Martin Salander ist der Titel eines 1886als Vorabdruck in der Deutschen Rundschau und als Buchausgabe im Wilhelm Hertz Verlag, Berlin. publizierten Familien- und Zeitromans von Gottfried Keller. Das letzte Werk des Autors enthält eine schonungslose Abrechnung mit den Umständen in seinem Land und anderswo. Der idealistische, aber auch leichtgläubige und naive Titelheld kommt nach langjährigem Brasilienaufenthalt in seine Schweizer Heimat zurück, wo er als Kaufmann zu Wohlstand gelangt und sich politisch engagiert. Er muss erleben, wie der unbändige Drang nach sozialem Aufstieg bei vielen Zeitgenossen Betrug und Unterschlagung nach sich zieht und er und seine Familie selbst Opfer solcher Machenschaften werden. Seine Hoffnung, dass die Menschen in einem Land, in dem sie politische Rechte haben, auch verantwortungsvoller miteinander umgehen, wird bitter enttäuscht und er überlässt am Ende des Romans seinem pragmatischen Sohn die Geschäftsführung. Die „Bilanz: ‚Es ist bei uns wie überall‘ (nach der Redensart ‚C’est partout comme chez nous‘) bildet im Roman ein Leitmotiv.“ Gottfried Keller: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe, herausgegeben unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA); Band 8: Martin Salander, hrsg. von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004, sowie Band 24: Martin Salander. Apparat zu Band 8, hrsg. von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004. Die Bände dieser Ausgabe werden zitiert mit dem Kürzel HKKA, gefolgt von Band- und Seitennummer. Hier: HKKA, 24, Seite 9
Gottfried Keller hat in seinem Alterswerk gleich in mehrerer Hinsicht ein Experiment gewagt. Einerseits ist er so unmittelbar auf die Zeitgeschichte eingegangen, wie in keinem andern Werk zuvor, und andererseits hat er dabei auch für ihn neue formale Wege beschritten, indem er sich bemüht hat, so weit wie möglich auf einen auktorialen Erzähler zu verzichten. Trotz unterschiedlicher Rezeption entfaltete der Roman für viele spätere Schweizer Schriftsteller normsetzende Kraft.
Inhalt Heimkehr aus Brasilien (Kap. 1–5)
Nach siebenjähriger Abwesenheit kehrt der Kaufmann Martin Salander von Brasilien in die fiktive Schweizer Stadt Münsterburg zurück. Überall trifft er auf Anzeichen wirtschaftlicher Prosperität: ein neues Bahnhofsgebäude und neue Straßen machen ihm Mühe, sich in der ihm einst vertrauten Stadt zu orientieren (Kap. 1). Noch bevor er seine Frau und seine Kinder aufsucht, erfährt er von einem Freund, dass er wahrscheinlich den größten Teil seines in Brasilien erworbenen Vermögens verloren hat. Er hat der „Atlantischen Uferbank“ in Rio den Auftrag gegeben, ihm 160'000 Franken über die Schweizer Bank „Schadenmüller, Xaverus & Comp.“ auszahlen zu lassen. Beide miteinander kooperierende Banken haben inzwischen Insolvenz angemeldet und der Besitzer des Schweizer Hauses Wohlwend bestreitet die Überweisung des Geldes.
Rückblick (Kap. 2, 3)
Dieser Geldverlust ist die zweite schlechte Erfahrung Salanders mit Louis Wohlwend: Beide waren seit ihrem Besuch des Lehrerseminars miteinander befreundet und der Bauernsohn Salander übernahm, nachdem er seinen Lehrerberuf mit dem eines Kaufmanns gewechselt hatte, eine Bürgschaft für den Freund. Da dieser seine Schulden nicht bezahlen konnte, verlor Salander sein ererbtes Geld und das seiner Frau und musste seine Firma aufgeben. Er ging daraufhin nach Brasilien, um sich ein neues Vermögen zu erarbeiten (Kap. 2). In der Zwischenzeit hat seine Frau Marie den Unterhalt für sich und die drei Kinder Setti (10), Netti (9) und Arnold (8) mit einer Gartenwirtschaft und Fremdenpension verdient. Nachdem die Bäume in der Umgebung des Gartens einer nach dem andern dem allgemeinen Bauboom zum Opfer gefallen sind, bleiben die Gäste nach und nach aus und Marie kann ihre Familie nicht mehr ernähren (Kap. 3).
