mini|Kirche Pobethen (2022) Die Kirche Pobethen () war das Gotteshaus des heute Romanowo genannten Ortes im Rajon Selenogradsk (Kreis Cranz) der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg). Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und war eine der größten Dorfkirchen des Samlandes, deren wuchtiger Turm weithin sichtbar war.
500px|mini|Die Kirche Pobethen um 1900, 1992 und 2012
Geographische Lage Die heute 1.100 Einwohner zählende Siedlung Romanowo liegt an der russischen Fernstraße A 192 neun Kilometer südöstlich der Ostseestadt Pionerski (Neukuhren) und drei Kilometer südlich des Primorskoje Kolzo (Küstenautobahnring). Romanowo ist Bahnstation an der Bahnstrecke Kaliningrad–Swetlogorsk (Königsberg–Rauschen), der ehemaligen Samlandbahn.
Die Kirche Pobethen liegt im nordöstlichen Ortsbereich westlich der A 192 und ist über einen unwegsamen Zugang erreichbar.
Architektur mini|Grundriss (1891)
Bis 1945
Bei der Kirche PobethenWalther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Bd. II: Bilder ostpreussischer Kirchen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1968, S. 36 (Abb. 57, 58). handelt es sich um einen Feldsteinbau mit Backsteinrahmung. Der zweijochige Chor und das vierjochige Kirchenschiff besaßen zunächst nur flache Holzdecken, die später durch Sterngewölbe ersetzt wurden. Der Westturm wurde erst im 15. Jahrhundert angebaut und erhielt im Jahre 1823 eine neue Bekrönung. Die Sakristei an der Nordseite des Chores und das Vorhaus an der Nordseite des Kirchenschiffs waren spätere Ergänzungen.Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 105. Im Kircheninnern waren Reste spätmittelalterlicher Malereien zu sehen.
Seit 1945 Die Pobethener Kirche soll im Krieg unbeschädigt und bis in die 1980er Jahre weitgehend intakt geblieben sein. Nach einer anderen QuelleHans-Burkhard Sumowski: Jetzt war ich ganz allein auf der Welt. Weltbild, München 2009, ISBN 978-3-8289-4717-7, S. 191 f. und 201. soll sie bereits als Folge der Kriegshandlungen oder direkt danach – offenbar als einziges Gebäude des Ortes – zumindest in starke Mitleidenschaft gezogen worden sein. Vor 1988 wurde der Turm bis auf die Höhe des Kirchenschiffes abgetragen, die Gewölbe sind eingestürzt und nur noch Teile des Dachs sind erhalten. Pläne, das Gebäude der russisch-orthodoxen Kirche zu übergeben, scheiterten. So steht heute nur noch die Kirchenruine mit dem bedachten Chor und den restlichen Mauern von Turm und Kirchenschiff bis Dachhöhe. Der derzeitige Zustand macht eine kirchliche Nutzung nicht möglich.
Ausstattung mini|Blick nach Osten mit Kanzel und Altar (1891) Der Altar stammte aus der Zeit um 1600. Im Hauptgeschoss war die göttliche Dreieinigkeit dargestellt, sie wurde jedoch 1896 entfernt und durch eine Kreuzigungsgruppe ersetzt. Die vier Evangelisten waren als Seitenfiguren eingesetzt, oben erschien das Jüngste Gericht mit Adam und Eva. Die Altarkrönung stellte ein geschnitztes Kreuz dar, darunter war ein Bild Martin Luthers zu sehen. Jede Etage war in sich geschlossen, und eine gemeinsame Aussage war nicht erkennbar. Die Kanzel stammte aus dem 17. Jahrhundert, ebenso die verzierte Herrschaftsempore.
Vom Gestühl waren Reste aus spätgotischer Zeit erhalten.
