Der ptolemäische Alexanderkult war eine religiöse Einrichtung in der hellenistischen Ära Ägyptens, die vom frühen 3. bis in das 1. vorchristliche Jahrhundert hinein existierte. In ihm manifestierte sich die Verehrung des zum Gott erhobenen Alexander des Großen als staatliche Institution, die ein wichtiger Bestandteil des von den Ptolemäern betriebenen Herrscherkults war.
Hintergrund
Nach dem Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. sicherte sich einer seiner Feldherren, Ptolemaios, in den langwierigen Nachfolgekämpfen, den Diadochenkriegen, aus der Erbmasse des „Alexanderreichs“ das wohlhabende Ägypten als Herrschaftsgebiet und baute dieses Land zur Ausgangsbasis seines eigenen Königreichs aus. Zur Legitimierung seiner Machtübernahme im Nilland berief er sich, wie jeder andere Diadoche auch, neben seinem Kriegsglück auch auf die rechtmäßige Nachfolge (diadochē) Alexanders, als dessen engster Freund er sich selbst in seinem Geschichtswerk stilisierte. Von den Ägyptern war Alexander einst als Befreier von der persischen Fremdherrschaft begrüßt worden und hatte ihnen gegenüber durch seine, nach altägyptischem Ritus erfolgte, Inthronisierung zum Pharao als „Sohn des Ammun-Re“ außerdem einen göttlichen Status erlangt. Die Inanspruchnahme seiner Nachfolge konnte zur Machtübernahme in Ägypten folglich nur dienlich sein.
Im neuen Ptolemäerstaat wurde die herrschende Klasse nun allerdings von den Hellenen gestellt, den makedonischen und griechischen Gefolgsmännern Alexanders und deren Nachkommen, zu denen nicht zuletzt auch das ptolemäische Königshaus gehörte. Bestärkt von seinen bis dahin nie gesehenen Erfolgen, hatte Alexander in seinem letzten Lebensjahr von all seinen griechischen Untertanen die Apotheose verlangt, die Anerkennung als lebender Gott. In der griechischen Welt war dieses Ansinnen widersprüchlich und tendenziell ablehnend aufgenommen worden, doch hatten allein die zahlreichen Stadtgründungen Alexanders seine nachhaltige Verehrung als Gott gesichert, da die Bürger einer hellenischen Stadt von je her ihrem Gründer (ktistes) göttliche Ehren entgegenbrachten. So auch in dem „bei“ Ägypten gegründeten Alexandria, welches Ptolemaios zur Hauptstadt seines Königreichs erkor. Wie kein anderer Diadochenherrscher vereinnahmte Ptolemaios das ideelle Erbe Alexanders für sich und verknüpfte dieses propagandistisch mit der von ihm gegründeten Dynastie. Dazu sollte Alexander über den Status eines bloßen Stadtgottes hinaus zu einem Reichsgott erhoben werden, den alle Hellenen des sich auch jenseits der Grenzen Ägyptens erstreckenden Ptolemäerreichs verehren mussten.
Alexander als Hauptgott der Ptolemäer
Wohl um das Jahr 290 v. Chr. begann Ptolemaios in Alexandria den Bau des Tempelgrabes für Alexander, den sogenannten „Körper“ (sēma), und stellte ihm einen Priester ( / hiereus) zur spirituellen Führung und Habhaltung der religiösen Handlungen bei. Das alexandrinische Priesteramt avancierte schnell zur höchsten religiösen Würde des Ptolemäerreichs. Seine Bedeutung wurde durch seinen eponymen Charakter unterstrichen, das heißt, das Herrscherjahr eines Königs wurde nach dem Namen des Priesters benannt, Dokumente griechischer und demotischer Schrift wurden nach ihm datiert. Zum ersten Amtsinhaber wurde sogleich Menelaos bestellt, der Bruder des Königs. Unter Ptolemaios I. konnten die Priester offenbar mehrere Jahre das Amt bekleiden, während ab Ptolemaios II. die Amtszeit, mit wenigen Ausnahmefällen, auf ein Jahr beschränkt war.
Die erfolgreiche Etablierung des Alexanderkults in Alexandria wurde zweifelsohne durch die Inbesitznahme des Leichnams Alexanders erleichtert, die bereits 321 v. Chr. durch die listenreiche Umleitung des Leichenzugs von Babylon nach Ägypten bewerkstelligt wurde. Ptolemaios I. ließ die Leiche des Eroberers zunächst in Memphis beisetzen, unter Ptolemaios II. wurde sie dann nach Alexandria überführt. Die Anwesenheit des Leichnams des Stadtgründers in seiner ägyptischen Stadt erhöhte deren Prestige wie auch das der ptolemäischen Dynastie über jenes der anderen Diadochendynastien und festigte den Glauben an den neuen Reichskult zusätzlich. Alexanders sterbliche Hülle wurde übrigens nicht dem griechisch-makedonischen Brauch gemäß eingeäschert, sondern in einem goldenen Sarkophag aufgebahrt, der später durch einen lichtdurchlässigen Behälter ersetzt wurde. Sie wurde so zu einer der meistbesuchten Pilgerstätten der antiken Mittelmeerwelt, die noch die römischen Kaiser zu Wallfahrten animierte.
