mini|Leonid von Optina Leonid von Optina (; * 1768 in Karatschew im Gouvernement Orjol, Russisches Kaiserreich; † im Optina-Kloster im Gouvernement Kaluga), mit bürgerlichem Namen Lew Danilowitsch Nagolkin (), war ein Mönch und Seelsorger. Er wird in der russisch-orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt und zählt zu den Starzen. Auch in der evangelischen Kirche in Deutschland gilt er als denkwürdiger Glaubenszeuge.
Leben Alle Datumsangaben in diesem Kapitel richten sich nach dem damals in Russland üblichen julianischen Kalender. Jugend 1784 wurde Lew Nagolkin Kaufmannsgehilfe. In diesem Beruf reiste er durch Russland. So lernte er, mit verschiedenen Leuten umzugehen.
Suche nach Einsamkeit mini|Das Kloster zur weißen Klippe
1797 erfolgte sein Eintritt in die Mönchskolonie Optina in Kaluga. Selbst dort erschien ihm das Leben zu unruhig. So ging er 1799 in die Einsiedelei zur weißen Klippe nahe Orjol, die von Abt Wassili Kischkin geleitet wurde. Dieser war zuvor Mönch auf dem Berg Athos. Hier lernte Nagolkin Gehorsam, Geduld und verschiedene Exerzitien. 1801 erhielt er von Kischkin die Tonsur und wurde unter dem Ordensnamen Leonid Mönch. Am 22. Dezember 1801 wurde er zum Diakon und am 24. Dezember zum Priester geweiht. Durch seine Pflichterfüllung wurde Leonid zum Vorbild für seine Brüder. Dadurch wurden seine Oberen auf ihn aufmerksam. Für gewisse Zeit weilte Leonid auch im Kloster Cholnsk. Dort traf er Theodore, einen Schüler des Païssi Welitschkowski (1722–1794). Der etwa zehn Jahre ältere Theodore stammte ebenfalls aus Karatschew. Von ihm lernte Leonid viel über geistliches Ringen und wie aus orthodoxer Sicht die Gnade des Heiligen Geistes zu erlangen sei. Leonid wurde ungewöhnlich schnell sehr prominent. So wurde er 1804 von Bischof Dorotheus von Orlow und Swensk zum Abt der Einsiedelei gewählt; er verließ Theodore nur ungern.
mini|links|Die Kathedrale des Klosters Walaam 1805 ging Theodore allerdings ebenfalls in die Einsiedelei. Die Gespräche mit ihm brachten Leonid noch mehr Fortschritt in seinem geistlichen Leben. Theodore, der sich nach Einsamkeit sehnte, erhielt die Erlaubnis, mit seinem Schüler Kleopas etwa eine Meile entfernt seine Zelle einzurichten. 1808 legte Leonid das Amt des Abtes wieder nieder und schloss sich Theodore und Kleopas an, um sich noch mehr dem Gebet und jeder Art von Enthaltsamkeit widmen zu können. Er erhielt den Rang eines Schema-Mönchs und den Namen Lev (oft übersetzt mit Leo). Die Berühmtheit der drei Brüder sorgte für zahlreiche Besucher und Ablenkungen vom geistlichen Ringen. So zog sich Theodore 1809 in das Neue Seekloster zurück, dann sandte ihn Metropolit Ambrosius von St. Petersburg in die Einsiedelei auf der Palei-Insel. 1812 zog Theodore dann in die Allerheiligeneinsiedelei des abgelegenen Klosters Walaam im Ladogasee, wo er wieder mit Leonid und Kleopas zusammentraf.
Kleopas starb 1816. Leonid und Theodore zogen in das Kloster des Hl. Alexander von Swir. Zar Alexander I. besuchte 1820 das Kloster, um die berühmten Mönche zu treffen. Sie beantworteten seine Fragen so kurz wie möglich, um nicht geschwätzig zu erscheinen. Als er um ihren Segen bat, erwiderte ihm Theodore, dass er kein geweihter Mönch sei. Der Zar verbeugte sich und ging. Leonid folgte immer weiter dem Weg des Starzentums. Dies bedeutete, dass er sich immer mehr der Buße und Askese hingab und das Alleinsein mit Gott suchte. Dies und der Tod Theodores am 7. April 1822, dem Freitag nach Ostern, weckten in ihm den Wunsch, das Kloster zu verlassen und einen einsameren Ort zu suchen. Erzbischof Ambrosius Podobedew von Kasan war bereit, ihn dafür in seiner Diözese aufzunehmen; ferner wurde er in die Orlow-Diözese eingeladen, um dort in der Ploschanski-Einsiedelei zu leben; außerdem wurde ihm vom Mönch Moses und dem Bischof Philaret von Kaluga angeboten, in das Optina-Kloster zurückzukehren.
