mini|Lage des Kastells am DIRL (Rheinlinie) mini|Orientierungsplan Argentovaria
Argentovaria (bekannt auch unter dem Flurnamen Ödenburg) ist der Sammelbegriff für eine spätrömische Militäranlage und eine Zivilsiedlung auf dem Gebiet von Biesheim im Elsass (Arrondissement Colmar-Ribeauvillé, Communauté de communes du Pays de Brisach).
Die antiken Ausgrabungsstätten von Biesheim-Kunheim und Ödenburg-Altkirch verdanken ihre besondere Bedeutung der Position an einem wichtigen Rheinübergang. Im 1. und 4. Jahrhundert n. Chr. wird der Ort noch vom Militär dominiert, im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. trat jedoch die Zivilsiedlung immer mehr in den Vordergrund. Während der großen Barbareneinfälle im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. war Argentovaria vermutlich Bestandteil eines Festungsgürtels, der auch die rechtsrheinischen Kastelle auf dem Münsterberg in Breisach und am Sponeck in Sasbach-Jechtingen miteinbezog.
Das spätrömische Castrum zählte wahrscheinlich zu den zahlreichen, unter Kaiser Valentinian I. errichteten, aber nur mehr kurzzeitig besetzten Grenzfestungen in der Endphase der römischen Herrschaft über die Rheinprovinzen. Es war Bestandteil der Kastellkette des Donau-Iller-Rhein-Limes im Abschnitt der Provinz Maxima Sequanorum. Das Lager war vermutlich vom 4. bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. mit römischen Truppen belegt, die für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben an der Rheingrenze (ripa) zuständig waren.
Name Der antike Name der Zivilsiedlung bzw. des Kastells sind uns vom Geographen Claudius Ptolemäus und aus der Tabula Peutingeriana bekannt.Ptolemaios 2, 9; Tabula Peutingeriana, Segmentum 2, 4. Inschriften, die diesen Namen belegen, sind bislang nicht entdeckt worden.
Um das Jahr 150 bezeichnete Ptolemaios die Zivilsiedlung Argentovaria neben Augusta Raurica als die „zweite Polis“ des keltischen Volkes der Rauriker. Bei ihm liegt es 1,42° südlich und 0,33° östlich von Argentorate, ist aber in seinen übrigen Lagebeziehungen eine Verdoppelung Straßburgs: Es liegt 1,33° nördlich und 1,83° östlich von Vesontio (Besançon), Straßburg 1,34° nördlich und 1,73° östlich, und es liegt 1,33° nördlich und 2,17° westlich von Brigantium, Straßburg real 1,07° nördlich und 2,00° westlich.(Academia.edu:) Ulrich Lamm: Die zusammengestückelte Karte des Klaudios Ptolemaios
Der heutige Flurname der archäologischen Stätte ist „Altkirch“ (volkstümlich „Kirchenbuckel“) geht auf eine Kirche aus dem Mittelalter zurück, die mitsamt ihrem Friedhof westlich des Südtores des spätantiken Kastells lokalisiert werden konnte.Seitz/Zagermann 2005, S. 204–205; Nuber 2005, S. 764.
Lage Biesheim liegt 0.54° südlich und 0,05° östlich von Straßburg etwa auf halbem Wege zwischen Basel und Straßburg, nördlich von Neuf-Brisach und genau gegenüber dem Bergmassiv des Kaiserstuhls. Die Gebirgszüge der Vogesen und des Schwarzwaldes waren in Verbindung mit dem stark mäandernden Rhein erhebliche verkehrstechnische Hindernisse und lassen bis heute nur an wenigen Stellen Ost-West-Passagen zu. Das spätantike Kastell befindet sich am linken Ufer des Rheins, etwas nordwestlich des Kastells Breisach. Die archäologischen Fundstätten befinden sich nördlich von Biesheim. Landkarten des 16. und 17. Jahrhunderts führen hier einen Ort namens Edenburg, Oedenburg oder Oedenburgheim an, der im Dreißigjährigen Krieg zerstört und danach nicht mehr aufgebaut wurde. Das erste hier nachweisbare Holz-Erde-Kastell stand auf einer Rheininsel, die einen guten natürlichen Schutz bot. Das Areal des spätantiken Kastells wird landwirtschaftlich intensiv genutzt und ist heute nur anhand einer Geländestufe erkennbar. Die Befestigung befand sich direkt östlich der Limesstraße (via publica), nahe am Abbruch zum damaligen Rheinufer, und war somit auf dem Landweg und auch per Schiff gut zu erreichen. Die Befunde ließen erkennen, dass das Lager deswegen wohl häufiger von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Heute führt hier nur mehr der Riedgrabenkanal vorbei, ein spärlicher Rest des antiken Flussbetts.Seitz/Zagermann 2005, S. 204. Nördlich des Kaiserstuhls verlief die Grenzlinie zwischen den beiden spätantiken Rheinprovinzen Germania I und Maxima Sequanorum. Entlang dieser Linie existierte eine Straße, die über die Vogesen und Metz herkommend bei Biesheim-Oedenburg das Rheinufer erreichte. Hier kreuzte sie sich in weiterer Folge mit der – von Norden nach Süden verlaufenden – linksrheinischen Limesstraße. Das Kastell hatte also vermutlich einen starken Bezug zu diesen Straßenverbindungen.Marcus Zagermann: Der Breisacher Münsterberg. Die Befestigung des Berges in spätrömischer Zeit. In: Heiko Steuer, Volker Bierbrauer (Hrsg.): Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria. Walter de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020235-9, S. 165–185.
