mini|Stammwappen der Familie von Reuschenberg
von Reuschenberg (Ruischenberg oder Rauschenberg) war der Familienname eines rheinländischen Landadelsgeschlechts, welches seinen Stammsitz ursprünglich bei Elsdorf auf Burg Reuschenberg hatte. Die Herren von Reuschenberg etablierten sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts als Seitenlinie derer von Esch und gründeten ihrerseits mehrere Nebenlinien. Im Einklang mit der Tradition der bisherigen genealogischen Forschung wird die Linie von und zu Reuschenberg nicht als Seiten-, sondern als Hauptlinie bezeichnet. Ab dem 15. Jahrhundert gehörte das Geschlecht zu den führenden landadeligen Familien des Herzogtums Jülich.
Die Herren von Reuschenberg sind laut dem Genealogen Ernst von Oidtman nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Familie, deren Stammsitz Burg Reuschenberg an der Wupper war.Theodor Oppenhoff: Nachtrag zu dem Aufsatz über die Aachener Sternzunft (= Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. Band 18). Aachen 1896, S. 348. Heinz Andermahr widerspricht dieser These ohne seine Gegenthese zu belegen. Er weist allerdings darauf hin, dass der Name Reuschenberg auf einen Berg verweist. Tatsächlich gibt es in der Umgebung von Elsdorf keine entsprechende geographische Erhöhung (Heinz Andermahr: Die Anfänge der Herren von Reuschenberg in Elsdorf – Eine Erwiderung auf Bernd Reuschenberg. In: Jahrbuch des Bergheimer Geschichtsvereins. Band 25, Bergheim 2016, S. 112.) Namenskunde
Die Schreibweise Reuschenberg entwickelte sich erst ab dem 17. Jahrhundert, zuvor dominierten zahlreiche Varianten der Schreibweise Ruischenberg, wie beispielsweise Rusenberg, Russchenbergh oder Ruyschenberch. Es handelt sich hierbei um eine Komposition aus dem Bestimmungswort „Reuschen“ und dem Grundwort „-berg“. Für diese Deutung würde die Anlage der Wasserburg in einer ehemals feuchten Senke sprechen. Morphologisch war diese Senke aufgrund des sehr flachen Reliefs kaum wahrnehmbar und fiel vermutlich eher durch den für einen feuchten Standort typischen Binsenbestand auf.Timo Bremer: Die Burganlage Reuschenberg, Rhein-Erft-Kreis, vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit. Dissertation. Universität Bonn, 2015, S. 96–97. Der Begriff „-berg“ erschließt sich für die Namensgebung nicht unmittelbar, da die Festung nicht in Berglage errichtet wurde. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine Namensübertragung, da diese ursprünglich als Motte errichtet wurde, deren zentrales Element ein Gebäude auf einem künstlichen Hügel (= Berg) war. Im deutschsprachigen Raum lassen sich weitere Niederungsburgen mit einer vergleichbaren Wortzusammensetzung nachweisen (siehe Burg Warberg oder Burg Wellberg). Die Begriffe „Berg“ und „Burg“ wurden früher auch synonym verwendet. So lässt sich beispielsweise für die ehemalige Burg Neuerburg bei Rosellen (im Bereich des Niederrheinischen Tieflandes) belegen, dass diese im 18. Jahrhundert auch „Neuenberg“ genannt wurde.Landesarchiv NRW: Abteilung Rheinland, 1. Behörden und Bestände vor 1816, 1.4. Reichsbehörden, 1.4.1. Reichskammergericht, Reichskammergericht AA 0627, 115.05.02 Reichskammergericht, Teil II, C-D, C 890/2000. Abgerufen am 10. Oktober 2017. Etymologisch entwickelten sich beide Begriffe offenbar aus derselben sprachlichen Wurzel.Heinrich Boxler: Die Burgnamengebung in der Nordostschweiz und in Graubünden. (= Studia Linguistica alemmanica. Forschungen zum alemannischen Sprachraum. Band 6). Frauenfeld / Stuttgart 1976, S. 46.
Je nach verwandtschaftlicher Zugehörigkeit wurde der Familiennamen oft mit einem Namenszusatz versehen. Diese Ergänzungen beziehen sich meist auf das jeweilige Stammhaus, wie beispielsweise Reuschenberg zu Setterich oder Reuschenberg zu Selikum.Als Stammhaus wird ein Wohnsitz bezeichnet, welcher über Generationen von einer Familie bewohnt wurde. Im Gegensatz dazu kann jede Burg oder Schloss als Adelssitz bezeichnet werden – unabhängig von der Dauer der Nutzung als Wohnsitz.
