mini|hochkant=1.2|Piktogramm für eine Unisex-Toilette in Saint Paul (Minnesota) Beschriftung: „Jeder kann diese Toilette benutzen, unabhängig von Geschlechtsidentität oder -ausdruck.“ Als Unisex-Toilette wird eine öffentliche Toilette außerhalb privater Räume bezeichnet, die von allen Personen, unabhängig von ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit, genutzt werden kann. Eine Geschlechtertrennung findet hier nicht statt. Unisex leitet sich aus dem lateinischen „unus“, zu Deutsch „eins“, und dem lateinischen „sexus“ für das biologische Geschlecht ab.
Hintergrund Eine Geschlechtertrennung bei öffentlichen Toiletten und Bedürfnisanstalten war bis ins 19. Jahrhundert hinein eher unüblich. In der Regel gab es einen Raum für beide Geschlechter. Erst mit der viktorianischen Epoche setzte, von Großbritannien ausgehend, eine Geschlechtertrennung im Toilettenbereich ein.O. Gershenson, B. Penner (Hrsg.): Ladies and gents: Public toilets and gender. Temple University Press, 2009, ISBN 978-1-59213-939-2. Laut Barbara Penner, Professorin für Architekturgeschichte am University College London, war dies Ausdruck der Geschlechterideologie dieser Ära:
Terry Kogan, Professor für Rechtsgeschichte an der University of Utah, beschreibt die Idee der Geschlechtertrennung als Ausdruck eines Konfliktes zwischen viktorianischer Geschlechtermoral und einer sich langsam durchsetzenden modernen Lebensweise. Er argumentiert, dass die moderne Toilettensegregation aus diesem viktorianischen Gender-Modell hervorging. Frauen wurden demnach als schwächer angesehen, und um die soziale Moral zu schützen, wurde die „Ideologie der getrennten Sphären“ etabliert. Diesen Moralvorstellungen aus der viktorianischen Ära des 19. Jahrhunderts entsprechend, zeichneten sich Frauen durch ihre Tugendhaftigkeit und Bescheidenheit aus. Sie wurden allgemein in der Rolle der Hausfrauen, Mütter und Ehefrauen gesehen. In der Folge wurden Männer und Frauen in getrennte Sphären eingeteilt: Erstere besetzten die Öffentlichkeit (z. B. den Arbeitsplatz), während letztere der Privatsphäre (dem Heim) zugeordnet wurden.
Die Industrielle Revolution, gepaart mit dem Aufkommen neuer Technologien und einer boomenden Wirtschaft, begann Frauen aus dem Haus und in den Arbeitsplatz zu locken – als Folge davon begannen Frauen in die Öffentlichkeit zu gelangen, eine Domäne, die zuvor von Männern besetzt war. Dies gab Anlass zur Besorgnis für die viktorianischen Regulatoren – sie hielten die Öffentlichkeit für gefährlich und vertraten die Ansicht, dass Frauen, ihre Moral und ihre Privatsphäre durch den „räuberischen“ Mann auf dem Spiel standen; sie drängten auf getrennte Toilettenanlagen für Frauen, um deren „guten Ruf“ zu schützen. Seit dieser Zeit hat sich eine Geschlechtertrennung in Toiletten in der westlichen Welt etabliert, die aus historisch-traditionellen Gründen bis heute vorherrscht.
Erst seit der Jahrtausendwende setzte aus verschiedenen Gründen ein Trend zur Rückkehr zu Unisex-Toiletten ein.T. S. Kogan: Sex-separation in public restrooms: Law, architecture, and gender. In: Mich. J. Gender & L. 14, 1, 2007.Terry S. Kogan: How did public bathrooms get to be separated by sex in the first place? In: The Conversation. 27. Mai 2016.
Argumente für die Einrichtung von Unisex-Toiletten Bessere Nutzung vorhandener Räumlichkeiten
Insbesondere bei eingeschränkten Platzverhältnissen ist die doppelte Auslegung der Sanitäranlagen nicht oder nur eingeschränkt möglich. In vielen öffentlichen Verkehrsmitteln, wie Eisenbahnfahrzeugen oder Flugzeugen, kommen vielfach Unisex-Toiletten zum Einsatz.B. Möllring: Toiletten und Urinale für Frauen und Männer: die Gestaltung von Sanitärobjekten und ihre Verwendung in öffentlichen und privaten Bereichen. Dissertation an der Universität der Künste Berlin, Fakultät Gestaltung. 2003. (online)
Vermeidung von Ausgrenzung Für viele Menschen, wie intergeschlechtliche Menschen oder Personen mit einer nonbinären Transgender-Identität, ist es schwierig bis unmöglich, eine geschlechtergetrennte Toilette aufzusuchen, da sie sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen. Mitunter sind diese Personengruppen beim Toilettenbesuch sogar Anfeindungen ausgesetzt. Auch für Eltern kleiner Kinder stellt sich ein Dilemma dar, wenn sie ihr kleines (andersgeschlechtliches) Kind auf die Toilette begleiten wollen.M. A. Case: Why Not Abolish Laws of Urinary Segregation? In: Toilet: Public restrooms and the politics of sharing. 2010, S. 211–225.
