mini|Die Lage des Kastells am oberpannonischen Donaulimes. mini|Der Platz des Kastells Crumerum, das während der Freiheitskämpfe 1703–1711 vollständig überschanzt und dabei fast völlig zerstört wurde. Blick von Südwesten. mini|Fundamente einer nachrömischen Kapelle vor dem mutmaßlichen nördlichen Eckturm des Kastells. Bei ihrem Bau wurden römische Ziegel sekundär vermauert. Das Foto gibt einen Eindruck vom antiken Blick ins Barbaricum. Rechts ein Wall der barocken Schanze.

Das Kastell Crumerum war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus entlang der Donau zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die unmittelbar über dem Südufer entdeckten Reste des Kastells lagen in der östlichen Gemarkung der nordungarischen Gemeinde Nyergesújfalu (deutsch Sattel-Neudorf) im Komitat Komárom-Esztergom. Die antike Fortifikation wurde während der ungarischen Freiheitskämpfe (1703–1711) durch eine Festung aus riesigen Erdwerken vollständig überschanzt und dabei weitgehend zerstört. Heute sind an dieser Stelle keine römischen Baureste mehr zu sehen.

Lage Das Kastell Crumerum lag an der wichtigen römischen Heer- und Handelsstraße, die entlang des Donaulimes einige der bedeutendsten römischen Provinzstädte in Europa miteinander verband. Die Garnison hatte einen in vielen Phasen der römischen Geschichte Pannoniens bedrohten Limesabschnitt zu überwachen, da Rom mit dem am gegenüberliegenden Donauufer lebenden germanische Stamm der Quaden in einem Spannungsverhältnis lebte. Neben der Angriffslust der Quaden kam es oftmals auch zu Wortbrüchigkeiten und Verrat. Aufgrund der anhaltenden Gefahren aus dem Barbaricum entstand wenige Kilometer weiter westlich von Crumerum das Legionslager Brigetio.Legionslager Brigetio bei . Nordöstlich von Crumerum sicherte das Kastell Esztergom (Solva)Kastell Esztergom bei . die Flussgrenze. Im 4. Jahrhundert wurde zusätzlich weiter im Hinterland zwischen diesen beiden Garnisonen das Kastell TokodKastell Tokod bei . nahe einer wichtigen Straßenkreuzung errichtet. Südlich des Kastells Crumerum erhebt sich der höchste Bereich des west-östlich verlaufenden Bergstocks des Geißgebirges mit dem 634 Meter hohen Nagy-Gerecse. Das Land flacht nach Norden, zur ebenfalls west-östlich verlaufenden Donau hin, deutlich ab. Die Kastellanlage von Crumerum wurde in strategisch hervorragender Lage auf dem nach Westen und Norden steil abfallenden Sánc-Berg errichtet.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 63. Von dort aus konnte der unterhalb gelegene Fluss sowie das Grenzvorland sehr gut eingesehen werden. Seit der Antike erodierte die Nordwestecke der Anlage in die Donau.

Forschungsgeschichte Die antike Fundstelle war bereits vor den Freiheitskämpfen bekannt. Eine frühe kurze Beschreibung gab der englische Reiseschriftsteller Richard Pococke (1704–1765) ab, der zusammen mit seinem Cousin Jeremiah Milles (1714–1784) entlang der Donau unterwegs war. Auch wenn zu seiner Zeit die zwischenzeitlich bereits verfallenen neuzeitlichen Schanzen schon existierten, konnte er noch deutliche Spuren römischer Bautätigkeit feststellen:

Der Reisende konnte außerdem noch römische Inschriften aus dem Lagerbereich beschreiben. Im 20. Jahrhundert gelangen es, anhand von Luftbildaufnahmen Teile der Umwehrung sowie der Innenbauung sichtbar zu machen. Zudem führte der Archäologe Sándor Soproni (1926–1995) Vermessungen auf dem Kastellareal durch. Im 18. Jahrhundert schrieb der Geistliche und Gelehrte Stephan Schönwiesner (1738–1818), dass oberhalb von Neudorf noch deutliche römische Spuren zu sehen waren. Offizielle Ausgrabungen fanden bisher am Kastell Crumerum nicht statt.Márta Kelemen: Crumerum, Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki László Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 83.

