mini|Deutsche und britische Truppen während des Weihnachtsfriedens Der Weihnachtsfrieden () war eine von der Befehlsebene nicht autorisierte Waffenruhe während des Ersten Weltkrieges am 24. Dezember 1914 und an den folgenden Tagen. Sie fand an einigen Abschnitten der Westfront statt, wo es vor allem zwischen Deutschen und Briten in Flandern zu spontanen Fraternisierungen kam. Der Weihnachtsfrieden des Jahres 1914 bezeichnet heute vor allem die Ereignisse an der Front zwischen Mesen und Nieuwkapelle, an der sich Deutsche und Briten kriegerisch gegenüberstanden.

Vorausgegangene offizielle diplomatische Bemühungen

Papst Benedikt XV. hatte einen Versuch zur Vermittlung eines Waffenstillstands über Weihnachten unternommen. Am 13. Dezember 1914 wurde dies von der Tageszeitung des Heiligen Stuhls offiziell bestätigt:

Die Kölnische Zeitung behauptete, aus Berlin erfahren zu haben, dass der Weihnachtsfrieden am Widerstand Frankreichs und Russlands gescheitert sei:

Diese Darstellung lässt sich anhand des aktuellen Kenntnisstandes nicht verifizieren.

Der Papst selbst erwähnte in einer Rede am 25. Dezember 1914 seine Bemühungen um einen Weihnachtsfrieden.

Zu Jahresbeginn 1915 setzte sich der Papst darüber hinaus für den Austausch von dienstuntauglichen Kriegsgefangenen ein. Zumindest in dieser Hinsicht erhielt er von Kaiser Wilhelm II. eine positive Antwort.

Hintergrund Die Ereignisse des Jahres 1914 sind Bestandteil der britischen kollektiven Erinnerung und werden oft romantisch verklärt wiedergegeben. Die realen Begebenheiten sind heute kaum mehr zu rekonstruieren. Berichte der Geschehnisse waren unzusammenhängend oder widersprachen sich; manche Überlieferungen wurden im Laufe der Zeit ausgeschmückt, und die offiziellen Unterlagen enthielten kaum verwertbare Informationen.

Dass es tatsächlich einen inoffiziellen Weihnachtsfrieden gegeben hat und darüber auch die deutsche Öffentlichkeit Kenntnis hatte, geht aus einem entsprechenden Verbot der Obersten Heeresleitung Anfang 1915 hervor. Hierbei erwähnte die OHL ausdrücklich: „Zu Weihnachten und Neujahr soll der [freundschaftliche] Verkehr an einzelnen Stellen fast einem Waffenstillstand gleichgekommen sein. Zuweilen sollen die Kämpfenden auf die Mittagszeit und die Teestunde Rücksicht genommen haben.“

Auslösende Elemente des Waffenstillstandes Viele Soldaten aller Kriegsparteien waren 1914 enthusiastisch und voller Siegesgewissheit in den Krieg gezogen und hatten gehofft, „bis Weihnachten“ wieder zu Hause zu sein. Dieser Optimismus verflog allerdings bald. Die bittere Realität der Schlachten im Spätsommer und Herbst 1914 hatte in wenigen Monaten eine deutliche Ernüchterung auf beiden Seiten der Front bewirkt.

Die Gräben der Westfront Ende 1914

Der Krieg, der von deutscher Seite gemäß dem Schlieffenplan als schnelles Umfassungsmanöver gegen die Truppen der Entente geplant gewesen war, hatte nach der Ersten Marneschlacht ein anderes Gesicht bekommen: Die Kontrahenten sahen sich aufgrund der neuartigen Kampfbedingungen und der damit einhergehenden hohen Personalverluste sowie Munitionsmangel zunehmend zu einer defensiven Grundhaltung gezwungen. Nachdem die Versuche beider Seiten, den Gegner in einer offenen Flanke anzugreifen, im Norden bzw. am Ufer der Nordsee (Wettlauf zum Meer) gescheitert waren, war der Bewegungskrieg Ende 1914 zu einem Grabenkrieg geworden, also zu einem Stellungskrieg, bei dem die Fronten aus einem System mit Schützen- und Laufgräben bestanden.

Schnelle Siege durch überraschende Manöver wie etwa Überflügelungen waren also nicht mehr zu erringen. Die Soldaten lagen sich nun zwischen der Schweiz und dem Ärmelkanal in Grabensystemen gegenüber. Diese waren zunächst unzusammenhängend und teilweise improvisiert, wurden aber unter enormen Anstrengungen nach und nach vervollständigt und ausgebaut. Ende 1914 boten die meisten Schutzstellungen noch wenig Schutz gegen Scharfschützen oder Handgranaten.

