Jerry Thomas, eigentlich Jeremiah P. Thomas (* um 1830In der Personendatenbank der Library of Congress wird im Eintrag Personendatenbank Jerry Thomas als Geburtsdatum ungefähr („on or around“) der in der Sterbeurkunde vermerkte 1. November 1830 angegeben; eine Information, die sich gleichlautend in David Wondrichs Biografie zu Jerry Thomas findet: Imbibe! From Absinthe Cocktail to Whiskey Smash. A Salute in Stories and Drinks to „Professor“ Jerry Thomas, Pioneer of the American Bar. Perigee (Penguin Group), New York 2007, ISBN 978-0-399-53287-0. Dietrich Bock gibt in seinem Buch Erlesene Cocktails für private Gäste. (Selbstverlag, Erkrath-Hochdahl 1997, ISBN 3-00-001901-4, S. 10) als Geburtsjahr 1825 an, nennt aber keine Quelle. – laut Nachruf der New York Times erst 1832 Nachruf anlässlich des Todes von Jerry Thomas in der New York Times vom 16. Dezember 1885. – in Sackets Harbor, New York; † 14. Dezember 1885Die New York Times berichtet am 16. Dezember 1885, einem Mittwoch, Jerry Thomas sei am Montag Nachmittag verstorben: ; Thomas’ Biograf David Wondrich nennt das gleiche Datum und verweist auf die Sterbeurkunde: Imbibe! From Absinthe Cocktail to Whiskey Smash. A Salute in Stories and Drinks to „Professor“ Jerry Thomas, Pioneer of the American Bar. Perigee (Penguin Group), New York 2007, ISBN 978-0-399-53287-0, S. 34. in New York City, New York), war einer der bekanntesten US-amerikanischen Barkeeper und Gastronomen.
Er gilt als „Urvater der amerikanischen Mixkunst“Pete Wells: Frost on the Sun: Summertime Cocktails In: New York Times vom 21. Juni 2006, abgerufen am 7. September 2012. und war einer der Wegbereiter des „Goldenen Zeitalters der Cocktails“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was ihm schon zu Lebzeiten den Spitznamen „Professor“ eintrug. Sein Buch How to Mix Drinks, or the Bon Vivant’s Companion bzw. The Bartender’s Guide, ein Handbuch für Barkeeper, dessen erste Ausgaben 1862 erschienen, war das erste Fachbuch seiner Art in den Vereinigten Staaten und trug maßgeblich dazu bei, den Berufsstand zu professionalisieren. Es gilt noch heute als Standardwerk.
Leben miniatur|hochkant=1.2|Jerry Thomas bei der Zubereitung eines Blue Blazer. Illustration aus Jerry Thomas: How to Mix Drinks (1862). Über Kindheit und Jugend von Jerry Thomas ist wenig bekannt. Geboren wurde er in Sackets Harbor im US-Bundesstaat New York und begann in New Haven (Connecticut) als Barkeeper zu arbeiten, bevor er Ende der 1840er Jahre auf einem Schiff – er sagte später von sich, er sei auch Seemann („sailor“) gewesen – nach Kalifornien reiste, um am Goldrausch teilzuhaben.William Grimes: Shaken, Stirred or Mixed, The Gilded Age Lives Again (englisch) In: New York Times vom 26. März 2003, abgerufen am 9. September 2012. Er verdingte sich als Goldsucher, veranstaltete Unterhaltungsshows (Minstrel Shows) und arbeitete als Barkeeper. 1851 kehrte er nach New York zurück und eröffnete eine Bar im Gebäude von Barnum’s American Museum, einem Museum für Populärkultur. Nach einigen Jahren begann er erneut zu reisen und arbeitete in verschiedenen Hotels und Saloons als Barmanager, unter anderem in St. Louis (Missouri), Chicago (Illinois), San Francisco (Kalifornien), Charleston (South Carolina) und New Orleans (Louisiana). Außerdem unternahm er eine längere Rundreise durch Europa, wo er unter anderem eine Vorliebe für Bric-à-Brac entwickelte. Als Barkeeper war er für seine große Kunstfertigkeit bekannt und unterhielt seine Gäste mit Showeinlagen, wie dem Jonglieren mit Flaschen, Gläsern und Zutaten, was heute als Flairbartending bezeichnet wird. Dabei soll Thomas stets aufwändigen Schmuck getragen und mit reich verzierten Mixbechern (der Cocktail-Shaker kam erst später in Gebrauch) und wertvollen Barwerkzeugen gearbeitet haben. Im Occidental Hotel in San Francisco habe er 100 Dollar pro Woche verdient – mehr als seinerzeit der Vizepräsident der Vereinigten Staaten. In dieser Zeit mixte er bereits den Blue Blazer, seinen Signature Drink. Das Getränk entstand angeblich im El Dorado, einem Spielsalon in San Francisco. Bei der Herstellung wird brennender Whiskey kunstvoll in der Luft zwischen zwei Bechern hin- und hergeschüttet (fachsprachlich „geworfen“).John Hodgman: All Shaken Up In: New York Times vom 17. Oktober 2004, abgerufen am 9. September 2012.Recipe: Blue Blazer, New York Times, October 31, 2007.
