Der Erste Schottische Unabhängigkeitskrieg war eine lang andauernde kriegerische Auseinandersetzung zwischen England und Schottland. Nachdem der englische König Eduard I. 1296 Schottland besiegt und besetzt sowie den schottischen König John Balliol abgesetzt hatte, kam es 1297 zu einer Rebellion gegen die englische Herrschaft. In mehreren Feldzügen konnten die Engländer bis 1304 den schottischen Widerstand nahezu brechen. Bereits Anfang 1306 kam es jedoch zu einer neuen, von Robert Bruce geführten Rebellion gegen die englische Herrschaft. Bruce erhob sich zum König der Schotten, wurde jedoch zunächst von den englischen Truppen besiegt. Begünstigt durch den Tod von Eduard I., konnte er fast ganz Schottland erobern und 1314 schließlich den englischen König Eduard II. in der Schlacht von Bannockburn besiegen. Da die Engländer Robert Bruce aber nicht als König anerkannten, dauerte der Krieg weiter an. In der Folge führten die Schotten zahlreiche Überfälle nach Nordengland, wo sie schwere Verwüstungen anrichteten. Erst nach einem neuen, fehlgeschlagenen Feldzug wurde 1323 ein langfristiger Waffenstillstand geschlossen. Nach der Absetzung von Eduard II. kam es 1327 zu neuen Kämpfen zwischen England und Schottland, bis schließlich 1328 der Krieg durch einen Friedensvertrag beendet wurde. Bereits ab 1332 kam es jedoch zu neuen Kämpfen, die zum Zweiten Schottischen Unabhängigkeitskrieg führten.
Vorgeschichte Der schottische Thronfolgestreit von 1286 bis 1292 Nach dem Tod des schottischen Königs Alexander III. 1286 war seine einzige lebende Nachfahrin seine junge Enkelin Margarete von Norwegen. Diese wurde schließlich von den schottischen Magnaten als Thronerbin anerkannt, doch sie starb bereits 1290. Die Thronfolge war nun völlig ungeklärt. Der nordenglische Magnat John Balliol und der englisch-schottische Magnat Robert de Brus hatten unter den Anwärtern auf den schottischen Thron die aussichtsreichsten Ansprüche. Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, baten die Guardians of Scotland, die die Regentschaft führten, den englischen König Eduard I., über die Ansprüche der Thronanwärter zu entscheiden. Eduard I. nahm diese Aufgabe an, worauf ihm die schottischen Magnaten im Juni 1291 als Oberherrn huldigten. Nachdem der englische König im November 1292 über die Ansprüche der Thronanwärter entschieden und John Balliol zum neuen schottischen König bestimmt hatte, war er in den nächsten Jahren fest entschlossen, die Oberherrschaft über Schottland, die er nun als sein Recht ansah, auch durchsetzen.
Englisch-Schottischer Krieg von 1296 Streit um die Oberherrschaft Als es 1294 zwischen England und Frankreich zum Krieg kam, forderte der englische König den schottischen König als Vasallen zur Waffenhilfe auf. John Balliol ignorierte zunächst diese Aufforderung, doch dann sah er sich außerstande, gegen die Forderungen des englischen Königs die schottische Unabhängigkeit zu verteidigen. Daraufhin entmachteten 1295 die schottischen Magnaten Balliol, der die Regierung weitgehend einem zwölfköpfigen Staatsrat überlassen musste. Die Magnaten widersetzten sich weiter den Aufforderungen des englischen Königs. Dabei sahen sie sich im Recht, denn Ende 1294 hatte der alte Papst Coelestin V. die schottischen Magnaten von ihrem Treueid gegenüber dem englischen König entbunden, da sie diesen 1291 unter Zwang geleistet hätten.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 163. Als der englische König am 16. Oktober 1295Michael Prestwich: Edward I. Berkeley, University of California Press, 1988, ISBN 0-520-06266-3, S. 374. die vorläufige Übergabe der Grenzburgen Berwick, Roxburgh und Jedburgh bis zur Beendigung des Krieges mit Frankreich forderte, wiesen die Schotten dies mit der Begründung, ein freies Land zu sein, zurück. Sie hatten bereits im Juli eine Delegation nach Frankreich gesandt, die am 23. Oktober 1295 ein Bündnis mit König Philipp IV. schloss. Am 23. Februar 1296 bestätigte ein schottisches Parlament das Bündnis, was faktisch einer Kriegserklärung an England gleichkam. Der englische König hatte dies erwartet, denn er hatte bereits für den 1. März 1296 sein Feudalheer nach Newcastle einberufen.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 96. Die Schotten beriefen ihr Heer für den 11. März 1296 nach Caddonlea bei Selkirk. Dabei waren ihnen die Engländer nicht nur zahlenmäßig überlegen. Die Engländer konnten auf trainierte Bogenschützen zurückgreifen, und die Aufgebote der englischen Magnaten bestanden zu einem guten Teil aus gut ausgebildeten und ausgerüsteten Rittern. Das schottische Heer bestand dagegen vor allem aus leicht gerüsteten und schlecht ausgebildeten Lanzenträgern, einigen Bogenschützen und einer nur schwachen Reiterei. Der englische König zahlte den Soldaten Sold, während die schottischen Armeen nur durch die Hoffnung auf Kriegsbeute zusammengehalten wurden. Vor allem aber hatten die Engländer durch die Kriege in Wales mehr Erfahrung als die Schotten, deren letzte Kampfhandlung der Krieg gegen Norwegen 1263 war.Ranald Nicholson: Scotland. The Later Middle Ages (The Edinburgh History of Scotland, Vol. II.) Oliver and Boyd, Edinburgh 1974, ISBN 0-05-002038-2, S. 49. Dennoch begannen die Schotten den Krieg zuversichtlich. Der Earl of Buchan sollte Annandale verteidigen, Nicholas de Soulis Liddesdale, Roxburgh Castle wurde von James the Stewart und Berwick von William Douglas gehalten. Andererseits standen Robert de Brus of Annandale, sein Sohn, der Earl of Carrick sowie die Earls of Dunbar und Angus auf englischer Seite. Der englische Baron Robert de Ros, Lord of Wark-on-Tweed, wechselte Ende März 1296 aus Liebe zu einer Schottin die Seiten und konnte mit Hilfe aus Schottland seine Burg zurückerobern.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 99.
