mini|hochkant|Akif Pirinçci (2014)

Akif Pirinçci [] (* 20. Oktober 1959 in Istanbul) ist ein deutsch-türkischer Schriftsteller. Er wurde durch seine Katzen-Kriminalromane, beginnend mit Felidae (1989), international bekannt.

Seit 2012 betätigt er sich als gesellschaftspolitischer Kommentator und als Redner bei rechtspopulistischen und islamfeindlichen Veranstaltungen. Pirinçci wurde wegen strafrechtlich relevanter Äußerungen sechs Mal verurteilt, unter anderem wegen Volksverhetzung, und mindestens einmal zivilrechtlich wegen Schmähkritik. Die Urteile sind teilweise noch nicht rechtskräftig bzw. wurden in höherer Instanz revidiert.

Leben Pirinçci kam 1969 mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester aus der Türkei nach Deutschland. Die Familie wohnte zunächst in Ulmen (Eifel) und zog 1970 nach Weißenthurm. Der Vater arbeitete unter anderem als Lastwagenfahrer, die Mutter als Fabrikarbeiterin. Pirinçci besuchte nach Episoden an Gymnasium und Realschule die Hauptschule, die er mit einem Abschluss verließ.Akif Pirinçci: Tränen sind immer das Ende. Goldmann, 1980, S. 49.

Als Schüler begann er, Drehbücher und Geschichten zu schreiben. Im Jahr 1974 produzierte der Bayerische Rundfunk seinen Kurzfilm Herbert K. oder Die Pflicht zu jung zu sein.Vgl. Ervedosa, Clara: Pirinçci, Akif. In: Killy Literaturlexikon. Hrsg. v. Wilhelm Kühlmann, 2. Auflage, Berlin / New York 2010, S. 242. Zwei Jahre später gewann er mit seinem Science-Fiction-Hörspiel Die seltsame Krankheit der Nummer 48971 den ersten Preis eines Wettbewerbs des Hessischen Rundfunks.Vgl. Dorothea Fohrbeck: Türkische Kulturarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation von Erfahrungen und Modellversuchen. In: Zentrum für Kulturforschung (Hrsg.): Dokumentationen – Zentrum für Kulturforschung Nr. 17. Bonn 1983, S. 17. Das Hörspiel wurde ins Ausland verkauft, ehe Pirinçci mit der Kurzgeschichte Am Ende aller Zeit, die in der Anthologie Die Anderen des Heyne Verlags veröffentlicht wurde, 1979 als Schriftsteller debütierte. In Wien studierte er eine Zeitlang Filmwissenschaft. Seine nach dem Studium als Auftragsarbeit geschriebenen Drehbücher wurden kaum verfilmt.Vgl. Ervedosa, Clara: Pirinçci, Akif. In: Killy Literaturlexikon. Hrsg. v. Wilhelm Kühlmann, 2. Auflage, Berlin / New York 2010, S. 242. Sein zweiter Roman Felidae wurde ein Millionenerfolg und brachte ihm finanzielle Unabhängigkeit.

Pirinçci lebt in Bonn. Seine Ehefrau, mit der er einen Sohn hat, trennte sich 2013 von ihm.

Romane und Verfilmungen Tränen sind immer das Ende 1980 erschien im Selbstverlag Pirinçcis erster Roman, die Liebesgeschichte Tränen sind immer das Ende.Vgl. Thomas Hecken: Avant-Pop. Von Susan Sontag über Prada und Sonic Youth bis Lady Gaga und zurück. Posth Verlag, Berlin 2012, S. 91. Nach einem provokativen Fernsehauftritt Pirinçcis in der ZDF-Sendung Litera-Tour wurde man im Goldmann Verlag auf den jungen Autor aufmerksam und vereinbarte den Druck von 20.000 Exemplaren, ohne vom Inhalt des Buches Kenntnis erlangt zu haben. Der Roman, der mit Bezügen zur englischen Schauerromantik, Horror und Beat Generation durchsetzt ist – der Titel geht auf einen Vers Allen Ginsbergs zurück –, weist laut Tom Cheesman auf Pirinçcis spätere Romane hin, in denen er sich der ernsthaften Literatur bedient, ohne selbst vorzugeben, hochliterarische Werke zu verfassen.Vgl. Tom Cheesman: Novels of Turkisch German Settlement. Cosmopolite Fictions. Camden House, Rochester, New York 2007, ISBN 1-57113-374-7, S. 58. Nach Tom Cheesman war Pirinçci bereits in seinem ersten Roman nicht als türkisch-deutscher Autor erkennbar, was im Rückblick einem Manifest der individuellen Befreiung von der einst türkischen Herkunft gleichkomme.Vgl. Tom Cheesman: Novels of Turkisch German Settlement. Cosmopolite Fictions. Camden House, Rochester, New York 2007, ISBN 1-57113-374-7, S. 59. „Wer hofft, in seinem Buch etwas über das Denken und Fühlen der zweiten Ausländergeneration zu erfahren, wird enttäuscht: über Türken und deren Probleme schreibt er so gut wie nichts“, hieß es in einer Zeitungsreportage über Debüt und Autor.

