Hermann Ritter von Orges (* 12. April 1821 in Braunschweig; † 9./10. Juni 1874 in Wien) war ein deutscher Publizist.
Leben Militärische Laufbahn Hermann Ritter von Orges besuchte das Gymnasium in Braunschweig. Seit Vater war ein Artillerieoffizier aus Braunschweig, der in der westfälischen Armee diente. Auch Orges betrat die militärische Laufbahn in Preußen; vorteilhaft für ihn war, dass sein Vater ein Freund von General Joseph von Radowitz war.
Im April 1838 trat er als Kanonier bei der in Erfurt stationierten 4. Artilleriebrigade der Preußischen Armee ein und wurde im Herbst nach Ablegung diverser Prüfungen zum Besuch der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin kommandiert, kehrte aber im Jahre 1842 zu seiner Brigade zurück.
Zu seiner weiteren Ausbildung dienten größere Reisen sowie die Teilnahme an deutschen und französischen Kriegsübungen. Er meldete sich zum Besuch der allgemeinen Kriegsschule in Berlin, in die er nach gut bestandener Prüfung im Jahre 1845 aufgenommen wurde.
Den vorgeschriebenen Dienst in den anderen Waffen leistete er bei dem 4. Dragonerregiment in Deutz und beim 10. Infanterieregiment in Breslau, bei dem er sich besonders durch Einführung eines selbständig erdachten Turnsystems verdient machte. Er war Leutnant in Berlin, als die Revolution 1848 ausbrach, die ihn aus der begonnenen militärischen Laufbahn warf.
Am 19. März reichte er sein Entlassungsgesuch ein, entfernte sich aus Berlin. Er ging nach Rendsburg, wo er der schleswig-holsteinischen Artillerie zugewiesen wurde. Hier geriet er in einen Konflikt mit den preußischen Offizieren; dies veranlasste ihn, den Militärdienst ganz aufzugeben. Anstatt der Gewährung seines Entlassungsgesuchs war er aus den Listen der preußischen Armee gestrichen worden, weil er sich ohne Erlaubnis ins Ausland begeben hatte.Hermann Ritter Orges: Einleitung zur Geschichte des preußischen Militärsystems der Gegenwart. 1898.
Als Schriftsteller beschäftigte er sich vorwiegend mit militärischen Dingen. Eine starke Neigung war es, die ihn, zum Verzicht auf die militärische Laufbahn gezwungen, auf das Meer und in fremde Länder trieb. Noch im Herbst 1848 ging er nach Hamburg, um sich durch einen Kurs in der dortigen Navigationsschule vorzubereiten.
Als freiwilliger Matrose diente er dann auf einem hamburgischen Schiff, „Wolga“, das unter russischer Flagge segelte und nach Rio de Janeiro fuhr. Die folgenden Jahre bestanden aus Fahrten auf verschiedenen Schiffen und in verschiedene Weltgegende; auf diesen Reisen bildete sich Orges zum Schriftsteller aus.
Karriere als Publizist Er schrieb Artikel für die Allgemeine Zeitung, u. a. „Aus Australien“, „Auf einer Reise um die Welt“ und „Ueber die Industrieausstellung zu London 1851“. Die Allgemeine Zeitung verwendete ihn fortan für wichtige Aufträge: Johann Friedrich Cotta sandte ihn nach dem Staatsstreich des 2. Dezember 1851 nach Paris und beim Ausbruch des Krimkrieges 1853 nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, wo er Bekanntschaft mit dem damaligen k. k. Internuntius Karl Ludwig von Bruck machte.
Orges wünschte sich später, in der Redaktion der Allgemeinen Zeitung zu arbeiten. Vorerst noch ohne feste Anstellung, trat er im Jahre 1854 in Augsburg ein. Er war in einer Zeit gekommen, in der die Mitarbeit einer jüngeren Kraft besonders erwünscht war. Kaum war er eingetreten, so starb Karl August Mebold, der Hauptredakteur, an Cholera; Kolb, den Leiter der Redaktion, bereits an einer schweren Krankheit erkrankt, traf im September 1856 ein Schlaganfall, von dem er sich nie mehr ganz erholen konnte, obwohl er fortan arbeitete und auch die Leitung behielt.
Unter diesen Umständen wuchs der Einfluss Orges’. Der geschwächte Kolb verlor nach und nach an Einfluss. Orges führte die Korrespondenz mit den Eigentümern der Zeitung in Stuttgart; er unterhielt nach auswärts einflussreiche Verbindungen, auf eigene Faust knüpfte er mit politischen Persönlichkeiten und mit Staatskanzleien an und sein Drang nach einer Reform brachte auch für die Zeitung Erneuerungen.
