mini|Die Staatenwelt der Romania nach dem 4. Kreuzzug 1204 Das Despotat Epirus war einer der griechischen Nachfolgestaaten des Byzantinischen Reiches, die infolge des Vierten Kreuzzuges nach 1204 entstanden. Der Staat existierte in wechselnden Grenzen bis Ende des 14. Jahrhunderts. Kerngebiete des Fürstentums waren die namensgebende Region Epirus und Akarnanien. Die Geschichte des Staates ist geprägt von ständigen Auseinandersetzungen mit den bedeutenderen Regionalmächten auf dem Balkan, dem wiedererstarkten Byzantinischen Reich und Bulgarien, später dann mit Neapel und Serbien, die alle versuchten, ihren Machtbereich auf Epirus auszudehnen. In zahlreiche einzelne Herrschaften zerfallen, wurde Epirus zwischen 1386 und 1449 schrittweise ins Osmanische Reich eingegliedert.

Die Bezeichnung Despotat Epirus für den westgriechischen Staat ist unhistorisch und wird in zeitgenössischen Quellen nicht verwendet, denn der Titel Despot bezeichnet die Einordnung seines Trägers in die Hierarchie des byzantinischen Hofes. Epirus war jedoch stets unabhängig vom Kaiserreich Nikaia bzw. dem restaurierten Byzantinischen Reich. Zumeist nannten sich die Regenten Archon oder einfach Kyrios (Herr). Gleichwohl haben nach 1230 einzelne Herrscher von Epirus den Despotentitel vom Kaiser verliehen bekommen.Fine, The Late Medieval Balkans. S. 68 f.

Geschichte Chronologischer Überblick April 1204: Die Teilnehmer des 4. Kreuzzugs erobern Konstantinopel. Zerfall und Aufteilung des Byzantinischen Reiches. Herbst 1204: Michael Komnenos Dukas übernimmt die Herrschaft in Arta und begründet damit den epirotischen Staat. 1212: Eroberung weiter Teile Thessaliens im Krieg gegen das Lateinische Königreich von Thessaloniki. 1213–1214: Krieg gegen die Republik Venedig. Die Epiroten erobern Dyrrachion und Korfu. 1214: Expansion in Makedonien, Ohrid wird epirotisch. Anfang 1215: Ermordung Michaels I., sein Nachfolger wird sein Bruder Theodor. Er drängt seinen Neffen Michael II. ins Exil. 1216: Demetrios Chomatianos wird Erzbischof von Ohrid. 1217: Gefangennahme und Tötung des designierten lateinischen Kaisers Peter de Courtenay. 1217–1224: Erfolgreicher Eroberungskrieg Theodors in Makedonien. Dez. 1224: Einnahme Thessalonikis, Ende der lateinischen Herrschaft an der Nordküste der Ägäis. 1225: Theodor nimmt den Kaisertitel an, lässt sich von Demetrios Chomatianos krönen, dann dringt er nach Thrakien vor und nimmt den Nicäern Adrianopel ab. Größte Ausdehnung des epirotischen Staates, Bündnis mit den Bulgaren. 1230: Theodor wendet sich gegen Bulgarien und unterliegt in der Schlacht von Klokotnitza. Der Despot gerät in Gefangenschaft, sein Staat zerfällt in mehrere Einzelherrschaften: Epirus, Thessaloniki, Thessalien und Akarnanien In Epirus selbst übernimmt Michael II. die Macht. 1241: Michael II. gewinnt durch einen Erbfall Thessalien auf friedlichem Wege für seinen Staat. 1251: Militärische Auseinandersetzungen mit dem zur stärksten Regionalmacht aufgestiegenen Reich von Nicäa beginnen. Kämpfe um Obermakedonien, Mittelalbanien und Thessalien. 1257: Manfred von Sizilien greift Epirus an. Er erobert Korfu und mehrere wichtige Häfen u. Festungen im Norden des Landes. 1259: Nach der Schlacht von Pelagonia wird Epirus endgültig von seinem griechischen Konkurrenten Nicäa überflügelt und sinkt zu einer drittrangigen Macht herab. Juli 1261: Kaiser Michael VIII. Palaiologos von Nicäa erobert Konstantinopel und stellt das Byzantinische Reich wieder her; Epirus bleibt unabhängig. 1268: Tod Michaels II. und Erbteilung. Im epirotischen Kernland tritt sein Sohn Nikephoros I. die Herrschaft an. Thessalien erhält dessen Halbbruder Johannes als eigenes Fürstentum. ab 1268: Auseinandersetzungen und wechselnde Allianzen mit den angevinischen Königen von Neapel und dem Byzantinischen Reich. Verlust der meisten Territorien nördlich von Ioannina. 1297: Auf Nikephoros I. folgt dessen unmündiger Sohn Thomas. seit Anfang d. 14. Jhdts.: Albanische Stämme lassen sich vermehrt in Epirus nieder. Viele werden von den Fürsten als Söldner angeworben. 1318: Nicola Orsini, Pfalzgraf von Kephalonia, ermordet seinen On- kel Thomas und macht sich selbst zum Fürsten von Epirus. 1323: Nicola wird von seinem Bruder Johannes ermordet, der ihm in der Herrschaft nachfolgt, aber Kephalonia verliert. 1335: Auf Johannes folgt dessen unmündiger Sohn Nikephoros II. 1340: Kaiser Andronikos III. setzt Nikephoros II. ab und macht Epirus nach über 100 Jahren Unabhängigkeit wieder zur byzantinischen Provinz. 1348: Der serbische Zar Stefan Dušan erobert Epirus. Er gibt das Land als Sekundogenitur an seinen Halbbruder Simeon Uroš. 1355: Tod Stefan Dušans und Zerfall des Serbischen Reiches. In den folgenden Wirren kann Nikephoros II. die Macht wieder übernehmen. 1359: Nikephoros II. fällt im Kampf gegen die Albaner, die in Arta, Lepanto und Angelokastron unabhängige Herrschaften be- gründet haben. Simeon übernimmt Ioannina erneut. 1366: Thomas Preljubović wird Gouverneur in Ioannina und nach dem Tod Simeons 1370 unabhängiger Herrscher ebenda. 1385: Esau Buondelmonti wird Despot in Ioannina. Als erster epirotischer Fürst erkennt er den Sultan der immer weiter vordringenden Osmanen als Oberherrn an. 1417–1449: Epirus wird schrittweise ins Osmanische Reich integriert.

