Unter dem Namen CharacterieVollständiger Titel: Characterie – An Arte of shorte, swifte, and secrete writing by Character („Die Kunst des kurzen, schnellen und geheimen Schreibens mittels Zeichen“) („Zeichenkunst“) veröffentlichte der Engländer Timothy Bright 1588 das erste echte Stenografie-System der Neuzeit und das erste für die englische Sprache.Johnen, S. 36 ff.

Hintergrund Mit dem endgültigen Verschwinden der altrömischen Tironischen Noten aus den europäischen Klöstern im 11. Jahrhundert gab es für fünf Jahrhunderte keine richtige Kurzschrift mehr im christlichen Europa. Man behalf sich in dieser Zeit mit Abkürzungen der Langschrift.Mentz/Haeger, S. 18 ff. Zudem waren Geheimschriften in Gebrauch, die aufgrund ihrer meist kürzeren Zeichen auch zum Schnellschreiben empfohlen wurden.Faulmann, S. 41

Im 16. Jahrhundert erlebte England unter Königin Elisabeth I. einen politischen und kulturellen Aufschwung. Die Regeln der englische Schriftsprache waren in einer Grammatik formuliert und es gab eine einheitliche Rechtschreibung. Dies bereitete den Boden für die Entstehung einer Kurzschrift. Bright wurde zu seiner Schrift durch die Tironischen Noten sowie durch die mittelalterlichen Geheimschriften angeregt. Auch seine Schrift empfahl Bright nicht nur als Kurzschrift, sondern auch als Geheimschrift.

System mini|Eine Seite aus der Handschrift The Divine Prophecies of the Ten Sibyls („Die göttlichen Prophezeiungen der zehn Sibyllen“), von Jane Seager, 1589 in Characterie geschrieben

Bei der Characterie handelt es sich um eine Wortschrift, das heißt, die Zeichen stehen für einzelne Wörter. Als Ausgangsmaterial dient ein Alphabet aus 18 Zeichen, die aus am Kopf geformten einfachen Abstrichen bestehen: Datei:Bright-A.svga Datei:Bright-B.svgb Datei:Bright-C.svgc/k/q Datei:Bright-D.svgd Datei:Bright-E.svge Datei:Bright-F.svgf Datei:Bright-G.svgg Datei:Bright-H.svgh Datei:Bright-J.svgi/j/y Datei:Bright-L.svgl Datei:Bright-M.svgm Datei:Bright-N.svgn Datei:Bright-O.svgo Datei:Bright-P.svgp Datei:Bright-R.svgr Datei:Bright-S.svgs Datei:Bright-T.svgt Datei:Bright-U.svgu/v/w

Diese Basiszeichen stehen grundsätzlich für den Anfangsbuchstaben des zu schreibenden Wortes. Indem Bright die Alphabetzeichen zusätzlich am Fuß auf zwölf verschiedene Arten formte und die Striche in vier verschiedenen Lagen (neben senkrecht noch waagerecht und in den beiden Diagonalen) benutzte, schuf er auf diese Weise aus jedem Alphabetzeichen Dutzende von Ableitungen, die jeweils für bestimmte Wörter standen. Die folgenden Zeichen für Wörter, die mit dem Buchstaben A beginnen, zeigen die zwölf möglichen Formen des Zeichenfußes:

Datei:Bright-A1.svg abound  Datei:Bright-A2.svg about  Datei:Bright-A3.svg accept  Datei:Bright-A4.svg accuse  Datei:Bright-A5.svg advance  Datei:Bright-A6.svg air  Datei:Bright-A7.svg again  Datei:Bright-A8.svg age  Datei:Bright-A9.svg all  Datei:Bright-A10.svg almost  Datei:Bright-A11.svg also  Datei:Bright-A12.svg although 

Dieselben Formen, aber um 90 Grad nach links gedreht, stehen für zwölf weitere Wörter:

Datei:Bright-A13.svg alter  Datei:Bright-A14.svg am  Datei:Bright-A15.svg ammend  Datei:Bright-A16.svg anger  Datei:Bright-A17.svg anoint  Datei:Bright-A18.svg apparel  Datei:Bright-A19.svg appertain  Datei:Bright-A20.svg appoint  Datei:Bright-A21.svg arm  Datei:Bright-A22.svg art  Datei:Bright-A23.svg ass  Datei:Bright-A24.svg at 

Insgesamt hat Bright 538 auf diese Weise gebildeten Zeichen eine Wortbedeutung zugeordnet. Vom Mittel der Schrägstellung hat er viel weniger Gebrauch gemacht. Für Wörter mit dem Anfangsbuchstaben B sind es folgende:

Datei:Bright-B25.svg bone  Datei:Bright-B26.svg book  Datei:Bright-B27.svg borrow  Datei:Bright-B28.svg both  Datei:Bright-B29.svg bottom  Datei:Bright-B30.svg bread  Datei:Bright-B31.svg break  Datei:Bright-B32.svg breed  Datei:Bright-B33.svg breast  Datei:Bright-B34.svg bright  Datei:Bright-B35.svg brittle  Datei:Bright-B36.svg brother  Datei:Bright-B37.svg bruise  Datei:Bright-B38.svg burn  Datei:Bright-B39.svg busy  Datei:Bright-B40.svg but 

