Als tschechische Literatur werden die niedergeschriebenen oder mündlich überlieferten Texte in tschechischer Sprache, vor allem der Belletristik, bezeichnet. Zusätzlich muss die Literatur, die auf dem Gebiet des heutigen Staates Tschechien in lateinischer, deutscher und hebräischer Sprache im Lauf der Jahrhunderte entstanden ist, beachtet werden. Tschechischsprachige Publikationen im Ausland werden als tschechische Exilliteratur bezeichnet.

Mittelalter Altkirchenslawische Literatur im Mährischen Reich Während der christlichen Missionierung des Mährerreichs im 9. Jahrhundert entstanden die ältesten Denkmäler slawischer Literatur. Fürst Rastislav holte 862 die beiden byzantinischen Gelehrten Kyrill und Method nach Mähren. Sie missionierten in altkirchenslawischer Sprache, für die Kyrill eigens die glagolitische Schrift geschaffen hatte. 868 erkannte Papst Hadrian II. die slawische Liturgie an. Das älteste erhaltene Schriftstück ist der Proglas, ein Kyrill zugeschriebene Vorrede zur Übersetzung der Evangelien. Ende des 9. Jahrhunderts entstanden die Heiligenviten Leben des Konstantin und Leben des Method, in denen das Leben der beiden Slawenapostel von Zeitgenossen festgehalten wurde. Nach dem Verbot der slawischen Liturgie 885 und der Flucht vieler Schüler Kyrill und Methods nach Kroatien und Bulgarien setzte sich die lateinische Kirche in Mähren durch.

Lateinische und altkirchenslawische Tradition in Böhmen mini|Kloster Sázava Ende des 9. Jahrhunderts ließ sich der böhmische Herzog Bořivoj I. mit seiner Frau Ludmilla taufen und von Method im christlichen Glauben unterwiesen. Sein Sohn Spytihněv I. ging auf Distanz zum Mährerreich und festigte die Herrschaft der Přemysliden in Böhmen. Die Kirche und die böhmischen Herrscher förderten mit lateinischen Texten eine weitere Christianisierung, die mit der Gründung des Bistums Prag im Jahr 973 besiegelt wurde. Bis ins 11. Jahrhundert war auch die altkirchenslawische Tradition in Böhmen lebendig, sie hielt jedoch dem Druck aus Rom nicht stand.

Zentrum der altkirchenslawischen Tradition war das vom heiligen Prokop gegründete Kloster Sázava bei Prag. Die altkirchenslawischen Texte enthalten Legenden böhmisch-westslawischen Ursprungs, wie etwa die Legende vom Heiligen Wenzel, die um 950 entstanden sein dürfte, jedoch erst im 14. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. Bedeutend sind auch die Legende von der Heiligen Ludmilla und die sogenannten Prager Blätter, die christliche Bittgebete enthalten.

Vom 11. bis ins 13. Jahrhundert war die Lateinische Sprache die dominante Literatur- und Gelehrtensprache im tschechischen Siedlungsgebiet. Zu nennen sind hier die Hagiographien, Heiligenlegenden, deren bedeutendste die Christianslegende ist. Sie ist auch als historische Quelle von großer Wichtigkeit und enthält als erste die přemyslidische Herkunftssage. Beachtet bis heute wird die Chronica Boemorum („Chronik der Böhmen“) des Cosmas von Prag, der auch als „Herodot des Mittelalters“ bezeichnet wurde, und deren Fortsetzung durch Benesch von Weitmühl.

Die Anfänge der tschechischsprachigen Literatur im 13. und 14. Jahrhundert mini|Der erste tschechische Satz auf der Gründungsurkunde des Leitmeritzer Kapitels Alttschechische Literatur ist etwa ab dem Jahr 1300 greifbar. Das älteste erhaltene Dokument in tschechischer Sprache ist ein Satz auf der Gründungsurkunde des Leitmeritzer Kapitels, der in den Anfang des 13. Jahrhunderts datiert. Die ersten literarischen Texte in alttschechischer Sprache sind:

„Hospodine, pomiluj ny“ (Herr, erbarme dich unser), urkundlich belegt im Jahr 1055, älteste erhaltene Niederschrift aus dem Jahr 1397 „Svatý Václave, vévodo české země“ (St.-Wenzels-Choral) Ostrovská píseň (Ostrover Lied), Kloster Ostrov Kunhutina modlitba (Gebet der Kunigunde), Anfang des 14. Jahrhunderts, aus dem Brevier der Äbtissin Kunigunde von Böhmen der alttschechische Alexanderroman (Alexandreis), um 1310, Bilder aus dem Leben Alexanders des Großen die Dalimil-Chronik, als erste tschechischsprachige Chronik Mastičkář, eine erste dramatische Dichtung, als Zwischenspiel zu geistlich-religiösen Festspielen entstanden; hat jedoch teilweise weltlich-satirische Tendenzen.