Orgel Vermutlich im Jahr 1697 erhielt die Kirche eine Orgel von Johann Josua Mosengel.Werner Renkewitz, Jan Janca, Hermann Fischer: Geschichte der Orgelbaukunst in Ost- und Westpreußen. Band II, 1: Mosengel, Caspari, Casparini. Pape Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-921140-80-2, S. 121–124. Andere Quellen datieren die Orgel insgesamt auf 1726 oder auch 1680. Renkewitz, der 1933/1934 selbst an der Orgel gearbeitet hat, datiert jedoch das Hauptwerk auf 1697. Die nur aus einem Manualwerk bestehende Orgel erweiterte der Erbauer selbst im Jahr 1726 um ein Rückpositiv. 1766 wurde sie von Adam Gottlob Casparini restauriert, 1802 reparierte Jacob Preuß die Orgel, nachdem sie durch einen Blitzschlag beschädigt worden war. Erst 1868 fügte Ferdinand Scherweit im Rahmen eines Umbaus das Pedalwerk hinzu. Nach diesem Umbau hatte die Orgel auf zwei Manualen und Pedal 19 Register. Weitere Veränderungen fanden 1889 (durch Max Terletzki) und 1910 (durch Carl Novak) statt. 1933/1934 schließlich wurde die Orgel durch Karl Kemper, Lübeck, und Bartenstein restauriert. Die Orgel verfügte über Schleifladen mit mechanischer Spiel- und Registertraktur. Nach Renkewitz/Janca/Fischer ist die Orgel 1944 zerstört worden.
Im Jahr 1936 wurde folgende Disposition veröffentlicht:Musik und Kirche. Jahrgang 1936, Heft 2, S. 92 f. I Rückpositiv Gedackt 8′ Principal 4′ Flöte 4′ Octave 2′1933/1934 neu angefertigte Register Sedezime 1′ Zimbel II Krummhorn 8′ II Hauptwerk Bordun 16′ Gedackt 8′ Principal 4′ Flöte 4′ Quinte 3′ Octave 2′ Gemshorn 2′ Terz ′ Mixtur IV Trompete 8′ Pedal Subbaß 16′ Octavbaß 8′ Quintade 4′ Nachthorn 2′ Posaune 16′ Koppeln: Manualkoppel, Pedalkoppel Nebenregister: Tremulant, Zimbelstern
Anmerkungen
Glocken Die Kirche Pobethen verfügte über drei Glocken aus den Jahren 1835, 1845 und 1853.
Kirchengemeinde Bereits in vorreformatorischer Zeit war Pobethen ein Kirchdorf. Die Reformation hielt hier sehr früh Einzug: bereits ab 1520 amtierte hier ein lutherischer Geistlicher. Von 1542 bis 1575 war hier Abel Will Pfarrer, der wichtigste Autor in prußischer Sprache, der Luthers Kleinen Katechismus zusammen mit dem aus dem nahen Biegiethen stammenden Tolken (Übersetzer/Dolmetscher) Paul Megot(t) übersetzte. War Pobethen zunächst in die Inspektion Schaaken (heute russisch: Schemtschuschnoje) einbezogen, so gehörte es dann bis 1945 zum Kirchenkreis Fischhausen (heute russisch: Primorsk) in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Im Jahre 1925 gehörten 4100 Gemeindeglieder zum Pobethener Kirchspiel.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Verlust der einheimischen Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung fand kirchliches Leben so gut wie nicht mehr statt. Auch staatliche Verbote machten eine Wiederbelebung unmöglich. Romanowo liegt heute im Einzugsbereich der in den 1990er Jahren neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Selenogradsk (Cranz), einer Filialgemeinde der Auferstehungskirche in Kaliningrad (Königsberg) innerhalb der Propstei Kaliningrad der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER).
