miniatur|Fol. 43v: König Otto nimmt die Handschrift entgegen.

Das Gebetbuch Ottos III., auch als Königsgebetbuch Ottos III. oder als Pommersfelder Gebetbuch bezeichnet, ist eine mittelalterliche Handschrift, die zu den Hauptwerken der ottonischen Buchmalerei gezählt wird. Die Handschrift wird seit 1994 unter der Signatur Clm 30111 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt. Die zwischen 984 und 991 entstandene und zum Privatgebrauch des jungen Königs Otto III. bestimmte Handschrift ist das einzige erhaltene Gebetbuch eines Königs der ottonischen Zeit. Texte und Buchkunst der Handschrift vermitteln ein monastisch geprägtes Herrscherideal.

Beschreibung Das Buch Der Codex ist mit einem Format von 15 × 12 cm ungewöhnlich klein, aber dafür ausgesprochen prächtig ausgestattet. Die 44 Pergamentblätter sind mit Goldtinte auf gemaltem Purpurgrund beschrieben. Der Buchschmuck besteht aus fünf ganzseitigen Miniaturen und insgesamt 25 kleinen Goldinitialen mit roten Konturen und blauen Binnengründen. Die Schrift ist eine regelmäßige karolingische Minuskel; einige Überschriften sind in Capitalis rustica ausgeführt. Die Schriftfläche misst 9,5 × 7,5 cm und ist von einer zinnoberrot umsäumten Goldleiste gerahmt. Die durchschnittlich 14 bis 15 Zeilen pro Seite wurden mit einem Griffel vorgezeichnet.Hermann Hauke: Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 22.

Die Handschrift ist seit 1950 in zwei mit blauem, in sich gemustertem Samt bezogene hölzerne Buchdeckel gebunden, die durch zwei Schließen mit Lederschlaufen zusammengehalten werden.Das Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek zeigt einen abweichenden Einband. Hermann Hauke, Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 25 erwähnt, dass der Samtbezug von 1950 starke Abnutzungserscheinungen zeige. Dieser Einband ersetzte einen schwarzen Samteinband, der ebenfalls nicht ursprünglich war.Hermann Hauke: Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 25. Der Buchblock weist einen Goldschnitt auf, weshalb eine Neubindung im Barock vermutet wird.Elisabeth Klemm: Das Gebetbuch Ottos III. ( = Patrimonia Bd. 84) 1995, S. 40.

Die Handschrift ist weitgehend vollständig. Sie enthält alles Wesentliche, was in einem Gebetbuch für die private Andacht eines Laien zu erwarten ist. Dennoch können einzelne Blätter verloren gegangen sein, wobei jedoch Wert darauf gelegt wurde, das Gebetbuch in einem vollständig erscheinenden Zustand zu erhalten. Auf fol. 31r ist oben ein isolierter Gebetsschluss sorgfältig getilgt worden; der Beginn des Gebets muss sich auf einem verlorenen Vorblatt befunden haben.Elisabeth Klemm: Das Gebetbuch Ottos III. (= Patrimonia, Bd. 84). 1995, S. 41. Vermutlich ist das äußere Doppelblatt zur Lage fol. 31–36 verloren gegangen, hierfür spricht auch, dass die Lage heute mit einer Rubrik für ein Morgengebet schließt, der sich auf fol. 37r jedoch kein Morgengebet anschließt.Hermann Hauke: Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 24. Das Lagenschema lautet I + 2 IV + II + IV + 2 III + I.

Der Text miniatur|Fol. 18v: Ausschnitt aus den Fürbitten der Litanei

Der Codex ist das private Gebetbuch eines Königs und gehört schon deshalb zu einem selten überlieferten Handschriftentypus. Außer dem Gebetbuch Ottos III. sind nur das Gebetbuch Karls des Kahlen (München, Schatzkammer der Residenz, Inv.-Nr. 4) und ein Psalter erhalten, der für den privaten Gebrauch Ludwigs des Deutschen geschrieben wurde (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. theol. lat. fol. 58). Einen festen Kanon oder eine Textvorlage für private Gebetbücher gab es nicht.

