mini|Das Centenarium (links) im Verbund des Limes Tripolitanus Das Centenarium Tibubuci (tunesisch-arabisch: Ksar Tarcine) ist ein ehemaliges spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Tripolitanus in der spätrömischen Provinz Tripolitania zuständig war. Die Grenzanlagen bildeten hier ein tiefgestaffeltes System von Kastellen und Militärposten.Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22. Die kleine Anlage befindet sich am östlichen Rand der Östlichen Großen Erg in Südtunesien, Gouvernement Kebili, im Dreieck der nordwestlich aufeinandertreffenden Wüstenpisten C211 und C114.

Lage Die aus der Stadt Al-Hammah kommende C211 mündet in ihrem südlich führenden Verlauf nahe der libyschen Wüstenstadt Ghadames. Über die C114 sind östlich Medenine und südöstlich Tataouine erreichbar. Im Zwickel der unweit der Wasserstelle von Bir Soltane zusammentreffenden Straßen befindet sich das Centenarium. Die antike Befestigung liegt auf einer rund 30 × 30 Meter großen Hügelkuppe über dem Nordufer eines zumeist trockenliegenden Bettes des Wadis Hallouf, das von Osten kommend über das Haouaya-Plateau durch ein weiteres Trockental gespeist wird, das aus dem Schichtstufenbergland des Dahar herankommt. Die Besatzung des inmitten einer ariden Arthrophytum-SteppeHelmut Leippert, Hans Zeidler: Vegetationsgeographie – Nordafrika (Tunesien, Algerien) 32°−37°30′N, 6°−12°E (= Afrika-Kartenwerk, Serie N, Beiheft 7), Gebrüder Borntraeger, Berlin/Stuttgart 1984, ISBN 3-443-28336-5, S. 53. gelegenen Kleinkastells konnte von dieser Garnison aus das gesamte Land weithin beobachten und den Grenzverkehr durchgehender Karawanen kontrollieren.Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 324.

Definition Der Begriff Centenarium wird bereits in einer – eindeutig militärischen – Bauinschrift aus dem im Wadi Soffegin errichteten Centenarium Ksar Duib überliefert, das zur Regierungszeit des Kaisers Philippus Arabs (244–246) gegründet wurde.. Somit sind bis heute zwei Kleinkastelle am Limes Tripolitanus beziehungsweise Limes Tentheitanus bekannt, die diese Bezeichnung trugen. Der Fund dieser Inschriften löste in Fachkreisen eine Diskussion in Bezug auf die genaue Deutung dieses Terminus aus. War man früher der Ansicht, dass es sich bei diesen, seit der arabischen Invasion Nordafrikas, als Qasr oder Kasr bezeichneten Befestigungen um ausschließlich militärische Bauwerke handelt, vertrat der Archäologe Erwin M. Ruprechtsberger die Auffassung, dass sie in der Mehrzahl als befestigte Bauernhöfe – sogenannte Wehrgehöfte – im Vorfeld des Limes dienten.Erwin M. Ruprechtsberger: Die römische Limeszone in Tripolitanien und der Kyrenaika, Tunesien – Libyen (= Schriften des Limesmuseum Aalen Nr. 47). Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 1993, S. 23 und 100. Der erst im 3. Jahrhundert n. Chr. entstandene Bautyp wäre demnach ab dieser Zeit von ehemaligen Soldaten beziehungsweise militärisch oder paramilitärisch organisierten Einheimischen errichtet worden, die zur Grenzverteidigung eingesetzt wurden. Diese Theorie geht im Kern auf die Archäologen Jérôme Carcopino (1881–1970) und Richard George Goodchild (1918–1968) zurück. Der Archäologe David Mattingly verwies auf neuere Forschungsergebnisse und bezeichnete diese Überlegungen als überholt.David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. XVII–XVIII. Er sprach demgegenüber die Vermutung aus, die in der Kastellkette des Limes und an anderen neuralgischen Punkten des Hinterlandes liegenden Ksur (Mehrzahl von Ksar) weiterhin als Truppenlager anzusprechen.Mehrfach angesprochen in: David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1.

Da das Land nicht von römischen Kolonisten dominiert wurde,David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. XVII. überlebten ältere regionale gesellschaftliche Strukturen. Ihre Transformation durch damalige politische, soziale und ökonomische EinflüsseDavid J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. XVIII. ist jedoch auch archäologisch fassbar. Im Limeshinterland hat offensichtlich ein Patronatssystem bestanden, in das die für die Versorgung der Truppen wichtigen Bauern eingebunden waren. Die einfachen Landarbeiter lebten vermutlich in kleinen, backofenartig gewölbten Strohhütten (lateinisch: mapalia), die die afrikanischen Nomaden mit sich führten und aus denen sie ihr Lager bildeten. Wichtigstes Anbauprodukt der Wehrbauern am tripolitanischen Limes war Olivenöl, das zum Verkauf und für den Eigenbedarf produziert wurde. In den zivil genutzten Gusur wurden die Ernten mehrerer Gehöfte gesammelt. Zudem dienten die Bauten in unruhigen Zeiten als Zufluchtsstätte.

