mini|hochkant=1.2|Zerstörte Häuser in Dinant, 1915 Am 23. August 1914 verübten deutsche Truppen in Belgien das Massaker von Dinant und töteten dabei 674 Zivilisten.Die Literatur geht üblicherweise von 674 Todesopfern aus. Abweichend Jeff Lipkes: Rehearsals, S. 271 – hier wird die Zahl 685 genannt. Zugleich wurden rund 1100Jeff Lipkes: Rehearsals, S. 271. bis 1300 der 1800 Häuser der Stadt zerstört.Angaben zu den zerstörten Gebäuden nach Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse, S. 203. Das Vorgehen der deutschen Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs erfolgte im Zuge ihres Marsches durch das zuvor neutrale Nachbarland.

Von August bis Oktober 1914 kamen in Belgien 5521 Zivilisten durch Hinrichtungen und zielgerichtete Zerstörungen von Ortschaften ums Leben,Siehe John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 121. das Massaker von Dinant war der größte dieser Gewaltausbrüche deutscher Soldaten gegen Zivilisten.Volker Ullrich: Krieg der Worte, Kampf der Bilder. In: Die Zeit, 24. Juni 2004. Die deutschen Offiziere und Soldaten rechtfertigten ihre Taten mit vermeintlichen Angriffen von Zivilisten beziehungsweise Freischärlern (Franctireurs), die Belgier bestritten derartige Angriffe vehement.

Im historischen Bewusstsein der Deutschen ist das Massaker kaum präsent. Sofern an die Gewaltausbrüche deutscher Truppen gegen belgische Zivilisten zu Beginn des Ersten Weltkriegs erinnert wird, stehen die Ereignisse von Dinant im Schatten der Gewalttaten in Löwen. Im englischen Sprachraum trug dieses deutsche Kriegsverbrechen mit zur Entstehung und Verbreitung des Propagandabegriffes Rape of Belgium (Schändung Belgiens) bei.

Ein Denkmal in der Innenstadt erinnert an das Schicksal der Getöteten von Dinant. 2001 bat die Bundesrepublik Deutschland bei den Nachkommen der damaligen Opfer um Entschuldigung.. In: Netzeitung, 6. Mai 2001.

Kontext Feldzugsplanung im Westen Der Schlieffen-Plan von 1905 sah als strategisches Konzept des Generalstabs der preußischen Armee vor, einen langwierigen Zweifrontenkrieg Deutschlands gegen Frankreich und Russland zu vermeiden. Gemäß diesem Plan sollte Frankreich in wenigen Wochen besiegt werden, um die militärischen Kräfte anschließend gegen Russland ins Feld zu führen und es zu bezwingen.

Seit den 1830er Jahren war die Neutralität Belgiens vertraglich festgelegt und durch die europäischen Großmächte garantiert. Der modifizierte Schlieffenplan sah jedoch vor, diese Neutralität zu missachten, um bei einem Kriegsausbruch die französischen Armeen mit einer großen Schwenkbewegung im Norden zu umgehen und anschließend von hinten zu stellen. Die deutschen Militärplaner erwarteten keinen nachhaltigen Widerstand der Belgier gegen die mit dem Plan verbundene Invasion und Besetzung ihres Landes.Zu Bedeutung Belgiens im Schlieffenplan siehe Lothar Wieland: Belgien 1914, S. 2.

Franctireurs hochkant=1.2|mini|Feldpostkarte mit Zeichnung eines angeblichen Franktireurüberfalls: Vom belgischen Kriegsschauplatz: Franktireurüberfall. Nach einer Originalzeichnung für die Illustrirte Zeitung [vom 21. August 1914] von Felix Schwormstädt mini|Deutsches Propagandagemälde von Hans Baluschek: Die Strafe (Franktireurs), veröffentlicht 1915 Viele Soldaten der deutschen Armeen marschierten in Frankreich und Belgien mit der Erwartung ein, nicht nur gegen reguläre Truppen kämpfen zu müssen, sondern auch gegen Zivilisten, die sie getarnt oder als Heckenschützen aus dem Hinterhalt angreifen würden. Diese Erwartung ging zurück auf Erfahrungen mit sogenannten Francs-tireurs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870–1871. Die Erinnerungen daran wurden in Militärkreisen vielfach überliefert.Siehe John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 215–218. Bereits vor Kriegsbeginn und vor Überschreiten der Landesgrenzen wurden die Truppen auf diese mögliche Gefahr eingestellt – „deutsche Offiziere rechneten aufgrund ihrer Ausbildung in einem kommenden Krieg fest mit einem Widerstand der Zivilbevölkerung und betrachteten diesen als ein Verbrechen“.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 225. Beispiele für entsprechende Annahmen vor dem Marschbefehl bei John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 199 f.

