mini|Hermann Muthesius

Hermann Muthesius (* 20. April 1861 in Großneuhausen; † 26. Oktober 1927 in Berlin-SteglitzSterberegister Standesamt Berlin-Steglitz, Nr. 469/1927; vollständiger Name Adam Gottlieb Hermann Muthesius) war ein deutscher Architekt und preußischer Baubeamter. Er arbeitete hauptberuflich im preußischen Handelsministerium, wirkte als Autor und einflussreicher Theoretiker der modernen Architektur und des Produktdesigns, Kritiker des Jugendstils und Mitbegründer des Deutschen Werkbunds.

Leben und Werk Ausbildung mini|Englandaufenthalt 1896–1903:Anna und Hermann Muthesius in ihrem Haus The Priory in Hammersmith, um 1900

Hermann Muthesius wurde 1861 in Großneuhausen (Provinz Sachsen) als Sohn des Maurermeisters und Bauunternehmers G. E. Muthesius geboren. Er besuchte bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr die Volksschule, gleichzeitig erhielt er vom örtlichen Pfarrer Sprachenunterricht. Bei seinem Vater erlernte Muthesius zunächst das Maurerhandwerk. Anschließend besuchte er nach einem einjährigen Vorbereitungskurs die vier obersten Klassen des Realgymnasiums in Leipzig. Nach Abschluss der Schule nahm er neben seinem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger von 1882 bis 1883 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin ein Kunstgeschichts- und Philosophiestudium auf, wechselte dann jedoch an die Technische Hochschule Charlottenburg, wo er bis 1887 Architektur studierte und dem Architektenverein „Motiv“ beitrat. Nebenher arbeitete er bei Paul Wallot, dem Architekten des Berliner Reichstagsgebäudes.

Architekt in Tokio, Assessorexamen, Studienreise nach Italien und Heirat Nach seinem Studium ging Muthesius als Angestellter des Architekturbüros von Hermann Ende und Wilhelm Böckmann für einige Jahre nach Tokio, um dort an Entwurf und Bau von Staatsbauten mitzuwirken.Über Hermann Muthesius (mittlere Spalte, Name in Sperrschrift) in: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung, 1. Juni 1902. In Tokio entwarf er eine neugotische Kirche für die dortige evangelische Gemeinde. In der Stadt hatte er sich mit dem an der Tokioter Universität lehrenden deutschen Juristen Heinrich Weipert (1856–1905) angefreundet. Nach der Rückkehr aus Tokio, die er mit einer viermonatigen Reise durch Siam, Indien und Ägypten verband, legte er 1891 sein zweites Staatsexamen im Hochbaufach ab und wurde zum Regierungsbaumeister (Assessor in der öffentlichen Bauverwaltung) ernannt. Damit schlug er eine Beamtenlaufbahn ein und wurde zunächst in einem ministeriellen Entwurfsbüro tätig – er entwarf dort unter anderem die Levensauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Ein Jahr lang übernahm er stellvertretend die Redaktion bei den halbamtlichen preußischen Zeitschriften Zentralblatt der Bauverwaltung und Zeitschrift für Bauwesen. Nach einer siebenmonatigen Studienreise durch Italien heiratete er die Sängerin Anna Trippenbach. Als Designerin künstlerisch ausgestalteter Reformkleider für Frauen erlangte Anna Muthesius ab 1903 selbst Bedeutung.

Hermann und Anna Muthesius verbrachten wiederholt die Sommer auf der Insel Hiddensee und erwarben im Ort Vitte eine Fischerkate, die sie bis 1922 zu einem Feriendomizil umbauten. Ihr Sohn Eckart Muthesius errichtete kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Kloster auf Hiddensee ein eigenes Sommerhaus.

1896 bis 1903 technischer und Kulturattaché an der Deutschen Botschaft in London Von 1896 bis 1903 ging Hermann Muthesius als technischer und Kulturattaché an die deutsche Botschaft in London. Dort verfasste er im amtlichen Auftrag zahllose Berichte über englische Architektur, Kunstgewerbeerziehung, Kunsterziehung, Ausstellungen und auch ingenieurtechnische Neuerungen, die überwiegend im Zentralblatt der Bauverwaltung veröffentlicht wurden.

mini|links|hochkant|Titelblatt der bekanntesten Publikation von Hermann Muthesius mini|Landhaus Leyes Wood von Richard Norman Shaw, Abbildung aus Das englische Haus mini|Landhaus Leyes Wood von Richard Norman Shaw, Abbildung aus Das englische Haus mini|links|Herrenhaus Schloss Wendgräben (1910–1912), 1991–2013 Konrad-Adenauer-Stiftung

Parallel dazu begann seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, die schließlich fast 500 Publikationen umfasste. Neben zahlreichen Artikeln in einschlägigen Kunstzeitschriften veröffentlichte er 1902 die berühmte Streitschrift Stilarchitektur und Baukunst. Dort propagierte er die Überwindung der akademischen (Stil-)Architektur des Historismus zugunsten einer sachlichen und in der Gestaltung an ihrer Funktion orientierten Bauweise. Die zweite Auflage 1903 ergänzte er um eine scharfe Kritik am sogenannten Jugendstil, den er, wie schon alle im 19. Jahrhundert vorausgegangenen Stile, in Deutschland zwangsläufig in einer vorübergehenden Modewelle enden sah. Muthesius erlangte als Kenner der englischen Reformbewegungen in Kunstgewerbe und Architektur ein besonderes Prestige und wurde in den Jahren zwischen 1904 und 1914 zu einem der gefragtesten Vortragsredner innerhalb der deutschen Reformbewegungen. Er schuf als Architekt ab 1904 über 100 Gebäude und wurde dabei überwiegend durch seine von englischen Vorbildern inspirierten Landhäuser bekannt. Er gehörte damit in Deutschland zu den Initiatoren der sogenannten Landhausbewegung.