Man war nicht recht vorbereitet auf diese Art der Kriegsführung, die allerdings bereits den Burenkrieg und in weit größerem Ausmaß den Russisch-Japanischen Krieg zehn Jahre zuvor geprägt hatte. Die Soldaten mussten sich in neuen, ungewohnten Situationen zurechtfinden, die zudem durch das extrem schlechte Wetter im Herbst 1914 verschärft wurden: Viele Gräben der nördlichen Westfront hatten sich in eisige Schlammlöcher verwandelt. Nach nur fünf Monaten war die Westfront weitgehend erstarrt; ein Ende des Krieges war nicht abzusehen.

Überreste der menschlichen Zivilisation Ende 1914 konnten die Soldaten in ihren Schützengräben noch Überreste menschlicher Zivilisation und Kultur an der Front erkennen. Anders als in den späteren Kriegsjahren waren Kirchen und Dörfer noch nicht völlig zerschossen, Felder konnten noch als solche erkannt werden. Die Materialschlacht mit dem typischen Trommelfeuer der Artillerie bildete sich erst ab 1915/1916 voll aus.

Auf beiden Seiten gab es noch ein übergreifendes christliches Bewusstsein von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe. Es kam auch in den in mehreren Sprachen ähnlich klingenden Weihnachtsliedern zum Ausdruck (Stille Nacht, heilige Nacht: Silent night, holy night und Douce nuit, sainte nuit). Ebenfalls bekannt war unter den Soldaten die Botschaft des neuen Papstes Benedikt XV., der in seiner Antrittsrede im August 1914 um einen Waffenstillstand zu Weihnachten gebeten hatte. Dieser Wunsch wurde aber von den kriegführenden Parteien abgelehnt, ebenso ein ähnliches Ersuchen des Erzbischofs von Paris, Léon-Adolphe Amette.

Tradition zwischen den Gräben

Es kann heute nicht mehr genau nachvollzogen werden, wie der Waffenstillstand am 24. Dezember 1914 zustande kam. Ausgangspunkt war vermutlich die Umgebung von Ypern. Hier lagen die Truppen der British Expeditionary Force an ihrem 27 Kilometer langen Frontabschnitt, den sie nach der Ersten Flandernschlacht halten mussten, oft nur 50 bis 100 Meter von den deutschen Linien entfernt. Durch diese Nähe war es hier leicht möglich, mit dem Feind Sprechkontakt aufzunehmen. Belegt ist, dass bereits vor der Weihnachtszeit in ruhigeren Kampflagen deutsche und britische Einheiten kurz die Waffen niederlegten, um Gefallene zu bergen oder Verwundete zu retten oder einfach wegen zu starker Erschöpfung. Das ist sogar für Situationen nach schweren Gefechten dokumentiert.

Solches Verhalten hatte eine gewisse Tradition zwischen gegnerischen Kriegsparteien: Im Siebenjährigen Krieg in Nordamerika saßen die Gegner am gemeinsamen Lagerfeuer und spielten Karten, im Krimkrieg teilten sie Verpflegung und Tabak, im Amerikanischen Bürgerkrieg angelten sie am gleichen Fluss und sammelten zusammen Beeren. Aus der Zeit des Zweiten Burenkrieges ist sogar ein Fußballspiel zwischen Buren und Engländern überliefert. Aus dem Zweiten Weltkrieg ist bekannt, dass Einheiten des Afrika-Korps und der Briten zusammen das Lied Lili Marleen hörten.

Der Waffenstillstand Geschenke und Pakete auf beiden Seiten Am 23. Dezember 1914 war der Wunsch groß, die aus der Heimat angekommenen Weihnachtsgeschenke in Ruhe und ohne Todesangst öffnen zu können. Jeder britische Soldat erhielt ein Päckchen des Königs, in dem er unter anderem eine Princess Mary Box fand, eine Metalldose mit dem gravierten Profilbildnis von Princess Mary, der einzigen Tochter Georgs V. Die Schachtel enthielt Schokolade, Scones (britisches Gebäck), Zigaretten, Tabak und eine Grußkarte der Prinzessin. Ein Faksimile des Königs stellte Georg V. als Truppenvater dar, der seinen Truppen wünscht: . 355.000 dieser Princess Mary Boxes wurden 1914 verschickt.