Neubeginn (Kap. 5-7)
Martin kommt gerade noch rechtzeitig nach Hause, um die Verschuldung seiner Frau zu verhindern. Von seinem Vermögen hat er 40'000 Franken in Wertpapieren angelegt, die aber für den Neustart einer Handelsfirma nicht ausreichen. So geben die Salanders ihre Gastwirtschaft auf und ziehen in eine kleine Wohnung. Als nach ein paar Wochen immer noch nicht geklärt werden konnte, ob das Geld von Brasilien in die Schweiz überwiesen worden war und welche Bank die Verantwortung trägt, schlägt Salanders Advokat vor, den Rechtsanspruch vor Ort in Brasilien anzumelden. Marie rät dagegen ihrem Mann, wieder als Lehrer zu arbeiten und bei seiner Familie zu bleiben, doch Martin hofft, das verlorene Geld gerichtlich einzufordern bzw. mit Hilfe der noch bestehenden Geschäftsverbindungen in Südamerika wieder zu erwirtschaften. Während seiner Abwesenheit betreibt Marie in Münsterburg einen Laden mit Waren, die Martin ihr aus Übersee schickt, z. B. Kaffee und Zigarren. Bereits nach drei Jahren kehrt Salander erfolgreich aus Brasilien zurück und kann nun endlich den Wohlstand mit seiner Familie genießen. Er eröffnet ein Handelsgeschäft mit einigen Angestellten und seine auf Selbständigkeit bedachte Frau führt ihren Laden weiter. Nach einigen Jahren ist sie für den Notfall finanziell abgesichert und ihr Mann drängt sie, das Geschäft zu verkaufen und sich auf die Haus- und Familienarbeit zu konzentrieren.
Politisches Engagement (Kap. 7)
Neben seiner Tätigkeit als Kaufmann engagiert sich Salander politisch. Er ist begeistert von den direktdemokratischen Rechten der neuen Schweizer Verfassung, die sich das Volk während seiner Abwesenheit erstritten hat, und nimmt jetzt als Bürger der Stadt an Wahlversammlungen teil, in der Gremien und einzelne Ämter besetzt werden. Außerdem reist er zu politischen Diskussionen in seinem Münsterburger Bezirk, um neue Gesetze und Verordnungen zu erklären. Die anfängliche Euphorie weicht jedoch im Lauf der Zeit einer Ernüchterung, wenn er immer wieder feststellen muss, dass einzelne persönliche, lokale und regionale Interessen, die im Gegensatz zum Allgemeinwohl stehen, wortreich als patriotisch deklariert und durchgesetzt werden.
Liebesbeziehungen Settis und Nettis (Kap. 8, 9)
Ungefähr 10 Jahre nach seiner Rückkehr gerät die Familiensituation in eine Krise. Die beiden Töchter sind inzwischen 25 und 26 Jahre alt, haben nach der Schule keinen Beruf erlernt und leben äußerlich sehr zurückgezogen im Haushalt der Eltern. Nun erfahren die Salanders durch ihre Magd Magdalene, dass Setti und Netti sich seit einiger Zeit mit den beiden 20-jährigen, kaum unterscheidbaren Zwillingen Isidor und Julian verlobt haben und sich heimlich mit ihnen im parkartigen Garten hinter dem Handelsgeschäft treffen. Die beiden Söhne des Gärtners Jakob Weidelich und seiner Frau Amalie, die in der Stadt eine Wäscherei betreibt, haben nach ihrer Schulzeit eine Lehre in Notariatskanzleien begonnen und sind inzwischen wegen ihrer Tüchtigkeit von ihren Chefs zu ihren Vertretern befördert worden. Nachdem ihre Mutter das Gerücht verbreitet hat, die beiden Bräute ihrer Zwillinge seien jeweils eine halbe Million wert, informiert Magdalene ihre Dienstherrin, die wegen des Altersunterschieds um den Ruf der Töchter fürchtet. Die beiden müssen ihre Geheimtreffen beenden, doch sie halten, obwohl Salander mit ihrer Enterbung droht, an ihrer Verlobung fest und korrespondieren mit ihren Freunden.