Schottische Angriffe auf Nordengland und englische Eroberung von Berwick Am Ostermontag 1296 überfiel eine von sieben Earls und von John Comyn of Badenoch geführte schottische Armee Nordengland. Sie überquerten mit zahlreichen Fußsoldaten von Annandale aus den Solway und brannten die Dörfer in Arthuret nieder. Dann stießen sie bis nach Carlisle vor, das von Robert de Brus of Annandale verteidigt wurde. Ohne Belagerungsmaschinen konnten die Schotten die befestigte Stadt jedoch nicht einnehmen, weshalb sie sich nach einer eintägigen Belagerung am 28. März wieder zurückzogen. Am 30. März erreichte das englische Heer Berwick. Die Engländer konnten die nur schwach befestigte Stadt rasch erobern, wobei sie unter der Bevölkerung ein Blutbad anrichteten. Wenig später ergab sich die Besatzung von Berwick Castle. Die Besatzung erhielt, mit Ausnahme des Kommandanten Douglas, freien Abzug. Eduard I. ließ Berwick von Engländern besiedeln und machte die Stadt zum Verwaltungsmittelpunkt der von England besetzten schottischen Gebiete. Nach der Eroberung von Berwick unternahm ein schottisches, von den Earls of Ross, Menteith und Atholl geführtes Heer von Jedburgh aus einen Rachefeldzug nach Nordengland. Sie brannten zahlreiche Dörfer, Kirchen und Klöster in Northumberland nieder, darunter Hexham.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 100.
Schlacht von Dunbar
Nach der Eroberung von Berwick stoppte der englische Vorstoß, bis der König am 23. April einen Reitertrupp nach Dunbar schickte. Der Earl of Dunbar stand auf englischer Seite, doch seine Frau unterstützte die Schotten und hatte die Besatzung von Dunbar Castle zum Seitenwechsel bewegt. Die Earls of Menteith, Atholl und Ross besetzten nun die Burg, worauf die englischen Reiter unter dem Earl of Warenne am 27. April mit der Belagerung der Burg begannen. An diesem Tag griff kurz nach Mittag das schottische Heer die englischen Belagerer an. In der folgenden Schlacht bei Dunbar konnte Warenne die Angreifer rasch in die Flucht schlagen. Vermutlich war die Schlacht eher ein Scharmützel, doch das schottische Heer wurde zerschlagen. Entscheidend war die Aufgabe von Dunbar Castle, als Eduard I. am Tag nach der Schlacht mit dem englischen Hauptheer dort eintraf. Die drei schottischen Earls und mehrere Barone gerieten so in Gefangenschaft. mini|John Balliol mit zerbrochenen Kroninsignien. Darstellung aus dem 16. Jahrhundert.
Eroberung Schottlands und Abdankung von John Balliol Unmittelbar nach der Niederlage bei Dunbar übergab James the Stewart Roxburgh Castle. John Balliol und die Comnys flüchteten nach Nordschottland. Die nachrückenden englischen Soldaten trafen kaum auf Widerstand und nahmen Schottland in Besitz. Edinburgh Castle ergab sich nach fünftägiger Belagerung, während die Besatzung von Stirling Castle vor Eintreffen der Engländer flüchtete.Michael Prestwich: Edward I. University of California, Berkeley 1988, ISBN 0-520-06266-3, S. 473. Um Mittsommer sandte Balliol Boten aus, die seine Kapitulation anboten. Die Boten erreichten Eduard I. in Perth. Am 2. Juli 1296 musste Balliol schriftlich in Kincardine Castle eingestehen, dass er gegen den englischen König rebelliert hatte.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 103. Am 7. Juli widerrief er im Kirchhof von Stracathro das Bündnis mit Frankreich. Am 10. Juli musste er sich in Brechin Castle dem englischen Bischof Antony Bek von Durham unterwerfen. Bek verkündete im Auftrag von Eduard I. die strengen Bedingungen der Übergabe. Balliol musste auf seine Krone verzichten und sich in Gefangenschaft begeben. Dann musste er seine königlichen Insignien niederlegen und sein Wappen wurde von seinem Mantel abgerissen, so dass er völlig gedemütigt wurde.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 102. Er wurde nach London in den Tower gebracht, den er jedoch schon bald wieder verlassen konnte. Er blieb aber in milder Gefangenschaft in Hertfordshire.Geoffrey W. S. Barrow: Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. Eyre & Spottiswoode, London 1965, S. 104.
Übernahme der Herrschaft durch den englischen König