mini|248x248px|Wird die Patronenhülse zu schnell bzw. früh aus dem Patronenlager gedrückt, beult sie aus. Dies kann zum Reißen der Hülse führen, was die Funktionssicherheit der Waffe und den Schützen gefährdet. Es wurden diverse Mechanismen entwickelt, um die Verschlussbewegung zu verlangsamen. Dadurch kann der Verschluss leichter und kleiner sein als ein einfacher Masseverschluss.

Der verzögerte Masseverschluss, auch als gebremster Masseverschluss bezeichnet, ist eine Zwischenform zwischen der starren Verriegelung und dem unverriegelten Masseverschluss einer automatischen Waffe.

Funktionsprinzip Frühe Versuche Beim Friktionsverschluss wurde der Rücklauf des einteiligen Verschlussblockes durch Reibung verzögert. Die Gewindesteigung von Schraubverschlüssen wurde so gewählt, dass die Freigabe des Verschlussblockes erst erfolgte, nachdem der Gasdruck genügend abgesunken war. Eine andere Methode war es, den Verschlussblock auf eine Rampe auflaufen zu lassen. Als frühe Beispiele können die Pistolen von Schönberger und Schwarzlose aus den frühen Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts, die Maschinenpistole Villar-Perosa M1915 sowie das Thompson-Selbstladegewehr mit Schraubverschluss genannt werden. Bei der Savage-Pistole M1907 rotiert der Lauf. Dieser ist mit dem Verschluss über eine kurvenförmige Kulisse verbunden, die diesen nach einer Drehung des Laufes um 5° freigibt. Diese Drehung wird gebremst, da die Rotationsbeschleunigung des Geschosses durch die Züge eine Gegenkraft ausübt.

Heutige Anwendungen Der Verschluss von Waffen mit verzögertem Masseverschluss besteht meist aus zwei Komponenten, dem Verschlusskopf und dem dahinterliegenden Verschlussträger. Beide sind durch einen Mechanismus verbunden, der häufig ins Verschlussgehäuse eingreift und damit den Rücklauf des Verschlusskopfes abbremst, andererseits durch die dabei entstandene Kraft den Verschlussträger um ein Mehrfaches beschleunigt. Dies bewirkt, dass der Verschlussträger durch seine Massenträgheit den Rücklauf des Verschlusskopfes hemmt, solange der Mechanismus wirkt. Daraufhin läuft der Verschluss zurück und die nächste Patrone wird nachgeladen. Die Beschleunigung des Verschlusskopfes und seiner Masse sind so berechnet, dass der Verschlusskopf erst frei zurücklaufen kann, wenn der Gasdruck im Lauf ausreichend abgesunken ist.

Druckausgleichsrillen mini|In Waffen mit verzögertem Masseverschluss neigen Flaschenhalhülsen zum Reißen.George M.Chinn, Lieutenant Colonel USMC: The Machine Gun, 1955 prepared for the Bureau of Ordnance, Dept. of the Navy, Washington D.C., USA, S. 4 ff., PDF Beim AA-52 und dem FAMAS trat dieses Problem häufig auf. Beide Waffen haben einen hebelverzögerten Masseverschluss. Druckausgleichsrillen im Patronenlager und die Verwendung von Stahl- statt Messinghülsen behoben dieses Problem weitestgehend.

Da der Rücklauf des Patronenbodens und Verschlusskopfes unmittelbar mit dem Druckaufbau im Lauf beginnt, entsteht eine Zugspannung in der Flaschenhalshülse, da der sich nach vorne verjüngende Teil der Hülse durch den Gasdruck nach vorne gepresst wird. Dies kann zu Hülsenreißern führen. Um dies zu vermeiden, werden Druckausgleichsrillen im vorne sich verjüngenden Teil des Patronenlagers eingefräst. Damit wird der Innendruck auf den Hülsenkonus ausgeglichen. Mit der Weiterführung der Rillen ins Patronenlager wird zudem erreicht, dass Gas in den zylindrischen Spalt zwischen Hülse und Patronenlager eindringt, die Hülse wird dann schwimmend ausgezogen. Bei früheren Waffen wurde das Reißen durch einfetten der Hülsen verhindert. Das Prinzip der Druckausgleichsrillen wurde erstmals im sowjetischen Tokarew-Selbstladegewehr und im Winchester Model 1940, einem Versuchsgewehr im Kaliber .30-06 für die US-Marines, angewendet.

