mini|Arno Schmidt mit „Kühen in Halbtrauer“, die dem Erzählungsband den Titel gaben. Radierung von Jens Rusch Caliban über Setebos ist eine Erzählung von Arno Schmidt. Sie erschien erstmals 1964 als Abschluss der zehn Erzählungen des Bandes Kühe in Halbtrauer. Erzählt wird, wie der Dichter Georg Düsterhenn in ein niedersächsisches Dorf reist, um seine Jugendliebe wiederzusehen. Er fühlt sich aber von ihr abgestoßen, beobachtet bei seiner nächtlichen Abreise lesbischen Gruppensex und entkommt den wütenden Frauen, die ihn entdeckt haben, mit knapper Not. Diese burlesken Abenteuer werden geschildert auf der Folie des antiken Orpheus-Mythos. Es lassen sich zahlreiche weitere Anspielungen auf antike Mythen sowie auf Werke von Robert Burns, Robert Browning, James Joyce und anderen nachweisen. Der Text ist ein Anwendungsbeispiel für Schmidts kurz zuvor entwickelte, psychoanalytisch orientierte Etym-Theorie. Er gilt als „das literarische Meisterstück“ unter Schmidts kürzeren Werken.Peter Habermehl: Orfeus in Niedersaxn. Arno Schmidts Erzählung «Caliban über Setebos». In: Antike und Abendland 53 (2007), S. 191.

Entstehung Die Idee zu der Erzählung kam Schmidt am 26. März 1963, als er den Bilderzyklus „Orpheus“ seines Freundes Eberhard Schlotter kennen lernte. Arbeitstitel war „Orfeus“.Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Arno Schmidts Prosazyklus »Kühe in Halbtrauer«. Igel Verlag, Paderborn 1993, S. 273. Schlotter selbst war zu dem Zyklus durch eine desillusionierende Begegnung mit einer ehemaligen Geliebten, die stark gealtert war, angeregt worden. Davon erzählte er Schmidt. Im gemeinsamen Gespräch sei ihnen die Orpheus-Geschichte eingefallen.Marius Fränzel: »Dies wundersame Gemisch«. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts. Ludwig, Kiel 2002, S. 220.

Schmidt schrieb den Text von April bis Mai 1963 in dem Heidedorf Bargfeld nieder, wo er seit 1958 lebte.Arno Schmidt: Ländliche Erzählungen. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe 1. Romane, Erzählungen, Gedichte, Juvenilia. Studienausgabe Band 3/2. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 1987, S. 554. Für den Text von 63 bis 90 Druckseiten benutzte er über 1000 Zettel, auf denen er Einfälle, Formulierungen und Zitate notiert hatte. (PDF; 235 kB) auf der Webseite der Arno Schmidt Stiftung, Zugriff am 3. Oktober 2012.

Inhalt Ich-Erzähler Wie in jedem erzählenden Werk Schmidts steht auch im Mittelpunkt von Caliban über Setebos ein dominierender Ich-Erzähler, der ein Alter Ego seines Autors darstellt.Peter Habermehl: Orfeus in Niedersaxn. Arno Schmidts Erzählung «Caliban über Setebos». In: Antike und Abendland 53 (2007), S. 191. Hier ist es der Dichter Georg Düsterhenn, der wie Schmidt aus Hamburg-Hamm stammt, niederschlesisch-lausitzische Wurzeln hat, Atheist ist und den Zweiten Weltkrieg als Schreibstubensoldat in Norwegen verbrachte.Auch zum Folgenden Stefan Jurczyk: Symbolwelten. Studien zu „Caliban über Setebos“ von Arno Schmidt. Igel Verlag, Hamburg 1991, S. 70–79. Düsterhenn werden Jugendwerke Schmidts zugeschrieben (eine Versdichtung über den persischen Entdeckungsreisenden Sataspes sowie das erhaltene Pharos oder von der Macht der Dichter), und wie Schmidt geht Düsterhenn auch noch in reiferen Mannesjahren eine Frau nicht aus dem Kopf, für die er als Gymnasiast schwärmte, die er aber nie anzusprechen wagte: In Caliban über Setebos heißt sie Fiete Methe, für Schmidt war es die Görlitzer Schülerin Hanne Wulff, die für zahlreiche Mädchen- oder Frauengestalten in Schmidts Werk Modell stand.Rudi Schweikert: Arno Schmidts Lauban. Die Stadt und der Kreis. Bilder und Daten. (=Bargfelder Bote. Materialien zum Werk Arno Schmidt), edition text + kritik, München 1990, S. 44. Die Germanistin Sabine Kyora glaubt deshalb, der Ich-Erzähler sei in Caliban über Setebos geradezu identisch mit seinem Autor.Sabine Kyora: Psychoanalyse und Prosa im 20. Jahrhundert. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 1992, S. 261. Dem stehen, wie Wolfgang Albrecht zeigt, auffallende Unterschiede zwischen beiden entgegen: Anders als alle anderen Protagonisten Schmidts ist Düsterhenn nämlich klein und schmächtig, er ist wohlhabend, verachtet die Aufklärung und ist als Schlagertexter kein ernstzunehmender Autor, sondern ein „opportunistischer Trivialschreiber“.Wolfgang Albrecht: Arno Schmidt. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 1998, S. 69. Jörg Drews weist darauf hin, dass Schmidt sich selbst in der dritten Person in den Text geschrieben habe: Düsterhenn erinnert sich eines Schriftstellerkollegen „‹Dagegen=SCHMIDT›“, der „von der Charakterrolle des ‹Guten Linken Mannes› seinen kärglichen Lebensunterhalt zog“, aber, weil er sich weigere, den Anforderungen seines Publikums nachzukommen, es niemals zu Wohlstand bringen werde. Düsterhenn sei das Ergebnis eines längeren Gedankenspiels, was wohl wäre, wenn er seine literarischen Ansprüche aufgäbe und marktgängiger schriebe.Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe 1. Studienausgabe Band 3/2. S. 499; Jörg Drews: Caliban Casts Out Ariel. Zum Verhältnis von Mythos und Psychoanalyse in Arno Schmidts Erzählung ›Caliban über Setebos‹. In: Derselbe (Hrsg.): Gebirgslandschaft mit Arno Schmidt. Das Grazer Symposion 1980. edition text + kritik, München 1982, S. 51 f.