Nach der ersten Miniatur beginnt die Handschrift mit den Psalmen 6, 31, 37, 50, 101, 129 und 142, den sogenannten Bußpsalmen. Die in den Bußpsalmen ausgedrückte Glaubenshaltung war, dass der Mensch sündig und sein Abstand zur erhabenen Majestät Gottes unüberbrückbar war, so dass er Heilige und Engel als Vermittler und Fürbitter benötigte.Hermann Hauke: Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 27. Nach einer Rubrik folgt eine Allerheiligenlitanei; insgesamt werden 81 Heilige um Beistand angerufen.Sarah Hamilton: Most illustrious king of kings. Evidence for Ottonian kingship in the Otto III. prayerbook. In: Journal of Medieval History Bd. 27, 2001, S. 257–288, hier: S. 271. Die Fürbitten der Litanei umfassen zahlreiche Anliegen, unter anderem Frieden und Eintracht, wahre Reue und Nachlass der Sünden. Für sich selbst erfleht der Betende Zerknirschung des Herzens und die Gabe der Tränen, Bewahrung vor der ewigen Verdammnis, Gottes Erbarmen und in Bewusstsein seines königlichen Rangs und der Verantwortung des Herrschers:

Nach dem dreimaligen Kyrie und dem Vaterunser folgen vier Schlussgebete und die zweite Miniatur. Fol. 21v, die Rückseite der Majestas, ist unbeschrieben, zeigt jedoch den purpurnen Schriftspiegel der anderen Seite. Auf fol. 22r folgt eine Gebetseinleitung, der sich Gebete zu den Heiligen, den Aposteln, Maria, Gottvater, Christus, dem Heiligen Geist und der Dreifaltigkeit sowie ein Ablassgebet, ein Morgengebet, ein Kyrie und Kollektengebet, Gebete zur Kreuzverehrung und Gebete zum Betreten und Verlassen der Kirche anschließen. Nach dem letzten Gebet steht als Explicit Explicit liber sowie der Segenswunsch Tu rex vive feliciter. Amen (Du, König, lebe glücklich. Amen). Die Handschrift schließt mit dem Dedikationsbild und dem Widmungsgedicht.

Die Gebete sind nicht eigens für den Empfänger der Handschrift geschrieben worden.Hermann Hauke: Das Gebetbuch Ottos III., Luzern 2008, S. 35. Mehrere Gebete, etwa das zu Gottvater fol. 26v, sind dem Alkuin zugeschriebenen Libellus precum des späten 8. Jahrhunderts entnommen. Die Zusammenstellung der Gebete im Gebetbuch Ottos III. ist ohne direktes Vorbild und stimmt mit keinem erhaltenen mittelalterlichen Gebetbuch überein.Sarah Hamilton: Most illustrious king of kings. Evidence for Ottonian kingship in the Otto III. prayerbook. In: Journal of Medieval History Bd. 27, 2001, S. 257–288, hier: S. 266.

Außer dem eigentlichen Text des Gebetbuches enthält der Codex auf fol. 1r., das ursprünglich leer war, in einer ins 11. Jahrhundert datierten Schrift den Besitzeintrag einer Duriswint; dieselbe Hand schrieb auch auf dem letzten Blatt einen Auszug aus der Genealogie Christi nieder.

Die Miniaturen Kreuzigung und Deesis miniatur|Fol. 1v/2r: Kreuzigung und Deesis

Die erste Miniatur zeigt auf der Versoseite die Kreuzigung, unten flankiert von Maria und dem Evangelisten Johannes, oben von den Personifikationen von Sol und Luna. Die Rectoseite ist in zwei Register geteilt. Im Oberen steht Christus im Sinn der Deesis zwischen Johannes dem Täufer und Maria, die sich ihm zuwenden. Unten ist ein barhäuptiger junger Laie in Gebetshaltung zwischen den durch ihre Attribute gekennzeichneten Heiligen Petrus und Paulus abgebildet. Er trägt ein mit Goldborten besetztes Gewand, darüber einen als Chlamys bezeichneten kurzen Mantel, dessen Purpurfarbe ihn als König ausweist. Insignien, wie zum Beispiel eine Krone, fehlen. Im Begleittext der Kreuzigung bittet der Betende den rex regum (König der Könige, gemeint ist Christus) um die Erleuchtung von Herz und Leib im Sinn der Kreuznachfolge. Das Gebet lautet:

