miniatur|rechts|William Cameron Townsend; Bibelübersetzer, Gründer der Wycliff-Bibelübersetzer und des SIL William Cameron Townsend (* 9. Juli 1896 in Eastvale, Kalifornien; † 23. April 1982 in Waxhaw, North Carolina) war ein bekannter amerikanischer Missionar, der im frühen 20. Jahrhundert seine Tätigkeit aufnahm. Er gründete zwei Organisationen, die sich bis heute hauptsächlich der Bibelübersetzung für Sprachminderheiten widmen: das Summer Institute of Linguistics (heute: SIL International) und die Wycliff Bibelübersetzer. Daneben unterstützen sie die Alphabetisierung und Bildung unter Angehörigen von Minderheitensprachen.

Nur wenige unabhängige Quellen berichten Genaueres über William „Cam“ Townsend vor seiner Zeit als Missionar im Ausland. Geboren wurde er 1896 in eine Familie der unteren Mittelschicht in Südkalifornien. Er besuchte die Compton High School in Südkalifornien und das Occidental College in Los Angeles, verließ es aber, um mehrere Jahre als Verkäufer für das Los Angeles Bible House zu arbeiten.Eunice Victoria Pike, in: A William Cameron Townsend, in: El Vigesimoquinto Aniversario Del Instituto Linguistico de Verano, La Tipografica Indigena Cuernavaca, Mexico 1961, S. 3–4.

Townsend war mit Elvira Malmstrom verheiratet (* 1919; † 1944), mit der er vier Kinder hatte. 1946 heiratete er Elaine Mielke (* 1915; † 2007).

Die Arbeit in Guatemala miniatur|140px|William C. Townsend im Occidental College, Kalifornien, 1917 Townsend fuhr 1917 im Auftrag und unter Obhut des Los Angeles Bible House nach Guatemala, um unweit von Antigua Bibeln in spanischer Sprache zu verkaufen. Nach zwei Jahren schloss er sich der Central American Mission (CAM) an, einem Konglomerat, das der fundamentalistischen Bewegung verpflichtet und ein Kind angesehensten protestantischen Erweckungsprediger des 19. Jahrhunderts war. Die CAM hatte Zentralamerika zum Zwecke der Evangelisation in verschiedene Regionen aufgeteilt. Man war der Ansicht, dass das 1000-jährige Reich erst nach dem zweiten Kommen Christi kommen würde und dass die Auslandsmission nötig sei, um das Wort Gottes allen Völkern zu bringen vor dem Anbruch der 1000 Jahre. Im Unterschied zu seinen Vorgängern erachtete Townsend soziale Reformen nicht als Kraftverschwendung in einer vom Teufel beherrschten Welt. Zudem fiel ihm auf, dass die Botschaft der CAM die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung nicht erreichte, weil sie ausschließlich auf Spanisch verbreitet wurde und die Einheimischen keine Fremdsprachen beherrschten.Gerard Colby, Charlotte Dennett: Thy Will Be Done: The Conquest of the Amazon: Nelson Rockefeller and Evangelism in the Age of Oil, Harper Collins: New York 1996, S. 42–43.

Bei den Cakchiquel-Indianern Townsend ließ sich in einer cakchiquelsprachigen Gemeinschaft namens Santa Catarina an der Küste nieder. Während der nächsten 14 Jahre erlernte er ihre Sprache so gut, dass er die Bibel übersetzen konnte. Er gründete außerdem die „Robinson Bible Foundation“, die mit großzügiger finanzieller Unterstützung aus den USA ein Zentrum errichtete, das eine Schule, Gästebetten, eine medizinische Station (ausgerüstet mit wirksamen Mitteln gegen Parasiten wie z. B. den Hakenwurm), einen Stromgenerator, einen Betrieb zur Kaffeeverarbeitung und einen Laden für Agrarprodukte umfasste.David Stoll: Fishers of Men or Founders of Empire?. The Wycliffe Bible Translators in Latin America, London 1983, S. 38. In diesen Jahren wuchs Townsends Besorgnis über die Verarmung und Ausgrenzung der lateinamerikanischen Indianer. Ihn beschäftigten auch die früheren Missionspraktiken, die die Eingeborenen und ihre Kultur nicht oder nur ungenügend ansprechen konnten.