Entstehung und Konsolidierung Der Gründer des Despotats Epirus war Michael Angelos Komnenos Dukas, unehelicher Sohn des Sebastokrators Johannes Dukas. Durch seine Großmutter Theodora Komnena war er Nachkomme des Kaisers Alexios I. und zudem Cousin der zu seiner Zeit regierenden Kaiser Isaak II. und Alexios III. Michael selbst hatte bis zum Sturz Isaaks II. 1195 Karriere gemacht und war zum Gouverneur eines kleinasiatischen Themas aufgestiegen. Unter Alexios III. in Ungnade gefallen, hielt er sich in Konstantinopel auf, als die Teilnehmer des Vierten Kreuzzugs im Sommer 1203 die Kaiserstadt erreichten.

Nach dem Fall der Stadt im April 1204 begannen die Kreuzfahrer, das Byzantinische Reich untereinander aufzuteilen. Die Venezianer beanspruchten dabei auch die epirotische Küste mitsamt den Ionischen Inseln. Michael schloss sich unterdessen dem Gefolge des Bonifaz von Montferrat an, als dieser sich aufmachte, die von ihm beanspruchten Ländereien in Nordgriechenland in Besitz zu nehmen. In Thessalien trennte sich Michael von Bonifaz und wandte sich nach Arta, das noch unter Kontrolle des byzantinischen Gouverneurs Senacherim war. Diesen wollte er beim Widerstand gegen die Lateiner unterstützen.

In Arta angekommen war Senacherim schon verstorben. Entschlossen schlug Michael eine gegen die bestehende byzantinische Verwaltung gerichtete Rebellion nieder, machte sich selbst zum Gouverneur und heiratete die Tochter (oder Witwe) seines Vorgängers, womit er auch umfangreiche Güter in der Region an sich brachte.Der genaue Hergang der Machtübernahme durch Michael Angelos lässt sich aus den überlieferten Quellen nicht ganz sicher rekonstruieren. Er beließ die bisherigen Beamten in ihren Positionen und tastete die Besitzungen des Adels und der Kirche nicht an, weshalb diese seine Herrschaft problemlos akzeptierten. Damit war Michael zum Herrscher eines der wohlhabendsten Gebiete in der Romania geworden, das zudem nicht von den Verheerungen der jüngsten Kriege betroffen war. Zur Konsolidierung des entstehenden epirotischen Staats trug auch bei, dass viele griechische Flüchtlinge aus den nun lateinisch beherrschten Gebieten zuwanderten, verödete Höfe neu besetzten oder handwerklich tätig wurden und mit ihren Steuern die Finanzen des Despoten aufbesserten. Dies ermöglichte es Michael I., sein Heer zu vergrößern. Der Wohlstand des Fürsten zog auch Künstler, Kleriker und Verwaltungsfachleute an, die am nach kaiserlichem Vorbild eingerichteten Hof des Fürsten in Arta tätig wurden.