Er stieß dabei auf die Tradition als starkes Hindernis. Insbesondere war es der Cotta, der der Aufstellung bestimmter Programmpunkte durchaus widerstrebte. Ein formuliertes politisches Programm – das war ganz gegen die bisherige Blattlinie. Orges sah darin ein Mittel, auf die allgemeine Meinung wie auf die Regierungen in bestimmtem Sinne einzuwirken.
Nun stimmten seine Ideen mit den Ansichten Cottas wie mit denen seiner Redakteure im Wesentlichen überein. Den größten und wichtigsten Teil des Inhalts der Zeitung bildeten die Berichte von auswärts, aus den Mittelpunkten der europäischen Politik sowie aus deutschen wie ausländischen Kulturstätten.
Die Sichtung, Ordnung und Verarbeitung dieses Materials war das Hauptgeschäft in Augsburg gewesen, und dabei hatten sich die Persönlichkeiten der Redakteure im Hintergrund gehalten. Eine Änderung dieser wesentlich anonymen Tätigkeit wünschte man weder in Stuttgart noch in Augsburg.
Orges’ eigentliches Arbeitsgebiet in der Redaktion war Frankreich, im Anschluss daran Belgien und die iberische Halbinsel. Durch seine Aufenthalte in Paris hatte er seinen Hass gegen Napoleon III.
Den Staatsstreich des 2. Dezember, dessen nächste Wirkungen er an Ort und Stelle miterlebte, hatte er ihm nie verziehen. Die innere Korruption des Kaiserreichs und die Gefahren, die von seiner auswärtigen Politik dem Weltfrieden drohten, war durch seine Feder unermüdlich den Zeitgenossen vorzuhalten. Die ganze romanische Welt sah er im Verfall. Der „Niedergang der romanischen Völker“ gehörte auch zu seinen Schlagworten. Im Gegensatz dazu sprach er der germanischen Welt eine große Zukunft zu. Die Steigerung der Verkehrsmittel war für ihn der wesentlichste Hebel des Fortschritts im Völkerleben. In Wien fand man in ihm einen unbequemen Mahner, weshalb Cotta von dort mit manchem Vorwurf konfrontiert wurde.
Sein Wahlspruch lautete „penna et ferro“.
In einer Denkschrift, die Orges im Jahre 1856 über die Aufgaben der Allgemeinen Zeitung an Cotta richtete, waren zwei Grundgedanken vorangestellt: Freiheit als eine Funktion der Bildung und die Einheit Deutschlands durch die Einigung der materiellen Interessen. Cotta war mit dem Inhalt der Denkschrift einverstanden, behielt sie jedoch in seinem Archiv, ohne öffentlich von ihr Gebrauch zu machen.
Die Allgemeine Zeitung, schrieb Orges 1858, sei nicht eine großdeutsche Zeitung, sondern, wenn man den Ausdruck verstehe, eine hochdeutsche. Vom Jahre 1858 an durfte er neben Kolb und Altenhöfer seinen Namen unter die Zeitung setzen. Die Eigentümer in Stuttgart hatten eingewilligt.
Seine Hauptarbeit hatte er in die Nacht verlegt.
Der leidenschaftliche Eifer steigerte sich mit dem verhängnisvollen Jahr 1859. Was er schon längst von den Anschlägen Napoleons prophezeit hatte, begann sich jetzt zu erfüllen. Die Verschwörung gegen den Frieden Europas, die Wiederaufnahme der napoleonischen Tradition, der Umsturz der Verträge von 1815 lag jetzt vor aller Augen enthüllt. Und nun galt es, zum Kampf gegen den Friedensbrecher alle Kräfte, vor allem die gesamte Macht Deutschlands, aufzurufen.
Die Debatte drehte sich, als der Krieg wirklich zum Ausbruch kam, nur darum, wann Preußen in Aktion treten solle, mit welchen Vorbehalten und welchen Bedingungen. Neutralität oder gar eine großpreußische Aktionspolitik, die sich auf die Freundschaft des französischen Kaisers stützte – Stimmen in diesem Sinne sind damals nur sehr vereinzelt laut geworden.
Im Mai kam Heinrich von Sybel selbst nach Augsburg, um sich über die Politik Preußens mit der Redaktion zu besprechen und der Zurückhaltung seiner Staatsmänner das Wort zu reden.
Die Besprechung fand in Kolbs Garten statt und wurde im Wesentlichen zwischen Sybel und Orges geführt. Ihr Inhalt ist aus einem Brief ersichtlich, den Sybel am 19. Mai an Kolb schrieb, veranlasst durch einen Brief, den dieser an Justus von Liebig geschrieben hatte und der von Ed. Heyck veröffentlicht wurde. Sybel verwahrte sich gegen die ihm von Kolb unterstellte „Gothaer Gesinnung“.
