mini|Ansicht von Nordost mini|Ansicht von Südost mini|Die Hauptfassaden von Süden Das ehemalige städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München ist ein 1912/13 nach Plänen von Hans Grässel errichteter, denkmalgeschützterBayerisches Landesamt für Denkmalpflege: D-1-62-000-6821 Gebäudekomplex im Stil des NeobarocksSo die Einordnung in der Denkmalliste mit Elementen aus dem konservativen Flügel der Reformarchitektur.Voglmaier: Hans Grässel – Architekt und Städtischer Baubeamter in München 1860–1939. 1994, Seite 39 Er liegt in der Isarvorstadt an der Thalkirchner Straße 54/56/58 gegenüber dem alten südlichen Friedhof.
Die Nutzung des Gebäudes ist ein Spiegel der deutschen Sozialgeschichte seit Beginn des 20. Jahrhunderts, zeigt aber einzelne Besonderheiten des Standorts München. Waren seit 1914 zeitweise auch andere Behörden dort angesiedelt, wurde es ab 1925 nur noch als Arbeitsamt genutzt. Als diese Verwendung nach 2004 endete, wurde es von 2007 bis 2010 zu einem Wohngebäude des Luxussegments umgebaut.
mini|Isometrische Darstellung des Gebäudes, 1913
Geschichte Die Industrialisierung und das Wachstum der Stadt München ab den 1880er Jahren ließen erstmals Arbeitslosigkeit als ein soziales Problem erscheinen.Karl Hartmann: Das städtische Arbeitsamt. In: Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 11 Eine soziale Absicherung von Arbeitslosen gab es nicht. Sie fielen in die seit 1869 bestehende, allgemeine kommunale Armenversorgung, die aber restriktive Bedingungen auferlegte. Arbeitsfähige Arme hatten keinen Anspruch auf Leistungen. Daher kam es darauf an, sie schnellstmöglich in Arbeit zu vermitteln.Claudia Brunner: Arbeitslosigkeit in München 1927 bis 1933 – Kommunalpolitik in der Krise. Miscellanea Bavarica Monacensia Band 162, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1992, zugleich Dissertation 1992, ISBN 3-87821-287-9, Seite 24 f. 1893 kam in der Folge eines reichsweiten Kongresses des Freien Deutschen Hochstifts in FrankfurtRädlinger: 100 Jahre Arbeitsamt München 1895–1995. 1995, Seite 18 der Vorschlag auf, in München eine kommunale Einrichtung zur Arbeitsvermittlung zu schaffen, die die Meldungen freier Arbeitsplätze entgegennimmt und sie Arbeitssuchenden zur Verfügung stellt. Nach längeren Vorbereitungen einschließlich einer Studienreise zu bereits bestehenden Zentralarbeitsnachweisen in Stuttgart und Karlsruhe nahm das städtische Arbeitsamt München am 1. November 1895 den Betrieb auf. Damit wurde München zu einem Vorreiter der öffentlichen Daseinsvorsorge, was der Stadt in Politik und Verwaltung entsprechende Reputation einbrachte.Rädlinger: 100 Jahre Arbeitsamt München 1895–1995. 1995, Seite 11 Das neue Amt war in der ehemaligen Alten Isarkaserne auf der Kohleninsel untergebracht. 1897 und 1909 zog die Behörde innerhalb der Isarkaserne in jeweils größere Räume um.Karl Hartmann: Das städtische Arbeitsamt. In: Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seiten 12 ff.
