Das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe (auch achtjähriges Gymnasium, kurz G8 oder umgangssprachlich Turbo-Abitur, selten auch Gy8) war das Ergebnis einer Schulreform an den Gymnasien in Deutschland. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von dreizehn auf zwölf Jahre war zwischen 2012 und 2015 in fast allen Ländern eingeführt. Die Idee ging zurück auf ökonomische Überlegungen der OECD, der Bertelsmann-Stiftung und anderer Institutionen. In fast allen westdeutschen Bundesländern wurde die Reform wieder revidiert.
Derzeitiger Stand In den neuen Ländern und in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen wird an G8 als alleinigem Modell für Gymnasien festgehalten. In Niedersachsen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein ist die Rückkehr von G8 zu G9 abgeschlossen, während sie im Saarland und in Baden-Württemberg noch läuft. Insgesamt wird dabei G8 mangels angemeldeter Schüler nur an vier der anbietenden Schulen fortgeführt. In Rheinland-Pfalz und Hessen dürfen die Gymnasien wählen – 90 % bzw. 96 % entscheiden sich dort für G9.Resümee der Quellen aus folgender Tabelle
+ Abitur nach der zwölften (G8) oder dreizehnten (G9) Jahrgangsstufe in den deutschen Bundesländer Land ErsterG8-Abschluss LetzterG8-Abschlussehemalseingeführt Stand: Schuljahr 2026/2027 2012 2031 1938–1951 G9 an 44 Gymnasienhttps://km.baden-wuerttemberg.de/de/schule/gymnasium/g9-modellschulen und anderen Schulformen, Rückkehr der übrigen Gymnasien von G8 zu G9 bis 2031, G8 noch für die Jahrgänge acht bis zwölfhttps://www.youtube.com/watch?v=1vBKI4jUKNM, lediglich ein Gymnasium bietet weiterhin einen G8-Zug an.https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/landesweit-nur-eine-g8-schule-in-bw-100.html 2011 20241938–1951 G9 für alle 2012 1938–1951 (West-Berlin) 1938–2000 (Ost-Berlin) G8 an Gymnasien, G9 sonsthttps://www.berlin.de/sen/bildung/schule/bildungswege/gymnasium/auf_kurs_zum_abitur_2021_22.pdf 2012 1938–2000 G8 an Gymnasien, G9 sonsthttps://schule-in-deutschland.de/die-oberstufe-in-brandenburg/ 2012 1938–1951 G8 an Gymnasien, G9 sonsthttps://www.bildung.bremen.de/sixcms/media.php/13/Sek_I_WEB.pdf 2010 1938–1951G8 an Gymnasien, G9 sonst (z. B. Stadtteilschulen)Schulfrieden verlängert: G8-Abitur bleibt, ndr.de, 13. August 2019 2013 1938–1951 Gymnasien haben die Wahl – 9 von 206 bieten noch G8 an, dazu G9 für andere Schulen. 2008 1938–2001 G8 an Gymnasien, G9 sonst 2011 20191938–1951 G9 für allehttps://www.mk.niedersachsen.de/startseite/schule/unsere_schulen/allgemein_bildende_schulen/gymnasium/gymnasium-6319.html 2013 20251938–1951 G9 für alle, lediglich zwei Gymnasien bleiben bei G8.https://www.mpg-bielefeld.de/wp-content/uploads/2020/12/PPP_Struktur.pdf 2016 1938–1951 Gymnasien haben die Wahl – 15 von 152 bieten noch G8 an,https://bm.rlp.de/service/pressemitteilungen/detail/g8-gymnasien-bieten-schule-als-lern-und-lebensort-und-ganztagsschule-auf-hohem-niveau-bildungsministerin-dr-stefanie-hubig-besucht-gymnasien-traben-trarbach dazu G9 für andere Schulen. 2009 20281938–1951 Rückkehr von G8 zu G9 bis 2028, G8 noch an Gymnasien für die Jahrgänge elf und zwölf 1938 G8 an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen, G9 sonsthttps://www.schule.sachsen.de/saechsisches-schulsystem-3979.html 2007 1938–2000 G8 an Gymnasien und Gesamtschulen, G9 sonsthttps://mb.sachsen-anhalt.de/themen/schulsystem/ 2016 20251938–1951 G9 für alle, lediglich ein Gymnasium bleibt bei G8.https://coppernicus.de/de/das-copp/g8 1938 G8 an Gymnasien, G9 sonsthttps://bildung.thueringen.de/fileadmin/ministerium/publikationen/gymnasiale_oberstufe.pdf
Zweck der Reform Als Hauptargument für die Einführung der verkürzten Schulzeit wurde von Politikern die zu anderen Ländern vergleichsweise lange Dauer der Schulzeit angeführt. Die Abiturienten sollten durch die Schulzeitverkürzung ein Jahr früher ihre Berufsausbildung beginnen können und entsprechend früher Steuern und Sozialabgaben zahlen. Die Wirtschaft sollte auf im Durchschnitt ein Jahr jüngere Berufseinsteiger mit Abitur bzw. abgeschlossener Hochschulreife zurückgreifen können. Gesamtwirtschaftlich betrachtet sollte die Lebensarbeitszeit der Menschen um mehrere Jahre zunehmen, um den finanziellen Versäumnissen in der demografischen Altersstruktur entgegenzuwirken. Dies sollte einerseits durch einen späteren Eintritt in die Rente und andererseits durch einen früheren Einstieg ins Berufsleben erzielt werden.
