mini|Demolierte Busse in Târgu Mureș zur Zeit des „Schwarzen Märzes“ Die ethnischen Ausschreitungen von Târgu Mureș ereigneten sich im März 1990. In der siebenbürgischen Stadt kam es zu kurzlebigen, aber gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen der Rumänen und Ungarn, an der sich auch ethnische Rumänen aus den umliegenden Orten und ungarischsprachige Roma beteiligten. Diese Auseinandersetzungen (von ungarischen Autoren auch als „Schwarzer März“ oder „Pogrom von Marosvásárhely“ bezeichnet) forderten 5 Todesopfer und fast 300 Verletzte. Die Ausschreitungen wurden durch das rumänische Fernsehen landesweit übertragen und fanden Beachtung in den Medien rund um den Globus. Über den genauen Auslöser der Krawalle kann bis heute nur spekuliert werden. So wird die Rolle der rumänischen Regierung und die der westlichen Medien hinterfragt.

Der Standpunkt von Human Rights Watch im Bericht für 1990 und 1993 Human Rights Watch berichtete:

Ungarische Organisationen kritisierten die rumänischen Behörden und das Justizwesen scharf, die sich mit den vermutlichen Tätern befassten, weil nach den Unruhen erheblich mehr Ungarn und Roma als Rumänen verurteilt wurden. Nach dem US Department of State Human Rights Report für 1993:

Hergang Vorgeschichte mini|László Tőkés 2007 Târgu Mureș (rumänisch bis 1993: Tîrgu Mureș, ungarisch: Marosvásárhely, deutsch Neumarkt am Mieresch) ist eine Stadt mit einer gemischten ethnischen Bevölkerung, die sich nach dem Fall des kommunistischen Regimes im Dezember 1989 zu fast gleichen Anteilen auf Ungarn und Rumänen verteilte. Unter Ceaușescu waren die Ungarn einem starken Assimilationsdruck sowie Diskriminierung ausgesetzt. Zwar bestand zwischen 1952 und 1968 eine ungarische autonome Region, jedoch hatte diese eher symbolischen beziehungsweise propagandistischen Wert. Seit dem Volksaufstand in Ungarn 1956, mit dem die ungarische Bevölkerung Siebenbürgens sympathisierte, verschärfte sich jedoch der Kurs der rumänischen Regierung gegenüber den Ungarn. Ab Ende der 60er Jahre wurden gezielt Rumänen in ursprünglich rein oder vorwiegend ungarischen Gebieten angesiedelt. Das formell zwar vorhandene Recht auf Gebrauch der ungarischen Sprache als Unterrichtssprache wurde zunehmend ausgehöhlt, Leitungspositionen im öffentlichen Leben wurden systematisch mit Rumänen besetzt, statt mehrsprachiger Schilder wurden rumänischsprachige Schilder angebracht. Im Laufe der 80er Jahre verschärfte sich der nationalistische Kurs des Regimes abermals und mündete 1988 in der Auswanderung von 20.000 Ungarn. In der Folge verbanden viele Ungarn die Wende und den folgenden Demokratisierungsprozess mit der Hoffnung auf mehr Minderheitenrechte.

Ende Dezember 1989 brach in Rumänien die Revolution aus, in deren Folge das Ehepaar Nicolae Ceaușescu und Elena Ceaușescu zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die Revolution begann, als sich der regimekritische ungarische Pfarrer von Timișoara, László Tőkés, weigerte, seiner Versetzung in das abgelegene Dorf Mineu (ungarisch: Menyő) Folge zu leisten. Daraufhin sollte er zwangsumgesiedelt werden, jedoch versammelte sich seine Gemeinde an seinem Haus und hielt Mahnwachen. Das Regime versuchte, die Menschenmenge gewaltsam aufzulösen, wobei auch Schüsse fielen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten. Am Tag darauf, am 18. Dezember 1989, nahmen Zehntausende von Industriearbeitern von Timișoara den gewaltlosen Widerstand auf, und bis zum 20. Dezember war die ganze Stadt in Aufruhr. 20.000 Arbeiter aus anderen Teilen Rumäniens wurden vom Regime in Uniformen der Parteimiliz „Patriotische Garde“ gesteckt und nach Timișoara gebracht, um den Aufstand niederzuschlagen. Bereits diese Aufständischen wurden den Arbeitern unter anderem als Ungarn dargestellt, die in Timișoara die Macht an sich gerissen hätten. Jedoch konnten diese Arbeiter rechtzeitig abgefangen und aufgeklärt werden. Statt den Aufstand niederzuschlagen, verbreiteten sie die Wahrheit über die Staatslüge weiter. Die Revolution erreichte auch Bukarest, und im weiteren Verlauf der Revolution bildete sich unter dem Verlagsdirektor und einstigen kommunistischen Politiker Ion Iliescu mit dem Rat der Front zur Nationalen Rettung die neue Machtelite. Nach der Revolution wurde Iliescu erster Staatspräsident des freien Rumäniens.

