Die omotischen Sprachen sind eine genetisch zusammengehörige Gruppe von Sprachen, die im nordöstlichen Afrika, fast ausschließlich im Südwesten Äthiopiens, gesprochen werden. Die meisten Wissenschaftler ordnen das Omotische als selbstständigen Hauptzweig der afroasiatischen Sprachfamilie ein. Es umfasst knapp 30 Sprachen mit etwa 4 Millionen Sprechern. Der Name ist vom Fluss Omo abgeleitet, der Teile der omotischsprachigen Gebiete durchfließt.
Soziolinguistische Situation Die meisten omotischen Sprachen werden in begrenzten Gebieten gesprochen, wobei die Muttersprachler nach eigener Ansicht sowie nach ethnologischen Kriterien eine geschlossene Ethnie bilden. Die Sprachen haben meist mehrere regionale Varietäten, die aber untereinander verständlich sind; in manchen Fällen wird eine Varietät von den Muttersprachlern als besonders „gut“ und „rein“ empfunden.SILESR 2002-029, 6 Die soziolektale Gliederung des Yem stellt innerhalb des Omotischen einen Einzelfall dar.Lamberti 1993, 25 ff. mit Literaturangaben In einigen Gegenden bilden omotische Sprachen regional begrenzt eine Verkehrssprache, in Märkten werden oft mehrere Sprachen gleichzeitig benutzt, weshalb in diesen Regionen die meisten Menschen zwei bis drei regionale Sprachen beherrschen.SILESR 2002-029, 9; Seyoum 2008, 3; anders beispielsweise bei den Yemma: SILESR 2002-053, 15 f. Als Unterrichts-, Missions-Seyoum 2008, 5 und Verwaltungssprache wird das Amharische angewendet, das aber nur begrenzt als Verkehrssprache Anwendung findet.SILESR 2002-029, 9 ; SILESR 2002-053, 7, 14 Keine omotische Sprache wird in größerem Maße für die Publikation gedruckter Werke verwendet, obwohl dies vor allem seit den 1990er Jahren von der Bevölkerung zunehmend gewünscht wird;SILESR 2002-034, 8 dafür besitzt das Yem ein eigenes Radioprogramm.SILESR 2002-053, 16 Die Einstellung gegenüber der eigenen Muttersprache ist oft positiv, der Erhalt wird gewünscht. Dennoch sind mehrere omotische Sprachen vom Aussterben bedroht, da durch Heiraten zwischen Stämmen weniger bedeutende Sprachen an Sprechern verlieren.
Forschungsgeschichte und Forschungsstand Die schriftliche Dokumentation und wissenschaftliche Erforschung der omotischen Sprachen begann erst im 19. Jahrhundert im Zuge des Kolonialismus und europäischer Forschungsreisen. So stellte Arnauld d'Abbadie 1868 die Verwandtschaft zweier Gonga-Sprachen fest;Arnauld d'Abbadie: Douze ans dans la haute Ethiopie. Paris 1868, 94; zitiert nach Lamberti 1993 (Boro), 18 1888 legte Leo Reinisch mit seinem Werk über das KaffaLeo Reinisch: Die Kafa-Sprache in Nordost-Afrika. (Abhandlungen der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaft, Band 116) Wien 1888. die erste linguistische Beschreibung einer omotischen Sprache vor. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelten dann vor allem italienische Wissenschaftler wie Martino Mario Moreno und Carlo Conti Rossini Daten zu weiteren Sprachen; dies wurde in den folgenden Jahrzehnten von anderen europäischen, zunehmend aber auch äthiopischen Wissenschaftlern fortgesetzt. Zwar hat sich der Forschungsstand in den letzten Jahrzehnten immer schneller verbessert, doch sind von vielen Sprachen nur sehr kurze und unvollständige Beschreibungen vorhanden. Hinzu kommt, dass viele oder alle omotischen Sprachen eine sehr komplexe Morphologie besitzen, deren Funktionsweise oftmals erst bei einer größeren Datenmenge verständlich wird, so dass vor allem im Bereich der Nominalflexion und des Verbalsystems viele Fragen bislang ungeklärt sind.
