Die ur- und frühgeschichtliche Terminologie und Systematik in der prähistorischen Archäologie ist zwar weder verbindlich noch überall und bei jedem Wissenschaftler und in jeder Publikation gleichermaßen gebräuchlich, also relativ uneinheitlich, doch haben sich, bei allen kaum zu vermeidenden Unschärfen und Unsicherheiten im Einzelnen, international einige allgemeine Konventionen der Terminologie wie auch der chronologischen, kulturhistorischen und archäologisch-grabungstechnischen Systematik und Periodik herausgebildet, einschließlich von zeitlich und/oder kulturell definierten Subsystemen, die die großen Ordnungsraster wie etwa das Dreiperiodensystem lokal und regional nach verschiedenen Kriterien weiter unterteilen oder sie dort ersetzen, wo sie nicht anwendbar sind.
Entsprechend wird zunächst als übergeordneter Aspekt der Kulturbegriff in der prähistorischen Archäologie geschildert, wie er vor allem im deutschen Sprachraum gebräuchlich ist. Es folgt die ausführliche Darstellung von Terminologie und Systemstruktur der prähistorischen Chronologie und Periodik. Fund- und Befundsystematik und die daraus erschlossenen archäologischen Einteilungsprinzipien sowie die Werkzeugklassifikation und deren verschiedene Systeme sind ein weiterer Schwerpunkt. Eine ausführliche Übersicht über die außereuropäischen Periodika und Systematiken, die nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten im Rahmen des Dreiperiodensystems darstellbar sind, bildet den Abschluss.
Der Kulturbegriff in der Urgeschichte mini|Die Kulturkarte der Welt nach Inglehart-Welzel; sie zeigt die Komplexität des Kulturbegriffes, indem sie Überlebens- und Selbstentfaltungswerte gegen traditionelle und säkular-rationale Werte in einem Kartendiagramm gegeneinander aufträgt.
Begriff Der Begriff „Kultur“ wurde von Johann Gottfried Herder zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner heutigen Bedeutung endgültig etabliert und als regional und zeitlich abgrenzbarer Zustand von Gesellschaften definiert.Martin Gessmann (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 23. Auflage. WBG, Darmstadt/Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-01323-1, S. 415 f. Nach der Definition der Encyclopædia Britannica ist KulturBd. 3, S. 784. ein „integratives Muster aus menschlichem Wissen, Glauben und Verhaltensweisen. Kultur besteht so gesehen aus Sprache, Ideen, Glauben, Brauchtum, Tabus, Codes, Institutionen, Werkzeugen, Techniken, Kunstwerken, Ritualen, Zeremonien und anderen verwandten Elementen. Die Entwicklung von Kultur hängt von der Lernfähigkeit des Menschen ab und seinen Möglichkeiten, Wissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben.“ Es ist dies also das multifaktorielle Kulturkonzept, das in der klassischen Geschichtsforschung als regionale und zeitliche Deutungseinheit dieser und anderer, etwa ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Aspekte benutzt wird. In der Urgeschichte allerdings, wie sie der Archäologe rekonstruieren kann, fehlen fast alle dieser immateriellen Aspekte, da sie nicht konkret nachgewiesen, allenfalls hie und da auf der Basis heikler ethnologischer Parallelen analogistisch geschlussfolgert werden können, ein wissenschaftlich höchst umstrittenes Verfahren.Müller-Karpe: Altsteinzeit. 2. Auflage. 1977, S. 32.Sherratt: Cambridge Enzyklopädie der Archäologie. 1980, S. 36 f.