Forschungsgeschichte Im Auftrag der tunesischen Antikendirektion erforschte der französische Archäologe und Limespionier Paul Gauckler (1866–1911) zwischen 1901 und 1902 den Limes Tripolitanus. Unterstützt wurde er dabei durch die Dienststelle für innere Angelegenheiten und militärisches Personal,Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 321. mit dem unter anderem die Vorplanungen zu den Wüstenexpeditionen erstellt wurden. Erst kurz vor diesen Ereignissen hatte der Forschungsreisende Paul Blanchet (1870–1900) die baulichen Überreste von Tibubuci entdeckt und als Teil des afrikanischen Limes identifiziert. Im Rahmen der Aufgabenteilung übernahm es Leutnant Tardy von der Dienststelle für innere Angelegenheiten, das Kleinkastell zu ergraben. Die Arbeiten begannen am 19. Dezember 1901 und endeten am 24. Januar 1902.Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 325. Um die Wasserversorgung sicherzustellen, hatten die römischen Soldaten rund 50 Meter unterhalb des Centenariums im Bett des Hallouf eine Zisterne angelegt. Diese wurde im Zuge der Grabungen wiederhergestellt, um sie für die in der Region lebenden Nomaden wieder nutzbar zu machen.

Im Februar 2012 hat die tunesische Regierung im Namen der zuständigen Gouvernements einen Antrag gestellt, das Centenarium Tibubuci als Teil des römischen Limes in Südtunesien zur UNESCO-Welterbestätte erklären zu lassen.UNESCO: Grenzanlagen des römischen Limes: Der Limes in Südtunesien , abgerufen am 21. November 2012.

Baugeschichte miniatur|Das Centenarium Tibubuci nach den Grabungen von 1901/1902

Das um 303/305 errichtete Centenarium Tibubuci könnte im frühen 4. Jahrhundert den südwestlich gelegenen Außenposten TisavarDas Centenarium Tibubuci bei . ersetzt haben.Gerhild Klose, Annette Nünnerich-Asmus: Grenzen des römischen Imperiums, von Zabern, Mainz 2006, ISBN 978-3-8053-3429-7, S. 70.

Umfassungsmauer und Friedhof Die Ausgräber stellten einen klar gegliederten rechteckigen Zentralbau sowie eine unregelmäßige, im Abstand von rund fünf Metern um diesen Bau errichtete, rund 110 Meter lange Umwehrung fest, die an ihrer südlichen Seite einen einzigen, lediglich 1,20 Meter schmalen Zugang besitzt. Vom einstigen Torverschluss hatten sich noch verkohlte Hölzer erhalten. Im Gegensatz zum Zentralbau im Inneren erhielt die sorgfältig errichtete Umfassungsmauer abgerundete Ecken und passte sich mit ihrem Grundriss der Plateauform des Hügels an. Während die Mauer im Süden und Westen stark beschädigt war, wurde sie im Norden und Osten mit einer Höhe von drei Metern fast intakt vorgefunden. Für das aus drei unterscheidbaren Schichten bestehende Mauerwerk hatten die Römer mit Kalk verfugtes Steinmaterial verwendet. Die unterste Schicht besaß eine gleichmäßige Breite von 1,50 Metern, während sich die beiden anderen an der Mauerinnenseite nach oben hin abgeschrägt bis auf eine Breite von 0,50 Metern verjüngten. Offensichtlich hatte die Umfassungsmauer niemals ZinnenPaul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 326. oder einen Wehrgang besessen, da sich keinerlei Spuren zeigten.

Der Hofraum zwischen der Umfassungsmauer und dem eigentlichen Centenarium wurde von den römischen Bautrupps aus dem natürlichen Untergrund nivelliert. Auf eine spezielle Pflasterung konnte offensichtlich verzichtet werden. Die Besatzung nutzte – zumindest zeitweise – den geschützten Platz, um dort ihre Toten zu bestatten. Dabei wiesen die Grabstellen typisch spätrömische Merkmale auf. So fanden sich ausschließlich Körpergräber, die von einem starken Mörtelbett umschlossen waren. Es gab weder Grabsteine noch Beigaben. Lediglich ein einziger Bronzering konnte geborgen werden.Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 327–328.

Centenarium Die Mauern des quadratischen, 15 × 15 Meter umfassende Zentralbaus waren noch bis zu 2,70 Meter hoch erhalten und durchschnittlich 0,80 Meter stark. Der Bau hatte ursprünglich mindestens ein Stockwerk und besaß vor seinem einzigen Zugang im Süden ein halbkreisförmiges Clavicula-Tor, das sich nach Südosten öffnete. Über dem eigentlichen Zugang zur Befestigung befand sich ursprünglich eine 0,74 × 0,42 Meter große Bauinschrift aus gelbem Sandstein, die aus dem Schutt geborgen wurde. In der Verlängerung dieses Zugangs folgte zum Inneren des Zentralbaus hin ein schmaler, 3 Meter langer, einst überwölbter Korridor, der in einem sorgfältig planierten, rechteckigen offenen Innenhof mündete. Wie die hier aufgefundenen hölzernen Reste eines Tores zeigten, war auch der unmittelbare Zugang dieses 4,40 × 3,15 Meter großen Hofes gesichert. Am nördlichen Ende des Innenhofs wurden – isoliert vom übrigen Mauerwerk – zu Kreissegmenten behauene, 0,50 Meter hohe Werksteine entdeckt, die einen 2 Meter durchmessenden Dreiviertelkreis bildeten, der sich zum Korridor hin öffnete. Der ausgrabenden Leutnant sah in dem Rund eine Sitzbank.Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 328–329. An anderen Stellen des römischen Reiches ergrabene Kastellplätze deuten mit ähnlichen Befunden darauf hin, in dem Steinkreis das Fahnenheiligtum der Truppe zu erkennen. Alle römischen Einheiten, die als eigenständige taktische Einheiten operierten, besaßen eigene Feldzeichen, die in diesen Heiligtümern aufbewahrt wurden.