Geschichtlicher Hintergrund und Einführung Durch den Weimarer Schulkompromiss wurde für alle Kinder die obligatorische vierjährige Grundschule (statt der zuvor meist üblichen dreijährigen Vorschule im Kaiserreich) eingeführt, dadurch verlängerte sich die Dauer von der Einschulung bis zum Abitur auf 13 Jahre. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde per Erlass vom 30. November 1936 die Besuchszeit des Gymnasiums auf acht Jahre, die Zeit von Einschulung bis Abitur also auf zwölf Jahre verkürzt. Ein Hintergrund dieser Regelung war, die Abiturienten ein Jahr früher als Offizieranwärter zur Aufrüstung der Wehrmacht einsetzen zu können.
Nach Kriegsende hielt die neu gegründete Deutsche Demokratische Republik (DDR) vor allem aus bildungstheoretischen Gründen am Reifezeugnis nach zwölf Klassen fest (vgl. Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule). Aber auch ideologische Gründe spielten eine Rolle, da hierdurch das eigene Bildungssystem als effizienter wahrgenommen wurde. Das Abitur konnte für wenige Schüler auf der Erweiterten Oberschule nach zwölf Jahren Schulzeit und mit Samstagsunterricht abgelegt werden (Abiturquote: 10 Prozent). Eine weitere Möglichkeit bestand in der dreijährigen Berufsausbildung mit Abitur.
Um sich des ideologischen Erbes der Zeit des Nationalsozialismus zu entledigen, kehrte die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland 1951 zum Abitur nach 13 Jahren zurück.
In dem Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung führten drei der fünf neuen Länder aufgrund der hohen Wochenstunden-Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) nach und nach dreizehn Klassen bis zum Abitur ein, nur Sachsen und Thüringen blieben beim Abitur nach zwölf Jahren. Anfang der 2000er Jahre wurde der umgekehrte Weg gefordert und die Abiturprüfung nach dem 12. Jahrgang verlangt. Dem schlossen sich sowohl die neuen als auch fast alle alten Länder ab 2003 an und führten das Abitur nach zwölf Schuljahren (wieder) ein. Ab den 2010er Jahren wurde in den meisten alten Ländern dieser G8-Versuch beendet, und sie kehrten nach und nach wieder zum 13-jährigen Schulsystem zurück.
Umsetzung Im Vorfeld der Umstellung wurde gefordert, dass die kürzere Schulzeit nicht zu einer Qualitätsminderung des Abiturs führen dürfe. Die Kultusministerkonferenz entsprach dem, indem sie die Anzahl der Wochenstunden, die für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife erforderlich sind, unverändert bei insgesamt 265 Jahreswochenstunden beließ, diese aber statt auf 13 nunmehr auf 12 Schuljahre aufteilte. Trotz des Wegfalls eines Unterrichtsjahres sollen weiterhin alle Inhalte vermittelt werden, die bisher die Stoffmenge für 13 Schuljahre darstellten., Website der Kultusministerkonferenz (PDF; 88 kB) Seite 4, abgerufen am 4. Januar 2013 Der Idee wohnte die ökonomische Vorstellung inne, dass Schulen ineffizient arbeiten und Schüler durch zusätzlichen Unterricht am Nachmittag mehr und schneller lernen würden.