Kritik am Begriff Der Begriff verzögerter Verschluss, wie auch die Begriffe halbstarr und teilverriegelt stehen in der wissenschaftlichen Fachliteratur in der Kritik. Grundlage ist die technische Uneindeutigkeit, da in der Physik Verzögerung als Verlangsamung einer bereits bestehenden Bewegung verstanden wird, was so nicht auf alle Verschlüsse zutrifft, welche in der populären Literatur als verzögert bezeichnet werden. Das Begriffspaar halbstarr und teilverriegelt wird von den Ingenieurwissenschaften als untechnisch angesehen, da es dort keinen Zwischenschritt zwischen Formschluss und Kraftschluss geben kann. In der englischen Populärliteratur findet sich der Begriff delayed, als Äquivalent zu verzögert. In der englischen wissenschaftlichen Literatur wird jedoch zwischen delayed und retarded (dt. verlangsamt, behindert) unterschieden. Dabei bezieht sich delayed auf kraftschlüssig dynamische Verschlüsse, wohingegen sich retarded auf formschlüssig statische Verschlüsse bezieht. Beide fallen unter den Begriff blowback eine einfache Form von gas operated.

Waffen mit verzögertem Masseverschluss Skoda-MG 1893 / 1902 mini|Funktion des MG Salvator-Dormus / Skoda M 1902

Bereits 1893 gab die österreichisch-ungarische Armee das Maschinengewehr Skoda M93 versuchsweise an die Truppe ab. Die vom österreichischen Erzherzog Karl Salvator und Ritter von Dormus entwickelte Waffe hatte einen zweiteiligen Verschlussmechanismus. Seine zwei Komponenten, der Verschluss und die Verzögerungsmasse, waren schwenkbar auf einer Achse gelagert. Bei schussbereiter Waffe stützte die Verzögerungsmasse den Verschluss, beim Abschuss wurde sie in Rotation versetzt und gab damit den Verschluss verzögert frei. Die Schließfeder wurde durch die Rotation der Verzögerungsmasse gespannt, damit wurde der Nachladevorgang eingeleitet. Die Schusskadenz konnte durch Verstellen des Pendelgewichts zwischen 180 und 250 Schuss/Min geregelt werden. Die Patronenzufuhr erfolgte von oben. Um eine einwandfreie Funktion zu gewährleisten, mussten die Patronen geölt werden. Beide Waffen verwendeten die damals von der Österreich-Ungarischen Armee verwendeten Mannlicherpatronen.

Schwarzlose-Maschinengewehr Modell 1907 / 1912 mini|Verzögerter Masseverschlusses des MG Schwarzlose. Die Strecke, die die violette Komponente zusätzlich zu der Strecke der roten Komponente zurücklegt, ist im Bild markiert.

Beim Schwarzlose-MG wird der Rücklauf des Verschlusses durch ein nahezu geschlossenes Kniegelenk verzögert; dieses ist vorne am Gehäuse und hinten am Verschlusskopf angelenkt. Ein hinten am Kniegelenk angebrachter Hebel überträgt die Bewegung beschleunigt auf die hintere von der Schließfeder belastete Komponente des Verschlusses, was zusätzlich zur Verzögerung beiträgt. Gegen Gasaustritte nach hinten wurde der Lauf kurz gehalten. Hülsenreißer wurden durch Ölen der Patronen vermieden.

Pedersen-Selbstladegewehr mini|Pedersen Kniegelenkverschluss, Funktion|links

Wie beim Schwarzlose-MG wird die Öffnung des Verschlusses durch ein Kniegelenk verzögert. Allerdings ist dieses nicht wie beim Schwarzlose geknickt, sondern fast vollständig gestreckt. Das Kniegelenk bildet ein annähernd gleichschenkliges Dreieck, bei dem der Höhenschnittpunkt (respektive der Drehpunkt) zwischen den beiden Schenkeln nahe über der Basislinie liegt. Durch die besonders gerechnete Form der Kontakt- oder Abrollflächen wird erreicht, dass sich der Drehpunkt beim Rücklauf des Verschlusskopfes weniger von der Basislinie entfernt, als dies bei einem konventionellen Kniegelenk der Fall wäre. Dies führt dazu, dass die Gegenkraft des federbelasteten Kniegelenkes länger anhält, was die Verzögerung des Rücklaufes des Verschlusskopfes in der Anfangsphase länger aufrechterhält.

Obschon das Pedersen-Gewehr eine relativ schwache Munition im Kaliber .276 Pedersen verschoss, mussten die Patronen gefettet oder gewachst sein, um eine einwandfreie Funktion zu gewährleisten. In der Evaluation der US-Armee zum Ersatz des Springfield M1903-Gewehres in den 1930er-Jahren stand der Pedersen in Konkurrenz mit dem von John C. Garand entwickelten Gasdrucklader, dem M1 Garand im ursprünglichen Kaliber .30-06 Springfield, welcher 1936 schließlich bei der US-Armee eingeführt wurde.