Klassifikation Interne Klassifikation Das Omotische wird nach der weitgehend anerkannten Klassifikation in drei Zweige aufgeteilt: das Nordomotische, das wesentlich kleinere Südomotische und das Mao. Das Südomotische (Aaroid) besteht aus nur drei Sprachen: dem Hamer-Banna, dem Aari (Ari) und dem Dime, die ein zusammenhängendes Gebiet nordöstlich des Turkanasees (Rudolfsees) und östlich des unteren Omo bilden und zusammen von etwa 210.000 Menschen gesprochen werden. Der größte Zweig des Nordomotischen ist das Gonga-Gimojan (ta-ne-Gruppe), zu dem etwa 15 Sprachen gehören, die im westlichen Äthiopien verstreut sind. Ebenfalls zum Nordomotischen gehört das Dizi-Sheko oder Dizoid mit drei Sprachen westlich des Omo. Das schlecht erforschte Mao, dem vier Sprachen an der äthiopisch-sudanesischen Grenze angehören, stellt nach den jüngeren Klassifikationen einen dritten Zweig des Omotischen dar. Nach Hayward 2003 (ähnlich Fleming 1976 und Bender 2000)S. 2, ein abweichender, bislang aber nicht allgemein anerkannter Vorschlag auf S. 202. hat das Omotische damit folgende interne Gliederung: ZweigeSprachenSprecherNord Gonga-Gimojan/Ta-NeGonga/KefoidNordBoro/Shinasa20.000ZentralAnfillo500SüdKaffa, Mocha620.000GimojanJanjeroYem/Janjero85.000GimiraBench, She175.000Ometo-Chara/Makro-OmetoCharaChara7.000WestBasketo60.000ZentralWolaytta, Gamo, Gofa, Dawro, Melo, Dorze, Oyda2,4 MillionenSüdMale55.000OstKoorete, Zayse-Zergulla, Kachama-Ganjule/Harro124.000Dizi-Sheko/DizoidDizi, Sheko, Nayi49.000MaoBambassi, Hozo, Seze, Ganza11.000SüdHamer-BannaHamer-Banna, (Kara)Als eigenständige Sprache angesehen von: Moges Yigezu: The Vowel System of Kara from a Historical-Comparative Perspective. In: Rainer Voigt (Hrsg.): „From beyond the mediterranean“. Akten des 7. Internationalen Semitohamitistenkongresses. Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3-8322-6340-9, S. 245–251.45.000AariAari160.000DimeDime7.000
Externe Klassifikation Omotisch als Zweig des Kuschitischen Den ersten Versuch zur externen Klassifikation omotischer Sprachen unternahm Leo Reinisch, der die ihm bekannten omotischen Sprachen noch nicht als genetische Einheit erkannte, sondern mit anderen Sprachen Nordostafrikas unter dem Namen „Hochkuschitisch“ als kuschitische und somit afroasiatische Sprachen einordnete. Mario Martino Moreno ordnete 1940 die omotischen Sprachen dann unter dem Namen „Westkuschitisch“ als selbstständigen Zweig des Kuschitischen ein, dem die übrigen kuschitischen Sprachen als „ani-ati-Sprachen“ gegenübergestellt wurden. Dies gründete sich auf Morenos Erkenntnis, dass sich das „Westkuschitische“ vom Rest des Kuschitischen in fundamentaler Weise unterscheidet. Die klassifikatorische Arbeit anderer Forscher wie Joseph Greenberg, der dem Kuschitischen das Südkuschitische hinzufügte, beließ Morenos Gliederung unverändert.
Omotisch als Hauptzweig des Afroasiatischen mini|Omotisch (Grün) innerhalb der Afroasiatischen Sprachen Aufgrund der fundamentalen Unterschiede, die das Omotische von den (anderen) kuschitischen Sprachen trennen, gliederte Harold C. Fleming 1969 das „Westkuschitische“ als „Aari-Kafa“ aus dem Kuschitischen aus und klassifizierte es als selbstständigen Zweig des Afroasiatischen. In Fleming 1976 entwickelte er seine Hypothese weiter und prägte in Anlehnung an den Fluss Omo den Namen „Omotisch“. Als Belege für den Status des Omotischen außerhalb des Kuschitischen nannte er unter anderem folgende Merkmale: Ergebnisse lexikostatistischer Untersuchungen omotischer und kuschitischer Sprachen, nach denen die kuschitischen Sprachen untereinander etwa 10 % des Lexikons gemeinsam haben sollen, während die Übereinstimmungen zwischen Kuschitisch und Omotisch unter 10 % liegen Fehlen der für das Kuschitische typischen Genusmarker k (maskulin) und t (feminin) im Omotischen geringe Übereinstimmungen bei den Personalpronomina Fehlen pharyngaler Laute im Omotischen Gleichzeitig nannte Fleming Isoglossen, die das Omotische als dem Afroasiatischen zugehörig erweisen sollten. Darunter befanden sich morphologische Übereinstimmungen (beispielsweise das Kausativsuffix -s und *n „wir“) und 21 