Forschungsgeschichte Ödenburg wird erstmals 1551 bei Beatus Rhenanus genannt und erscheint auch auf der Karte von Daniel Specklin 1576. Römische Funde sind seit etwa 1770 bekannt. Ursprünglich wurde Horbourg-Wihr, ein Ortsteil der Gemeinde Horbourg bei Colmar im elsässischen Département Haut-Rhin, als Standort des antiken Argentovaria angesehen. Diese Annahme musste jedoch auf Grund der neuesten Forschungsergebnisse revidiert werden. An der Wende von den 1970er zu den 1980er Jahren fanden im Südbereich des mittelalterlichen Friedhofes erstmals wissenschaftlich begleitete Ausgrabungen statt, wobei auch das Areal der spätantiken Festung durchgraben, diese aber nicht als solche erkannt wurde. Von 1998 bis 2002 wurden im Rahmen des trinationalen Archäologieprojektes „Ödenburg-Altkirch“ (Eucor-Programm) geophysikalische Bodenvermessungen durchgeführt, nach deren Auswertung gezielte Freilegungen durch Wissenschaftler der Universität Freiburg und der Universität Basel unter Leitung und Koordination von Hans Ulrich Nuber und Michel Reddé (Universität Paris) möglich wurden. Ziel war es, den Wissensstand über die antike Besiedlung des Areals von Ödenburg-Altkirch (Militärlager, Straßenprätorium, Zivilstadt und gallorömischer Tempelbezirk) vom 1. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. noch weiter zu ergänzen. Die Grabungen wurden auch von paläobotanischen und zoologischen Untersuchungen begleitet. Im Zuge dessen wurden schließlich die spätrömische Befestigung und zusätzlich in der benachbarten Flur „Westergass“ eine Gebäudegruppe gleicher Zeitstellung erkannt. Bis 2001 bewegten internationale Grabungsteams fast 1000 m² Erde und ermittelten 470 Befunde, wobei vor allem der Verlauf des Nordwalles genau festgestellt werden konnte. Von 2003 bis 2005 führte die École pratique des hautes études, gemeinsam mit den Universitäten Freiburg und Basel (Peter-Andrew Schwarz, Caty Schucany) Ausgrabungen auf dem Areal des gallorömischen Tempelbezirkes in Biesheim-Kunheim durch. Dabei konnten zahlreiche neue Erkenntnisse über die antiken Kultpraktiken (modus munificendi) gewonnen werden. Vor dem Kastell konnten bei Sondierungen noch einige antike Gebäudereste der Zivilstadt vom Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. aufgedeckt werden, die durch ein Feuer zerstört worden waren.
Entwicklung Die Region um Biesheim ist bereits seit vorrömischer Zeit besiedelt. Argentovaria war neben Kaiseraugst vermutlich eines der größten Oppida (Caput civitatis) der Rauriker. Um diese unter Kontrolle zu halten, errichteten die Römer an diesem auch strategisch wichtigen Platz zunächst ein einfaches Holz-Erde-Befestigung. Die römische Zivilsiedlung hatte sich jedoch nicht um dieses frühe Kastell, sondern ab 20 n. Chr. rund um den Tempelbezirk herausgebildet.