Verzögerung durch Unterbrechung (Kippblockverschluss) mini|SIG MKMO, Patentzeichnung links|mini|Prinzip am Beispiel des SIG MKMO

Bei der SIG-Maschinenpistole MKMO, (eigentlich Maschinenkarabiner, für Militär, Hülsenauswurf oben) und der Remington 51 Pistole ist der Verschluss zweiteilig. Beim MKMO besteht er aus Verschlusskopf und Steuerstück, bei der Remington 51 aus Verschlusskopf und Schlitten. Beim Schuss laufen beide gemeinsam zurück, bis der beim Abschuss gekippte Verschlusskopf nach einigen Millimetern auf eine Verriegelungsschulter im Verschlussgehäuse (beziehungsweise im Griffstück) aufschlägt und gestoppt wird. Das mitbeschleunigte Steuerstück resp. der Schlitten laufen aufgrund ihrer Massenträgheit weiter zurück, kippen den Verschlusskopf nach einer gewissen Distanz aus seiner Verriegelung und laufen gemeinsam gegen die von der Schliessfeder ausgeübte Kraft nach hinten, wodurch der Nachladevorgang eingeleitet wird. Der Nachteil dieses vom amerikanischen Waffenspezialisten John D. Pedersen patentierte System ist, dass der Verschluss um einige Millimeter ungebremst zurückläuft und deshalb für Flaschenhalshülsen ungeeignet ist.

Verzögerung durch Unterbrechung (Drehkopfverschluss) mini|Verzögerung durch Unterbrechung, Drehkopfverschluss|links

Verschlusskopf und -träger laufen eine kurze Strecke gemeinsam zurück, bis die Verriegelungswarzen des Verschlusskopfes gegen den Verriegelungskamm stoßen. Der Verschlussträger läuft aufgrund seiner Trägheit alleine weiter zurück und dreht den Verschlusskopf, bis er entriegelt.

Stand Juni 2026 gab es noch nie eine marktreife Waffe mit diesem Verschluss.

Reising-Maschinenpistole mini|Reising M 50, Patentzeichnung mini|Zu Beginn des Rücklaufs wird der Verschluss nach unten gedrückt.

Bewegt sich der Verschluss zurück, wird er durch die Rampe nach unten gedrückt. Gleichzeitig wird die Vorholstange über eine schräge Aussparung im Verschluss zusätzlich nach hinten gedrückt. Die Vorholstange wird dadurch stäker nach hinten beschleunigt als der Verschluss.

Das Rudd Arms AR-180, ein modifiziertes AR-18, nutzt ein ähnliches Verschlusssystem. Funktionell ähnelt es dem verzögerten Rollenverschluss.

Verzögerung durch Schwungrad mini|MGD PM-9, Patentzeichnung

Wenn sich der Verschluss nach hinten bewegt, wird ein Schwungrad gedreht. Dessen Trägheitsmoment verzögert die Verschlussöffnung.https://www.forgottenweapons.com/wp-content/uploads/MGD%20PM9/MGD%20PM9%20article.pdf, Archiv-Version Eine Spiralfeder fungiert als Schließfeder. Waffen mit diesem Verschluss sind z. B. das Barnitzke-MG und das MGD PM-9.

Schraubenverzögerter Masseverschluss mini|PPK-42M, die erste von Michail Kalaschnikow entwickelte Waffe|links

Bei der PPK-42M ist der Schlagbolzenträger von hinten lose im Verschluss eingeschraubt und innen hohl, damit er sich entlang der Helix der Verschlussführungsstange bewegt. Neben der axialen Massenträgheit des Verschlusses und des Schlagbolzenträgers gibt es noch zwei weitere Verzögerungsmechanismen:

Da der Schlagbolzenträger durch die Helix der Verschlussführungsstange zu einer Rotation gezwungen wird, verlangsamt dessen Trägheitsmoment die Rückwärtsbewegung des Verschlusses. Der Schlagbolzenträger wird also sowohl translatorisch als auch rotatorisch beschleunigt. Da sich der Schlagbolzenträger aus dem Verschluss herausdreht, wird ersterer stärker beschleunigt. Dies übt eine entsprechend große Gegenkraft auf den Verschluss aus.

Glock-Pistolen G25 und G28 links|mini|Glock 25 mini|Kinematikmodell der Glock 25