.

Bis zu ihrem Tod 1972 lebte Savile gemeinsam mit seiner Mutter Agnes, von der er öffentlich als „die Herzogin“ (engl. „the Duchess“) sprach und die er einmal als die einzige wahre Liebe seines Lebens bezeichnete.Neil Tweedie, Tom Rowley: Jimmy Savile: a strange and sordid life unravels after death. In: The Telegraph, 26. Oktober 2012, abgerufen am 16. November 2012. Er vermied es nach eigenen Aussagen aus Respekt ihr gegenüber, Frauen als Übernachtungsgäste nach Hause zu bringen. Als Ausweichmöglichkeit habe er jedoch einen Wohnwagen in der Nähe gehabt.Simon Hattenstone: . In: The Guardian, 11. April 2000, abgerufen am 16. November 2012. Nach dem Tod seiner Mutter verbrachte er bis zum anschließenden Begräbnis fünf Tage mit ihrem Leichnam. In einem Interview sagte er später, dass er es genossen habe, sie in dieser Zeit für sich allein zu haben.How Jimmy Savile revealed all in the psychiatrist’s chair. In: Channel 4 News, 2. November 2012, abgerufen am 16. November 2012. Savile ließ ihr Schlafzimmer zu ihrem Andenken fast vier Jahrzehnte unverändert und machte es zur Routine, ihre Kleidung einmal jährlich aus dem Schrank nehmen und reinigen zu lassen.Savile was devoted to his mother, The Duchess. In: The Times, 19. Oktober 2012, abgerufen am 16. November 2012. Er blieb sein Leben lang unverheiratet und gab an, zwar sehr viele flüchtige Liebesabenteuer gehabt zu haben, jedoch weder eine einzige Partnerbeziehung aufgebaut noch eine einzige komplette Liebesnacht mit einer seiner Liebschaften verbracht zu haben.Cole Moreton: Jimmy Savile, the big fixer. In: The Telegraph, 30. Oktober 2011, abgerufen am 16. November 2012.

mini|Sarg von Jimmy Savile, aufgebahrt im Queens Hotel, Leeds, am 8. November 2011 Savile wurde nach seinem Tod 2011 in einem goldenen Sarg aufgebahrt und unter großer öffentlicher Anteilnahme in einer Grabstelle mit Blick auf das Meer in Scarborough beerdigt. Auf Bitten der Familie entfernte das Borough of Scarborough ein Jahr später den Grabstein mit dem Epitaph “It was good while it lasted”.

Das Vermögen Saviles in Höhe von 5,3 Millionen Euro wurde vom Nachlassverwalter, der NatWest Bank, eingefroren.Nachlass von früherem BBC-Moderator Savile eingefroren. In: Die Welt, 1. November 2012, abgerufen am 2. November 2012.

Kindesmissbrauch Schon vor 1961 befragte die Polizei Savile erstmals zu Vorwürfen, er habe in den von ihm damals betriebenen Tanzlokalen Geschlechtsverkehr mit minderjährigen Mädchen gehabt.Jason Lewis und Claire Duffin: Jimmy Savile gave job to chief porter who had keys to the wards, in: The Telegraph vom 4. November 2012, abgerufen am 18. November 2012. 1985 sagte Savile der Zeitung The Sun, dass er sich gegen mögliche Verdächtigungen schütze, die aus seinem regelmäßigen Umgang mit Kindern folgten. Er würde „in einer Million Jahren niemals auch nur im Traum“ ein Kind in seine Wohnung lassen oder ohne elterliche Begleitung im Auto mitnehmen. „Man darf das Risiko nicht eingehen.“ In einem Zeitungsinterview für The Independent sprach ihn die Journalistin Lynn Barber 1990 auf ihr gegenüber geäußerte Gerüchte an, Savile habe eine Neigung zu kleinen Mädchen. Er entgegnete, dies beruhe auf Fehlwahrnehmungen von Journalisten, die das Pop-Geschäft nicht verstünden. Er selbst sei für die in Wahrheit an den Popstars interessierten Mädchen, mit denen er durch seinen Beruf zwangsläufig zu tun habe, völlig unattraktiv.Lynn Barber: I was nervous when I told Jimmy Savile, ‘People say you like little girls.’ In: The Independent 2. Oktober 2012 (independent.co.uk), abgerufen am 16. November 2012. Im Jahr 2000, in einer für die BBC produzierten Reportage über Savile, konfrontierte der Dokumentarfilmer Louis Theroux ihn erstmals vor laufender Kamera mit Gerüchten über seine pädophilen Neigungen, die er jedoch verneinte. Dem Guardian sagte er, er habe angefangen zu behaupten, dass er Kinder hasse, um die Verdächtigungen des Kindesmissbrauchs abzuwenden.