Name Der Name Crumerum wird in zwei überlieferten antiken Schriften genannt, im Itinerarium Antonini,Itinerarium Antonini 246,2; 266,8. einem Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert, und dem spätantiken Staatshandbuch Notitia dignitatum.Notitia dignitatum occ. 33, 32. Einige Archäologen wie Endre Tóth und in seinem Sinne auch Zsolt Mráv zweifelten auch nicht an dem von Claudius Ptolemäus in seinem im Atlas Geographike Hyphegesis aus dem 2. Jahrhundert überlieferten Namen Κοῦρτα (Curta), der mutmaßlich aus Anlass der ersten politischen Provinzteilung zwischen 130 und 136 n. Chr. notiert wurde.Endre Tóth: Die ptolemäische Bestimmung der gemeinsamen Grenzen von Pannonia Superior und Inferior. In: Folia Archaeologica. 36 (1985), S. 85–98.Zsolt Mráv: Kaiserliche Bautätigkeit zur Zeit Hadrians in den Städten Pannoniens. In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae. 43, Nr. 1–2 (2003), S. 125–137; hier S. 136.Ptolemäus 2, 15, 5; 15, 4

Baugeschichte Soweit sich die Anlage über das alte Luftbild und eine illegale Ausgrabung der Porta praetoria – des Haupttores – erschließen lässt, besaß das im 2. Jahrhundert errichtete Kastell einen dem Quadrat angenäherten Grundriss mit einer Ausdehnung von rund 105 × 110 Metern.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 42. Einer der ergrabenen Tortürme besaß einen Meter starke Mauern und eine 1,5 × 1,5 Meter umfassende Innenabmessung. Die Tortürme sprangen leicht aus dem Mauerverband der Umwehrung hervor. Im 4. Jahrhundert erhielt die Anlage weit vorkragende, fächerförmige Ecktürme mit abgerundeter Front. Türme dieser Art sind typische Zutaten der Spätantike. Sie wurden an vielen Garnisonsorten entlang des mittleren Donaulimes beobachtet und können einer mehr oder minder langen, zusammenhängend organisierten Baukampagne zugeschrieben werden. Eine am Kastell Baracspuszta (Annamatia) aufgefundene Münze, die während der Herrschaft des Kaisers Konstantin II. (337–340) geprägt worden war, gilt als Beleg für den frühesten Zeitpunkt, an dem diese Turmform aufkam.Endre Tóth: Gruppe C. Festungen mit fächerförmigen Eck- und U-förmigen Zwischentürmen. In: Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien (= Archaeologiai Értesitő. 134). Budapest 2009, S. 44. Nach Ansicht der Archäologin Márta Kelemen wurde Crumerum bis zum Ende des 4. Jahrhunderts militärisch genutzt.Márta Kelemen: Crumerum, Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki László Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 84.

Truppe und Militärpersonal Folgende Einheiten lösten sich an diesem Standort in der genannten Reihenfolge ab: Zeitstellung Truppenname Bemerkung ab 110–118 oder 119 n. Chr.Cohors V Callaecorum Lucensium civium Romanorum Die ursprünglich in der Provinz Hispania Tarraconensis ausgehobene 5. Kohorte der Callaeker römischen Bürgerrechts wurde nach Ausweis eines Militärdiploms2. Juli 60 n. Chr.: . spätestens während der Regierungszeit des Kaisers Nero (54–68) an einen unbekannten Standort in Illyrien – der späteren Provinz Pannonien – verlegt und kam an einen bisher unbekannten Standort.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 33. Wohl zu Beginn der Regierungszeit des Kaisers Vespasian (69–79) ist die Truppe aus der zwischenzeitlich eingerichteten Provinz abgezogen und anschließend in der Provinz Noricum kaserniert worden.3. September 84 n. Chr.: .5. September 85 n. Chr.: .Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 29. Ein in Bratislava-Rusovce geborgenes Ziegelstempelfragment[C]oh(ortis) V Luc(ensium). könnte darauf hinweisen, dass die Callaeker dort in das Kastell Gerulata einquartiert wurden.Ludmilla Kraskovská: Ein Ziegel mit dem Stempel der Cohors V Lucensium aus Bratislava-Rusovce. In: Archeologické rozhledy. 41 (1989), S. 576–579; hier: S. 579. Nach Aussage des Archäologen und Epigraphikers Barnabás Lőrincz (1951–2012) wurde die Truppe nach der von Kaiser Trajan (98–117) befohlenen Teilung Pannoniens dem oberpannonischen Heer zugeteilt und kam nach Crumerum, was die weiter unten aufgeführten Inschriften sowie ein ZiegelstempelBarnabás Lőrincz: Ein Ziegelstempel der cohors V Callaecorum Lucensium aus Crumerum. In: Acta classica Universitatis Scientiarum Debreceniensis. 46 (2010), S. 79–82. deutlich bekräftigen. Auch eine Konstitution vom 2. Juli 133 erwähnt die Einheit – noch ohne den Ehrentitel civium Romanorum – in der Provinz Oberpannonien.. Der findet sich jedoch bereits für den 10. Juli 138.. Eine in Crumerum geborgene Ehreninschrift für Kaiser Septimius Severus (193–211), errichtet von den Callaekern selbst, datiert in die Zeit zwischen dem 10. Dezember 197 und dem 9. Dezember 198 n. Chr. In Zeile 15 der Inschrift wurde der Ehrenbeiname der Truppe, ANTON(iniana), nachträglich eingefügt.ubi erat lipa: 8091 Ehreninschrift für Kaiser Septimius Severus (); abgerufen am 10. Mai 2018 4. JahrhundertEquites promotiDer Einsatz dieser Reitertruppe ist durch die Notitia dignitatum belegt.