mini|hochkant|Ion Iliescu 2004

Bereits am 25. Dezember 1989 wurde die Partei UDMR (ungarisch RMDSZ) gegründet, die sich seitdem für mehr Autonomie für die Ungarn Siebenbürgens einsetzt. Am 26. Dezember wurde Károly Király, ein früherer kommunistischer Politiker, der sich allerdings schon seit den 70er Jahren regimekritisch äußerte, zum Vizepräsidenten der Front der Nationalen Rettung. Am 2. Januar 1990 wurde der Rat der Front der nationalen Rettung des Kreises Mureș gewählt, deren Präsident wiederum Károly Király und Vizepräsident Előd Kincses, der frühere Anwalt von László Tőkés, wurden.Előd Kincses: Black Spring. Verlag: F. Bruckmann, Budapest-München 1992

1990 kam es auch zu einer Reihe von Versammlungen, Demonstrationen sowie Sitzstreiks seitens der ungarischen Bevölkerung Siebenbürgens sowie deren politischer Vertreter. Ziel war die Gewährung von mehr Minderheitenrechten, besonders der Etablierung der ungarischen Sprache als Unterrichtssprache. Zeitgleich häuften sich allerdings auch ungarnfeindliche Vorkommnisse. Es tauchten Hetzschriften in Form eines Telex auf, die von antirumänischen Aktionen seitens der ungarischen Bevölkerung von Târgu Mureș berichteten.Brief über einen merkwürdigen Telex-Text, in: Romániai Magyar Szó. Bukarest, 4. Februar 1990. Weiterhin tauchte eine „Verfassungsvorlage“ auf, die den ausschließlichen Gebrauch der rumänischen Sprache in allen Lebensbereichen forderte. Mit der Vatra Românească (deutsch rumänischer Herd bzw. rumänische Heimat) bildete sich am 7. Februar 1990 eine chauvinistische (d. h. ungarnfeindliche und antisemitische) Vereinigung in Târgu Mureș, die bis heute besteht. Am 1. März brachte Oberst Ioan Judea, damals Vorsitzender des provisorischen Rates der Nationalen Einheit von Târgu Mureș und später Präsident der Vatra Românească, bei der Sitzung des Zivilschutzes zum Ausdruck, dass die Bevölkerung vorbereitet werden müsse, weil sich aus den Nachrichten einiger ausländischer Radiosender herausgestellt habe, dass man sich auf Aktionen gegen die territoriale Stabilität Rumäniens vorbereiten würde. Laut Judea seien dazu mehrere Entwürfe ausgearbeitet worden, zum Beispiel durch Inbewegungsetzen großer Menschenmengen die Übergabe Siebenbürgens zu erzwingen. Eine andere Variante wäre eine militärische Intervention, so Judea.Gábor Antalffy: Verantwortungslose Provokation. in: Romániai Magyar Szó. Bukarest, 6. März 1990. Insgesamt verschärften sich also die Spannungen zwischen der ungarischen und rumänischen Bevölkerung.

Erste Zusammenstöße Am 15. März 1990 wurden die durch die Siebenbürger Ungarn abgehaltenen friedlichen Gedenkveranstaltungen zu Ehren der Revolution von 1848/49 gegen das Haus Habsburg in mehreren Städten durch die Anhänger der Vatra Românească gestört.

In Satu Mare (ungarisch Szatmárnémeti beziehungsweise Szatmár, deutsch Sathmar) meldeten Ungarn für den 15. März eine Gedenkfeier an der Bălcescu-Statue an. Daraufhin rief die Vatra Românească zu Protestversammlungen am 14. März auf, wo sie mit chauvinistischen Slogans beschlossen, dass sie verhindern werden, dass Ungarn den 15. März feiern können. Am nächsten Tag besetzten sie die Umgebung der Bălcescu-Statue. Daraufhin legten die Ungarn ihre Kränze im Hof der katholischen Kathedrale nieder. Die chauvinistische rumänische Menge stürmte die ungarischen Feiern, störten die Kranzniederlegungen und verprügelten eine Person.Szabadság. Cluj-Napoca, 6. AprilRomániai Magyar Szó. 17. März