Seit 1898 war das städtische Arbeitsamt München auch Hauptarbeitsvermittlungsstelle für den Bezirk Oberbayern im Rahmen einer langsam beginnenden überregionalen Zusammenarbeit der in einzelnen Städten und Gemeinden eingerichteten Arbeitsämter. 1900 wurde ein Verbund bayerischer Arbeitsnachweise gegründet, der ebenfalls im Münchner Arbeitsamt angesiedelt war.Karl Hartmann: Das städtische Arbeitsamt. In: Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 19 In den Jahren 1905 und 1910 wurden wegen des steigenden Bedarfs Zweigstellen des Arbeitsamts München in Schwabing im Norden und in Haidhausen im Osten der Stadt eingerichtet.Karl Hartmann: Das städtische Arbeitsamt. In: Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 18
Die Arbeitsvermittlung stieg deutlich an. Waren im ersten vollen Geschäftsjahr 1896 noch 47.008 Arbeitsgesuche und 30.057 Stellenangebote entgegengenommen worden, die zu 25.586 Stellenbesetzungen führten, stiegen die Zahlen bis 1913 auf 111.733 Arbeitssuchende, 84.995 Stellenangebote und 72.901 Vermittlungen an.Karl Hartmann: Das städtische Arbeitsamt. In: Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 20 Seit 1905 richtete die Stadt München auch freiwillig und in Zusammenarbeit mit dem Gewerkschaftsverein eine Erwerbslosenfürsorge ein. Verheiratete Arbeitslose, die mehr als acht Tage ohne Beschäftigung waren, erhielten 4 Mark pro Woche, wenn sie ihre Kennkarte täglich abstempeln ließen.Claudia Brunner: Arbeitslosigkeit in München 1927 bis 1933 – Kommunalpolitik in der Krise. Miscellanea Bavarica Monacensia Band 162, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1992, zugleich Dissertation 1992, ISBN 3-87821-287-9, Seite 28
Nachdem der südliche Teil der Kohleninsel bereits 1904 für die ersten Bauabschnitte des Deutschen Museums überlassen worden war, folgte der nördliche Teil mit den restlichen Bauten der Isarkaserne 1905. Für das ebenfalls in der Kaserne untergebrachte städtische Wehramt wurde 1910 ein Neubau beschlossen. Für das Arbeitsamt wurde zunächst der Umzug in bestehende städtische Verwaltungsbauten überlegt. Als sich herausstellte, dass das städtische Versicherungsamt wegen Platzmangels aus dem Neuen Rathaus ausziehen musste und zugleich das Kaufmanns- und Gewerbegericht sowie das städtische Statistische Amt mitsamt seinen Unterbehörden Vermittlungsamt und Wohnungsamt neue Räume suchten, wurde ein Neubau beschlossen.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 7 f.
Planung und Bau Als Bauplatz für das städtische Verwaltungsgebäude wurde ein Grundstück an der Thalkirchner Straße ausgewählt. Es lag zwar nicht in der Innenstadt, aber nur einige hundert Meter südlich des Sendlinger Tors, in der Isarvorstadt. Die andere Hälfte des ehemals bis zur Maistraße durchgehenden Grundstücks war kurz zuvor für die Allgemeine Ortskrankenkasse erworben worden, so dass sich die direkte Nähe zu diesem anderen „Zweig der sozialen Arbeiterfürsorge“ vorteilhaft auswirken könnte. Zudem lag es direkt an der Trambahn zum Isartalbahnhof. Die Stadt kaufte 1911 das Grundstück mit 4.260 m² für 312.000 Goldmark.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 8 f.
Das Umfeld des Grundstücks war zunächst durch die benachbarte Industrie geprägt. Zwischen der bürgerlichen Bebauung im unmittelbaren Umfeld des Sendlinger Tors und dem Bauplatz lag das 1909 aufgelassene Gaswerk in der Thalkirchner Straße, das älteste Gaswerk Münchens. Auf dem nördlichen Nachbargrundstück des Arbeitsamtes stand die Weißbier-Brauerei Schramm.Stichworte zu dieser Brauerei bei Christian Schäder: Münchner Brauindustrie 1871–1945. Die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung eines Industriezweiges. Tectum Verlag, Marburg 1999, ISBN 3-8288-8009-6, S. 53. Einige hundert Meter südlich, jenseits der Kapuzinerstraße, lagen die großflächigen Gelände des Münchner Schlachthofs und der ab 1912 sich anschließenden Großmarkthalle.