Mit dem bedeutendsten böhmischen König Karl IV. aus dem Haus Luxemburg wurde Prag Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches und Mittelpunkt eines Kulturgebietes. Es kam zu einer wirtschaftlichen Blütezeit, die einen Aufschwung der Dichtung und die Gründung der Karls-Universität in Prag mit sich brachte. Latein war weiterhin die Sprache der Literatur und Wissenschaft.

Als einer der ersten namentlich bekannten Autoren, die in tschechischer Sprache schrieben, gilt Smil Flaška von Pardubitz. Seine allegorische Dichtung Nová rada vermittelt politischen Weisheiten im Bild eines Parlaments der Tiere. Ein weiterer Autor des 14. Jahrhunderts ist Tomáš Štítný ze Štítného. Seine theologischen und philosophischen Traktate machen ihn zum Vorläufer der hussitischen Reformbewegung.

Deutsche Texte Durch die Deutsche Besiedelung der slawischer Gebiete seit dem 13. Jahrhundert beeinflusste die deutsche Kultur und Sprache auch das höfische Leben der in Böhmen herrschenden Dynastie der Přemysliden und nachfolgende Generationen. Dies machte sich besonders stark in der Tradition des beliebten Minnesangs bemerkbar. Am böhmischen Hof wirkte etwa Reinmar von Zweter. Ulrich von Etzenbach schrieb Huldigungen an Ottokar II. Přemysl. Dessen Sohn König Wenzel II. dichtete sogar selbst als „Wenzel von Beheim“ Minnesang in deutscher Sprache

mini|Der Ackermann aus Böhmen, im Streitgespräch mit dem Tod Mitte des 14. Jahrhunderts erschien Di tutsch kronik von Behem lant, eine Übersetzung und Überarbeitung der Dalimil-Chronik aus dem Tschechischen. Johannes von Neumarkt, der Kanzler Kaiser Karls IV wirkte über Böhmen hinaus stilprägend. Im Jahr 1460 wurde Der Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl gedruckt, eine der eindrucksvollsten Publikationen des Mittelalters in Böhmen. Das tschechische Gegenstück zum Ackermann, der Tkadleček nimmt Anleihen bei dem Werk. Denkbar ist auch eine gemeinsame Vorlage.

Hebräische Texte Unter den Přemysliden waren die Juden als Handelsleuten und Geldgeber ein ökonomisch und kulturell bedeutender Faktor in Böhmen. Die damals entstandenen hebräischen Texte sollen zahlreicher als die lateinischen gewesen sein. Besonders prägend waren die „Prager Talmudisten“, deren Schriften allerdings nur mehr in Fragmenten erhalten sind. Die Prager Talmudisten bedienten sich auch tschechischer Glossen, so erklärt etwa Isaak ben Mose unbekannte hebräische Wörter in seiner Muttersprache.Issac ben Mose - Jewish Encyclopedia

Das große Pogrom des Jahres 1389 und zahlreiche Brände zerstörten diese Literatur weitgehend. Josef Dobrovský veröffentlichte 1777 nach eigenen Forschungen „Pragische Fragmente hebräischer Handschriften“.

Hussitismus mini|links|hochkant|Predigt des Jan Hus, Jenaer Kodex Der Reformator Jan Hus – eine der prägendsten Gestalten der tschechischen Geschichte – wurde 1370 in Südböhmen geboren. Nach einem Studium in Prag wurde er Anhänger des englischen Kirchenkritikers John Wyclif, der gegen die Privilegien des römisch-katholischen Klerus und andere Missstände in der Kirche eintrat und die alleinige Autorität der Bibel einforderte. Hus strebte unter anderem die Kommunion in beiderlei Gestalt (sub utraque specie) an.

Die Publikationen des Jan Hus, sowohl in Latein als auch in Tschechisch sind von großer Bedeutung für die tschechische Sprache. Er gilt als der Begründer des diakritischen Systems. In Orthographia Bohemica führt er erstmals Diakritika anstelle von Digraphen ein und setzt damit die Grundlage der Ausgestaltung der heutigen tschechischen Schriftsprache. Außerdem verfasste er einen Katechismus zur Erläuterung der zentralen Texte des Christentums sowie das „Knížky o svatokupectvi“ (dt. „Büchlein über die Simonie“) im Tschechisch der damaligen Zeit.