Problematik Der Begriff Kultur kann daher in der Ur- und teilweise auch noch in der Frühgeschichte, vor allem jedoch in der Alt- und Mittelsteinzeit, aufgrund der Befundlage nur im Sinne von „materieller Kultur“ verwendet werden. Nur diese ist durch Werkzeuge und andere erhaltene Artefakte bekannt, und selbst dies nur in unrepräsentativen Ausschnitten, bei denen vor allem spätneolithisch und frühgeschichtlich meist die Oberschicht überrepräsentiert ist. Nur selten wie z. B. bei Höhlenmalereien etwa der Frankokantabrischen Höhlenkunst oder des Ural, der Felsbilder der Sahara, Namibias oder Australiens, Plastiken wie die Venusfigurinen oder bei den vereinzelten paläolithischen Bestattungen (z. B. Shanidar-Höhle, La Ferrassie, Monte Circeo, Sungir, Unterwisternitz, Prednost, Ofnethöhle usw.Hoffmann: Lexikon der Altsteinzeit, 1999, S. 48–51.) sind darüber hinausgehende Äußerungen erhalten, bei denen der moderne Kunstbegriff nur in einem stark erweiterten Sinne anwendbar ist. Folgerungen zur immateriellen Kultur etwa zu Religion im Paläolithikum und Schamanismus können deshalb nur sehr zurückhaltend getroffen werden; und besonders hier sind deshalb auch die wissenschaftlichen Kontroversen stark ausgeprägt.Müller-Beck: Die Anfänge der Kunst vor 30000 Jahren, 1987, S. 9 f., 20 ff. Außerdem hängt die Interpretation solcher Zeugnisse und Funde insbesondere von den privat, wissenschaftlich oder gesellschaftlich vorgeformten Vorstellungen des Archäologen über die betreffende Gesellschaft ab. Auch die jeweils angewandten Grabungs- und Sondierungsmethoden bilden einen wesentlichen Faktor, da die Archäologie sich früher eher auf monumentale Bauten oder reich ausgestattete Gräber konzentrierte.Sherratt: Cambridge Enzyklopädie der Archäologie, 1980, S. 43 ff. Von besonderer Bedeutung sind zudem geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Konzepte und „Überbauten“, wie sie die Kulturkreislehre,Eggert: Prähistorische Archäologie, 2012, S. 296–299, 318. die Kulturanthropologie oder die Ethnoarchäologie darstellen, wobei vor allem Letztere durch pseudoethnische Parallelisierungen und heikle Analogiebildungen zahlreiche interpretative Fallstricke bereithält.Ausführliche Darstellung s. Eggert: Prähistorische Archäologie, 2012, S. 330–381. Den ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekt von Kultur und Zivilisation, die er beide als gleichwertige Begriffe behandelt, hat neuerdings Tomáš Sedláček unter anderem auch für frühgeschichtliche Vorgänge untersucht.In: Die Ökonomie von Gut und Böse. S. 40, 44, 48 ff., 152 f. Die Kulturanthropologie wiederum ist vor allem seit dem 19. Jahrhundert, als sie entstand, insbesondere nach Charles Darwin und im politisch-ökonomischen Umfeld des europäischen Imperialismus von besonders virulenten Entwicklungsgedanken geprägt gewesen. Das Ergebnis solcher Gedanken waren sogenannte „Kulturstufen“. Der Ethnologe Wolfgang Marschall schreibt dazu in der Einleitung der von ihm herausgegebenen Anthologie: Klassiker der KulturanthropologieWolfgang Marschall (Hrsg.): Klassiker der Kulturanthropologie: von Montaigne bis Margaret Mead. C. H. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34100-4, S. 10. „Dass die Archäologie im 19. Jahrhundert es ermöglichte, aus der Aufeinanderfolge verschiedener Objektformen in den Grabungsschichten eine Chronologie und Entwicklungsgeschichte zu konstruieren, bestärkte das entwicklungsgeschichtliche Denken jenes Jahrhunderts.“ Dieses sei aber bereits vorher als geistesgeschichtliche Tendenz vorhanden gewesen, wie die berühmte, 1789 gehaltene akademische Antrittsrede Friedrich Schillers Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? deutlich zeige, in der unter anderem von Völkerschaften die Rede sei, die auf mannigfaltigen Stufen der Bildung um uns herum gelagert seien „wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals gewesen und wovon er ausgegangen ist“, rohe Völkerstämme, die eine weise Hand uns für den Zeitpunkt aufgespart habe „wo wir in unserer eigenen Kultur würden weit genug fortgeschritten sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts auf diesem Spiegel wieder herzustellen.“In: Friedrich Schiller: Werke in drei Bänden. Bd. II: Historische Schriften. Carl Hanser Verlag, München 1966, S. 13.