Die Planung wurde durch den Magistratsrat Freiherr von Freyberg dem Münchner Stadtbaurat Hans Grässel übertragen, der seit 1890 im Amt war und die Pläne zu zahlreichen kleineren und größeren öffentlichen Bauten entworfen hatte. Grässel plante im Laufe des Jahres 1911 ein Gebäude, das trotz Massivbau flexibel an Änderungen der Grundrisseinteilung, Vergrößerungen und Verschiebungen der Amtsräume angepasst sein sollte.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 54 Da die seitlichen Grundstücksgrenzen in einem schrägen Winkel gegenüber der Vorderkante verliefen, musste die Bebauung entweder von der Straßenfront abweichen oder verwinkelte Räume in Kauf nehmen. Grässel entschied sich dafür, die Gebäudefront rechtwinklig zu den seitlichen Grundstücksgrenzen zu führen und einen kleinen dreieckigen Vorplatz anzulegen. Die Seitenflügel des Komplexes wurden somit ungleich lang.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 56
In seiner Sitzung vom 19. Dezember 1911 genehmigte der Magistrat der Stadt den Bau und stellte 1,2 Millionen Mark in den Haushalt ein. Grässel begann im Januar 1912 mit der Detailplanung. Im April 1912 erging die Baugenehmigung mit einigen Auflagen. In den Monaten Mai bis Juli erteilte die königliche Regierung als Aufsichtsbehörde die Ausnahmegenehmigungen, von der Baulinie direkt an der Straße abzuweichen und im vierten Stock Räume mit Publikumsverkehr einzurichten. Nach der Bauordnung war dies normalerweise nicht gestattet. Hier wurde es aber durch die Planung eines Aufzugs und einer besonders feuerhemmenden Bauweise ermöglicht.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seiten 66–78 Bis 1. Juli vollendete Grässel die Detailplanung, und am 11. Juli gab die Stadt München den Bau in Auftrag.
Nachdem zunächst die alte Bebauung des Grundstücks abgerissen worden war, begann der Neubau Ende August 1912. Am 3. Mai 1913 erfolgte das Richtfest mit dem Aufstellen des Dachstuhls, am 14. April 1914 war der Neubau vollendet, und das Versicherungsamt zog als erster Nutzer in die neuen Räume ein. In den nächsten Tagen folgten das Arbeitsamt, das Kaufmanns- und Gewerbegericht sowie das städtische Statistische Amt. Die förmliche Übergabe fand am 13. Mai statt.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seiten 101–104 Die Schlussabrechnung erfolgte im Mai 1916. Dabei hatte die Bauleitung den Kostenrahmen deutlich unterschritten, so dass rund 103.000 Mark eingespart werden konnten. Der Magistrat der Stadt München beschloss, 70.000 Mark daraus zur „Unterstützung notleidender Künstler“ zu verwenden.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 92
Wie bei seinen früheren Bauten verfasste Grässel, der seit 1912 Honorarprofessor und seit 1913 ordentlicher Professor an der Königlichen Technischen Hochschule war,Voglmaier: Hans Grässel – Architekt und Städtischer Baubeamter in München 1860–1939. 1994, Seite 37 im Anschluss 1916 ein Buch über das Projekt, aus dem nicht nur technische Daten und die Schlussabrechnung, sondern auch seine Überlegungen zur Gestaltung hervorgingen.
mini|Der Wartesaal für ungelernte Arbeiter, kurz nach der Fertigstellung des Arbeitsamtes mini|Vermittlungsraum in der Frauenabteilung
Nutzung als Arbeitsamt Die Behörden nahmen im April 1914 den Betrieb im Neubau auf. Im Untergeschoss begann im November 1914 der Verein für Oeffentliche Speisehallen mit der Essensausgabe, die aber teurer war als die städtischen Suppenanstalten.Claudia Brunner: Arbeitslosigkeit in München 1927 bis 1933 – Kommunalpolitik in der Krise. Miscellanea Bavarica Monacensia Band 162, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1992, zugleich Dissertation 1992, ISBN 3-87821-287-9, Seite 177 f. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs im August desselben Jahres wurden die Räume des Statistischen Amts und ab 1916 auch die des Gewerbe- und Kaufmannsgerichts für die Lebensmittelversorgung der Stadt genutzt.Grässel: Das städtische Verwaltungsgebäude für Arbeiterangelegenheiten in München. 1916, Seite 122 Während des Krieges ordnete die Stadt München ihre Arbeitslosenunterstützung neu und weitete sie auf alle Arbeitslosen aus.Claudia Brunner: Arbeitslosigkeit in München 1927 bis 1933 – Kommunalpolitik in der Krise. Miscellanea Bavarica Monacensia Band 162, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1992, zugleich Dissertation 1992, ISBN 3-87821-287-9, Seite 32 Bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik wurde im Mai 1919 das Gebäude von der Reichswehr besetzt und zeitweilig als Hauptquartier genutzt. Dabei wurden im Hof ad hoc Gefangene erschossen.Rädlinger: 100 Jahre Arbeitsamt München 1895–1995. 1995, Seite 45