Über mehrere Generationen verwendete Vornamen innerhalb einer Familie werden als Leitnamen bezeichnet. Neben dem vergleichsweise häufig verwendeten Vornamen Johannes (Johann) lassen sich Konrad (Cuno), Wilhelm und Heinrich über mehrere Generationen nachweisen.
Geschichte und Genealogie mini|Stammbaum der Familie Reuschenberg (vor 1450)
Die landadelige Familie wurden 1278 erstmals mit Cuno de Rusenberg erwähnt. Bei Rusenberg handelt es sich allerdings nicht um den Familiennamen, sondern er übernahm den Namen seines Stammhauses der Burg Reuschenberg.Ernst von Oidtman: Ein Inventar des Rittersitzes Setterich vom Jahr 1687 (= Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. Band 25). Aachen 1903, S. 365 ff.Heinz Andermahr widerspricht dieser These und geht davon aus, dass keine verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familien von Reuschenberg und von Esch bestanden (Heinz Andermahr: Die Anfänge der Herren von Reuschenberg in Elsdorf – Eine Erwiderung auf Bernd Reuschenberg. In: Jahrbuch des Bergheimer Geschichtsvereins. Band 25, Bergheim 2016, S. 112.). Erst im Laufe des 14. Jahrhunderts entwickelte sich aus dem ursprünglichen Beinamen der Familienname.
Bis Mitte des 14. Jahrhunderts ist bislang vergleichsweise wenig über die Familie von Reuschenberg bekannt. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass der ursprüngliche Stammsitz bereits wenige Jahrzehnte nach dessen Erbauung um 1250 wieder verlassen wurde und anschließend verfiel. Welcher Rittersitz stattdessen genutzt wurde, ist bislang nicht bekannt. Erst ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden die jülich’schen Ritter mit Cuno von Reuschenberg historisch konkreter greifbar. Cuno und seine Frau Nesa von Setterich begründeten um 1365 die erste Seitenlinie des Geschlechts.Zwischen 1350 und 1380 wird mehrfach ein Ritter namens Cuno von Giesendorf erwähnt, dessen Zuordnung unter Genealogen umstritten ist. Offenbar handelte es sich hier um zwei unterschiedliche Personen. Der eine Ritter war vermutlich Cuno von Reuschenberg, Herr zu Giesendorf (Historisches Archiv der Stadt Köln: 1 Stadt Köln, 1.1 Reichsstädtische Überlieferung, 1.1.2. Urkundliche Überlieferung, Haupturkundenarchiv (HUA), Best 1 HUA 1990-2963 (1350-1375), U1 2810. Abgerufen am 7. Dezember 2017.) In einer Urkunde von 1373 wurde offenbar der Beiname Giesendorf statt des Familiennamens verwendet, denn er siegelte mit dem Reuschenberg’schen Wappen. Es lässt sich darüber hinaus ein weiterer Ritter namens Cuno von Giesendorf nachweisen, welcher allerdings ein anderes Siegel verwendete. Da dieses identisch mit dem der Herren von Esch war, entstammten beide demselben Sippenverband (Heinrich Schläger: Geschichte von Giesendorf. Abgerufen am 25. September 2017.) Darüber hinaus lässt sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts neben Cuno von Reuschenberg zu Setterich noch ein weiterer Cuno von Reuschenberg nachweisen. Dieser ließ sich im Jahr 1393 von der Stadt Köln als Söldner anwerben Historisches Archiv der Stadt Köln: 1 Stadt Köln, 1.1 Reichsstädtische Überlieferung, 1.1.2 Urkundliche Überlieferung, Haupturkundenarchiv Bestand 1, 4001-5925 (1388-1396), U K/4887. Abgerufen am 8. Dezember 2017. Durch Erbschaft kam nicht nur die Unterherrschaft Setterich in den Besitz der von Reuschenberg, sondern darüber hinaus auch Burg Laufenburg, sowie das Dorf und die Herrlichkeit Eicks. Während die ältere Stammlinie von Reuschenberg zu Reuschenberg vor 1440 erlosch, etablierte sich die Seitenlinie zu Setterich zu der einflussreichsten Linie des Geschlechts.Herbert M. Schleicher (Hrsg.): Ernst von Oidtman und seine genealogisch-heraldische Sammlung in der Universitätsbibliothek zu Köln. Band 12: Mappe 916–994 (Pam–Reu). Köln 1997, S. 694. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts bildeten sich durch Heirat und Erbschaft weitere Seitenlinien aus:
zu Eicks und Rurich zu Overbach und Rochette (bei Chaudfontaine/Belgien) zu Selikum zu Luppenau (heute Gut Lüppenau, bei Nideggen-Abenden) zu Reuschenberg (jüngere Linie)
Die Zeit bis zum Ewigen Landfrieden im Jahre 1495 war geprägt von Fehden. Dabei zeugen vor allem die überlieferten Streitigkeiten der landadeligen Familie mit der Reichsstadt Köln von deren ausgeprägten Selbstbewusstsein.