Felidae Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 1989 mit Felidae, einem Detektivroman mit einer Katze als Hauptfigur. Das Buch wurde in siebzehn Sprachen übersetzt. Mit Francis (1993), Cave Canem (1999), Das Duell (2002), Salve Roma! (2004), Schandtat (2007), Felipolis (2010) und Göttergleich (2012) erschienen Fortsetzungen der Katzenkrimis. Im Zuge dieses Erfolgs wurde auch sein bis dahin wenig erfolgreiches Erstlingswerk wieder aufgelegt. 1994 wurde eine Adaption des Romans als Zeichentrickfilm veröffentlicht. Pirinçci schrieb zusammen mit Martin Kluger das Drehbuch. Unter der Regie von Michael Schaack verliehen unter anderem Mario Adorf, Klaus Maria Brandauer und Helge Schneider den Katzen ihre Stimmen.

Der 1989 veröffentlichte Roman trug dazu bei, dass Pirinçci als „Erfinder des modernen Tierkrimis“ bezeichnet wurde. 1990 erschien Rita Mae Browns Wish You Were Here mit einer Katze als Ermittlerin. Der erste Band der Mrs.-Murphy-Reihe wurde 1992 ins Deutsche übersetzt. Die Untergattung wurde in der deutschen Literatur von nachfolgenden Schriftstellern wie Leonie Swann mit Glennkill und Garou oder Henning Ahrens (Tiertage) aufgenommen.

Nach Volker Neuhaus ist das Vorbild in der Hard-Boiled School zu finden: „Akif Pirinçci plündert bedenkenlos das Arsenal der amerikanischen Schule mit dankbaren Anleihen bei der britischen Tradition, markierten wie unmarkierten: Der smarte, Chandlers Phil Marlowe nachempfundene Francis trifft den kampferprobten Loner à la John Wayne ebenso wie den Gangsterkönig mit seinen Gorillas, den armchair detective Pascal oder die blinde Schöne.“Volker Neuhaus: „…we’re in a detective story, and we don’t fool the reader by pretending we’re not“. Das Spiel mit der Gattung als Quelle der Komik im Detektivroman. In: Daniel Fulda (Hrsg.): „Kann man denn auch nicht lachend sehr ernsthaft sein?“. Sprachen und Spiele des Lachens in der Literatur. Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 978-3-11-023229-5, S. 42.

Der Rumpf, Yin, Die Damalstür 1992 erschien der Roman Der Rumpf, in dem ein Mann, der ohne Arme und Beine geboren wurde, in einem Behindertenheim den perfekten Mord plant und ausführt. Der Spiegel weist in einer Rezension darauf hin, dass Pirinçci beim Schreiben nicht an Aufklärung denke und ihm Sozialkritik ein Graus sei. Pirinçci finde, Politik habe „in der Kunst nichts verloren“.

1997 wurde Yin, ein Kriminalroman mit Anklängen zur Dystopie, veröffentlicht: Der Roman erzählt, wie ein Virus die männliche Bevölkerung auslöscht und damit die Frauen in die Lage versetzt, eine neue Gesellschaft ohne Patriarchat und Geschlechterkampf zu begründen. Das Scheitern dieser Utopie lässt die Menschen selbst als ihr eigentliches Virus erscheinen.

In dem 2001 erstveröffentlichten Roman Die Damalstür geht es um einen Maler, der auf ein gescheitertes Leben zurückblickt. Im Rausch stolpert er durch die titelgebende „Damalstür“, die ihn im Leben um zehn Jahre zurückversetzt. So trifft er auf jenen Mann, der er vor zehn Jahren einmal selbst gewesen ist. Der Protagonist beschließt, sich selbst aus dem Weg zu schaffen, damit er mit seiner Frau einen Neuanfang unternehmen kann. Auf der Grundlage dieses Romans schrieb Jan Berger das Drehbuch für den Film Die Tür.

