mini|Kevin Kuhn bei einer Lesung auf der HAM.LIT 2013 Kevin Kuhn (* 23. Dezember 1981 in Göttingen) ist ein deutscher Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Entwickler.

Leben Kuhn wuchs in Ulm auf. Nach dem Abitur an der Freien Waldorfschule am Illerblick studierte Kuhn Philosophie, Kunstgeschichte und Religionswissenschaft an der Universität Tübingen, sowie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Von 2010 bis 2019 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim, wo er Seminare über literarische Plots oder Dystopische Literatur abhielt.uni-hildesheim.de Neben Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (beispielsweise BELLA triste) und Anthologien kollaboriert er mit Designern und Künstlern.

2019 promovierte Kuhn an der Universität Hildesheim mit einer Arbeit über ästhetische Romanentwürfe und Schreibprozesse. 2020 erschien das Buch Die Ästhetik des Romanentwurfs in der Reihe Zur Genealogie des Schreibens im Wilhelm Fink Verlag. Anhand von Heinrich Böll und Sylvia Plath wird etwa beleuchtet, wie derartige Entwürfe im Grenzbereich von Bild und Schrift den dynamischen Aufbau einer Romanbühne und das Aufeinanderstoßen der Figuren ermöglichen. 2026 entwickelte Kuhn für die Zeit Akademie die zwölfteilige Kursreihe „Schreibwerkstatt – Handwerk und Inspiration“, die von der leeren Seite bis zum Romanentwurf führt.

Kuhn ist Mitglied im DeutschSchweizer PEN Zentrum. Nach Stationen in Mexiko-Stadt, Berlin und Wellington lebt der Autor nun in Pully in der Schweiz.

Romane 2012 veröffentlichte er seinen Debütroman Hikikomori, in dem es um einen Jugendlichen geht, der sich in sein Zimmer zurückzieht und nur noch über das Internet kommuniziert. Der Roman wurde von Literaturkritikern positiv aufgenommen. Nils Minkmar bezeichnete den Roman in der FAZ als „ein scharfsichtiges Buch. Große Kunst.“ Der Roman wurde 2017 im Eksmo Verlag in Russland veröffentlicht.https://eksmo.ru/book/khikikomori-ITD843385/ Von 2020 bis 2022 war Hikikomori Abitur-Schwerpunktthema ("Leben in digitalen Welten") im Land Bremen. Im September 2026 erschien eine vom Autor durchgesehene Neuausgabe im zeitkind Verlag, Zürich.

2017 erschien sein zweiter Roman Liv, ein Bildungsroman, der zwei Erzählstränge miteinander verbindet. In diesem Doppelroman geht es um die junge internetaffine Israelin Liv und um Franz, der im Berlin der zwanziger Jahre lebt. Der Hauptstrang folgt der jungen Liv, die sich auf Weltreise begibt, um dem Militärdienst zu entgehen. Sie ist eine digital native, ortsungebunden und via Smartphone mit ihren Freunden und Verwandten immer verbunden. Auf ihrer Reise erhöht sie stetig die Zahl ihrer Follower, bis sie ihre Selbstentblößung via Livestream übertreibt und zur Gejagten wird. Parallel dazu wird die Geschichte von Franz erzählt, einem jungen Mann, der im Berlin der Roaring Twenties lebt und mit seiner Leica das glitzernde Nachtleben festhält.

Mining Raw Letters Gemeinsam mit der neuseeländischen Type-Designerin Nell May gründete er 2025 in der Schweiz das auf Type Design, Design und literaturwissenschaftliche Forschung spezialisierte Studio Mining Raw Letters. Ein Beispiel der Forschungsarbeit ist der verfasste Essay The Visual World of Anthroposophy: Dynamic Lettering, Typefaces & Language, der 2025 bei der Typografie-Plattform Source Type erschien und die typografische und visuelle Kultur der Anthroposophie untersucht.