Sein schriftstellerisches Hauptwerk bilden drei in England entstandene Bücher über englische Baukunst, von denen Das englische Haus (1. Auflage 1904, dreibändig, s. 1 Abb. links und 2 Abb.n rechts) am bekanntesten wurde. Er propagierte darin das herrschaftliche englische Wohnhaus (eine Anlehnung daran ist das von ihm entworfene Herrenhaus Schloss Wendgräben, s. Abb. links) als methodisches Vorbild einer sachlichen, aus den Funktionen und dem komfortablen Gebrauch bedingten Formgebung. Die englische Architektur erscheint so als ein Gegenleitbild zur sogenannten Stilarchitektur in Deutschland, die sich nach Muthesius’ Auffassung allein vom Streben nach einem repräsentativen und künstlerischen Erscheinungsbild leiten lasse und der damit insgesamt etwas Parvenühaftes wie Unechtes anhafte.

Landesgewerbeamt und Deutscher Werkbund Nach seiner Rückkehr aus England erhielt Muthesius einen Ruf an die Technische Hochschule Darmstadt als Professor für Kunstgeschichte, den er jedoch ablehnte, um als Beamter in das preußische Handelsministerium (zum Landesgewerbeamt) zu wechseln, wo er bis zu seiner Pensionierung 1926 für die Reform der Kunstgewerbeschulen zuständig war.

Muthesius wirkte an der Entstehung der nach englischem Vorbild geschaffenen ersten deutschen Gartenstadt Hellerau mit, wo er mehrere Einzelhäuser, aber auch komplette Straßenzüge entwarf. Es gilt als wahrscheinlich, dass sein Umgang mit dem Möbelfabrikanten und Sozialreformer Karl Schmidt-Hellerau (Deutsche Werkstätten für Gestaltungskunst), dem Gründer Helleraus und dem Hauptinitiator des Deutschen Werkbunds, einen wichtigen Einfluss auf die Gründung der Gartenstadt ausübte.

Aus einem 1907 gehaltenen Vortrag an der Berliner Handelshochschule entwickelte sich ein Skandal, der als Fall Muthesius berühmt wurde, und nach Protesten des wirtschaftlichen Interessenverbands des Kunstgewerbes in einer mit Muthesius solidarischen Gegenbewegung die Gründung des Deutschen Werkbunds auslöste. Da Muthesius aus politischen Gründen und Rücksichten auf sein Ministerium der Gründungsversammlung ferngeblieben war, wurde er erst 1908 als Mitglied in den Vorstand gewählt. Er hatte von 1910 bis 1916 dort das Amt des zweiten Vorsitzenden inne und nahm in dieser Funktion maßgeblichen Einfluss auf die ideologische Ausrichtung des Deutschen Werkbunds bis 1914. Mit seiner organisatorischen Einflussnahme auf die Kölner Werkbundausstellung von 1914, als auch seinem Vortrag auf der dortigen Werkbundtagung unter dem Titel Die Werkbundarbeit der Zukunft entfachte er einen Proteststurm der Künstler. Die später als „Typenstreit“ berühmt gewordene Debatte über diesen Vortrag brachte den Werkbund an den Rand einer Spaltung. Neben einer unmittelbaren Konfrontation mit Henry van de Velde gab es hinter den Kulissen auch Auseinandersetzungen mit dem späteren Begründer des Bauhauses, Walter Gropius, der sich vergeblich um die Absetzung von Muthesius bemühte. mini|Grab auf dem Kirchhof Nikolassee Nach dem Krieg baute Muthesius zwar noch eine große Zahl von Häusern und veröffentlichte einige Ratgeber zum Haus- und Siedlungsbau, war aber in Anbetracht der neueren Entwicklungen der Architektur (z. B. Bauhaus, Weißenhofsiedlung, Neue Sachlichkeit / Neues Bauen) zum außenstehenden Beobachter geworden. Muthesius kam infolge eines Straßenbahnunfalls im Oktober 1927 bei der Besichtigung einer Baustelle in Berlin-Steglitz ums Leben. Dort wurde 1929 eine Straße nach ihm benannt.

Muthesius wurde auf dem Evangelischen Kirchhof Nikolassee beigesetzt (Familienstelle 83). Auf Beschluss des Berliner Senats wurde das Grab 1984 zum Berliner Ehrengrab.

Der Architekt Eckart Muthesius war sein Sohn. mini|Gedenktafel in Großneuhausen Seit 2026 erinnert in Großneuhausen eine Gedenktafel an seinen Geburtsort.

Theorie und Rezeption In der späteren Rezeptionsliteratur und zahlreichen Darstellungen zur Geschichte der modernen Architektur (etwa bei Julius Posener) gilt Muthesius als Vater des Funktionalismus. Diese aus der Funktionalismusdebatte der 1960er Jahre inspirierte Sichtweise ist insofern problematisch, als dieser Begriff sich in Muthesius’ Schriften an keiner Stelle findet.

Muthesius’ Reformideen sind eher im Zusammenhang mit Begriffen wie Kultur, Stil und Sachlichkeit zu verstehen und aus einer Ablehnung der akademischen Stilüberlieferung wie auch jener zeitgenössischen Strömungen, die von ihm als Jugendstil bezeichnet werden.