Zurück in New York wurde Thomas zunächst Chef-Barkeeper im Metropolitan Hotel und veröffentlichte 1862 sein bekanntes Barbuch How to Mix Drinks, or The Bon Vivant’s Companion. 1869 (W. Grimes zufolge schon 1866)William Grimes: Critic’s Notebook; Shaken, Stirred or Mixed, The Gilded Age Lives Again in: New York Times vom 26. März 2003, abgerufen am 29. September 2012. eröffnete Thomas am Broadway, zwischen der 21. und 22. Straße, seine eigene Bar. Dort konnten seine Gäste nicht nur trinken, sondern auch ihre verzerrten Spiegelbilder in einer Art Lachkabinett oder politische Karikaturen wie die von Thomas Nast bewundern, den Jerry Thomas als einer der ersten ausstellte. Er betätigte sich nicht nur als Kunstsammler – seine Bar habe wie eine Kunstgalerie ausgesehen –, sondern malte auch selbst, reiste viel und muss in jener Zeit zu den bekanntesten Persönlichkeiten der New Yorker Gesellschaft gehört haben. Überliefert ist auch sein Interesse an Bare-knuckle-Boxkämpfen und Flaschenkürbissen. Ende der 1870er Jahre wurde Jerry Thomas Vorsitzender des von ihm gegründeten Gourd Club, nachdem sein Garten das längste Exemplar hervorgebracht hatte;The Gourd Club (engl.) In: New York Times vom 10. Mai 1878, abgerufen am 9. September 2012. zudem war er Mitglied der Fat Men’s Association, wenngleich mit 205 Pfund (ca. 93 kg) zweifellos eines der leichteren.
In den 1880er Jahren schien sich das Glück von Jerry Thomas abzuwenden. Aufgrund hoher Verluste bei Börsenspekulationen musste er seinen berühmten Saloon am Broadway schließen und den größten Teil seiner Kunstsammlung verkaufen. Er eröffnete zwar mehrere neue Bars, konnte aber nicht an die Erfolge früherer Zeiten anknüpfen. Als er 1885, erst Mitte 50-jährig, eines plötzlichen Todes verstarb,Die New York Times vermeldete als Todesursache „apoplexy“ (Apoplexie), ein Begriff, der im 19. Jahrhundert jedoch nicht nur für einen Schlaganfall, sondern auch für eine Vielzahl anderer plötzlicher Todesursachen wie plötzlicher Herztod, Aortenaneurysma und Herzinfarkt verwendet wurde. erschienen Nachrufe in Zeitungen des ganzen Landes. Die New York Times schrieb: „Zeitweise war Jerry Thomas unter den ‚Club Men‘ und Lebemännern der bekannteste Barkeeper dieser Stadt und er war bei Menschen aller Schichten äußerst beliebt.“ Er hinterließ seine Witwe und zwei Töchter.