Begegnung mit Makari, Leonid als Starez Aber erst 1828 wurde es Leonid gestattet, sein Kloster zu verlassen. So gelangte er mit seinen Schülern zunächst in die genannte Einsiedelei, wo er den Mönch Makari Iwanow traf. Dieser war ebenfalls Schüler eines Starez, der seinerseits Schüler von Païssi Welitschkowski war. Nach dem Tod dieses Starez fühlte sich Makari verwaist und betete zu Gott um einen erfahrenen geistigen Führer. Als Leonid eintraf, betrachtete Makari seine Gebete als erhört. Leonid lebte nun völlig abgeschieden und ungestört tief im Wald. Er galt jetzt als großer Starez. Dieser Titel, der in etwa „ehrwürdiger Greis“ bedeutet, wurde für Menschen verwendet, die sich jahrelang im völligen Bewusstsein der Gegenwart Gottes in völliger Einsamkeit befanden und ständig das Jesusgebet beteten. Die Enthaltsamkeit sollte sie zu einem möglichst einfachen Denken und geistlicher Reife führen, um andere beraten und zu Gott führen zu können. Diesen Menschen wurde mit besonderer Achtung begegnet, ohne dass damit ein besonderes Amt verbunden gewesen wäre.
Die häufigen Ortswechsel Leonids in dieser Lebensphase sind nicht auf einen unsteten Charakter Leonids zurückzuführen, sondern den Umständen geschuldet. Das Starzentum war im klösterlichen Leben des 18. und 19. Jahrhunderts in Russland in Vergessenheit geraten und wurde für eine Neuerung gehalten, was zu Missverständnissen, Verleumdungen, Neid und regelrechter Verfolgung führte. Dies sollte sich besonders in Leonids letzten Lebensjahren zeigen.
Starez in Optina mini|Das Optina-Kloster mit dem Fluss Schisdra im 19. Jahrhundert Im April 1829 folgte Leonid schließlich der Einladung nach Optina, wohin er jetzt mit sechs Schülern zurückkehrte. Sie erhielten Einsiedlerklausen, Leonid nahe der Imkerei, seine Schüler an anderen Orten. Leonids Ankunft leitete ein neues Kapitel in der Geschichte Optinas ein, da er mit Makari, der weiterhin in Briefkontakt mit ihm stand, bis er 1834 ebenfalls in eine Klause dieses Klosters zog, das Starzentum in Optina einführte.Die Starzen von Optina auf optina.ru Dies bedeutete, dass keine Entscheidung mehr ohne sein Wissen und seinen Segen getroffen wurde. Jeden Abend besuchten ihn die Mönche, um ihre geistlichen Bedürfnisse zu besprechen und ihre Sünden in Gedanken, Worten und Werken zu bekennen. Er bot ihnen Trost in ihren Sorgen, Rat in ihrem geistlichen Ringen und Hilfe, ihre Probleme zu lösen. Viele Menschen aus allen sozialen Schichten, sowohl aus städtischem als auch aus ländlichem Umfeld, suchten Leonids Rat, er wurde weit über Optina hinaus berühmt. Er konnte ihnen in ihren geistlichen Anfechtungen aufgrund der Erfahrungen seiner dreißigjährigen Askese helfen. Bisweilen soll er auch ihre körperlichen Gebrechen geheilt haben, indem er sie mit Öl aus der Lampe salbte, die stets vor der Wladimir-Marienikone in seiner Zelle brannte.
Auch bildete er weitere Schüler aus, so wie er von Theodore ausgebildet worden war und dieser wiederum von Païssi Welitschkowski. Die Führung als Schüler durch einen Älteren galt in der Orthodoxie als sicherer und verlässlicher Weg zur Erlösung. Der Ursprung dieser Tradition lag in Ägypten und Palästina und gelangte über den Berg Athos schließlich nach Russland. Durch Leonid wurde das Starzentum weithin bekannt.
Makari unterstützte Leonid bei seiner Korrespondenz und der geistlichen Betreuung der Mönche und der Besucher Leonids. Leonid hielt sich an die Weisheit des Johannes Klimakos, dass ein Lehrer keinen Lohn erwarten könne, wenn er seine Schüler nicht korrigierte, dass er sich ungerecht verhielte, wenn er die Möglichkeit, einen Schüler auf seinem Weg ein Stück weiter zu führen, nicht nutzte und dass es auch bei den Fleißigsten und Geduldigsten zu Rückschlägen führe, wenn sie keinen Tadel von ihrem Lehrer erhielten. Diese Ansichten spiegelten sich auch in seinem Umgang mit Makari.