Handlung Georg Düsterhenn reist per Bus in das Dorf Schadewalde, das im niedersächsischen Zonenrandgebiet liegen soll. Dort will er seinen Jugendschwarm Fiete Methe wiedersehen, um sich dadurch „entscheidend & unwiderstehlich schmalzig zu stimmen“ für einen Gedichtband, der ein ökonomischer Misserfolg werden und so sein steuerpflichtiges Einkommen vermindern soll.Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe 1. Studienausgabe Band 3/2. S. 479. Bei einem abendlichen Spaziergang beobachtet er Kinder beim Laternelaufen, lernt den Holocaustüberlebenden H. Levy kennen, der mit seinem Auto unterwegs ist, um die Kondomautomaten der Umgebung zu bestücken, und beobachtet den Geschlechtsverkehr zwischen der Gasthofbedienung Rieke und dem Hofknecht. Im Gasthof des Dorfes entdeckt er einen alten Krug, den er dem Wirt O. Tulp mit Schweizer Goldfranken abkauft. Anschließend gibt er eine Lokalrunde Weinbrand aus. Düsterhenn erkennt, dass Rieke in Wahrheit die gesuchte Fiete ist, und lässt sich von ihr sein Zimmer zeigen. Er traut sich aber nicht, sich ihr zu erkennen zu geben, und da er Potenzprobleme hat, misslingt anschließend auch eine Masturbation. Düsterhenn flieht nachts aus dem Gasthof und beobachtet in der Scheune lesbischen Gruppensex zwischen vier „Jägerinnen“, die ihm zuvor bereits an der Bushaltestelle und in der Gaststube begegnet sind. Durch ein Niesen verrät er sich und wird von den vier Frauen und dem Hund des Wirts verfolgt, bis ihn der jüdische Kondomverkäufer mit seinem Auto rettet.

Form Gliederung Die Erzählung ist in neun Teile gegliedert, die als Titel jeweils den Namen einer der neun Musen tragen. Diese passen in der einen oder anderen Art zum Inhalt des Erzählten: So steht der abendliche Spaziergang durchs Dorf unter der Überschrift Urania, der Muse der Sternbetrachtung, über Düsterhenns enttäuschend-entsagende Begegnung mit Fiete-Rieke steht Melpomene, die Muse der Tragödie. Oft steht der Zuständigkeitsbereich der genannten Muse aber auch in einem ironischen Verhältnis zum Geschehen: Die lesbische Orgie findet sich im Kapitel Terpsichore, der Muse des Reigentanzes; die burleske Flucht am Ende im Kapitel Thalia, der Muse der Komödie, die in antikem Verständnis durch ihr Happy End definiert ist; der derbe Geschlechtsakt zwischen Fiete-Rieke und dem Hausknecht im Kapitel Erato, die für eher zarte Liebesdichtung zuständig war.Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Arno Schmidts Prosazyklus »Kühe in Halbtrauer«. Igel Verlag, Paderborn 1993, S. 281. Dem Text vorangestellt ist ein Motto, das in phonetischem Englisch ein Herodot gewidmetes Epigramm aus der Anthologia Graeca parodiert, dessen Geschichtswerk in neun nach den Musen benannte Bücher geteilt ist.Peter Habermehl: Orfeus in Niedersaxn. Arno Schmidts Erzählung «Caliban über Setebos». In: Antike und Abendland 53 (2007), S. 190 f.