mini|Die Burg Petrela in Mittelalbanien mini|Der Staat von Epirus während seiner Entstehung und der nachfolgenden Expansion 1205–1230 Ehe noch die Venezianer den Versuch gemacht hatten, die ihnen im Teilungsvertrag der Kreuzfahrer zugesprochenen epirotischen Gebiete zu besetzen,Die Ressourcen der Venezianer waren begrenzt und sie waren nach 1204 an zahlreichen Orten der Romania aktiv (Kreta, Ägäis, Peloponnes und nicht zuletzt Konstantinopel). Einige Historiker gehen davon aus, dass die Epirus für die Republik von untergeordneter Bedeutung war. Der geringe Einsatz im Kampf um Korfu scheint dies zu bestätigen. Vgl. Alain Ducellier: La façade maritime de l'Albanie au Moyen Age. Durazzo et Valona du XI. au XV. siècle. (= Documents et recherches sur l'économie des pays byzantins, islamiques et slaves et leurs relations commerciales au Moyen Age; 13) Thessaloniki 1981, S. 109–117. kontrollierte Michael 1205 alle byzantinischen Territorien westlich des Pindosgebirges von der Festung Petrela und der Umgebung DyrrachionsDyrrachion selbst hatten die Venezianer im Juni 1205 besetzt. Vgl. Marino Sanudo: Le vite de i Dogi. (= Rerum Italicarum Scriptores, Bd. 22/4.) Città del Castello 1900. S. 262 im Norden bis Naupaktos am Golf von Korinth im Süden. Im Binnenland waren freilich einige Gebiete, darunter Ohrid, an die Bulgaren verloren gegangen, die den Zerfall des Byzantinischen Reiches ebenfalls zu nutzen gewusst hatten.

Um seine Herrschaft nach außen zu sichern, unternahm Michael I. gewagte diplomatische Manöver. Zum Schein unterwarf er sich dem Papst und stellte eine Union der epirotischen Kirche mit Rom in Aussicht, weil er so den päpstlichen Schutz vor einem Angriff der Venezianer zu erlangen hoffte. 1209 schloss Michael ein kurzlebiges Bündnis mit dem bulgarischen Fürsten Strez,Strez war ein Bruder des Zaren Boril. Fine, The Late Medieval Balkans. S. 99 das er kaum zwei Jahre später durch einen Einfall in Obermakedonien wieder brach. Mit der Markusrepublik konnte Michael sich im Juni 1210 verständigen, indem er deren nominelle Oberherrschaft anerkannte und ihren Kaufleuten Handelsprivilegien einräumte. Außerdem überließ er den Venezianern Korfu, das ohnehin von genuesischen Piraten besetzt war, vorläufig als Stützpunkt. Michael löste sich nun aus dem 1209 geschlossenen Bündnisvertrag mit dem Lateinischen Kaiser, das Epirus vor dessen landhungrigen Vasallen im Königreich Thessaloniki hatte sichern sollen. Inzwischen jedoch waren die Lateiner durch Angriffe der Bulgaren geschwächt und die Venezianer waren auf Distanz zu ihnen gegangen, so dass Michael sich stark genug fühlte, einen Angriff aus dem Osten selbst abwehren zu können. Er ergriff sogar die militärische Initiative und startete 1210 einen Angriff auf Thessaloniki, wurde aber zurückgeschlagen. Der Feldzug brachte ihm außer geringen Gebietsgewinnen am östlichen Abhang des Pindos nur die päpstliche Exkommunikation ein, da Innozenz III. den Krieg gegen die Lateiner natürlich missbilligte. Der Bann des Papstes steigerte aber eher Michaels Popularität beim orthodoxen Klerus seines Landes, als dass er ihm schadete.

1212 fiel Michael I. erneut in Thessalien ein. Diesmal eroberte er große Teile des Landes inklusive der Stadt Larisa und vereinigte sie mit seinem Staat. Damit war das lateinische Königreich Thessaloniki von seinem wichtigsten Vasallenstaat, dem Herzogtum Athen abgeschnitten. 1213 wandte Michael sich gegen die Republik Venedig und entriss ihr Dyrrachion, im Jahr darauf auch Korfu. Ebenfalls 1214 bot sich durch den Tod des bulgarischen Fürsten Strez die Möglichkeit für Epirus, sein Territorium nach Mazedonien hinein zu erweitern. Ohrid, und wohl auch Prilep wurden epirotisch. Direkt danach ließ Michael seine Truppen nach Norden marschieren und besetzte die Burg von Kruja, die Zentrum eines kleinen albanischen Fürstentums gewesen war. Ein schon begonnener Feldzug gegen die serbische Zeta – das nordalbanische Shkodra hatte man bereits eingenommen – endete abrupt, denn auf dem Höhepunkt seiner Macht wurde Michael Anfang 1215 aus unbekannten Gründen von einem seiner Dienstleute in Berat ermordet. Die Nachfolge trat sein Halbbruder Theodor I. an.