mini|Lage des Kastells am DIRL (Rheinlinie) mini|Ansicht der Burg Sponeck aus dem 19. Jahrhundert mini|Konservierte Mauerreste des Kastells vor der Burg Sponeck mini|Nordöstlicher Eck- oder Torturm mini|Befundplan des Kastells mini|Fundskizze einer alamannischen Silberfibel aus dem Gräberfeld am Sponeck
Kastell Sasbach-Jechtingen ist ein ehemaliges spätrömisches Militärlager auf dem heutigen Gebiet der Gemeinde Sasbach am Kaiserstuhl-Ortsteil Jechtingen im Landkreis Emmendingen, Baden-Württemberg.
Das Lager zählte zu den zahlreichen kleineren, unter Kaiser Valentinian I. errichteten Befestigungsanlagen in der Endphase der römischen Herrschaft über die Rheinprovinzen. Es war Teil der Kastellkette des Donau-Iller-Rhein-Limes (DIRL) in der römischen Provinz Maxima Sequanorum. Das Lager war vermutlich vom 4. bis in das 5. Jahrhundert mit römischen Truppen belegt, die für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben an diesem Abschnitt der Rheingrenze (ripa) zuständig waren. Die Befestigung wurde nach deren Abzug von Alamannen und Franken besetzt. Der Nachfolgebau, die mittelalterliche Burg Sponeck, wurde direkt über den Resten der spätantiken Anlage errichtet.
Name Der antike Name des Kastells ist unbekannt. Rückschlüsse auf diese Zeitperiode lassen sich nur aus dem heutigen Ortsnamen beziehen. Die Ortschaft „Uchtingen“ wird zum ersten Mal im Jahr 1284 urkundlich erwähnt. Das „dorf ze Üchtingen“ wurde in den darauffolgenden Jahrhunderten zu „Ütingen“, „Ühtingen“, „Úhtingen“, „Úchtingen“, verschliffen, der heute gebräuchliche Namen Jechtingen taucht um 1551 erstmals in Breisgauer Archiven auf. Die Endung -ingen verweist auf einem Personennamen und leitet sich wahrscheinlich von „bei den Angehörigen des Uchto“ ab. Es ist möglich, dass nach Abzug der Römer ein alamannischer Stammesführer dieses Namens auf dem Sponeck seine Residenz hatte.
Lage Das Kastell war nicht – wie bei den meisten Limesbefestigungen üblich – am linken Ufer des Stroms, sondern am rechten errichtet worden. Es lag strategisch günstig auf einem sich westlich der Ortschaft Sasbach befindlichen, in der Antike noch an seiner Nord- und Westseite vom Rhein umflossenen, ca. 25 Meter hohen Sponeck. Das nordwestliche Ende des Kaiserstuhls wird vom Humberg gebildet, der wiederum im Sponeck ausläuft. Die Landschaft zwischen dem Felssporn und dem Rheinufer war in der Antike noch von dichten, weitläufigen Auwäldern und mäandernden Flussarmen geprägt.Seitz/Zagermann: 2005, S. 207. Der Zugang zum Felsplateau war nur von Osten aus möglich und wurde zusätzlich durch einen kleinen Hügel erschwert. Durch die Rheinregulierung Johann Gottfried Tullas im frühen 19. Jahrhundert wurde das Strombett um etwa 200 Meter nach Westen verlagert. Am Felssporn fließt heute nur mehr ein schmaler Altarm des Rheins vorbei.Roksana M. Svoboda: 1977, S. 123.
Datierung Die Anlage wurde vermutlich um 370, in der Regierungszeit des Kaisers Valentinian I. (364–375), im Zuge der letzten Ausbau- und Verstärkungsmaßnahmen des Rheinlimes errichtet. Das in den 1970er Jahren geborgene römische und germanische Fundmaterial (Argonnen-Sigillata, Mayener oder Eifel-Keramik, darunter einglättverzierte Terra Nigra,Helmut Bender, Gerhard Pohl: Der Münsterberg in Breisach. Band I: Römische Zeit und Frühmittelalter (= Veröffentlichung der Kommission zur Archäologischen Erforschung des Spätrömischen Raetien der Bayerischen Akademie der Wissenschaften). C. H. Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-406-10756-7, S. 280. ein Beinkamm, Pfeilspitzen, sechs Münzen) wurde fast ausnahmslos in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. datiert. Bei einer Neubewertung des Materials konnte Uwe Gross jedoch zeigen, dass das Fundspektrum nicht wie zuvor angenommen im frühen 5. Jahrhundert n. Chr. endet, sondern sich bis in die späte Phase dieses Jahrhunderts erstreckt.Gross 2012.