Rezeption als Schriftsteller Autorenrolle Akif Pirinçci zählte besonders mit seinen Felidae-Romanen lange zu den international erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren deutscher Sprache, ohne sich deshalb als Vertreter der Migrantenliteratur kategorisieren zu lassen. „Eine Ausnahme ist Akif Pirincci, der in seiner Villa in Bad Godesberg als Millionär interessante Romane zu schreiben versucht, sich aber ohnehin nicht als Migrantenautor sieht“,Yüksel Kocadoru: Das Bild von Heimat und Fremde in den Gedichten von Kundeyt Şurdum. In: Peter Wiesinger (Hrsg.): Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000. Zeitwende – Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert. Bd. 1. Jahrbuch für Internationale Germanistik, Lang, Bern 2002, S. 195‐202. meinte der türkische Germanist Yüksel Kocadoru. Metin Buz zählt Pirinçci neben Zafer Şenocak zu jenen Vertretern der zweiten Einwanderergeneration, die sich ihre Themen nicht mehr von der Lebenswelt der Gastarbeiter vorgeben lassen.Vgl. Metin Buz: Literatur der Arbeitsemigration in der Bundesrepublik Deutschland. Tectum Verlag, Marburg 2003, ISBN 3-8288-8473-3, S. 139. Tom Cheesman sah in Pirinçcis Debüt eine klare Verortung als deutscher Autor,Vgl. Tom Cheesman: Novels of Turkisch German Settlement. Cosmopolite Fictions. Camden House, Rochester, New York 2007, ISBN 1-57113-374-7, S. 87. während es ihm mit den nachfolgenden Werken ähnlich wie Chuck Palahniuk, Lilian Jackson Braun oder Joanne K. Rowling gelungen sei, eine große Leserschaft zu erreichen, indem sie über nationale Grenzen hinweg Ängste angesprochen hätten, die hochentwickelten, westlichen Konsumgesellschaften eigen seien.Vgl. Tom Cheesman: Novels of Turkisch German Settlement. Cosmopolite Fictions. Camden House, Rochester, New York 2007, ISBN 1-57113-374-7, S. 59.

Laut Joanna Flinik gehört Akif Pirinçci zu den Autoren türkischer Herkunft, die ihre Sozialisation in Deutschland erfahren haben, im Vergleich zur Generation ihrer Eltern weiter integriert sind und nicht länger auf die Herkunft oder auf Kategorien wie Gastarbeiterliteratur oder Migrantenliteratur festgelegt werden wollen. Neben Pirinçci und Şenocak nennt Joanna Flinik die Lyrikerin Zehra Çırak und konstatiert: „Viele Literaturwissenschaftler verweisen darauf, dass sich vor allem jüngere Migrantenautoren eher dem ewigen Stoff der Literatur – Liebe und Tod – widmen, als dass sie sich lediglich durch das Prisma ihrer Herkunft definieren lassen (wollen)“.Joanna Flinik: „Sind sie zu fremd, bist du zu deutsch“. Zur gegenwärtigen deutschsprachigen Migrantenliteratur. In: Carsten Gansel (Hrsg.): Entwicklung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989. V&R unipress, Göttingen 2013, ISBN 978-3-89971-952-9, S. 176–177. Die türkische Germanistin Nuran Özyer wies darauf hin, dass zahlreiche türkische Autoren der ersten Generation ihre Werke noch ins Deutsche übersetzen ließen, während ihre Nachfolger weder deutsche Texte ins Türkische übersetzen noch einen Text auf Türkisch niederschreiben konnten.Vgl. Nuran Özyer: Integrate yourself grandpa (Integrier dich Opa). In: Mehmet Okyayuz: Migration – global processes caught in national answers. Wiener Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-944690-08-7, S. 163 Laut Marilya Veteto-Conrad stellte sich Pirinçci bewusst gegen seine Kategorisierung als Autor ausländischer Literatur.Vgl. Marilya Veteto-Conrad: Finding a Voice. Identity and the Works of German Language Turkisch Writers in the Federal Republic of Germany to 1990. Lang, New York 1996, S. 80–81. Er enttäuschte laut eigener Aussage zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere die Erwartung vieler Journalisten, denen er später vorwarf, kulturelle Vorurteile gegenüber Türken zu hegen: „Daß man einem türkischen Schriftsteller nur zutraut, ständig Geschichten über Hassan zu schreiben, der nach Deutschland kommt und hier was von Neofaschisten auf die Mütze kriegt“. 1985 hatte er die Mitarbeit an einer Ausgabe der Zeitschrift für Kulturaustausch bewusst abgelehnt.

Literarische Bedeutung