mini|Klappbarer Weihnachtsbaum als Feldpost Viele deutsche Soldaten erhielten zu Weihnachten 1914 aus öffentlichen Mitteln gestiftete Geschenksendungen ihrer Heimatgemeinden, daneben Pakete ihrer Familien mit warmer Bekleidung, Essen, Alkohol, Zigaretten und Briefen (siehe Liebesgaben). 1914 herrschte im Gegensatz zu den späteren Kriegsjahren noch keine besondere Knappheit an Nahrungs- und Genussmitteln in Deutschland. Zudem hatte die Oberste Heeresleitung zehntausende Miniaturweihnachtsbäume an die deutschen Fronten versandt, die zu Weihnachten erleuchtet werden sollten.

Ein vergleichbarer Aufwand wurde in Frankreich und Belgien nicht betrieben. Das Weihnachtsfest hatte allerdings dort traditionell nicht dieselbe Bedeutung wie in Deutschland. Hinzu kam, dass beide Länder im Gegensatz zu Deutschland oder Großbritannien direkt vom Krieg mit seinen Zerstörungen betroffen waren. Franzosen und Belgier kämpften auf eigenem Territorium, und ihre Erbitterung gegen den Kriegsgegner Deutschland war noch deutlich größer als die der Briten.

Moralisch gestärkt von den Zuwendungen aus der Heimat erhielten viele Soldaten zum ersten Mal, nach Wochen und Monaten der Entbehrungen, wieder eine Ahnung von einem Leben im Frieden. Ansonsten war ihre Lebenssituation, oft Kälte und Schmutz ausgesetzt, weiterhin trostlos. Die Front war erst vor kurzem erstarrt, Betreuungs- und Fürsorgeeinrichtungen zur Erhaltung eines minimalen Komforts für die Soldaten mussten erst nach und nach im Hinterland aufgebaut werden. Andererseits war das Kampfgebiet auch noch nicht zu der perfektionierten, tiefgegliederten Trennlinie späterer Jahre geworden. Eine Munitionskrise lähmte beide Seiten, abgesehen davon, dass es im Ersten Weltkrieg eine ununterbrochene Kriegsführung zu Winterzeiten ohnehin kaum gab. Das brachte Soldaten auf beiden Seiten dazu, sogar den noch relativ nahen Gegner an der weihnachtlichen Tradition des Schenkens und Teilens teilhaben zu lassen. Ein Korrespondent einer englischen Zeitung schrieb, es sei einigen Deutschen gelungen, einen Schokoladenkuchen über das Niemandsland zu befördern, der nur zu gerne von den Briten angenommen worden sei. Es scheint ebenfalls ein deutscher Soldat gewesen zu sein, der einem britischen Soldaten auf Englisch zurief, dass die Deutschen um eine bestimmte Uhrzeit (einige Quellen geben 7:30 Uhr an) einige Weihnachtslieder singen wollten und dass der „Tommy“ doch deshalb nicht schießen möge. Als Zeichen wolle er Kerzen auf den Grabenrand stellen. Die Briten akzeptierten den Wunsch. Als das Konzert der Deutschen beendet war, applaudierten die Gegner und wurden von den Deutschen aufgefordert mitzusingen. Einer der Briten rief, er würde eher sterben als deutsch zu singen, worauf die Deutschen lachend zurückriefen, dass sie ihn umbringen würden, falls er das tun würde. Die Briten begannen auf Englisch zu singen und viele Deutsche stellten nach und nach ihre Tannenbäume auf die Grabenränder.

24. Dezember – Feinde im Niemandsland mini|Britische und deutsche Soldaten während des Weihnachtsfriedens von 1914 Der Morgen des 24. Dezember brachte einen klaren Tag. Der ständige Regen hatte aufgehört, an einigen Stellen des Sektors wurde zwar noch geschossen, an den meisten jedoch war Stille eingekehrt, die nur durch Zurufe der einander gegenüberliegenden Soldaten unterbrochen wurde. Erste Männer riefen den Gegner an, dass sie ihre Gefallenen bergen wollten. Es wurde nicht geschossen, als sie unbewaffnet ins Niemandsland gingen. Nachdem die Toten beerdigt waren, begannen die Soldaten miteinander zu sprechen, vor allem auf Englisch, da viele Deutsche durch die vom Kaiser propagierte Nähe zu England die Sprache gelernt oder sogar in Großbritannien gearbeitet hatten.