Geschlechtergerechtigkeit In vielen öffentlichen Toiletten sind durch den verbreiteten Einsatz von Urinalen für Männer mehr Möglichkeiten für die Bedürfnisverrichtung vorhanden. Da öffentliche Toiletten zu zirka 90 % zum Zweck des Urinierens aufgesucht werden, kommt es vor Frauentoiletten regelmäßig zu Warteschlangen bei gleichzeitig ungenutzten Toilettenkabinen im Bereich für Männer.D. Kyriakou, J. Jackson: We Know Squat About Female Urinals. In: Plumbing Connection. Autumn 2011, S. 54 (online) Die Trennung nach Geschlechtern und die damit einhergehende Benachteiligung von Frauen wird von Clara Greed, Professorin für inklusive Stadtplanung an der University of the West of England, in Beziehung gesetzt zur Rassentrennung zur Zeit der Jim-Crow-Gesetze in den USA, die aus ähnlichen argumentativen Gründen erfolgte.C. Greed: Inclusive urban design. Routledge, 2003.Kate Wheeling: Stalled Out: How Social Bias Is Segregating America's Bathrooms. In: The Pacific Standard. 4. August 2017.Gillian Frank: The Anti-Trans Bathroom Nightmare Has Its Roots in Racial Segregation. In: Slate. 10. November 2015. Bezugnehmend auf den Grundsatz der Rassentrennung: Separate but equal – „getrennt aber gleich“ – kritisierte die farbige Repräsentantin der Demokratischen Partei im Repräsentantenhaus von Texas, Senfronia Thompson, die gegenwärtige Situation:
Frauen werden jedoch nicht nur dadurch benachteiligt, dass für sie keine Urinale vorgesehen und somit die Möglichkeiten zu Urinieren eingeschränkt sind. Von Befürwortern von Unisex-Toiletten wird auch angeführt, dass auch indirekt über die „Toiletten-Apartheid“Jo Greene: It’s Time To Get Rid Of Gender-Specific Toilets | Thought Catalog. In: thoughtcatalog.com, 23. August 2017, abgerufen am 12. Dezember 2017. ein Zwei-Klassen-System erzeugt werden würde, indem Frauen von Networking-Prozessen auf Männertoiletten ausgeschlossen werden. Die Feministin und Professorin für Rechtswissenschaften an der University of Chicago, Mary Anne Case, behauptet, dass wichtige Absprachen und Entscheidungen am Urinal getroffen werden, wo Frauen bisher ausgeschlossen sind.M. A. Case: All the World's the Men's Room. In: U. Chi. L. Rev. 74, 1655 2007.
Argumente gegen die Einrichtung von Unisex-Toiletten
Bei Frauen und Mädchen, die Gewalterfahrungen mit Männern oder Jungen gemacht haben, können gemischtgeschlechtliche Toiletten Ängste auslösen.
Wände und Türen von gemischtgeschlechtlichen Toiletten schließen häufig zum Boden und zur Decke vollständig ab, um zu verhindern, dass die Kabinen von außen eingesehen oder mit einem Mobiltelefon durch die Öffnungen Bilder gemacht werden können. Solche Toiletten können ein Risiko für Menschen mit Epilepsie oder Neigung zum Herzinfarkt oder Schlaganfall darstellen, da bei geschlossener Tür von außen nicht gesehen werden kann, ob jemand verletzt und hilfebedürftig am Boden liegt.
Manche muslimischen, hinduistischen, jüdisch-orthodoxen Frauen dürfen aus religiösen Gründen keine öffentlichen Toiletten mit ihnen unbekannten Männern teilen. Sie können gemischtgeschlechtliche Toiletten nicht benutzen.