So ist eine Situation überliefert, in der Makari vom Abt Moses gebeten wurde, einige Novizen bei der Aufnahme zu protegieren. Makari fasste die Bitte als Befehl auf, verbeugte sich und ging zu Leonid, der gerade von zahlreichen Ratsuchenden umgeben war, um ihm zu berichten, warum Moses ihn hergerufen habe. Leonid blickte ihn ernst an und fragte: „Was hast du getan? Hast du dem zugestimmt?“ Makari antwortete: „Ich habe fast zugestimmt, oder besser gesagt: Ich habe nicht gewagt, zu widersprechen.“ Leonid entgegnete: „Das ist typisch für deinen Stolz.“ und maßregelte ihn mit erhobener Stimme, als wäre er sehr wütend. Makari verbeugte sich lange Zeit und bat um Vergebung. Die Anwesenden verfolgten erstaunt das Geschehen. Nachdem Leonid ausgeredet hatte, sagte Makari: „Vergib mir, Vater. Gibst du mir deinen Segen, es abzulehnen?“ Leonid antwortete: „Wie kannst Du es ablehnen? Du kannst es nicht ablehnen, die Sache ist geklärt.“
Andererseits zeigte sich in vielen Situationen Leonids Zuneigung und Respekt gegenüber Makari, da er ihm viel Vertrauen entgegenbrachte und ihn zu seinem Helfer und Mitarbeiter machte. Leonid führte das Starzentum in zwei weiteren Klöstern der Kaluga-Diözese ein.
Führung von Nonnen Daneben führte er auch einige Nonnen aus anderen Diözesen. In den Frauenklöstern in Belew, Sewsk und Baryssau waren einige seiner Schülerinnen auf ihrem geistlichen Weg fortgeschrittener als andere. Diese wurden Starzinnen für die anderen Schwestern, teils während, teils nach Leonids Lebenszeit.
Beschwerden über Leonid In den Jahren 1835 und 1836 beschwerten sich einige Personen, darunter auch Mönche, die mit dem Konzept des Starzentums nicht einverstanden waren, da sie es in Unkenntnis seiner langen Tradition als eine Neuerung ansahen, beim Bischof über Leonid. Die Beschwerden waren wenig erfolgreich. So besuchte Bischof Gabriel von Kaluga Optina und zeigte sich Abt Moses’ Politik gegenüber günstig eingestellt. Er wies die Unzufriedenen vor allen Brüdern zurecht und befahl ihnen, sich zu bessern. Die Unzufriedenheit bei einigen Mönchen blieb, dies hing mit der großen Zahl der Besucher zusammen, die, wie sie meinten, die Ruhe des Klosters störten, wie sie in Berichten an den Bischof schrieben. Nikolaus, der neue Bischof von Kaluga, ignorierte die Beschwerden zunächst. Dann erreichte ihn eine anonyme falsche Anschuldigung gegen Moses und Leonid. So befahl der Bischof aus unbekannten Gründen, Leonid möge seine Zelle nahe der Imkerei verlassen und in das Kloster ziehen. Ferner verbot er Leonid, Laien zu empfangen, weder weibliche noch männliche. Da keine Zelle im Kloster verfügbar war, zog Leonid stattdessen in eine Einsiedlerklause. 1836 bekam Leonid die formelle Anordnung, in das Kloster zu ziehen. Abt Moses und Antonius, der Vorsteher der Einsiedelei, hatten keine Wahl. Sie wussten, das Leonid unschuldig war, mussten aber dem Bischof gehorchen.
Ablösung durch Makari und Lebensende mini|Makari Iwanow Ebenfalls 1836 übernahm Makari die Aufgabe des Vaters des Klosters. Dieses Amt hatte er bereits für über sieben Jahre im Konvent in Sewsk innegehabt. Er unterwarf sich aber weiterhin in allen Dingen freiwillig Leonid, der Makari hingegen mittlerweile mehr als Freund und Mitarbeiter denn als Schüler betrachtete.
1837 besuchte Metropolit Filaret I. Amfiteatrow von Kiew (Amtszeit 1837–1858) in Begleitung von Bischof Nikolaus von Kaluga Optina. Der Metropolit kannte Leonid aus seiner Zeit im Kloster zur weißen Klippe und zeigte seinen Respekt gegenüber Leonid und Abt Moses. Die Gegner der beiden waren darüber bestürzt. Selbst Nikolaus begann daraufhin, den Beschwerden weniger Gewicht beizumessen, und Leonids Position festigte sich.