Funktion Die Befestigung diente aber wohl in erster Linie der Kontrolle der Römerstraße durch das Zartener Becken, die hier, westlich von Jechtingen, den Rhein querte und eine wichtige Verbindungsroute in den Schwarzwald und nach Osten war. Dieser stark frequentierte Übergang war, neben Furten bei Breisach im Süden und bei Sasbach im Norden, eine weitere Möglichkeit, den Rhein relativ sicher und rasch zu überschreiten. Vermutlich existierte hier damals auch eine Brücke.Mit dem Besitz der Burg Sponeck war auch in späterer Zeit noch das Recht der Fährgelderhebung für die Überfahrt über dem Rhein verbunden. Gerhard Fingerlin: 1998, S. 103. Die Besatzung hatte von diesem Punkt aus einen guten Überblick über die von Oedenburg-Altkirch/Argentovaria heranführende Limesstraße am südlichen Rheinufer, die Auwälder und auch eine Sichtverbindung zu den nächstgelegenen römischen Militärstützpunkten. Das Lager sicherte in weiterer Folge, gemeinsam mit zwei weiteren Posten, dem südlich gelegenen Kastell bei Breisach/Mons Brisiacus und den im heutigen Elsass liegenden Lager von Oedenburg-Altkirch, diesen Limesabschnitt gegen germanische Invasoren, insbesondere gegen die Alamannen, die sich zur damaligen Zeit auch schon im Breisgau niedergelassen hatten. Das Kastell war somit auch ein befestigter Brückenkopf in einem Aufmarschgebietes für potentielle Eindringlinge und diente wohl auch zur Beobachtung des Vorfeldes bzw. der alamannischen Höhensiedlungen.Helmut Bender: 2005, S. 324
Entwicklung Wie archäologische Funde belegen, ist das Gebiet zwischen Hochberg und Rhein schon seit der Jungsteinzeit von Menschen besiedelt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich hier bis zur Ankunft der Römer eine keltische Siedlung befand. Am Sponeck führte schon seit frührömischer Zeit eine Straßenverbindung über den Fluss, die für die Römer von großer militärischer Bedeutung waren. Bei Sasbach existierte in der frühen Kaiserzeit auch ein Holz-Erde-Kastell, dass von der Legio XXI Rapax errichtet worden war.Helmut Bender: 2005, S. 298–332
In den Jahren um 260 wurde der obergermanisch-rätische Limes von den Römern aufgegeben (Limesfall). In den folgenden Jahrzehnten wanderten in größerer Zahl Alamannen in das Dekumatenland ein, das mehr als 200 Jahre lang unter römischer Herrschaft gestanden hatte. Nach den unruhigen Jahrzehnten der sogenannten „Reichskrise des 3. Jahrhunderts“ stabilisierte sich die Lage an Oberrhein, Hochrhein, Bodensee, Iller und Donau wieder. Hier entstand eine neue Grenzlinie, die ab dem späten 3. Jahrhundert für die nächsten 100 Jahre durch den schrittweisen Aufbau einer Kastellkette, den sogenannten Donau-Iller-Rhein-Limes, gesichert und überwacht wurde. Trotzdem unternahmen den Alamannen wiederholt Einbrüche ins Reichsgebiet, da sie dabei häufig auch von den inneren Machtkämpfen der Römer profitieren konnten, die meist mit einem Abzug von Grenztruppen verbunden waren. In den Quellen wird aber auch von erfolgreichen Gegenmaßnahmen und Strafexpeditionen der römischen Armee berichtet. Die Ausgangspunkte solcher Rachefeldzüge waren die größeren Städte und Truppenstandorte, die gleichzeitig das Rückgrat der Grenzverteidigung bildeten:
Straßburg/Argentorate, Colmar/Columbarium, Kaiseraugst/Castrum Rauracense, Konstanz/Constantia.