Innerhalb der ersten Wochen des Weltkrieges verbreiteten sich ungeprüfte Nachrichten über derartige Vorfälle rasch innerhalb der Armee und in der deutschen Presse.Vgl. Lothar Wieland: Belgien 1914, S. 19–23. Briefe von Soldaten an Angehörige und Bekannte berichteten vielfach von der Beschießung deutscher Truppen durch belgische Zivilisten. Auch Harry Graf Kessler glaubte, die Belgier würden einen Volkskrieg führen: „Furchtbar ist es aber, dass man so viele Zivilisten immer wieder bestrafen muss, weil sie auf unsere Leute feuern; dass ganze Ortschaften verbrannt und zerstört werden. Das giebt (sic!) grauenhafte, erschütternde Bilder und Erlebnisse.“Zitiert nach Günter Riederer: Einleitung, in: Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880–1937. Band 5. 1914–1916, Cotta, Stuttgart 2008, S. 29.

Bereits am 9. August 1914 verurteilten Kaiser Wilhelm II. und Karl von Bülow, Oberbefehlshaber der 2. Armee, den angeblichen Volkskrieg der Belgier gegen die deutschen Truppen.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 41.

Grundsätzlich sah die Haager Landkriegsordnung einen verbesserten Schutz von Zivilisten vor. Die Führung des deutschen Militärs war allerdings nicht gewillt, das in die Anweisungen für ihre Offiziere aufzunehmen. In der „Felddienstordnung“ von 1908 fehlte jeder Verweis auf die internationale Vereinbarung. Stattdessen wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen gegen eventuelle Überfälle aus der Zivilbevölkerung gefordert. Dazu gehörten Strafandrohungen gegen Einwohner, Geiselnahmen oder Offenhalten der Hauseingänge. Obgleich die Landkriegsordnung der Bevölkerung sehr wohl ein Widerstandsrecht einräumte, leugnete die Felddienstordnung dieses Recht faktisch. Ausbilder von Offizieren wiesen offen darauf hin, dass die deutsche Auffassung bestimmten Regelungen der Haager Landkriegsordnung widerspreche, dieser Auffassung aber Vorrang zu geben sei, denn sonst werde dem „Franktireurkrieg Tür und Tor geöffnet“.Zitiert nach John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 225. Zur mangelnden Umsetzung von Schutzbestimmungen der Haager Landkriegsordnung in deutschen Militärvorschriften siehe John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 222–228.

Einmarsch in Belgien Mit seinem Ultimatum an Belgien verlangte das Deutsche Reich am 2. August 1914 freien Durchzug für seine Truppen. Belgien erblickte darin einen Angriff auf seine Neutralität, Unabhängigkeit und Existenz. König Albert wies das Ultimatum am 3. August ab. In der Nacht zum 4. August überschritten deutsche Truppen die Grenze und drangen auf belgisches Staatsgebiet vor. Binnen weniger Wochen wuchs die Zahl der deutschen Soldaten, die sich in Belgien befanden oder es durchquerten, auf eine Million Mann an, eine Invasionsarmee von bislang beispiellosem Ausmaß.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 19.

mini|hochkant=1.2|links|Schützenlinie belgischer Infanterie bei Herstal, nordöstlich von Lüttich Trotz ihrer deutlichen numerischen Unterlegenheit leistete die belgische Armee in einem Ausmaß Widerstand, das die Invasoren überraschte. Sie konnte die Besetzung des Landes zwar nicht verhindern, verzögerte jedoch die Durchführung der deutschen Feldzugspläne. Die Schlacht um Lüttich (4. bis 16. August 1914) entwickelte sich zum ersten Kristallisationspunkt der belgischen Gegenwehr. Auch wenn diese Schlacht den deutschen Durchmarsch nicht verhinderte, hatte sie doch eine immense Bedeutung – sowohl für die Belgier als auch für ihre Gegner.Laurence van Ypersele: Belgien im „Grande Guerre“, in: APuZ, B 29–30/2004, S. 21–29, hier S. 22 (html-Version). Den Belgiern wurde deutlich, dass ihre Festungsbauten – der Festungsring Lüttich galt als uneinnehmbar – keinen ausreichenden Schutz vor Zerstörung durch modernstes Kriegsgerät wie die „Dicke Bertha“ boten. Viele deutsche Soldaten und Offiziere bestritten die Legitimität des Widerstandes der belgischen Armee. Verärgerung und Wut über diesen Widerstand sowie die Vorstellung von allgegenwärtigen Franctireurs führten zur Verteufelung der Bevölkerung Belgiens.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 33.