Während seiner zwischen 169/170 und 172 n. Chr. datierten Statthalterschaft von Oberpannonien stiftete Gaius Iulius Commodus Orfitianus den Nymphae Medicae einen Votivaltar:. Nymphis Medicis sacrum C(aius) Iulius Commodu[s] Orfitianus leg(atus) Aug(usti) pr(o) pr(aetore) v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)

Übersetzung: „Den Nymphae Medicae geweiht; Gaius Iulius Commodus Orfitianus, Statthalter, hat sein Gelübde gerne und nach Gebühr erfüllt.“

Die oben genannte, heute im katholischen Pfarrhaus vermauerte Statuenbasis mit Ehreninschrift, die die Cohors V Callaecorum Lucensium für Septimius Severus setzen ließ, gehörte einst sicherlich in den zentralen Kastellbereich. 1955 konnte aus dem Donaubett bei Crumerum ein der Göttin Fortuna Augusta geweihter Altar geborgen werden. Ihn hatte der Optio (Unteroffizier) Serratius Regulianus gemeinsam mit Furius Lucilianus, Aurelius Cogitatus und weiteren Stiftern errichtet. Lőrincz sah in den hier genannten Personen Soldaten der Cohors V Callaecorum Lucensium und verortete den Stein in die Zeit zwischen 200 und 250 n. Chr.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 242. 1978 fand sich in dem spätantiken Grab 5 die einen Reiter zeigende Grabinschrift des mit 76 Jahren verstorbenen Centenarius (Hundertschaftsführer) Aurelius Leonatius, dem seine Schola Centenariorum – die Vereinigung der Hundertschaftsführer – zwischen 200 und 260 n. Chr. den Grabstein setzte.Barnabás Lőrincz: Römische Inschriften aus Nordostpannonien. In: Endre Tóth, Ádám Szabó (Hrsg.): Pannonica provincialia et archaeologia. Studia sollemnia auctorum Hungarorum Eugenio Fitz octogenario dedicata. Libelli Archaeologici – Régészeti Füzetek Ser. Nov. 1. Budapest 2003. S. 249–262; hier S. 249.Péter Kovács: Tituli Romani in Hungaria Reperti. Supplementum (= Die römischen Inschriften Ungarns. 7). Enciklopédia Kiadó, Budapest 2005, ISBN 963-8477-82-2 = Habelt, Bonn 2005, ISBN 3-7749-3374-X, Nr. 101.

Ein Kommandeur (Praefectus cohortis) der Cohors V Callaecorum Lucensium, Antonius Iulianus Aulianus, stiftete im Kastell für Neptun und die Nymphen einen heute verschollenen Stein. Der Stein wird aufgrund der schwer entzifferbaren Titulierung während der Regierungszeit der Kaiser Commodus (180–192) oder Caracalla (211–217) entstanden sein..

Aus dem Kastell stammte auch der verschollene Altar des Terentius Iustus, eines Beneficiarius procuratoris, der als ausführende Hand des Finanzprokurators agierte..

Vicus und Gräberfeld