Die Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei (DAAP, seit Mitte November 1918 mit dem Namenszusatz Großdeutsche Volkspartei) war eine von 1918 bis 1920 aktive rechtsradikale deutsche Partei. Sie war als solche kaum mehr als eine einflusslose „völkische Sekte“,Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 411. zugleich aber auch der historisch erste Versuch der deutschen Rechten, eine nach außen hin selbständige „nationale Arbeiterpartei“ aufzubauen. Das Programm der DAAP setzte mit dem von den Gründern klar formulierten Ziel, außerhalb des Bürgertums Unterstützung für die Linie der von radikalisierten Konservativen und Alldeutschen gegründeten Deutschen Vaterlandspartei (DVLP) zu mobilisieren, in bewusst manipulativer Weise auf ein Aggregat „antikapitalistischer“, nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Denkfiguren. Die Partei nahm in dieser Hinsicht konzeptionelle Grundlinien der NS-Ideologie vorweg.Siehe Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreichs. Düsseldorf 1997, S. 349 sowie Stegmann: Repression und Manipulation, S. 396 f. und passim. Aus dem der DAAP verbundenen, von Anton Drexler bzw. Münchener Alldeutschen und Vaterlandsparteilern geführten Freien Arbeiterausschuss für einen guten Frieden ging im Januar 1919 der NSDAP-Vorläufer DAP hervor. Finanziert und gesteuert wurde die DAAP von der Hauptgeschäftsstelle der DVLP, nach deren Auflösung vom Büro des Kapp-Vertrauten Georg Wilhelm Schiele.
Entwicklung Der DVLP war der angestrebte organisatorische Einbruch in die Arbeiterbewegung nicht gelungen. Ihr hatten sich zwar einige der bereits bestehenden, mitunter durchaus mitgliederstarken „gelben“ Arbeitervereine und -ausschüsse (vgl. Bund Deutscher Werkvereine, Kartellverband deutscher Werkvereine und Hauptausschuss nationaler Arbeiter- und Berufsverbände Deutschlands) angeschlossen, außerhalb dieses Milieus aber verpuffte die monoton nationalistische und „wirtschaftsfriedliche“ DVLP-Propaganda weitgehend. Außerdem galten viele vermeintlich „nationale“ Arbeiter, die in den Hochburgen der „gelben“ Arbeiterbewegung – etwa bei Siemens in Berlin oder der BASF in Ludwigshafen – oft nur gezwungenermaßen in diese Vereine eingetreten waren, als unzuverlässige „'Blutorangen' – außen gelb, innen rot“.Heinz Hagenlücke: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreichs. Düsseldorf 1997, S. 344
Am 8. November 1917 richtete Wilhelm Gellert, Angestellter des Kalisyndikats sowie DVLP- und NLP-Mitglied, ein Schreiben an Wolfgang Kapp, in dem er – ausgehend von der Annahme, dass etwas „Neues“ geschaffen werden müsse, um „die Arbeiterbewegung in eine bestimmte Richtung (…) zu lenken“Zitiert nach Kurt Gossweiler: Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei. In: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 1, Leipzig 1983, S. 544–547, S. 544. – vorschlug, eine Deutsche Arbeiterpartei zu gründen. Diese Organisation könne, so Gellert, durchaus die gleichen Ziele wie die Vaterlandspartei verfolgen. Er unterstrich aber, dass die Partei äußerlich „völlig selbständig“ und vor allem ohne sichtbare Verbindung zu bürgerlichen Organisationen agieren müsse, andernfalls laufe das Unternehmen von vornherein auf eine „Totgeburt“ hinaus.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 392 und Kurt Gossweiler: Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei. In: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 1, Leipzig 1983, S. 544–547, hier S. 544. Gellert war davon überzeugt, dass die sozialistischen Parteien nur deshalb zu so großem Einfluss gekommen seien, weil allein sie sich das Interesse der Arbeiter an materieller Besserstellung zu eigen gemacht hätten. Folglich müsse es möglich sein, eine „nationale“ Arbeiterpartei aufzuziehen, die genau dies zumindest deklarativ tue, gleichzeitig aber völlig auf revolutionäre und internationalistische „Phrasen“ verzichte.Siehe Kurt Gossweiler: Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei. In: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 1, Leipzig 1983, S. 544–547, hier S. 544. In einem von Gellert entworfenen und dem Brief an Kapp beigelegten Gründungsaufruf für eine solche Partei wurde das Hauptgewicht auf den Nachweis gelegt, dass die „Verzichtspolitik“ der Reichstagsmehrheit (vgl. Interfraktioneller Ausschuss) zukünftig jede großzügige Sozialpolitik unmöglich mache, jeder Arbeiter aber genau deshalb ein Interesse an der Sicherstellung eines deutschen „Siegfriedens“ habe. Antisemitische Denkfiguren spielten in diesem Dokument bereits eine Rolle, standen aber nicht im Vordergrund.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 392.
