mini|380px|Beginn der Viri Mathematici (obere Hälfte der ersten Seite)
Viri Mathematici quos inclytum Viennense gymnasium ordine celebres habuit () ist der Titel von Georg Tannstetters lateinischer Darstellung der von 1384 bis zum Druckjahr 1514 in Wien tätigen Astronomen und Mathematiker.
Dieser historische Rückblick, ein früher Ansatz einer Wissenschaftsgeschichte, erschien als einleitendes Kapitel einer Edition astronomischer Tabellen. Darin sind wertvolle biographische Informationen zu insgesamt 32 Astronomen und Mathematikern enthalten. Bei fünf von ihnen präsentiert Tannstetter umfangreiche Listen ihrer Werke, nämlich bei Johannes von Gmunden, Georg von Peuerbach, Johannes Regiomontanus, Johannes Stabius und Andreas Stiborius – von zuletzt Genanntem werden außerdem die in seiner Bibliothek befindlichen Bücher genannt. Insgesamt erscheinen in diesen Viri Mathematici ungefähr 170 Buchtitel zu überwiegend mathematischen und astronomischen Themen.
Geschichtsdarstellung als Teil einer Edition Eine Edition astronomischer Tabellen Der Rückblick auf die Viri Mathematici erschien nicht als eigenes Buch, sondern als Kapitel innerhalb eines größeren Buches, nämlich einer Edition astronomischer Tabellen. Der an der Wiener Universität lehrende Astronom Georg Tannstetter ließ im Jahr 1514 astronomische Tabellen von Georg Peuerbach und Johannes Regiomontanus drucken. Diese beiden Astronomen waren die bis dahin bedeutendsten Vertreter ihres Faches in Wien. Auf dem Titelblatt heißt es:
Dann wird in kleinerer Schrift fortgesetzt:
Herausgeber dieser Edition Gedruckt wurde das Buch bei Joannes Winterburger in Wien am 13. April 1514. Das Format entspricht unserem A4 (= 2°), und das Buch besteht aus 132 Blättern. Dass Tannstetter der Herausgeber war, wird auf dem Titelblatt nicht gesagt, ergibt sich aber aus mehreren Anhaltspunkten: Das Impressum auf der letzten Seite sagt: „Ausgearbeitet und überprüft von Tannstetter“, die Widmungsbriefe haben Tannstetter als Autor, und ein im Buch enthaltener Brief sowie zwei Gedichte nennen Tannstetter als Herausgeber dieser Tabellen.Diese Argumente bei Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 91–94. In der Fachliteratur wird manchmal irrtümlich Andreas Stiborius als Mitherausgeber neben Tannstetter oder sogar als alleiniger Herausgeber genannt.Beispiele dafür werden genannt bei Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 92, Anm. 336, nämlich Publikationen von Dieter Wuttke, Helmuth Grössing und Christoph Schöner (Mathematik und Astronomie an der Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert. Berlin 1994).
Katalogartige Geschichtsdarstellung Bereits die Titelseite der Edition verweist auf diese einem Katalog ähnelnde Geschichtsdarstellung und hebt das Bibliographische hervor. Diese Geschichtsdarstellung unter der Überschrift Viri Mathematici ist im Buch den astronomischen Tabellen von Regiomontanus und Peuerbach vorangestellt (auf S. aa3v bis aa6v). Darin präsentierte Tannstetter umfassende Werkverzeichnisse dieser beiden Astronomen – und auch aller anderen bis dahin in Wien wirkenden Astronomen und Mathematiker, von denen Tannstetter Kenntnis hatte. Er ergänzte jeweils einige Nachrichten über ihr Leben; es handelt sich also um eine Kombination von Bibliographie und Biographie. Hier wirkt wohl die alte, in Werken De viris illustribus („Über berühmte Männer“) sichtbare Tradition nach, wie etwa in dem Buch Catalogus illustrium virorum Germaniae („Katalog berühmter Männer Deutschlands“) von Johannes Trithemius verwirklicht (1495 gedruckt, also etwa zwei Jahrzehnte zuvor).So Graf-Stuhlhofer: Humanismus, 1996, S. 156. Allerdings ist Tannstetters Darstellung der Viri Mathematici nicht umfangreich – sie umfasst nur etwa 3000 Wörter.