Kirchspielorte (bis 1945) Außer dem Pfarrdorf Pobethen gehörten 35 Orte bis 1945 zum Pobethener KirchspielWalther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band III: Dokumente. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1968, S. 454.: Name RussischerName Name RussischerName Alknicken Pribreschnoje Kösnicken Ankrehnen Perowo Kringitten Barthenen Lauknicken Biegiethen Mogaiten Perowo Dellgienen Paggehnen Diewens *Perteltnicken Ternowka *Eisliethen *Pobethen Romanowo Eisseln Beregowoje Pokirren Garbseiden Radnicken Rodniki Gardwingen Panajewo *Rantau Saostrowje Geroiskoje Geroiskoje Regehnen Dubrowka *Grünhoff Roschtschino Schupöhnen Schumnoje Jaugehnen Sorthenen Jouglauken *Strobjehnen Kulikowo Kalaushöfen Suppliethen Ternowka Kalthof Roschkowo Tannenhain Karschau Watzumbis 1902: Wartnicken Gorkowskoje Kiautrienen Woytnicken Wolodino Anmerkung: * = Schulorte
Pfarrer (bis 1945) Von der Reformation bis 1711 amtierten zwei evangelische Geistliche in Pobethen, danach nur noch einer:Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 28–30.Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Verein für Familienforschung in Ost- und Westeuropa e.V., Hamburg 1968, S. 112. Michael Will, 1520–1540 Christian Tägen, bis 1558 Abel Will, 1540–1575 Jonas Heckenberger, ab 1568 Johann Hermann Decimator, 1575–1602 Adam Zahn, 1580–1588 N. Pfanhäuser, ab 1588 Johann Röber, ab 1590 Georg Decimator, 1602–1637 Michael Albinus, ab 1603 Christian Freymann, 1607 Andreas Zollner, 1611 Georg Ditzel, 1616–1619 Jacob Stanislai, ab 1638 Balthasar Pistorius, 1638/1645 Jacob Covahlius Reinhold Bock, 1640–1675 Carl Neubeccius, 1659–1674 Johann Colbius, ab 1675 Arnold Brüning, 1675–1713 David Duderstadt, 1698–1711 Friedrich Bolius, 1713–1761 Friedrich Wilhelm Bohlius, 1761–1762 Christian Tägen, 1762–1807 Carl Gotthilf Arnold, 1807–1809 Christian Gottlieb Röckner, 1809–1810 Christ. Matth. C. Rücker, 1810–1835 Heinrich Christ. Ziegler, 1834–1835 Carl Daniel Gastell, 1836–1861 Heinrich Friedrich Adolf Rogge, 1856–1861 Carl Gustav Hintz, 1861–1884 Gustav Otto Brzoska, 1884–1898 Richard Rudolf Otto Taegen, 1899–1928 Paul Ewert, 1928–1945
Pfarrer Abel Will übersetzte um 1554–1561 auf Geheiß Herzog Albrechts Martin Luthers Katechismus in die Prußische Sprache: Enchiridion – Catechismus in preußischer sprach und dagegen das deutsche, gedruckt 1545 durch Hans Weinreich in KönigsbergGeschichte und das Haus Pobethen bei ostpreussen.net.
Kirchenbücher Zahlreiche Kirchenbücher für das Kirchspiel Pobethen sind erhalten und werden bei der Deutschen Zentralstelle für Genealogie (DZfG) in Leipzig bzw. beim Evangelischen Zentralarchiv (EZA) in Berlin-Kreuzberg aufbewahrtKirchenbuchbestände nach genealogy.net: Taufen: 1673 bis 1690 und 1735 bis 1807 (DZfG) sowie 1808 bis 1825 (EZA) Trauungen: 1675 bis 1689 und 1770 bis 1832 (DZfG) Beerdigungen: 1732 bis 1807 (DZfg) sowie 1808 bis 1825 (EZA).
Literatur Pobethen, Dorf und Gut, Kreis Fischhausen, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Pobethen (meyersgaz.org). Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 104–109 (Google Books). Agathon Harnoch: Chronik und Statistik der evangelischen Kirchen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Nipkow, Neidenburg 1890, S. 77–78 (Google Books). Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 28–30. Karl Emil Gebauer: Kunde des Samlandes oder Geschichte und topographisch-statistisches Bild der ostpreußischen Landschaft Samland. Königsberg 1844, S. 111, Nr. 21. Adolf Rogge: Cultur- und kirchenhistorische Streifzüge im Kirchspiel Pobethen. In: Altpreußische Monatsschrift. Band 11. Königsberg i. Pr. 1874, S. 533–545.
Weblinks
Pobethen Evangelische Kirche, Abbildungen im Farbdiaarchiv zu mitteleuropäischen Wand- und Deckenmalereien, Stuckdekorationen und Raumausstattungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte
Einzelnachweise
Kirche Pobethen Kategorie:Kirchengebäude in der Oblast Kaliningrad Kategorie:Kirchenruine in Russland Kategorie:Disposition einer Orgel Kategorie:Rajon Selenogradsk Kategorie:Kirchengebäude in Europa