Man kann den Begriff der „Kultur“ in urgeschichtlichen Zusammenhängen daher allenfalls als popularisierende Bezeichnung von Fundkomplexen verwenden und sollte ihn am besten vermeiden, vor allem wenn man die Definition der Brockhaus-Enzyklopädie zugrunde legt, dass „dieser Kulturbegriff nicht nur das jeweils Gemachte, Hergestellte und Künstliche betont, sondern auch das jeweils moralisch Gute der Kultur anspricht“.Brockhaus, Bd. 12, S. 580. Da der Kulturbegriff in der Anthropologie, Sozialpsychologie und Ethnologie ganz eigene Definitionen besitzt, bringt er die für präzise Abgrenzungen notwendigen Voraussetzungen in rein archäologischen Zusammenhängen nicht mit. Dazu kommt, dass Fundinventare aufgrund des Erhaltungspotentials zwar einen wesentlichen Teil, aber bei weitem nicht den einzigen oder gar repräsentativen Zustand von Kulturen auch des Paläolithikums darstellen.Hoffmann: Lexikon der Steinzeit, 1999, S. 221.
Im Deutschen, wo dennoch der Kulturbegriff immer noch häufig und eher traditionell bei der Bezeichnung von Technokomplexen verwendet wird, kommt hinzu, dass er geistesgeschichtlich besonders aufgeladen ist und anders verwendet wird als international üblich, nämlich als übergeordnete, positive Bezeichnung, während in anderen Sprachen, vor allem im Englischen und Französischen, „Zivilisation“, ein im Deutschen eher negativ besetzter Terminus, entweder gleichberechtigt verwendet wird, eher aber als der übergeordnete Begriff gilt und Kultur eine spezifizierte, regionale oder zeitliche Unterordnung davon bezeichnet.Brockhaus, Bd. 12, S. 581 f., Bd. 24, S. 578 f.Vgl. dazu auch die Anmerkung des Übersetzers am Ende des Vorworts zu Samuel P. Huntingtons: Kampf der Kulturen, 6. Auflage. Europaverlag, München 1997, ISBN 3-203-78001-1, S. 14.Eine ausführliche Darstellung des Kulturbegriffs und seiner unterschiedlichen Aspekte in der prähistorischen Archäologie findet sich in Eggert: Prähistorische Archäologie. 2012, S. 12–17, 41 ff., 305–318.
Mögliche Anwendung Die ganz großen Perioden des Dreiperiodensystems wie Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit sowie ihre Untergliederungen sowie in Afrika das Early, Middle oder Later Stone Age etc. waren stets zu uneinheitlich und die Kenntnisse darüber sind immer noch zu lückenhaft, um sie als Kultur zu kennzeichnen. Sie gelten daher neutral und wegen ihrer rein zeitlichen Konzeption als „Perioden“ (daher auch Drei„perioden“system). Doch bezeichnete man früher einen größeren überregionalen Komplex innerhalb dieser Perioden mit sehr langer Dauer wie das Acheuléen oder Moustérien dennoch gerne als „Kultur“ unter der oben einleitend genannten Einschränkung der rein materiellen Kultur selbst bei Vorhandensein potentiell ergänzender Phänomene wie „frühe Kunst“. Es gibt dabei auch den Begriff Archäologische Kultur, der allerdings in der Wissenschaft nicht unumstritten ist.Eggergt, S. 304–318, 326. Man verwendet auch bei solchen Großperioden inzwischen meist „Technokomplex“ und unterteilt diese in „Industrien“. Bezieht man sich vor allem auf die Werkzeuge einzelner Fundstätten, sagt man „Inventar“ (siehe Fundkomplexe nach John Desmond Clark), wobei zwischen diesen drei Grundbegriffen vor allem im archäologischen Kontext systemisch unterschiedliche Gewichtungen und Beziehungen bestehen.