Das Holz-Erde-Kastell wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet, das spätantike Kastell wurde vermutlich zwischen 369 und 370, während der Regierungszeit von Kaiser Valentinian I. (364–375) im Zuge der letzten Ausbau- und Verstärkungsmaßnahmen am Rheinlimes errichtet. Es gehörte zu einem Festungsgürtel (claustra/clausurae), der aus den Kastellen Breisach/Münsterberg (Mons Brisiacum), Sasbach-Jechtingen, sowie Horbourg bestand und vermutlich auch eine alamannische Befestigung auf dem Zähringer Burgberg miteinbezog.
Die Holz-Erde-Kastelle des 1. Jahrhunderts könnten unter anderem als Etappenstation und Aufmarschbasis für Feldzüge in die rechtsrheinischen Gebiete gedient haben. Aufgabe der Besatzung in Argentovare war wohl die Überwachung des Straßenverkehrs, die Kontrolle des Schiffsverkehrs auf dem Strom und der Wachdienst am Rheinübergang. Zu den weiteren Tätigkeiten zählten die Beobachtung des rechtsrheinischen Barbaricums, tägliche Patrouillengänge sowie die Nachrichten- und Signalweitergabe entlang des Limes.
In den Jahren zwischen 259 und 260 überrannten alamannische Stämme endgültig den obergermanisch-rätischen Limes. Danach besetzten sie das Dekumatland, das mehr als 200 Jahre lang unter römischer Herrschaft gestanden hatte. Nach der sogenannten „Reichskrise des 3. Jahrhunderts“ konnten die Römer die Grenze entlang der Linie Rhein, Bodensee, Iller und Donau wieder stabilisieren. Hier entstand ab dem späten 3. Jahrhundert, unter den Kaisern Diokletian und Maximian, die Kastellkette des sogenannten Donau-Iller-Rhein-Limes. Trotzdem gelangen den Alamannen hier wiederholt massive Einbrüche ins Reichsgebiet, da sie dabei häufig von den inneren Machtkämpfen der Römer profitierten, die meist mit einem fast kompletten Abzug der Limestruppen verbunden waren.
357 n. Chr. fand in der Nähe des heutigen Straßburg die Schlacht von Argentoratum statt, in der es Kaiser Julian gelang, die Alamannen in die Flucht zu schlagen und ihren König Chnodomar gefangen zu nehmen. Im Jahr 378 durchbrachen angeblich 40.000 alamannische Lentienser – entweder direkt beim Sponeck-Übergang oder bei Breisach – aber erneut den Rheinlimes, verwüsteten die Grenzgebiete und drangen auch ins Innere Galliens vor. Der Kaiser des westlichen Reichsteils, Gratian, musste zu ihrer Abwehr einen Großteil seiner sich schon in Illyrien befindlichen Armee zurückbeordern, die in Marsch gesetzt worden war, um gemeinsam mit dem Kaiser des Ostens, Valens, in Thrakien eingedrungene Goten und Alanen zu bekämpfen. Die Angreifer wurden zwar bald durch Gratian und seine Heerführer, dem comes Nannienus und dem comes domesticorum Mallobaudes, nach einer Schlacht bei Argentovaria wieder über den Rhein zurückgeworfen, aber dieser Sieg kam Valens teuer zu stehen, da Gratian zu spät auf dem Balkan eintraf, um seinen Onkel noch vor der katastrophalen Niederlage bei Adrianopel zu bewahren.Ammianus Marcellinus 31,10. Dazu Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61370-8, S. 63. Im August 369 hielt sich Kaiser Valentinian I. nachweislich im benachbarten Kastell am Mons Brisiacum auf, um von dort aus, zumindest zeitweise, die großangelegten Bauaktivitäten der Römer am Rheinlimes zu koordinieren und zu überwachen. Im Zuge dessen entstand wohl auch die Festung in Argentovaria. Nach der Münzreihe zu urteilen, bestand sie bis zum Abzug der regulären Grenztruppen unter Stilicho zwischen 401 und 406 n. Chr., unter Umständen sogar noch bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr.
Vermutlich war die Kastellruine noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts oberirdisch sichtbar. Ab 1701 wurde sie zur Gewinnung von Steinmaterial für den Bau der Festung Neuf-Brisach abgetragen.Seitz/Zagermann 2005, S. 204–205.
Kastell mini|Grundrisse Straßenpraetorium II und Kastell Ein römischer Militärstützpunkt existierte in Biesheim schon seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. Insgesamt konnten für diese Zeitperiode zwei julisch-claudische Holz-Erde-Kastelle nachgewiesen werden, die aber schon im späten 1. Jahrhundert wieder aufgelassen wurden. Hans Ulrich Nuber vermutet unter dem spätantiken Kastell noch einen weiteren Vorgängerbau aus der Zeit des Augustus.