Die Zwillinge (Kap. 9, 10)
Die Zwillinge bereiten ihre Karriere systematisch vor. Nach ihrer Ausbildung gründen sie zur Freude ihrer auf den gesellschaftlichen Aufstieg stolzen Eltern eigene Kanzleien. Durch ihre Informationen über Insolvenzen und Erbschaftsangelegenheiten kaufen sie günstig zwei Häuser: Julian im Osten, im Dorf Lindenberg, Isidor auf dem „Lautenspiel“ im nördlich gelegenen Unterlaub. In ihren Bezirken engagieren sie sich in Bürgerversammlungen, um als Notare bekannt zu werden und Kontakte mit zukünftigen Klienten zu knüpfen. Außerdem schließen sie sich aus taktischen Gründen ohne politische Überzeugung den zwei größten Parteien an, um Informationen über die politischen Gegner auszutauschen und sich besser in die Hände arbeiten zu können. Die Parteiwahl entscheiden sie im Wirtshaus durch einen zufälligen Würfelwurf und passen dann ihr Äußeres den neuen Rollen an: Julian spielt mit üppigem Haar und Schnurrbart den fortschrittlichen „Demokraten“ und Isidor mit gescheiteltem und glatt-pomadisiertem Haar den traditionellen „Altliberalen“. Während Salander, den die beiden für einen Sitz im Rat vorschlagen, dies ablehnt und weiterhin ohne Amt und ohne Parteimitgliedschaft an den Versammlungen teilnimmt, gelingt es den Zwillingen durch ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Geselligkeit und fröhliche Art, sich trotz ihrer Jugend in den „Großen Rat“ wählen zu lassen.
Doppelhochzeit (Kap. 11)
Die Eltern Salander können sich nach der Karriere der Zwillinge einer Vermählung nicht mehr entgegenstellen. Der gutmütige Martin ist dabei kooperationswilliger als die kritisch-distanzierte Marie. Er begrüßt die Brüder als Schwiegersöhne und schlägt vor, die Doppelhochzeit nicht traditionell, sondern in bunter Kleidung im Stil eines ländlichen Volksfestes zu feiern. Die Gäste fahren mit der Eisenbahn in ein Dorf zwischen Lindenberg und Unterlaub. Nach der Trauung in der kleinen Kirche speisen alle im Baumgarten eines Wirtshauses. Für Musik sorgen eine Landwehrkapelle und zwei Sängerchöre. Nach dem Festessen wird eine Theaterszene aufgeführt, die symbolträchtig vom Waffenstillstand zwischen einem demokratischen und einem altliberalen Großrat handelt. Einige Liberale fühlen sich jedoch durch die Satire angegriffen und müssen durch Salanders ausgleichende Rede nach dem Spiel versöhnt werden. Den meisten Gästen gefällt das lockere Dorffest, auch eine ungeplante burleske Szene, ein Gespräch zweier Landstreicher über eine durch ein Würfelspiel entschiedene Parteimitgliedschaft, findet viel Applaus. Nur die Zwillinge erkennen die Parodie auf ihre Karriere und sind darüber verstimmt.
Großer Rat (Kap. 12, 13)
Durch das demokratische Fest erhält Salander viel Anerkennung in der Öffentlichkeit und kann eine Wahl in den Großrat von Münsterburg nicht mehr ablehnen. Er nimmt diese Aufgabe sehr ernst, bereitet sich gewissenhaft auf die Sitzungen vor, hört die unterschiedlichen Fachgutachten über Flusskorrekturen und Seuchengesetze an und stimmt nach seinem Gesamteindruck darüber ab, denn es gelte „statt der Akten mehr die Menschen zu studieren“ (Kap. 20).Zitiert wird, wie auch im Folgenden, nach: Gottfried Keller: Erzählungen. Winkler-Verlag München, 1966. Text nach: Gottfried Keller: Sämtliche Werke, herausgegeben von Jonas Fränkel und Carl Helbling (1926–1948), Band 12: Martin Salander. Roman. Herausgegeben von Carl Helbling. Bern/Leipzig 1943 Insbesondere interessiert ihn als ehemaliger Lehrer das Schulwesen, dessen Ausweitung bis zum 20. Lebensjahr er für die umfassende Bildung der Jugend zu Bürgern für sinnvoll hält. Seine Frau merkt dazu ironisch an, dann wollten die Jugendlichen nicht mehr in der Landwirtschaft und im Handwerk körperlich arbeiten und der Staat müsste Kriegszüge nach Asien unternehmen, um von dort Arbeitssklaven zu holen. Martin gibt darauf zu, dass die Wünsche der „Demokraten“ nach Ausbau des Wohlfahrts- und Kultursystems zu Finanzierungsproblemen führen könnte und dass dann die Gemeinden, Kantone und der Bund für ihre Projekte um die Steuergelder streiten würden. Er selbst ist, wie es seinem Charakter entspricht, für einen Mittelweg zwischen „gesellschaftliche[m] Umsturz“ und Festhalten an traditionellen Strukturen. Durch „Verstaatlichung aller möglichen Dinge“ hofft er die Zustände „in den bisherigen Formen zu erleichtern und zu verbessern“ (Kap. 13).
Sorgenkinder und Hoffnungsträger (Kap. 13)