Für die erste Ausgabe von HausCode (2026), dem digitalen Forschungs- und Entwicklungsprogramm des Haus der Kunst München, entwickelte das Studio die Arbeit School Pixel, eines von drei Auftragswerken der Ausgabe. School Pixel besteht aus einem Computerspiel und einem Editor und basiert auf einer Pixelschrift, die May 2021 in einem Workshop mit rund 130 Kindern in Auckland entwickelte. Im Spiel sammeln Spielende Buchstaben; im Editor gestalten sie eigene Level und veröffentlichen diese in einer fortlaufenden Online-Show. Die Ausgabe war der Ausstellung Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968 gewidmet.

Auszeichnungen 2010: Stipendium der Schreibwerkstatt des Literaturhauses München 2012: Gargonza Arts Award 2012: Aufnahme in die Liste „20 unter 40“ der FAZ (Kanon der besten 20 deutschsprachigen Autoren unter 40) 2013: Aufenthaltsstipendium in der Villa Decius, Krakau 2015 Jahresstipendium des Landes Niedersachsen 2018 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg 2018–19 Promotionsabschlussstipendium der Universität Hildesheim 2021 Sonderstipendien der Akademie der Künste (Berlin)

Werke Romane Hikikomori. Berlin Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-8270-1116-9. Neuausgabe, vom Autor durchgesehen. Zeitkind Verlag, Meilen 2026, E-Book, ISBN 978-3-907724-20-0. Verlagsseite. Liv. Berlin Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-8270-1272-2.

Monografie Die Ästhetik des Romanentwurfs (Zur Genealogie des Schreibens, Bd. 26). Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, Leiden, Boston, Singapore 2020, ISBN 978-3-7705-6537-5.

Kurse Schreibwerkstatt – Handwerk und Inspiration. Kursreihe in 12 Teilen. Zeit Akademie, 2026. Online.

Weitere Beiträge (Auswahl) Und keine Gladiolen. In: entwürfe. 2009. Susanne Mangold. In: DUM. 2009. Ohne Exciter, ohne Distortion. In: Landpartie ZwanzigZehn. Edition Pæchterhaus 2010, ISBN 978-3-941392-13-7. Facebook. Oder: Vom Forum fensterloser Monaden. In: Statusmeldungen. Schreiben in Facebook. Blumenkamp Verlag, 2010, ISBN 978-3-9810685-9-7. Gregor Hikikomori (Auszug). In: BELLA triste, Nr. 27, Hildesheim 2010. Die Fähre. In: ]trash[pool. 2011. Escape. Oder: Vom neuen Leben. In: Revue – Magazine for the Next Society. 2013, ISBN 978-3-9815508-1-8. Schreiben. Oder: Von der liberalen Ironikerin. In: allmende – Zeitschrift für Literatur. 2013, ISBN 978-3-88190-739-2. Das Können weicht dem Fleisch. Egbert Baqué Contemporary Art, 2014, mit Nell May. ISBN 978-3-00-044703-7. Eine Ladung Schaffelle. In: Die Ideale Lesung, hg. v. Klaus Siblewski und Hanns-Josef Ortheil, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2017, ISBN 978-3871620928. Xola. In: Kursbuch, Nr. 190 (Stadt.Ansichten.), 2017, ISBN 978-3-946514435. 190103. In: Institutsprosa. Zwanzig Jahre Schreibschule Hildesheim, Georg Olms Verlag, 2019, ISBN 978-3-487-15778-8. The Visual World of Anthroposophy: Dynamic Lettering, Typefaces & Language. Source Type, Zürich 2025, mit Nell May (online).