Aufgrund seiner Kritik an der römisch-katholischen Kirche wurde er am Konzil von Konstanz 1415 als Ketzer verurteilt und starb den Feuertod. Die Empörung seiner Anhänger führte zum Ersten Prager Fenstersturz aus dem Neustädter Rathaus und den Hussitenkriegen. Bekannt sind die Hussitenlieder, die im Kantional von Jistebnice gesammelt sind, darunter insbesondere Ktož jsú boží bojovníci. Die Wirren der Hussitenzeit wirkten zerstörend für Literatur und Kunst in Böhmen. Lorenz von Brösau hat die Ereignisse in der Husitská kronika (Hussitenchronik) niedergeschrieben.

Unter den hussitischen Autoren sticht Petr Chelčický heraus, der sich gegen weltliche Macht und Gewaltausübung durch die Kirche wandte und eine Besinnung auf das Urchristentum einmahnte. In seinem Hauptwerk Sieť viery (Netz des Glaubens) kritisiert er die mittelalterliche Feudalgesellschaft und vergleicht Papst und Kaiser mit zwei gefräßigen Walfischen, die das Fischernetz des Christentums zerreißen.

Neuzeit Humanismus und Renaissance mini|links|hochkant|Die Kralitzer Bibel Um 1450 zu Beginn der Neuzeit entstand aus der Reformbewegung der Hussiten die Gemeinde der Böhmischen Brüder (unitas fratrum), die in der Nachfolge Petr Chelčickýs für Gewaltfreiheit und freiwillige Besitzlosigkeit eintrat. Aus ihr ging die Kralitzer Bibel („Kralická bible“) hervor, die erste Bibelübersetzung aus den Originalsprachen Hebräisch, Aramäisch und Griechisch in die tschechische Sprache. Ein Apologet der Brüdergemeinde war Jan Blahoslav, Bibelübersetzer, Historiker der Gemeinde und Verfasser der „Gramatika česká“.

Renaissanceliteratur gab es in Böhmen nur vereinzelt, Hynek z Poděbrad schrieb Parodien und übersetzte zum Beispiel den Dekameron von Giovanni Boccaccio.

In der Zeit des Humanismus war die vorherrschende europäische Kultursprache Latein. Böhmische Humanisten waren etwa Bohuslaus Lobkowicz von Hassenstein, Jan Campanus Vodňanský und die erste namentlich bekannte Dichterin Elisabeth Johanna von Weston. Es gab aber zahlreiche Gelehrte in Böhmen, die beweisen wollten, dass Tschechisch als Sprache fähig sei, die gleichen Inhalte auszudrücken wie die großen Vorbilder in lateinischer Sprache. Zunächst erschienen deshalb zahlreiche Übersetzungen aus dem Lateinischen. Viktorin Kornel ze Všehrd zum Beispiel wechselte zur tschechischen Sprache, damit ein größerer Leserkreis seine Texte verstehen konnte. Gemäß diesem humanistischen Bildungsgedanken übersetzte er auch antike und frühchristliche Autoren. Řehoř Hrubý z Jelení übersetzte Cicero, Petrarca und Erasmus von Rotterdam.

Im 16. Jahrhundert war der Verleger und Drucker Daniel Adam z Veleslavína normbildend und sprachprägend. Er übernahm die Druckerei Melantrich, deren Bedeutung weit über Böhmen hinausging. Auf sein im Druck erschienenes Tschechisch wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückgegriffen (siehe: Nationale Wiedergeburt). Um die Übertragung naturwissenschaftlicher Texte ins Tschechische machte sich Thaddaeus Hagecius verdient. Bedeutend wurde auch die „Kronika česká“ des Václav Hájek z Libočan, eine parteiische, deutschfeindliche Chronik, die bis in das 19. Jahrhundert viel gelesen wurde.

mini|Der große Pädagoge Johann Amos Comenius Der aus Südmähren stammende Bischof Jan Amos Komenský (Johann Amos Comenius) gilt als bedeutendster Gelehrter der Zeit, er war im Exil in Ungarn, Schlesien, England und Schweden tätig und verstarb in Amsterdam. Seine didaktisch-pädagogischen Werke („Didactica Magna“) in lateinischer Sprache sind bis heute prägend für die Gestaltung von Schulbüchern, den Unterricht für Jungen und Mädchen. Er wurde häufig als „Lehrer der Nationen“ bezeichnet, wird in Ortsgeschichten rühmend erwähnt, wurde Namensgeber von Schulen und des europäischen Programms Comenius für schulische Bildung. Sein herausragendstes literarisches Werk ist der utopische Roman Labyrint světa a ráj srdce (Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens).

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