In Târgu Mureș wurde am 15. März die Avram-Iancu-Statue durch Unbekannte beschmiert. Am Sockel stand in schlechtem Ungarisch „LE VED“ – „vedd le“ bedeutet „nimm ab“. Die rumänische Polizei vermutete Ungarn dahinter, die die Entfernung der Statue erreichen wollten.Der Schwarze März von Marosvásárhely (Marosvásárhely Fekete Márciusa) (Dokureihe)

Ebenfalls am 15. März wurde die Petőfi-Statue in Ardud (ungarisch Erdőd, deutsch Erdeed) durch Unbekannte beschädigt. Die Anwohner trauten sich nicht, sich vor den Medien zu äußern, da sie Repressalien fürchteten. Der örtliche Brigadegeneral Oberfeldwebel Ardeleanu wusste nichts davon. Die UDMR erstattete Anzeige gegen Unbekannt.Lajos Sike: Anschlag, aber nicht gegen Petőfi. In: Romániai Magyar Szó, 31. März

Am 16. März kam es im Tudor-Wohnviertel in Târgu Mureș, das überwiegend von Rumänen bewohnt war, zu den ersten gewalttätigen Handlungen. Randalierer beanstandeten eine ungarische Apothekenbezeichnung, in kurzer Zeit waren hunderte Personen in Schlägereien verwickelt, Wohnungen aufgebrochen und die ungarischen Beschriftungen vom Rathaus entfernt. Einer fuhr in eine Menschenmenge und es wurde eine ungarische Provokation behauptet.

mini|hochkant|András Sütő In Târgu Mureș wurde gegen László Tőkés und Smaranda Enache demonstriert, der Mob forderte ungarisches Blut und den Strick für Károly Király, László Tőkés und András Sütő, einen ungarischen Schriftsteller und damals führendes Mitglied der UDMR. Der provisorische Rat des Nationalen Bundes reagierte nicht auf die Lageberichte der UDMR.Szabadság. Cluj-Napoca, 18. März

Am 19. März demonstrierte in Târgu Mureș eine Menge gegen die Ungarn. Aus der Umgebung – vor allem aus dem Tal des Gurghius (ungarisch Görgény), aus Ibănești (ungarisch Libánfalva) und Hodac (ungarisch Görgényhodák) – brachte die Organisation Vatra Românească Demonstranten mit Bussen nach Târgu Mureș. Zunächst wurden ungarische Beschriftungen herunterrissen. Es wurde gefordert, der Radiosender von Târgu Mureș solle seinen ungarischsprachigen Dienst einstellen. Előd Kincses gab dem Druck nach und trat von seinem Amt als Vizepräsident des Rates der Front der nationalen Rettung des Kreises Mureș zurück. Der Mob stürmte den Sitz der UDMR mit Beilen und Knüppeln. 75 Personen wurden im Gebäude eingeschlossen, unter ihnen auch András Sütő. Die Polizei hielt sich zunächst zurück, erst später erreichten Polizei- und Armeeeinheiten den Schauplatz. Ihr Befehlshaber war Oberst Ioan Judea, der nun Sütő und den übrigen eingeschlossenen Ungarn persönlich freies Geleit garantierte. Als die Eingeschlossenen das Gebäude verließen, wurden sie mit Ketten und Stöcken angegriffen, während die Armee tatenlos zusah. Infolge der Attacken erblindete András Sütő auf einem Auge und erlitt mehrere Rippenbrüche und Prellungen am linken Arm. Er wurde mit einem Lastwagen nach Bukarest transportiert und von dort aus ins Budapester Militärkrankenhaus gebracht.Romániai Magyar Szó. Bukarest, 21. MärzMagyar Nemzet. Budapest, 21. März

Die Ausschreitungen Am 20. März demonstrierten etwa 15.000 Ungarn auf den Hauptplatz der Stadt und forderten die Wiedereinsetzung von Előd Kincses' als Vizepräsident und die Überprüfung der Ausschreitungen. Am Vormittag versammelten sich zunächst einige Dutzend rumänische Gegendemonstranten gegenüber, die vergeblich erwarteten, dass Präsident Iliescu nach Târgu Mureș kommen würde. Die Menge wie auch der ungarische Dienst des Radiosenders von Târgu Mureș baten die Armee mehrfach und auch in rumänischer Sprache um Hilfe.