Literatur Stephan Resch: Virtuelle Metamorphosen. Zur Subversion der Selbstoptimierung in Kevin Kuhns Roman Hikikomori. In: Neophilologus. Band 108, 2024, S. 485–499, (Open Access). Anna Stemmann: Spaces of Adolescence. Contemporary German-language Youth Literature in Topographical Perspective. Palgrave Macmillan, 2023, ISBN 978-3-476-05915-4 (Übersetzung von Räume der Adoleszenz). Elisabeth Hollerweger: Natur literarisch programmieren? In: Gabriele von Glasenapp, Christine Lötscher, Emer O’Sullivan, Caroline Roeder, Ingrid Tomkowiak (Hrsg.): Jahrbuch der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung 2022: Natur schreiben. Frankfurt am Main 2022, S. 141–153 (Open Access). Monika Blidy: Die Welt auf zwölf Quadratmetern. Weltflüchtige, Hausmenschen und moderne Einsiedler im Spiegel der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ein Überblick. In: Wortfolge. Szyk Słów. 6/2022, S. 1–15. Monika Blidy: Einsamkeit, die vernichtet. Zur kafkaesken Verwandlung eines Weltflüchtigen in Kevin Kuhns Roman Hikikomori. In: Nina Nowara-Matusik (Hrsg.): Unter dem Signum der Grenze. Literarische Reflexe einer (aktuellen) Denkfigur. V&R unipress, Göttingen 2022 (= Andersheit – Fremdheit – Ungleichheit. Band 13), ISBN 978-3-8471-1496-3, S. 107–116. Rosalia Maria Dickens: Sozialer Rückzug als Lebensphase und Experiment. Die Darstellung eines sozialpsychologischen Phänomens in der deutschsprachigen Erzählliteratur seit 1900. Synchron, 2021, S. 252–265. Anna Stemmann: Räume der Adoleszenz. Deutschsprachige Jugendliteratur der Gegenwart in topographischer Perspektive. Metzler, Stuttgart 2019 (= Studien zu Kinder- und Jugendliteratur und -medien. Band 4), ISBN 978-3-476-05113-4, S. 156–186. Cornelia Klinger: The selfie – oder das Selbst in seinem Welt-Bild. In: Thomas Fuchs, Lukas Iwer, Stefano Micali (Hrsg.): Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Suhrkamp, Berlin 2018 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Band 2252), ISBN 978-3-518-29852-7, S. 131–140. Sabine Müller: Zerrinnen, Ertasten, Entwerfen. Zur Tiefen- und Testästhetik der digitalen Literatur. In: Jianhua Zhu, Jin Zhao, Michael Szurawitzki (Hrsg.): Akten des XIII. Internationalen Germanistenkongresses Shanghai 2015. Germanistik zwischen Tradition und Innovation. Band 11, Peter Lang, Berlin 2018 (= Publikationen der Internationalen Vereinigung für Germanistik. Band 30), ISBN 978-3-631-66873-3, S. 404–407. Holger Salge: Analytische Psychotherapie zwischen 18 und 25. Besonderheiten in der Behandlung von Spätadoleszenten. 2. Auflage, Springer, Berlin 2017 (= Psychotherapie: Praxis.), ISBN 978-3-662-53570-7, S. 97 f. Joanna Nowotny, Bettina Jossen: „Gregor Samsa als Bug Boy“. Eine japanische Kafka-Adaption unter den Vorzeichen des Hikikomori-Diskurses. In: Florian Trabert, Mara Stuhlfauth-Trabert, Johannes Waßmer (Hrsg.): Graphisches Erzählen. Neue Perspektiven auf Literaturcomics. transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-2825-8, S. 185–187. Thomas Mayerhofer: Zwischen Allmacht und Ohnmacht – ein Versuch über die Darstellung von Ritualen als Strategien männlicher Adoleszenz. In: Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann, Felix Giesa (Hrsg.): Die Zeitalter werden besichtigt. Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Festschrift für Otto Brunken. Peter Lang, Frankfurt am Main 2015 (= Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien. Band 99), ISBN 978-3-631-66032-4, S. 313–328.

Weblinks

Homepage des Autors

"Hikikomori" Review in "New Books in German"

Einzelnachweise

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