lexikalische Übereinstimmungen aus dem Grundwortschatz. Die große Mehrzahl der Afrikanisten hat sich Flemings Hypothese angeschlossen, weitere Wissenschaftler unterstützten sie seitdem mit zusätzlichen Isoglossen aus dem lexikalischen und morphologischen Bereich; die folgende Tabelle liefert einige Beispiele hierfür: GrundbedeutungOmotischÄgyptischBerberischKuschitischSemitischTschadisch„sie“ Dizi iži -s, sj Tuareg -s Bedscha -h/-s Akkadisch -ša Hausa shiKausativaffix -s s- Tuareg s- Bedscha -s/s- Akkadisch š- Hausa -r/-sAffix für intransitive Verben -t Tuareg t- Somali -t Arabisch t- Bade -d„wir“ Dizi inu -n, n Tuareg n- Bedscha -n, n- Arabisch n-, -nā, -na„Knochen“Dime ḳusqs (*qĕ́s)Kabylisch iɣəsHausa ƙàshii„Name“Bench sumKabylisch isəmArabisch ismBole sun„Zunge, lecken“Dime lits'- „lecken“ns (*lĕ́s) „Zunge“Kabylisch iləs „Zunge“Akkadisch lišānu „Zunge“Bole lisìm „Zunge“
Die Stellung innerhalb des Afroasiatischen ist bislang nicht endgültig geklärt. Nicht zuletzt aufgrund der großen Unterschiede zwischen dem Omotischen und dem Rest des Afroasiatischen haben einige Wissenschaftler die Vermutung geäußert, das Omotische habe sich als erste Subfamilie vom Afroasiatischen abgespalten.Harold Fleming: Chadic External Relations. In: Ekkehard Wolff, Elke Meyer-Bahlburg (Hrsg.): Studies in Chadic and Afroasiatic Linguistics. Buske, Hamburg 1983, S. 17–31; Christopher Ehret: Reconstructing Proto-Afroasiatic (Proto-Afrasian): Vowels, Tone, Consonants, and Vocabulary. University of California Publications in Linguistics 126, California, Berkeley 1995, ISBN 0-520-09799-8. Andere vertreten eine nahe Verwandtschaft zwischen Omotisch und Kuschitisch.hierzu: Bender 2000, S. 1, 245–246
Sonstige Hypothesen Einige Forscher klassifizieren das Omotische weiterhin als Zweig des Kuschitischen, so liefert Marcello Lamberti in mehreren Arbeiten mögliche weitere Isoglossen.siehe besonders: Marcello Lamberti: Cushitic and its classifications. In: Anthropos 86, S. 552–561. 1991. Andere haben Zweifel an der Zugehörigkeit des Südomotischen zum Omotischen geäußert und rechnen es stattdessen zum Nilosaharanischen.A. Zaborski: West Cushitic – A Genetic Reality. In: Lingua Posnaniensis. Band XLVI, 2004, S. 173–186; Moges Yigezu: The Vowel System of Kara from a Historical-Comparative Perspective. In: Rainer Voigt (Hrsg.): „From beyond the mediterranean“. Akten des 7. Internationalen Semitohamitistenkongresses. Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3-8322-6340-9, S. 245–251, besonders S. 249; Harold Fleming: A grammatical sketch of Dime (Dim-Af) of the Lower Omo. In: Hayward 1990, S. 494–583, besonders S. 500. Dies wird beispielsweise durch die Personalpronomina des Südomotischen gestützt, die genetisch mit den nilosaharanischen Pronomina verwandt sein dürften (siehe den Abschnitt zu den Personalpronomina). 1982 äußerte Derek Elderkin die Vermutung, dass das Omotische gemeinsam mit dem Hadza eine Sprachfamilie bilde, die dann dem Afroasiatischen untergeordnet wäre.Derek Elderkin: On the classification of Hadza. In: Sprache und Geschichte in Afrika. Band 4 (1982), S. 67–82. Schließlich wird auch die Ansicht geäußert, die Ähnlichkeiten zwischen Omotisch und dem Rest des Afroasiatischen rechtfertigten nicht die Annahme einer genetischen Verwandtschaft, weshalb das Omotische als selbständige Sprachfamilie anzusehen sei.Rolf Theil: Is Omotic Afroasiatic? (PDF; 371 kB)
Sprachliche Charakteristik Allgemeines Die omotischen Sprachen besitzen eine teils agglutinierende, teils fusionale, fast ausschließlich suffigierende Morphologie: Agglutinierend: Yem am-se-f-∅-à gehen+Plural+Präsens+3. Person+Femininum „sie gehen“Mammo Girma: Yemsa Verb Morphology. Some Inflections and Derivations. 1986, zitiert nach Bender 2000, 120; Tonmarkierung nach den abweichenden Formen bei Lamberti 1993, 190 Fusional: Aari ʔíts-eka essen+3. Person Pl. Konverb „indem sie essen“Hayward 1990, zitiert nach Bender 2000, 171 Flexion durch suprasegmentale Morpheme findet sich in einzelnen Sprachen wie dem Dizi und dem Bench; historisch handelt es sich teilweise um Reflexe von Affixen: Bench sum˩ „Name“, sum-s˦ „nennen“