Das Gebet setzt sich aus Betrachtung und Bitte zusammen und bindet den Betrachter in die Miniatur ein. Der auf der Gegenseite abgebildete junge König ist gleichzeitig Betrachter der Kreuznachfolge wie auch Objekt eigener Betrachtung.Christoph Winterer: Monastische Meditatio versus fürstliche Repräsentation. Überlegungen zu zwei Gebrauchsprofilen ottonischer Buchmalerei in: Klaus Gereon Beuckers, Johannes Cramer, Michael Imhof (Hrsg.); Die Ottonen. Kunst – Architektur – Geschichte, Petersberg 2002, S. 103–128, hier: S. 127.

Otto in Proskynese und Majestas miniatur|Fol. 20v/21r: Otto in Proskynese vor dem Weltenherrscher

Die Verso-Seite zeigt denselben jungen König wie das Deesis-Bild in tiefer Proskynese, einer Geste der demütigen Verehrung. Er trägt den Purpurchlamys sowie eine golddurchwirkte Brustbinde, die möglicherweise vom Loros der byzantinischen Kaisertracht beeinflusst ist, jedoch keine Herrschaftsinsignien. Er liegt vor einer herrschaftlichen Architektur mit einem zentralen Torbogen und darüber aufragenden Turm, in der eine Figur mit erhobenem Schwert steht. Sein Blick ist auf die auf der Recto-Seite dargestellte Majestas gerichtet. Der Schwertträger hinter ihm ist mit einer blauen Tunika und Purpurchlamys, identisch zum König, bekleidet. Wie der König ist er mit der Vision der Majestas begnadet.Lieselotte E. Saurma-Jeltsch: Das Gebetbuch Ottos III. Dem Herrscher zur Ermahnung und Verheißung bis in die Ewigkeit. In: Frühmittelalterliche Studien Bd. 38, 2004, S. 55–88, hier: S. 75.

Auf der Gegenseite thront Christus in der von zwei Engeln gehaltenen Mandorla. Er sitzt auf einem goldenen Kreissegment, die Füße ruhen auf einem Regenbogen. Gekleidet ist er in eine grün-rosa Tunika mit Purpurclavi (Streifen, die sich aus der Tracht römischer Adeliger ableiten) und ein goldenes Pallium. Die rechte Hand ist zum Segen erhoben, in der linken Hand hält er ein Buch. In den Bildecken befinden sich vier goldene Sterne. Der Blick Christi ist auf den in Gebet verharrenden König gerichtet. Die Majestas ist keine Majestas Domini, sondern eine Engelmajestas.Lieselotte E. Saurma-Jeltsch: Das Gebetbuch Ottos III. Dem Herrscher zur Ermahnung und Verheißung bis in die Ewigkeit. In: Frühmittelalterliche Studien Bd. 38, 2004, S. 55–88, hier: S. 74. Sie steht für den in der Vision erschienenen, erhöhten Gottessohn.

Dedikationsbild Das abschließende Bild, dem auf der Rectoseite ein Widmungstext gegenübersteht, zeigt den thronenden König. Er trägt über der Tunika den Purpurchlamys mit goldenem Ornamentbesatz und eine vierseitige, kastenförmige Krone. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf einem verzierten Kastenthron unter einem von zwei Säulen getragenen Giebel. Von rechts nähert sich ihm ein im Sinn der Bedeutungsperspektive bedeutend kleiner dargestellter Kanoniker in einfacher Kleidung, der das Buch überreicht. Dem Bild gegenüber steht das hexametrische Widmungsgedicht:Kritisch ediert bei Gabriel Silagi, Bernhard Bischoff (Hrsg.): Die Ottonenzeit, Teil 3 (= Monumenta Germaniae Historica Poetae Latinii Medii Aevi, Band 5.3). München 1979, S. 633–634 Nr. 4: Widmung des Gebetbuches Ottos III.

Kunsthistorische Erkenntnisse Datierung und Lokalisierung