Bedeutung dieser frühen Geschichtsdarstellung mini|hochkant=1.8|Himmelsbeobachter, französische Bildwirkerei um 1500
Dieser Rückblick Tannstetters ist ein früher Ansatz zur Wissenschaftsgeschichte. Ernst Zinners Buch über die Geschichte der Sternkunde enthält auch ein Kapitel über die Astronomiegeschichtsschreibung, beginnend mit Chinesen und Arabern. Danach stellt Zinner die Astronomiegeschichtsschreibung bei den „Germanen“ dar und beginnt mit diesem Werk Tannstetters.Ernst Zinner: Die Geschichte der Sternkunde von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 1931, S. 613 f. Auch in der Geschichtsschreibung der Mathematik wird Tannstetters Rückblick beachtet.Etwa bei Christa Binder: Austria. In: Joseph W. Dauben, Christoph J. Scriba (Hrsg.): Writing the History of Mathematics. Its Historical Development. Basel 2002, S. 213–219, dort S. 215 f.
Historiker sprechen von „der bekannten Wiener Mathematiker- und Astronomenschule“, die mit Regiomontanus ihren Höhepunkt erreichte und „wesentlich zur Erneuerung der mathematischen Wissenschaften beigetragen hat“.So formuliert von Fritz Krafft (Hrsg.): Große Naturwissenschaftler. Biographisches Lexikon. Düsseldorf 1986, S. 290. Als Hauptquelle für diese Schule gilt Tannstetters Rückblick.Moritz Cantor: Vorlesungen über die Geschichte der Mathematik, Bd. 2. Leipzig 1892, S. 361, 2. Auflage 1900, S. 393. Die Universität Wien hatte in Mathematik und Astronomie in der Mitte des 15. Jahrhunderts Weltgeltung erreicht, während für die Naturwissenschaften zuvor die Universitäten in Paris, Krakau und Oxford führend waren.So Menso Folkerts: Wissenschaft an den Universitäten des Mittelalters. In: Erwin Neuenschwander: Wissenschaft, Gesellschaft und politische Macht. Basel u. a. 1993, S. 17–38, dort 34 f.
Liste der 21 in den Überschriften genannten Gelehrten Die Namen der 21 in den 19 ZwischenüberschriftenZwei Überschriften umfassen jeweils zwei Namen: Eine Überschrift enthält die beiden Namen Epperies und Ericius, eine andere enthält die Namen Lateranus und Fabricius. des Textes Viri Mathematici präsentierten Astronomen und Mathematiker lauten im Originalwortlaut folgendermaßen (einschließlich der Herkunftsangaben, soweit diese in den Überschriften selbst genannt sind): Henricus de Hassia Germanus Joannes de Gmunden Georgius ex Peurbach Joannes de Monteregio Francus Christiannus Molitoris ex Clagenfurt Joannes Muntz ex Plabeirn Joannes Stabius Austriacus Andreas Stiborius Boius Stephanus Rosinus Joannes Angelus Georgius Ratzenperger Dominus Paulus Joannes Epperies Erasmus Ericius Jacobus Lateranus Joannes Fabricius ex Reyffling Joannes Tzerte Andreas Kuenhofer Georgius Strolin Joannes Kolpeck ex Ratisbona Et ego (deutsch: „Und ich“, nämlich Georgius Tannstetter Collimitius)
Darstellung des Inhalts: Mathematiker und Astronomen in Wien bis 1514 Bei seiner Beschreibung einiger dieser in den Überschriften angeführten 21 Wiener Astronomen und Mathematikern nennt Tannstetter auch – insgesamt 11 – Namen von fortgeschrittenen Studenten sowie weiteren Kollegen. Somit geht es also insgesamt um 32 in Wien tätige Astronomen und Mathematiker, das ist eine recht große Anzahl für den Zeitraum von 1384 (als Heinrich von Langenstein nach Wien kam) bis 1514. Tannstetters Verzeichnis ließe sich noch erweitern, etwa durch Conrad Celtis, der die Naturwissenschaften in seinen universitären Unterricht mit einbezogen hatte.Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, 1983, S. 147, nennt Celtis sogar das „Haupt der zweiten Wiener mathematischen Schule“.
Mehrere der genannten Gelehrten erhielten den akademischen Grad eines Magisters, genannt „Magister artium“ oder „Magister artium et philosophiae“. Dieser Grad wurde damals an der grundlegenden, die „Artes liberales“ lehrenden Artistenfakultät erworben. Diese „facultas artium“ vermittelte mehrere Befähigungen („artes“), nämlich drei sprachliche (im Trivium, wie z. B. lateinische Grammatik) und vier mathematisch-naturwissenschaftliche (im Quadrivium, wie Arithmetik und Astronomie).