Zerstörungen und Tötungen von Zivilisten

Während des wochenlangen Bewegungskrieges in Belgien verübten deutsche Soldaten in vielen Orten Gewalttaten gegen Zivilisten. Insgesamt 484 solcher Zwischenfälle mit zusammen 5521 Toten standen in direktem Zusammenhang mit militärischen Kampfhandlungen oder mit Panikreaktionen deutscher Soldaten (unter anderem als Folge von Eigenbeschuss). Vielfach waren solche Gewaltausbrüche Vergeltungsmaßnahmen für erlittene Rückschläge, Verluste oder vermeintliche Franctireur-Angriffe.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 120 f. Die Zivilisten kamen bei Einzel- und Massenerschießungen, als menschliche Schutzschilde, als Geiseln oder im Zuge von Vertreibungen, Deportationen und Brandstiftungen um.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 123 f.

Zu Ausschreitungen mit jeweils mehr als 100 Todesopfern kam es in Soumagne (5. August, 118 Tote), Mélen (8. August, 108 Tote), Aarschot (19. August, 156 Tote), Andenne (20. August, 262 Tote), Tamines (22. August, 383 Tote), Ethe (23. August, 218 Tote), Dinant (23. August, 674 Tote), Löwen (25. August, 248 Tote) und Arlon (26. August, 133 Tote). Fast immer wurden Häuser zerstört, oft durch vorsätzliche Brandstiftung.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 122 f. Im Zuge der Ausschreitungen mit mehr als 100 Toten wurden zusammen 4433 Gebäude zerstört.Alle Zahlen der Todesopfer und zerstörten Gebäude nach John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 636–647. „Während dieser ersten Kriegswochen führte das deutsche Oberkommando ein Terrorregime gegen die Zivilbevölkerung“, urteilt die belgische Historikerin Laurence van Ypersele.Laurence van Ypersele: Belgien im „Grande Guerre“, in: APuZ, B 29–30/2004, S. 21–29, hier S. 23 (html-Version).

Massaker und Zerstörung des Ortes Erste Gefechte in Dinant mini|hochkant=1.2|links|Dinant vor der Zerstörung, 1914 Dinant zählte im August 1914 rund 7000 Einwohner. Damit war sie die zweitgrößte Stadt der Provinz Namur. Der Ort liegt an der Maas, etwa 30 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Namur (wo Maas und Sambre zusammenfließen), und nur 20 Kilometer von der französischen Grenze bei Givet entfernt. Die Ortschaft war für die Überquerung der Maas strategisch bedeutsam. Der Fluss fließt hier in nördlicher Richtung, quer zur damaligen Marschroute der Deutschen. Oft nur wenige hundert Meter breit, erstreckte sich die Stadt auf rund vier Kilometern Länge am Ostufer des Flusses. Nach Osten begrenzten sie steile Felswände; das der Stadt gegenüberliegende Westufer war an vielen Stellen mit Hecken und Wäldern bewachsen.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914, S. 72 f.

Wie viele seiner belgischen Amtskollegen forderte der Bürgermeister Dinants Anfang August 1914 die Einwohner öffentlich auf, sich nicht an militärischen Auseinandersetzungen zu beteiligen sowie Waffen und Munition bei der Polizei abzugeben. Auch Versammlungen und Demonstrationen zur Unterstützung der belgischen Armee und der Alliierten verbot er vorsorglich.Jeff Lipkes: Rehearsals, S. 257.

mini|Deutscher Vormarsch durch Belgien und Situation um den 20. August 1914 Die französische 5. Armee unter Charles Lanrezac hatte, nachdem der zahlenmäßig bedeutsame deutsche Einmarsch in Belgien offensichtlich geworden war, Erlaubnis erhalten, auf belgisches Territorium vorzumarschieren, wo sie im Raum des Sambre-Maas-Dreiecks Stellungen bezog. Der Maas-Übergang bei Dinant wurde von Truppen des französischen I. Korps unter Louis Félix Marie Franchet d’Espèrey verteidigt.