Gesundheitliche Gefährdung von Frauen und Mädchen
Mädchen verspüren insbesondere während der Periode Scham vor der gemeinsamen Toilettenbenutzung mit Männern, insbesondere männlichen Jugendlichen. Dies führt auf Schulen dazu, dass sie auf Urinieren und Trinken verzichten und hierdurch ihre Gesundheit gefährden, warnte eine britische Ärztin.Girls are skipping school to avoid sharing gender neutral toilets with boys after being left to feel unsafe and ashamed, Sanchez Manning, Daily Mail on Sunday, 5. Oktober 2019.
In zahlreichen Kulturen ist es für Frauen nicht akzeptabel, beim Verrichten ihrer Notdurft gesehen zu werden, weshalb sie dies nur während der Dunkelheit tun können. Dies hat Verzicht auf Trinken und daraus resultierende Gesundheitsschäden sowie Erkrankungen der Harnwege zur Folge. Darauf weist ein Bericht der UNDESA zur Umsetzung der Ziele der Water for Life Decade im Abschnitt Gender and water hin. Die UNDESA warnt hier ausdrücklich auf die Notwendigkeit separater Toiletten für Jungen hin, damit diese nicht die Mädchentoiletten benutzen:
Zunahme von sexueller Belästigung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Männer, die sexuelle Straftaten begehen oder versteckte Kameras anbringen wollen, haben leichten Zugang zu Unisex-Toiletten.
In Großbritannien ereignen sich nahezu 90 % der in Umkleideräumen vorkommenden Fälle von gegen Frauen gerichteten sexuellen Übergriffen, von Voyeurismus und sexueller Belästigung in Räumlichkeiten, die von beiden Geschlechtern genutzt werden. Dies ergab eine Nachfrage der Times nach dem britischen Freedom of Information Act.Unisex changing rooms put women in danger, Andrew Gilligan, The Times, 2. September 2018. Eine andere britische Quelle berichtet, dass 120 von 134 angezeigten Vorfällen von sexueller Belästigung in Umkleidekabinen in geschlechtsneutralen Einrichtungen stattfanden.Unisex changing rooms put women at danger of sexual assault, data reveals, Rachel Hosie, The Independent, 2. September 2018. Der britische Abgeordnete David Davies warnte vor der Magnetwirkung von Unisex-Toiletten und Umkleideräumen für sexuelle Belästiger und mahnte, bei der Einrichtung von Unisex-Toiletten in Schulen auf die ablehnenden Gefühle von Mädchen Rücksicht zu nehmen.
Konzepte und Probleme in der Umsetzung Die Zusammenlegung bisher geschlechtsgetrennter Toiletten bzw. Neuerrichtung von Unisex-Toiletten geht zum einen mitunter mit administrativen und baurechtlichen Schwierigkeiten einher, zum anderen werden teilweise Bedenken aus der Bevölkerung vorgebracht.
Rechtliche Grundlagen Das Baurecht in einigen Staaten schreibt eine räumliche Trennung der Toiletten für beide Geschlechter vor, womit Unisex-Toiletten quasi illegal sind. Beispielsweise regelt die in Deutschland gültige Versammlungsstättenverordnung von 2002 in §12(1) "Versammlungsstätten müssen getrennte Toilettenräume für Damen und Herren haben."
In den USA nahm Präsident Trump eine von seinem Vorgänger Obama erlassene Richtlinie, wonach Transgender-Personen in öffentlichen Schulen Toiletten ihrer Wahl benutzen dürfen, 2017 zurück. Hierbei wird aber von geschlechtlich getrennten Toiletten ausgegangen.President Trump Just Rolled Back Guidelines That Protected Transgender Students, Katy Steinmetz, Time Magazine, 23. Februar 2017: schools nationwide must respect the gender identities of transgender students, allowing them access to bathrooms and other facilities or single-sex programs that align with their sense of self. (Artikeltext)
Aufgrund von Terry Kogans Initiative Stalled! wird der in weiten Teilen der Vereinigten Staaten gültige International Plumbing Code in der Ausgabe von 2021 gemischt genutzte Sanitäranlagen in öffentlichen Einrichtungen erstmals wieder erlauben.Madeleine Luckel: Architects and Designers Just Helped Win a Major Victory for All-Gender Public Restrooms – Thanks to the advocacy efforts of Stalled!, the International Plumbing Code has passed two key amendments. In: ArchitecturalDigest.com, März 2019.
Im Vereinigten Königreich schreiben die 2010 erlassenen Bauvorschriften getrennte Toiletten für Männer und Frauen am Arbeitsplatz vor.The Building Regulations 2010. Sanitation, hot water safety and water efficiency, G4, PDF, S. 31.
Integration von Urinalen mini|hochkant=1.1|Urinale für Männer (in Herrentoilette) mini|hochkant=1.3|Urinale für Frauen (in Damentoilette)