Wörter, die in diesem Grundstock fehlen, konnten mit zwei Methoden dargestellt werden: Die erste Methode bestand darin, dass ein Zeichen für ein sinnverwandtes Wort geschrieben und das Zeichen für den Anfangsbuchstaben des neuen Wortes links daneben gesetzt wurde. So gab es zum Beispiel für apple (Apfel) kein eigenes Zeichen. Dieses Wort wurde also mit dem Zeichen für fruit (Frucht), das im Grundstock enthalten war und dem Zeichen für a geschrieben: Datei:Bright-F38.svg fruit  (Frucht) Datei:Bright-F38.svgDatei:Bright-a.svg apple  (Apfel) 

Mit p als Unterscheidungsbuchstaben bedeutete das Schriftbild entsprechend pear (Birne) usw.

Weitere Beispiele:

Datei:Bright-D12.svg desire  (begehren) Datei:Bright-D12.svgDatei:Bright-u.svg wish  (wünschen) Datei:Bright-B4.svg beast  (Tier) Datei:Bright-B4.svgDatei:Bright-h.svg horse  (Pferd) 

Bei der zweiten Methode wurde ein Wort mit entgegengesetzter Bedeutung geschrieben und das Alphabetzeichen für den Anfangsbuchstaben des neuen Wortes wurde rechts daneben gesetzt. Aus dem Zeichen für good (gut) entstand mit dem Zeichen für e somit evil (schlecht):

Datei:Bright-G12.svg good  (gut) Datei:Bright-G12.svgDatei:Bright-e.svg evil  (schlecht)  Weitere Beispiele: Datei:Bright-U33.svg up  (hinauf) Datei:Bright-U33.svgDatei:Bright-d.svg down  (hinunter) Datei:Bright-B8.svg begin  (beginnen) Datei:Bright-B8.svgDatei:Bright-d.svg define  (beenden) Datei:Bright-U23.svg winter  (Winter) Datei:Bright-U23.svgDatei:Bright-s.svg summer  (Sommer)  Das Finden geeigneter Wörter für diese Methoden konnte natürlich nicht erst im Moment des Schreibens erfolgen, sondern musste vorbereitet und eingeübt werden. Zu diesem Zweck lieferte Bright in seinem Lehrbuch eine lange Liste mit geeigneten Wortpaaren mit. Allerdings war dieses System nicht eindeutig und erlaubte oft nur eine ungefähre Wiedergabe. So konnte Datei:Bright-B17.svgDatei:Bright-s.svg (Das Zeichen für bird „Vogel“ mit links hinzugefügtem Zeichen für s) swan (Schwan), snipe (Schnepfe), sparrow (Spatz), stork (Storch), swallow (Schwalbe) usw. bedeuten.Melin, S. 63

Für 32 häufige Wörter (vor allem Partikeln) und Phrasen hat Bright besondere Zeichen aufgestellt, die teilweise aus einer Vorstufe der Characterie stammen. Die Schreibrichtung verlief von oben nach unten.

Trotz ihres Schwierigkeitsgrades wurde die Characterie erfolgreich zum Nachschreiben von Predigten und Reden verwendet. Auch Theateraufführungen (zum Beispiel von Shakespeare-Dramen) wurden mit diesem System heimlich mitstenografiert, um die Stücke dann gegen den Willen der Verfasser zu veröffentlichen, die aufgrund eines fehlenden Urheberrechts selbst kein Interesse an einer Veröffentlichung hatten.

Brights Schrift wurde ab 1602 vom System nach John Willis verdrängt, der seine Schrift als Buchstabenschrift konzipiert hatte.Moser/Erbach, S. 34 f.

Literatur Johnen, Christian: Allgemeine Geschichte der Kurzschrift. 4. Auflage. H. Apitz, Verlagsbuchhandlung Kommanditgesellschaft. Berlin 1940. Faulmann, Karl: Historische Grammatik der Stenographie. Verlag von A. Pichlers Witwe & Sohn. Wien 1887 Melin, Olof Werling: Stenografiens historia 1. Teil. Nordiska bokhandeln. Stockholm 1927 Mentz, Arthur / Haeger, Fritz: Geschichte der Kurzschrift. 3. Auflage. Heckners Verlag. Wolfenbüttel 1981 Moser, Franz / Erbach, Karl: Lebendige Kurzschriftgeschichte. 5. Auflage. Winklers Verlag. Darmstadt 1957 Friedrich, Paul: Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares. Timothe Brights Characterie entwichlungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. Leipzig 1914 (auf Archive.org) Bright, Timothy: Characterie. Neudruck von 1888 (PDF-Datei; 3,47 MB)

Einzelnachweise

Weblinks Characterie. an arte of shorte, swifte, and secrete writing by character. London 1588 (Digitalisat).

Kategorie:Stenografie Kategorie:Schreibtechnik