Heinrich von Langenstein als Begründer der Astronomie in Wien mini|hochkant=1|Buchmalerei um 1400: Das Herzogskolleg mit Turm
Heinrich von Langenstein in Hessen, also „ein Deutscher“ (Germanus), „kam von der altehrwürdigen Universität von Paris und führte bald nach der Gründung unserer Wiener Universität (studium Viennensis) hier die Theologie und die Astronomie ein“; „die Theologie unterrichtete er mit Heinrich von Oyta“; beide wurden gleichzeitig von Paris nach Wien berufen, um die 1384 gegründete Theologische Fakultät aufzubauen – nun erst galt die 1365 gegründete Universität als vollständig.
Seine gründlichen Kenntnisse „in Astronomie werden im ersten Buch seiner Kommentare zur Genesis sichtbar“. „Er schrieb über Planetentheorien“ und anderes; „seine Werke sind in der Bibliothek des Herzogskollegs aufbewahrt“. Dieses Herzogskolleg bildete das Zentrum der Artistenfakultät; der Turm diente der Himmelsbeobachtung.Kurt Mühlberger: Die Universität Wien. Kurze Blicke auf eine lange Geschichte. Wien 1996, S. 14. Langenstein „starb am 11. Februar 1397.“
Johannes von Gmunden und seine Spezialisierung auf Astronomie Johannes von Gmunden „wurde in Wien im Jahr 1406 Magister der Artes liberales, lehrte danach Astronomie und widmete sich auch der heiligen Theologie. Er erhielt … eine Stiftsherrenstelle an der Kirche zu St. Stephan in Wien und wurde Vizekanzler an der Universität … Er starb im Jahr 1442.“ Von den 24 Stiftsherren (Kanoniker) sollten jeweils 8 für Magister der Universität vorbehalten sein, und zwar für solche, die zuvor dem Herzogskolleg angehört hatten.Aschbach: Geschichte der Wiener Universität, Bd. 1, 1865, S. 40. In seinem Unterricht an der Universität konnte sich Johannes auf die Astronomie spezialisieren, während sich die anderen Magister bei den Unterrichtsfächern abwechselten.
Tannstetter listet dann acht Schriften von Johannes auf, die zu seiner Zeit „in der Bibliothek der Artistenfakultät vorhanden“ waren. Es handelt sich um astronomische Schriften, wie Tabulae de planetarum motibus: et luminarium eclypsibus verissimas ad meridianum Viennensem (Tabellen der Planetenbewegungen sowie der Sonnen- und Mondfinsternisse, auf den Wiener Meridian bezogen), und um mathematische, wie Tractatus sinuum (Abhandlung über Sinusfunktionen).
Johannes hatte bedeutende Schüler, u. a. „Georg Pruner aus Ruspach, der die Sterne eifrig beobachtete und wunderschöne Instrumente sowie einige Bücher hinterließ“, darunter wohl auch Abschriften von Werken seines Lehrers.Nach Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, 1983, S. 254 f, 71, 78, 98, immatrikulierte Pruner 1410 in Wien, wurde Priester und starb vermutlich 1469.
Tannstetter nennt dann noch drei weitere damals in Wien wirkende Magister, ohne genauere Angaben und ohne dabei eine nähere Verbindung zu Johannes von Gmunden zu behaupten: Georg, der Propst von Neuburg (lateinisch: „dominus Georgius praepositus Neoburgensis“) – wohl Georg Müstinger von Klosterneuburg († 1442).Diese Gleichsetzung vertritt Menso Folkerts: Die mathematischen Studien Regiomontans in seiner Wiener Zeit. In: Hamann: Regiomontanus-Studien, 1980, S. 175–209, dort 192. Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, 1983, S. 76–79, 264, gibt Lebensdaten zu „Georg I. Muestinger“, seit 1418 Propst von Klosterneuburg. „Joannes Schinttel“, in der neueren Fachliteratur auch Johann(es) Schintel oder Schindel, aus Böhmen, lehrte in Wien 1407–1409, war um 1430 Stadtarzt in Nürnberg, ging später zurück nach Prag, wo er nach 1440 starb.Nach Grössing: Humanistische Naturwissenschaft, 1983, S. 70 (Lit. über ihn S. 251). Siehe auch Hamann: Regiomontanus-Studien, 1980, insb. S. 192, 280. „Joannes Feldner“.
Georg von Peuerbach und Johannes von Monteregio