Im späten 4. Jahrhundert wurde eine umfassende Reorganisation und Verstärkung der Grenzverteidigung notwendig, da es den Alamannen unter ihrem Heerführer Rando 368 bei einem Raubzug sogar gelungen war, die Provinzhauptstadt der Germania I, Mogontiacum, zu plündern. Dies erfolgte im Wesentlichen durch den Neubau und der Verstärkung von Wachtürmen (am Hochrhein), kleinen burgi und Kastellen unter Kaiser Valentinian I. (364–375 n. Chr.); er war der letzte Festungsbauer am Rheinlimes. Auch der Umbau des konstantinischen Kastells auf dem Münsterberg in Breisach, von wo aus der Kaiser im Jahr 369 vermutlich persönlich die Baumaßnahmen an diesem Limesabschnitt organisierte, und die Errichtung des Lagers auf dem Sponecker Felsen erfolgten in dieser Zeit.Gerhard Fingerlin: 1998, S. 104. Der Historiker Ammianus Marcellinus berichtete in seinem Geschichtswerk Res Gestae detailliert von den Bautätigkeiten am Rheinlimes:
Ähnliches berichtet er in einer anderen Passage:
Schon wenige Jahre nach seiner Errichtung stand das Kastell im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse. 378 durchbrachen die alamannischen Lentienser – entweder direkt beim Sponeck-Übergang oder bei Breisach – erneut den Rheinlimes, verwüsteten die Grenzgebiete und versuchten weiter ins Innere Galliens vorzudringen. Möglicherweise wurde damals auch das Kastell zerstört bzw. beschädigt, wie eine Brandschicht im NO-Turm annehmen lässt. Die Angreifer wurden aber bald durch Kaiser Gratian und seine fränkischen Generäle nach der Schlacht bei Argentovaria wieder über den Rhein zurückgeworfen, was ihn jedoch daran hinderte, noch rechtzeitig seinen im Osten des Reiches regierenden Onkel, Valens, gegen die Goten und Alanen zu Hilfe zu kommen, die ihn daraufhin in der Schlacht von Adrianopel töteten. Gratian überquerte auch den Rhein, um das Siedlungsgebiet der Lentienser zu verwüsten. Es war das letzte Mal, dass eine römische Armee im Barbaricum operierte. Das Kastell auf dem Sponeck wurde danach wieder rasch in Stand gesetzt und erneut bemannt.Gerhard Fingerlin: 1998, S. 106, Lothar Bakker: 1998, S. 117.
Nach der Fundlage innerhalb des Kastells und des nordöstlich angelegten Gräberfeldes zu schließen, war das Kastell auch nach dem Abzug der Grenztruppen im mittleren 5. Jahrhundert belegt. Da die römische Sponeck-Befestigung dem Fundmaterial nach zu urteilen noch zumindest eine Generation lang fortbestand, könnte sie Teil eines Versuches gewesen sein, die Sicherung der Rheingrenze trotz der Aufgabe des Rheinlimes durch die römische Reichsregierung nun auf regionaler Basis fortzusetzen. Damit könnte sie mit dafür verantwortlich sein, dass während des gesamten 5. Jahrhunderts kaum eine alamannische Ansiedlung im Linksrheinischen erfolgte. Im Frühmittelalter dürfte das Lager endgültig verlassen worden sein und verfiel. Der Sponeck wurde erst im Spätmittelalter wieder mit einer Höhenburg befestigt, dabei wurde das Kastell zum größten Teil zerstört. Das benachbarte Sasbach war zur Merowingerzeit wohl eine Art Herrenhof mit militärischer administrativer Funktion. Nach Gerhard Fingerlin ist für diesen Ort in karolingisch-ottonischer Zeit auch ein königlicher fiscus belegt.Marcus Zagermann: 2008, S. 165–185; Gross 2012, S. 36.
Forschungsgeschichte Römische Funde auf dem Sponeck sind seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt. 1973 wurden bei einer Feldbegehung in Verbindung mit den Ausgrabungen in Breisach (Münsterberg) am Steilhang des Vorgeländes der Burg Sponeck die ersten Spuren von antiken Mauerresten entdeckt. 1975 förderten die Grabungen weitere Abschnitte der Kastellmauer zutage. Diese lagen außerhalb des Burgareals und waren deswegen noch gut erhalten. Im Mai 1976 begannen im Auftrag des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg die ersten systematischen Ausgrabungen, die von Archäologen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt wurden. Bei den Grabungen konnten die Reste der südöstlichen Umfassungsmauern und Teile eines zentralen Turmbaues freigelegt werden. Auch der Innenbereich konnte untersucht werden, der größte Teil der Bebauung in diesem Sektor war aber schon im Mittelalter durch den Aushub des Burggrabens restlos beseitigt worden.Roksana M. Svoboda: 1977, S. 124.
Kastell Die Festung bedeckte vermutlich eine Fläche von ca. 0,5 ha und war damit deutlich kleiner als das benachbarte Kastell von Breisach. Es ist somit wohl nicht als Garnisonsstandort, sondern eher als Kleinkastell bzw. Wachtposten anzusehen.Gerhard Fingerlein: 1998, S. 104. Der sehr unregelmäßige Grundriss der Anlage glich dem einer mittelalterlichen Burg und passte sich weitgehend dem Gegebenheiten am Sponeckplateau an. Da die römischen Ingenieure alle sich bietenden Vorteile der örtlichen Topographie so gut wie möglich ausgenutzt hatten, war ein Angriff nur von Osten her möglich.