Der Versuch Sybels, in Augsburg einer leidenschaftsloseren Beurteilung der Lage Eingang zu verschaffen, diente nur dazu, die gegenseitige Entfremdung und Gereiztheit zu steigern. In der Broschüre, die Sybel zu Ende des Jahres anonym erscheinen ließ, hieß es, „Die Fälschung der guten Sache durch die Allgemeine Zeitung“ hat er vornehmlich Orges für die Haltung des Blattes und die ganze Stimmung Süddeutschlands verantwortlich gemacht.
Den Kriegsereignissen in Italien folgte Orges mit großem Interesse. Aber die Österreicher durften nicht unterliegen, und als sie die Schlachten verloren hatten, tat er alles, um die Geschichte aufzuhalten. Er stutzte die Kriegsberichte nach seinem Ermessen zu, stemmte sich dem bald einreißenden Pessimismus entgegen, stellte die Dinge dar, wie er sie durch „gefärbte Gläser“ sah, und verteidigte dies damit, dass der Tagesschriftsteller, wo vaterländische Interessen auf dem Spiele stehen, ganz andere Aufgaben und Pflichten habe, als Geschichtsschreiber oder militärische Kritiker.
Für die Politik, die in Augsburg gemacht wurde, war der plötzliche Friedensschluss eine schwere Enttäuschung. Für Orges war er fast ein persönliches Fiasko. Mit verzweifelter Hartnäckigkeit wehrte sich Orges dagegen. Auch nach Abschluss des Waffenstillstands beschwor er den Kaiser von Österreich, den Krieg fortzusetzen, nachdem Franz Joseph und Napoleon sich bereits verständigt hatten, Preußen zur Pflicht, sofort den Krieg zu erklären, und zwar in Unterwerfung unter die Bundesverfassung, „der auch Oesterreich und die reindeutschen Staaten sich unterwerfen.“
Von da an erst hat sich auch Orges immer mehr in eine verbissene Polemik gegen Preußen hineingeschrieben. Dem Vorfrieden von Villafranca folgten die gegenseitigen Anklagen zwischen Österreich und Preußen, der erregte Meinungskampf über die Verbesserung der deutschen Bundesverfassung und die Anläufe zu einer Organisation der öffentlichen Meinung im nationalen Sinne, während die Allgemeine Zeitung immer einseitiger ihre Stellung auf der großdeutschen Seite nahm und damit viele alte Freunde verlor.
Aus Londoner Flüchtlingskreisen war ein heftiger Angriff auf Karl Vogt in Genf erfolgt, dem vorgeworfen wurde, dass er, der Leibpublizist des Prinzen Napoleon, mit französischem Geld bestochen sei und andere zu bestechen versucht habe. Im Lager der Flüchtlinge von 1848 herrschte eine Entzweiung, die aus Anlass des italienischen Krieges zum Ausbruch kam. Die Einen hielten zu Frankreich und begünstigten seine Politik in Italien, während die Anderen einen unauslöschlichen Hass auf Napoleon geworfen hatten, den sie auch in seiner Nationalitätenpolitik bekämpften.
Jenen Angriff auf Vogt, der in einem Londoner Flugblatt verbreitet war, hatte die Allgemeine Zeitung durch dessen Abdruck übernommen, und dies veranlasste Vogt zu einer gerichtlichen Klage, mit der er das Hauptorgan der österreichischen Politik zu treffen gedachte. Die gerichtliche Verhandlung fand am 21. Oktober in Augsburg statt. Von den verklagten drei Redakteuren war Orges persönlich erschienen. Der kranke Kolb hatte sich mit einer öffentlichen Erklärung begnügt und Altenhöfer tat, als ob ihn die Sache gar nichts anginge. Orges aber ergriff gerne die Gelegenheit, das Programm der Allgemeinen Zeitung ausführlich zu entwickeln, ihre Politik zu verteidigen und die patriotischen Beweggründe bei ihrem Angriff auf den Reichsregenten von 1849 ins Licht zu stellen. Man fand, dass sein Auftreten nicht frei von Selbstgefälligkeit und Geziertheit sei. Auch hat ihm später Vogt einen übermäßigen Gebrauch von Glacéhandschuhen vorgerückt.
Natürlich konnte der Beweis, dass Vogt bestochen sei, nicht geführt werden, der Staatsanwalt aber beantragte Abweisung der Klage, da das Bezirksgericht nicht zuständig sei und die Sache, wenn sie weiter verfolgt werden solle, vor das Schwurgericht zu bringen sei. So lautete denn auch der salomonische Gerichtsspruch, der am 29. Oktober verkündigt wurde.