Bis Ende des 16. Jahrhunderts waren die von Reuschenberg vermutlich finanziell gut aufgestellt, denn zu ihren Gläubigern zählten u. a. auch die Herzöge von Jülich. Johann von und zu Reuschenberg lieh beispielsweise im Jahr 1499 dem Herzog Wilhelm IV. eine größere Summe. Dieser überschrieb ihm im Gegenzug das Dorf Grouven als Pfand.Heinrich Ferber: Geschichte der Familie Schenck von Nydeggen: insbesondere des Kriegsobristen Martin Schenk von Nydeggen. Köln / Neuß 1860, S. 102.
Ab dem frühen 16. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts besetzten die von Reuschenberg aus den Linien zu Setterich, zu Selikum und zu Overbach wichtige Positionen innerhalb des Deutschen Ordens. Gemeinsam mit verwandten Ordensrittern, wie beispielsweise dem Landkomtur Caspar Christian von Neuhoff oder auch dem Komtur Wilhelm von Neuhoff, bildeten sie ein Netzwerk verwandtschaftlicher Beziehungen, insbesondere innerhalb der Ballei Alden Biesen. Der katholische Landkomtur Johann Heinrich von Reuschenberg aus dem Hause Setterich setzt sich ganz im Sinne der Gegenreformation für eine bessere Bildung innerhalb des Ordens ein und restrukturierte diesen innerhalb seines Herrschaftsbereiches.Gudrun Gersmann, Hans-Werner Langbrandtner (Hrsg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland: kommentierte Quellen der Frühen Neuzeit. (= Vereinigte Adelsarchive im Rheinland e. V. Band 3). Köln 2009, S. 237. mini|Entwicklung der Haupt- und Seitenlinien
Der Einfluss der Familie innerhalb des Herzogtums Jülich erreichte Ende des 16. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Zu dieser Zeit lag die Regierungsgewalt praktisch in den Händen der katholischen Räte. Der psychisch kranke Herzog Johann Wilhelm III. war nicht in der Lage sich politisch durchsetzen. Der Zustand des mit Jakobe von Baden verheirateten Herzogs verschlechterte sich so weit, dass sich ab 1585 der Hofmarschall und ehemalige Erzieher des Herzogs Johann von Reuschenberg zu Setterich persönlich um in kümmerte. Jakobe von Baden wollte die Staatsgeschäfte im Namen ihres Mannes führen und stellte sich damit gegen die Interessen der katholischen Räte. Diese waren offenbar nicht gewillt die Gewalt über die Regierungsgeschäfte abzugeben und verweigerten sich ihren Anweisungen.E. Kühlwetter, F. Custodis (Hrsg.): Chronik des Beer von Lahr. 1594–1609. In: Original-Denkwürdigkeiten eines Zeitgenossen am Hofe Joh. Wilhelms III., Herzogs von Jüllich, Cleve, Berg. Nebst einem Anhange von Original-Briefen und Verhandlungen betreffend den Proceß der Herzogin Jakobe. Düsseldorf 1834, S. 5. Angeführt wurde der Widerstand von einer Schwägerin Jacobes, der Herzogin Sybille von Burgau. Diese klagte im Jahr 1595 Jacobe an, weil diese sich angeblich auf eine außereheliche Beziehung eingelassen hatte. Als Zeugen berief sie sich unter anderem auf den Oberstleutnant Johann von Reuschenberg zu Overbach. Inwieweit die Familie von Reuschenberg in diesem Komplott involviert war, wurde bislang noch nicht geklärt. Immerhin lassen sich am herzoglichen Hof weitere Mitgliedern der Reuschenberg’schen Sippe nachweisen. Neben dem erwähnten Oberstleutnant und dem Hofmarschall aus dem Hause Setterich nahm der gleichnamige Johann von Reuschenberg zu Reuschenberg als Hofmeister ebenfalls eine zentrale Position am Hof ein. Es standen also demnach zeitgleich drei Mitglieder der Familie mit dem Namen Johann von Reuschenberg im Dienst des Herzogs. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass zu dieser Zeit Anna von Reuschenberg und ihre Schwester Margarethe Staatsjungfrauen der Herzogin Sybille waren.Brigitte Kasten (Bearb.): Die jülich-kleve-bergischen Hof-, Hofämter- und Regimentsordnungen 1456/1521 bis 1609. (= Residenzenforschung. Band 26). Ostfildern 2015, S. 519.