Die Misere der Eingeborenen: Townsends Problemanalyse Als Townsend nach den Wurzeln des Elends der Eingeborenen suchte, fand er sie zunächst bei den spanischsprachigen „Ladinos“, den Zwischenhändlern, die als einzige ökonomische und soziale Drehscheibe für die einsprachigen indigenen Gemeinschaften fungierten und eng mit der trägen katholischen Religion verquickt waren. Diese Eliten verfolgten mit der Beibehaltung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status quo ihr eigenes Interesse und verspürten daher keinen Wunsch, die Erziehung, die Bildung oder die Zweisprachigkeit der Indianer zu fördern. Ebenso wenig wollten sie sie dazu anregen, sich weiterzubilden, sich zu vervollkommnen oder den Kapitalismus für sich zu entdecken.David Stoll: Fishers of Men or Founders of Empire?. The Wycliffe Bible Translators in Latin America, London 1983, S. 30–35. Zum andern tadelte Townsend auch die mittelamerikanische einheimische Gesellschaft selbst. In der synkretistischen Kultur fand er die gleichen Formen von Unterdrückung, die europäische Kulturen ihr auferlegten, allerdings von innen her. Die zahlreichen Heiligen verlangten nach vielen Festtagen, verbunden mit Pflichteinkäufen und überbordendem Essverhalten und Alkoholgenuss. Moderne Gesundheitsfürsorge drang selten bis zu diesen Gemeinschaften vor, die sich lieber Geistheilern anvertrauten, was in Townsends Augen nur Kosten verursachte, ohne wirkliche Hilfe oder Fürsorge zu bieten.David Stoll: Fishers of Men or Founders of Empire?. The Wycliffe Bible Translators in Latin America, London 1983, S. 31f. Dementsprechend betrachtete er die Maya um sich herum als von innen und von außen gefangen und suchte nach einer Ausstiegsstrategie, einem ganz neuen Lösungsweg.

Gemäß Townsends konservativem Glaubensverständnis stellte der Übertritt zum Protestantismus die ultimative Rettung für die indigenen Völker dar; aber er musste sich zuerst mit der Frage auseinandersetzen, warum die gängigen Missionen viele einheimische Konvertiten nicht gewinnen konnten. Als erste Antwort stieß er darauf, dass die ungebildeten Indianer, die nur ihre eigene Sprache beherrschten, keinen Zugang zu einer Schrift hatten, also Analphabeten waren. Viele konnten nicht lesen, und selbst die, die es konnten, hatten keine Bibel zur Verfügung in einer für sie verständlichen Sprache. Obwohl der Synkretismus in den indigenen Volksgruppen uneingeschränkt herrschte, stemmte sich die Pfarrerschaft gegen eine Bibelübersetzung, da sie schlechte Auslegungen befürchtete.David Stoll: Fishers of Men or Founders of Empire?. The Wycliffe Bible Translators in Latin America, London 1983, S. 36. Zugleich konzentrierten sich protestantische Missionen wie die CAM auf die herrschenden Ladinos als Konvertiten anstatt die einheimischen Untertanen. Townsends Vorgesetzte zeigten bereits Anzeichen von Unbehagen, weil er lokale Bräuche, Kleidersitten und die Sprache übernommen hatte.Colby and Dennet, S. 43.

Townsends Antwort auf die Misere Unbeeindruckt von der Besorgnis seiner Vorgesetzten formulierte Townsend nach und nach seinen Plan und seine Dienstphilosophie, die später auch das SIL formen und prägen sollte. Letzten Endes wollte Townsend von Einheimischen geführte, eigenständige evangelische Gemeinden. Dieses Ziel ließe sich dauerhaft jedoch nur erreichen durch eine beträchtliche Neuordnung der Gesellschaft und verschiedene zusätzliche Parallelprogramme, die das erforderliche Wissen und die Fähigkeiten für die Einheimischen bereitstellten. Um solche Gemeinden zu entwickeln, brauchte es zuerst eine Gruppe gebildeter Individuen mit einer muttersprachlichen Bibel. Sodann würde nur die Beseitigung der oben genannten kulturellen Fußfesseln und das Einimpfen einer durch und durch protestantischen Geisteshaltung in breiten Bevölkerungsschichten das langfristige Überleben sicherstellen oder im besseren Fall die Ausbreitung der Gemeinden ermöglichen. Schließlich wusste Townsend als geschickter Angehöriger der Oberschicht und in dieser Hinsicht als politischer Amateur, dass viele der lateinamerikanischen römisch-katholischen Staatsmänner und neuerdings auch viele liberale Regierungen eine überzeugende Begründung verlangen würden, warum sie protestantischen Missionaren überhaupt erlauben sollten, innerhalb ihres Staatsgebietes zu wirken – besonders wenn es sich um alteingesessene Stämme handelte, was politisch immer heikel war. Townsend wusste: Was immer für eine Organisation er schaffen würde – sie würde auf all diese Probleme eingehen müssen.