Werk Jerry Thomas’ Buch How to Mix Drinks or The Bon Vivant’s Companion („Wie man Getränke mixt oder Der Begleiter für Lebemänner“) bzw. The Bartender’s Guide („Leitfaden für Barkeeper“) gilt als das erste Fachbuch, welches ausschließlich über Mixgetränke geschrieben wurde. Erstmals enthielt es auch schon einige wenige Mixrezepte für die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode gekommenen Cocktails. Nach allgemeiner Ansicht erschien es 1862 in zwei Ausgaben, die inhaltlich identisch waren und sich lediglich im Titel und im Preis unterschieden. Für den Alternativtitel The Bar-Tender’s Guide And Bon Vivant’s Companion ist allerdings auch eine Werbeanzeige in einem anderen Getränkefachbuch des Verlags Dick & Fitzgerald aus dem Jahr 1858 überliefert.Dietrich Bock: Erlesene Cocktails für private Gäste. Selbstverlag, Erkrath-Hochdahl 1997, ISBN 3-00-001901-4. Bei der beworbenen Publikation handelt es sich um eine Doppelausgabe, die durch Rezepte zur Herstellung von Cordials, Likören und Sirups, verfasst vom Schweizer Christian Schulz, ergänzt wurde. Die unterschiedlichen Titel sollten offenbar verschiedene Zielgruppen ansprechen – einerseits professionelle Barkeeper (engl. bartender), also die Fachwelt, andererseits interessierte Laien. Insgesamt wurde die Erstausgabe von 1862 über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren in immer neuen Bindequoten, mit unterschiedlichen Preisen und Einbänden in einer geschätzten Gesamtauflage von etwa 8000 Exemplaren hergestellt, welche heutzutage Preise von vielen Tausend US-Dollar erzielen können.
Das erst um 1800 entstandene Wort „Cocktail“ war um 1860 noch kein Oberbegriff für alle alkoholischen Mixgetränke, sondern laut Thomas „eine moderne Erfindung“ und bezeichnete seinerzeit nur eine sehr kleine Gruppe von Shortdrinks, deren Rezepte er im Kapitel The Cocktail & Crusta zusammentrug. Thomas’ „Cocktails“ bestanden sämtlich aus einer Spirituose und einigen Spritzern (Dashes) Zuckersirup, Bitters und Curaçao. Die Nähe zur 1806 erstmals definierten Form eines „Cocktails“ als „bittered sling“, das heißt Spirituose, Wasser, Zucker und Bitters,Harry Croswell, Herausgeber der Wochenzeitschrift The Balance, and Columbian Repository (Hudson, New York), antwortete in der Ausgabe vom 13. Mai 1806 auf einen Leserbrief wie folgt: „Cock tail, then, is a stimulating liquor, composed of spirits of any kind, sugar, water, and bitters – it is vulgarly called a bittered sling […]“. Vgl. Anistatia Miller, Jared Brown: Spirituous Journey. A History of Drink. Book one: From the Birth of Spirits to the Birth of the Cocktail. Mixellany, London 2009, ISBN 978-0-9760937-9-4, S. 191ff. ist also noch gut erkennbar. Mit etwas Zitronenschale (heute: Twist) verziert nannte Thomas diese Cocktails „fancy“; gab er noch etwas Zitronensaft in den Drink und kleidete das Glas mit einem langen Stück gezuckerter Zitronenschale aus, erhielt man einen Crusta.
Alle weiteren Mixgetränke seines Buches ordnete Thomas den damals schon etablierten Getränkekategorien zu: Punch; Egg Nogg; Juleps; The Smash; The Cobbler; Mulls and Sangarees; Toddies and Slings; Fixes and Sours; Flip, Negus and Shrub. Alkoholfreie Mixgetränke fasste er als Temperance Drinks zusammen; solche, die er nicht eindeutig einem Typ zuordnen konnte, nannte er Fancy Drinks (etwa „Phantasiegetränke“, von engl. fancy = ausgefallen, originell) oder führte sie bei den Miscellaneous Drinks („verschiedenen Getränke“) auf.Jerry Thomas: How to Mix Drinks, or the Bon-Vivant’s Companion. Dick & Fitzgerald, New York 1862. Viele noch heute bekannte Drinks wie der Flip erschienen bei Thomas zum ersten Mal in gedruckter Form. In einer späteren Ausgabe von 1876, die Thomas um neue Rezepte ergänzt hatte, wird erstmals der Tom Collins erwähnt,George Sinclair: The Great Tom Collins Hoax (englisch), abgerufen am 9. September 2012. kurz nach dem sogenannten Tom-Collins-Scherz (engl. The Great Tom Collins Hoax) von 1874.Simon Difford: Cocktails. Diffrordsguide, London 2008, ISBN 0-9556276-0-5, S. 351 (Auszug bei Google Books). Jerry Thomas behauptete auch, das Mixgetränk Tom and Jerry erfunden zu haben, und zwar schon 1847 in Kalifornien im Alter von (wahrscheinlich) 17 Jahren. Er habe den Drink nach seinen zwei Mäusen benannt und führt in seinem 1862 erschienenen Buch eine Rezeptur für mehrere Personen auf.Jerry Thomas: How to Mix Drinks, or the Bon-Vivant’s Companion. Dick & Fitzgerald, New York 1862; .