Polizeiliche Ermittlungen Savile konnte Pressenachforschungen zu seiner Person bis zum Jahr 2007 erfolgreich abwehren, als schließlich polizeiliche Untersuchungen über Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs in den 1960er und 1970er Jahren aufgenommen wurden, in die er möglicherweise verwickelt war. Die Ermittlungen gegen ihn wurden 2007 und 2008 aus Mangel an Beweisen eingestellt. Auf Nachfrage der Boulevardzeitung The Sun zu einem der fraglichen Tatorte, dem Kinderheim Haut de la Garenne in Jersey, hatte Savile zunächst erklärt, niemals dort gewesen zu sein. Erst nach Vorlage eines Fotos, das ihn dort zeigte, räumte er das Gegenteil ein.BBC probe on Jimmy Savile. In: The Sun, 5. Oktober 2012, abgerufen am 16. November 2012.

Savile ging bei Vorwürfen meist sofort zum Gegenangriff über, wie bei einer Vernehmung durch zwei weibliche Kriminalbeamte. Er drohte ihnen in Zusammenhang mit ihren Ermittlungen 2009:

Weil der Druck der Vorwürfe nicht nachließ, war Saviles Ton in einer polizeilichen Vernehmung einige Monate später, am 1. Oktober 2009, gemäßigter. Auch hier bestritt er alle Vorwürfe vehement und stereotyp mit dem Ausruf “Out of the question. Not true, none of it.” („Kein Thema. Stimmt nicht, nichts davon stimmt.“):

Ein Jahr nach seinem Tod wurden Vorwürfe geäußert, Savile habe jahrzehntelang junge Mädchen missbraucht. Deshalb sei er auch polizeilich observiert worden, was aber keine Konsequenzen nach sich zog.Suzanne Moore: Liking young girls is not a preference, it’s a perversion. In: The Guardian. 3. Oktober 2012 (theguardian.com). Etwa 80 % seiner Opfer seien Mädchen gewesen.

Seit der Ausstrahlung einer Reportage des Magazins Exposure im Sender ITV am 3. Oktober 2012 stieg die Zahl der Zeugen und mutmaßlichen Opfer (bis Dezember 2012) auf rund 450, die von der Polizei befragt werden mussten.Missbrauchsskandal um Jimmy Savile. Spiegel Online, 25. Oktober 2012. Die Hinweise bezogen sich auf Taten aus der Zeit von 1959 bis 2006.Q&A: Jimmy Savile allegations. In: BBC News, 27. Oktober 2012, abgerufen am 20. November 2012. Etwa 82 % der mutmaßlichen Missbrauchsopfer seien weiblichen Geschlechts und 80 % seien zum Zeitpunkt des Missbrauchs Kinder oder Jugendliche gewesen.

Angesichts der massiven Vorwürfe gegen ihn distanzierten sich im Herbst 2012 verschiedene Institutionen und Stiftungen von Savile, die bis dahin mit seinem Namen für sich geworben hatten.

Im Zuge der Ermittlungen wurden bis Dezember 2012 von der britischen Polizei sieben Personen unter dem Verdacht auf Mittäterschaft polizeilich befragt, von denen sechs in Untersuchungshaft genommen wurden, darunter Max Clifford, der Comedian Freddie Starr, der DJ Dave Lee Travis und der frühere TV-Produzent Wilfred De’Ath sowie Gary Glitter, die alle ihre Unschuld beteuerten. Letztlich kam es im Rahmen dieser Operation Yewtree (parallel dazu gab es weitere Ermittlungen) zu sechs Verurteilungen; doppelt so viele Verhaftete wurden allerdings freigelassen und niemals angeklagt. Einer der zu Unrecht Beschuldigten wurde vier Mal verhaftet.Fry criticises Operation Yewtree in dinner party rant calling for tougher laws to deter false sex abuse allegations. The Independent. Bei einer früheren Polizeiaktion gegen Kinderpornographie (Operation Ore 2002) war es zu 3.744 Festnahmen gekommen. Der investigative Journalist Duncan Campbell fand heraus, dass viele Verhaftungen (und Entfernungen von Kindern aus Familien) darauf basierten, dass die tatsächlichen Täter gestohlene Kreditkarten benutzt hatten, deren rechtmäßige Besitzer so unter Verdacht gerieten.Operation Ore. The Guardian, 10. November 2010, abgerufen am 4. August 2015.