Die Lösung, die Townsend schließlich fand, war so einfach, dass man sie in einem einzigen Wort zusammenfassen konnte: Sprachforschung bzw. Linguistik. Diese gerade aufkommende Wissenschaft – frisch gestärkt durch die ersten weitverbreiteten Veröffentlichungen des Deutschen Edward Sapir (1921)E. F. K. Koerner, R. E. Asher: A Concise History of the Language Sciences, Pergamon-Verlag: Oxford 1995, S. 297. und des Amerikaners Leonard Bloomfield (1933),Pieter A. M. Sueren: Western Linguistics, Blackwell Publishers: Oxford 1998, S. 193. konnte Townsends religiösen Zielen die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und das Ansehen verleihen, das er brauchte, um Regierungsbeamte von der Legitimität seiner Organisation zu überzeugen. Nachdem er bereits einige von Sapirs weniger eurozentristischen Anschauungen bei der Entschlüsselung der Cakchiquel-Sprache angewendet hatte,Colby and Dennet, S. 44. konnte er die linguistische Theorie brauchen, um Evangelische in den USA zu trainieren, die Heilige Schrift in viele indigene Sprachen zu übersetzen. Sobald ihnen Zugang zu den Volksgruppen gegeben würde, würden sie Alphabetisierungsprogramme ins Leben rufen, moderne Mittel der Gesundheitsfürsorge beschaffen und bereitstellen, sowie auf subtile Weise beginnen, evangelische Konvertiten als Sprachinformanten zu gewinnen, um die Übersetzungsarbeit an der Bibel zu beginnen. Bekehrung und Bibelübersetzung würden auf diese Weise nur als Teil einer weiter gefassten Umgestaltung der Gesellschaft passieren, was sowohl innerhalb der Volksgruppe als auch auf Regierungsebene Lob ernten würde. Townsend hoffte, durch das Einführen einer kapitalistisch-individualistischen Ideologie, westlicher Technologie und moderner Medizin die Missionare/Linguisten an die Stelle der alten Ladino-Mittelsleute rücken zu können. Dort sollten sie als bevorzugte Mittler von Gütern und Dienstleistungen der sie umgebenden Gesellschaft dienen.Stoll: “Fishers or Founders,” S. 37. Aus dieser starken Position heraus könnten die Evangelischen indigene Gesellschaften reformieren und aus ihnen Gemeinschaften von unternehmerischen, zweisprachig gebildeten und darüber hinaus von protestantischen Individuen schaffen, die innerhalb ihrer Zivilgesellschaft zur Selbstentwicklung befähigt wären.

Schon als Townsend diese Weltsicht noch am Entwickeln war, hatte er begonnen sich auszumalen, wohin er seine Linguisten zuerst senden würde. Dabei spielte das riesige und unerforschte Amazonasbecken eine herausragende Rolle. Seinen Kollegen in der Central American Mission erschien sein Plan überspannt, großspurig und unrealistisch.Colby and Dennet, S. 49. Denn seit Jahrhunderten hatten es die Jesuiten, die Sklavenfänger, die Kautschuk-Sammler und sogar einige Militäroperationen auf die Stämme des Amazonas abgesehen. Aber diese blieben schwer erreichbar, indem sie sich auf die Ausdehnung und Unwirtlichkeit ihres heimatlichen Geländes verließen, darin verschwanden und sich für immer abschotteten.William T. Vickers, in: Søren Hvalkof, Peter Aaby: Is God an American? An Anthropological Perspective on the Missionary Work of the Summer Institute of Linguistics, Copenhagen 1982, S. 51–55.

Schritte zur Verwirklichung der Strategie mini|Townsend (links) mit einem seiner ersten JAARS Piloten