Stil Der Text gibt über weite Strecken den inneren Monolog Düsterhenns wieder, sein Räsonnement, seine Erinnerungen und Assoziationen zu dem, was er sieht, hört und erlebt. Dabei kommentiert er die dinglich-landschaftliche Umgebung zumeist liebevoller als seine Mitmenschen, für die er oft nur desillusionierende, frotzelnde oder sogar ressentimentgeladene Worte findet. Schmidt ignoriert dabei durchgängig die Regeln der Orthographie: Nicht nur wird der jeweilige Dialekt der Personen nachgeahmt, sondern die gewählte Schreibweise schöpft die Klang- und Sinnmöglichkeiten eines Wortes aus. Häufig werden auch, teils offen, teils versteckt, Zitate in den Text eingestreut, die mitunter aus dem Mittelhochdeutschen, dem Englischen oder den alten Sprachen stammen. Dadurch ergeben sich zahlreiche Gelegenheiten zu Wortspielen, Pointen und überraschenden Nebenbedeutungen.Jörg Drews: Kühe in Halbtrauer. In: Kindlers Literatur Lexikon. Taschenbuchausgabe, dtv, München 1986, Bd. 7, S. 5410. Schmidt selbst schrieb am 23. September 1964 an den Literaturwissenschaftler Jörg Drews:

Die gewollte Polysemie seiner Sprache hat ihren Grund in Schmidts Etym-Theorie, die sich aus der Begegnung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds speiste. Danach drückt sich das Unbewusste sprachlich in Mehrdeutigkeiten, Wortspielen, Assonanzen usw. aus, um neben der manifesten Bedeutungsebene gleichzeitig auch – meist sexuelle – Bedeutungen zu transportieren. Um diese Sprache zu beherrschen, müsse der Sprecher aber eine gewisse Altersimpotenz erlangt haben, die ihn wenigstens teilweise frei werden lasse von den Triebansprüchen des Es, die er somit weder verdrängen noch sublimieren, sondern kontrolliert spielen lassen könne: „Man kann sich also jetz mit diesem Caliban verständijn“, formulierte Schmidt später in Zettel’s Traum.Arno Schmidt: Zettel’s Traum. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV. Studienausgabe Band 1, S. 989; Jörg Drews: Caliban Casts Out Ariel. Zum Verhältnis von Mythos und Psychoanalyse in Arno Schmidts Erzählung ›Caliban über Setebos‹. In: Derselbe (Hrsg.): Gebirgslandschaft mit Arno Schmidt. Das Grazer Symposion 1980. edition text + kritik, München 1982, S. 60. Die Erzählungen des Bandes Kühe in Halbtrauer und unter ihnen besonders Caliban über Setebos lassen sich somit als Versuche verstehen, diese Theorie auf das eigene literarische Schaffen anzuwenden.Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Arno Schmidts Prosazyklus »Kühe in Halbtrauer«. Igel Verlag, Paderborn 1993, S. 35–46; Marius Fränzel: »Dies wundersame Gemisch«. Eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts. Ludwig, Kiel 2002, S. 202–209.

Referenztexte Wie der Literaturwissenschaftler Friedhelm Rathjen bemerkt, wirkt Caliban über Setebos desintegriert: Dem Leser wird nicht sofort klar, welchen Sinn die verschiedenen Elemente der Handlung ergeben. Dies hat seine Ursache darin, dass die Erzählung intertextuell mit mehreren anderen Texten verknüpft ist, ohne dass sich diese Verknüpfung im Text explizit wiederfände. Erst wenn man diese Verknüpfungen entdecke und explizit mache, ließen sich die Sinnebenen von Caliban über Setebos entschlüsseln.Friedhelm Rathjen: Smithereens. Zum Nach(t)leben von James Joyce, Robert Burns und Thorne Smith in »Caliban über Setebos«. In: Robert Weninger (Hrsg.): Wiederholte Spiegelungen. Elf Aufsätze zum Werk Arno Schmidts. (=Bargfelder Bote, Sonderlieferung) edition text & kritik, Richard Boorberg Verlag, Stuttgart 2003, S. 129.

Robert Browning