Folge war eine signifikante Erhöhung der Wochenstundenzahlen für die Schüler mit verkürzter Schulzeit: Mussten Schüler des neunstufigen Gymnasiums auf neun Jahre aufgeteilt durchschnittlich 30 Wochenstunden absolvieren, müssen Schüler des achtstufigen Gymnasiums durchschnittlich 34 Stunden pro Woche belegen, das bedeutet regelmäßigen Nachmittagsunterricht für Schüler aller Altersstufen. Daran übten Eltern-, Lehrer- und Schülerorganisationen zum Teil heftige Kritik. Die 265 Jahreswochenstunden werden je nach Land unterschiedlich auf die Jahrgangsstufen verteilt. Um jüngeren Schülern eine zu große Stundenzahl zu ersparen, werden die Stunden oftmals asymmetrisch aufgeteilt, so dass Schüler in den niedrigeren Jahrgangsstufen weniger und Schüler in älteren Jahrgängen deutlich mehr als 34 Wochenstunden Unterricht bekamen. So kamen pädagogisch und didaktisch fragwürdige Stundentafeln mit bis zu 36 Wochenstunden zustande.
Kritik und Kontroversen Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit des Abiturs nach der zwölften Jahrgangsstufe ist insbesondere, dass sich die Zahl der Sitzenbleiber durch die Verdichtung des Unterrichts nicht erhöht und dass die Schulabgänger zügig an die Universitäten, Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt drängen. Beides ist nicht gelungen, die Rückmeldungen der Universitäten ergaben stattdessen, dass die Studierfähigkeit der Studienanfänger trotz nominell besserer Noten im Zentralabitur durch die Umstellung auf G8 deutlich nachgelassen hat.
Bei der Vorziehung von Unterrichtsinhalten auf jüngere Jahrgänge wurde nicht reflektiert, ob die Schüler die intellektuellen und auf ihre Persönlichkeit bezogenen Voraussetzungen erfüllen, um sich vertieft mit den entsprechenden Inhalten befassen zu können. Letztlich betraf diese Frage auch die ein Jahr jüngeren Abiturienten, deren Persönlichkeitsentwicklung (unabhängig vom erworbenen Wissen) dementsprechend bei Aufnahme eines Studiums oder einer Berufsausbildung einen anderen Stand hatte als die der bisherigen G9-Absolventen.
Kritik wurde auch bezüglich der nachmittäglichen Versorgung der Schüler geäußert: Anders als in Deutschland sind die Schulen in anderen europäischen Staaten durchweg als Ganztagsschulen mit Mensa konzipiert und bieten am Nachmittag deutlich mehr Förderangebote als in Deutschland.Kultusminister bessern beim Turbo-Abi nach, Spiegel Online
Kritisiert wurde ferner die hohe Belastung, die Jugendliche durch die G8-Reform erfahren. Viele Gymnasiasten hätten kaum noch Freizeit und müssten Hobbys wie Musikunterricht oder Sportvereine aufgeben, um in der Schule bestehen zu können.Autor Anonym: Ich habe ein illegales Abitur, in: Bettina Malter/Ali Hotait (Hrsg.): Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution. Berlin 2012. Vergangenheitsverlag.
Befürworter der Reform weisen darauf hin, dass die Länder Sachsen und Thüringen seit Jahrzehnten das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe verleihen; dabei seien dort weder die Abbrecherquoten signifikant höher noch die Leistungen der Abiturienten schlechter, wenngleich der Anteil der Abiturienten geringer ausfalle. In den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen spielt dagegen die dort erfolgte Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems eine besondere Rolle in der G8/G9-Diskussion. Die neben dem Gymnasium existierenden Stadtteilschulen oder Gemeinschaftsschulen ermöglichen ebenfalls den Weg zum Abitur (dann aber nach neun Jahren) und würden sich vom Gymnasium kaum noch unterscheiden, wenn auch dort G9 wieder eingeführt würde.
Der Bildungsforscher Olaf Köller glaubt, die Annahme, die kürzere Schulzeit schade jungen Leuten und erbringe nicht die erhofften Ergebnisse, beruhe auf einem „Mythos“. Auch seien Freizeitaktivitäten von Gymnasiasten nicht wesentlich im Vergleich zur G9-Ära zurückgegangen. Lediglich die Hoffnung, dass Abiturienten im Schnitt zwölf Monate jünger seien als zu G9-Zeiten, sei nicht erfüllt worden (sie sind nur zehn Monate jünger), was vor allem daran liege, dass Rückkehrer von Auslandsaufenthalten öfter als früher freiwillig ein Schuljahr wiederholten.Olaf Köller: Rückkehr zu G9: ‚Eltern verhalten sich postfaktisch‘. zeit.de, 3. Mai 2017
G8 wurde bundesweit eingeführt, obwohl es zuvor keinerlei belastbare und generalisierbare empirische Befunde zum Abitur nach zwölf Jahren Schulzeit gab.Empirische Befunde zu Auswirkungen der G8-Schulzeitverkürzung, DIW Roundup No. 57, 02/2015.
Rücknahme in westdeutschen Flächenländern