Kapp beriet sich mit Schiele und Conrad von Wangenheim und lud Gellert für den 9. Dezember 1917 zu einer Unterredung in seine Berliner Wohnung ein. Von Schiele wurde Gellert danach mit Adress- und Kontaktdaten versorgt und insbesondere mit Wilhelm Wahl in Verbindung gebracht, einer prominenten Figur im Netzwerk der der DVLP angeschlossenen „gelben“ Arbeitervereine. In den folgenden Wochen überarbeitete Gellert gemeinsam mit Mitarbeitern der Hauptgeschäftsstelle der DVLP den Programmentwurf. Dabei wurden die „latent vorhandenen antikapitalistischen Parolen verstärkt und antisemitisch aufgeladen“.Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 394. Die sukzessiv zunehmende Gewichtung des Antisemitismus in diesem Dokument steht ganz offenbar im Zusammenhang mit der seit dem Frühjahr 1918 in führenden konservativen und alldeutsch-völkischen Kreisen immer nachdrücklicher geführten Diskussion über das politische Potential der „Judenfrage“.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 397. So bezeichnete es etwa Heinrich Claß Mitte April 1918 im Geschäftsführenden Ausschuss des Alldeutschen Verbandes ausdrücklich als „unsere Aufgabe (…), diese Bewegung nationalpolitisch hochzuleiten“.Zitiert nach Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 397. Siehe auch Joachim Petzold: Die Demagogie des Hitlerfaschismus. Die politische Funktion der Naziideologie auf dem Wege zur faschistischen Diktatur, Berlin 1982, S. 59f. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die nationalistischen Arbeiterausschüsse – auch derjenige Drexlers in München – zunächst keinerlei antisemitische Agitation entfaltet hatten.Siehe Stegmann: Repression und Manipulation. S. 395.
Anfang März 1918 wurde der Gründungsaufruf der DAAP veröffentlicht. Gellert wurde darin als Vorsitzender, Wilhelm Marohn, ein Werkzeugmacher aus Berlin-Prenzlauer Berg, als stellvertretender Vorsitzender genannt. Unter den insgesamt dreizehn Unterzeichnern waren sechs Angestellte, zwei „gelbe“ Funktionäre, zwei Selbständige, zwei Arbeiter und ein Militärinvalide.Siehe Kurt Gossweiler: Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei. In: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 1, Leipzig 1983, S. 544–547, hier S. 545. Der Gründungsaufruf der DAAP erschien in den meisten der Vaterlandspartei verbundenen Blättern und wurde auch von der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung abgedruckt, dem halbamtlichen Sprachrohr der Reichsregierung.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 401. Der Arbeitgeber, das Organ des CDI, wies auf die Gründung der DAAP hin und lobte die „staatserhaltend[e] und unternehmerfreundlich[e]“Zitiert nach Kurt Gossweiler: Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei. In: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). Band 1, Leipzig 1983, S. 544–547, hier S. 545. Organisation.
Dem Gründungsaufruf folgte ein siebzehn Punkte umfassendes Forderungsprogramm, das die DAAP als „Vorform einer faschistischen Partei“Gossweiler: DAAP, S. 546. Siehe auch Hagenlücke: Vaterlandspartei, S. 349. ausweist und folgenden Wortlaut hatte:
Kapp setzte sich nach der Parteigründung beim Kalisyndikat mit Erfolg für eine Beurlaubung Gellerts ein und konnte obendrein dessen Freistellung vom Militärdienst erwirken. Spätestens seit dem Sommer 1918 war Gellert Angestellter der Hauptgeschäftsstelle der DVLP. In diesen Monaten entfaltete die DAAP eine umfangreiche Agitation für einen deutschen „Siegfrieden“ und gegen den „verjudeten Reichstag“.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 400. Über den organisatorischen Umfang, die Arbeitsweise und die Mitgliederzahl der DAAP liegen bislang keine belastbaren Erkenntnisse vor. Offenbar nutzte sie die von ihr mit Propagandamitteln versorgten nationalistischen Arbeiterausschüsse – Wahls „Leitausschuss“ in Bremen oder Drexlers Gründung in München – als eine Art Unterbau.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 399f. Eine völlige Verschmelzung scheiterte nicht zuletzt daran, dass mehreren einflussreichen „wirtschaftsfriedlichen“ Funktionären eine zwar „nationale“, aber dennoch ausdrücklich als solche deklarierte „Arbeiterpartei“ nicht geheuer war.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 398f. Nachgewiesen ist, dass die DAAP versuchte, Individualmitglieder zu gewinnen. Die Partei hatte sogar die Möglichkeit, unter den Fronttruppen Werbematerialien in Umlauf zu bringen.Siehe Dirk Stegmann: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910–1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der DAP/NSDAP. In: Archiv für Sozialgeschichte, Jg. 12 (1972), S. 351–432, hier S. 398. Auf den Vordrucken der Beitrittserklärungen wurde vom Interessenten ausdrücklich Auskunft darüber gefordert, ob er „deutschen Stammes“ sei.