Im Pantheon der griechischen Gottheiten wurde Alexander von den Ptolemäern den olympischen und damit führenden Gottheiten beigesellt. Dies erklärt unter anderem die bei ihm angewandte Weglassung der Gott-Bezeichnung in den Dokumenten und Urkunden, da bei einem olympischen Gott der Individualname ausreichte, um seinen Status zu kennzeichnen, so dass sich das „Gott“-Epitheton (theos) vor dem Namen erübrigte. Wie Zeus oder Apollon war nun auch „Alexander“ ein göttlicher Name.
Die Ptolemäer als tempelteilende Götter
Während unter Ptolemaios I. der Alexanderkult etabliert wurde, vollzog sein Sohn und Nachfolger Ptolemaios II. dessen Verknüpfung mit dem dynastieeigenen Herrscherkult. Der ptolemäische Kult wurde 283/282 v. Chr. mit der Erhebung des verstorbenen Elternpaares des Ptolemaios II. als „rettende Gottheiten“ (theoi soteres) begründet. Die herausragende Bedeutung des Alexanderkultes für die Dynastie wurde zu diesem Anlass zusätzlich bekräftigt, indem die Kultstatuen der Ptolemäer auch in seinem Tempel aufgestellt wurden und der Alexanderpriester nun auch jene Kulthandlungen übernahm, die den vergöttlichten Ptolemäern darzubringen waren. Damit unterstrichen die Ptolemäer die Vorrangstellung Alexanders als Hauptgott und zugleich auch ihre Unterordnung gegenüber diesem, da sie sich als „Götter, die den Tempel [des Alexander] teilen“ (theoi synnaoi) dem Hauptgott zur Seite stellen ließen. Alexander blieb der Hauptempfänger aller Opfergaben, während die Ptolemäer an ihnen nur partizipierten.
Die Erhöhung Alexanders über die Ptolemäer und deren Verbindung zu ihm wurde später durch die institutionelle Erweiterung seines Kultes vertieft. So wurde 269 v. Chr. das Priesterinnenamt der „Korbträgerin“ (kanēphóros) der „Geschwistergöttin“/Arsinoë II., 211 v. Chr. jenes der „Preis –bzw. Kronenträgerin“ (athlophoros) der „Wohltätergöttin“/Berenike II. und 199 v. Chr. ein Priesterinnenamt für die „vaterliebende Göttin“/Arsinoë III. eingerichtet. Alle diese Ämter waren dem Alexanderpriester untergeordnet zur Seite gestellt. Kleopatra III. gesellte ihnen drei weitere Priesterämter für ihren eigenen persönlichen Kult als „wohltätige und mutterliebende Göttin“ hinzu: jene des „geheiligten Fohlens“ (hieros pōlos), der „Kranzträgerin“ (stephanēphoros) und der „Lichtträgerin“ (phōsphoros).
Auch der Status als „tempelteilende Gottheiten“ wurde weiter verfestigt, nachdem unter Ptolemaios IV. die Unterbringung der sterblichen Überreste der Ptolemäer in das Sema erfolgt war, die im Gegensatz zum Leichnam Alexanders dem griechischen Brauch gemäß eingeäschert und in Urnen aufbewahrt wurden.
Liste der Alexanderpriester
Ptolemaios I. Soter I. (305–282 v. Chr.)
Priester Amtsjahr Herrscherjahr Belege Bemerkungen 006Menelaos, Sohn des Lagos285/284 v. Chr. 39.P. Hib. I 84a.Bruder des Ptolemaios I.4. Amtszeit 007Menelaos, Sohn des Lagos284/283 v. Chr. 40.P. Eleph. 2.5. Amtszeit 008Eureas, Sohn des Proitos283/282 v. Chr. 41.P. Eleph. 3.amtierte drei Amtszeiten
Ptolemaios II. Philadelphos (285/282–246 v. Chr.)
Priester Amtsjahr Herrscherjahr Belege BemerkungenFür die Priester Nr. 9–16 vom 4. bis 11. Herrscherjahr des Ptolemaios II. Philadelphos liegen zwei Papyrusfunde samt Priesternamen vor, die aber nicht datiert werden können. ?Athenaios oder Limnaios, Sohn des Apollonios ? ?P. Hib. I 97. ?Philiskos, Sohn des Spoudaios ? ?P. Hib. I 30. 017Leontiskos, Sohn des Kallimedes274/273 v. Chr. 12.P. Cair. Zen. I 59001.P. Hib. I 110. 018Nearchos oder Neomedes, Sohn des Neokles oder Philokles273/272 v. Chr. 13.P. Hib. I 110; II 199. 019Kallikrates, Sohn des Boiskos272/271 v. Chr. 14.P. Hib. II 199.PP VI 14607.Von Samos. Erster Priester des Alexander und der vergöttlichten Ptolemäer. 020Patroklos, Sohn des Patron271/270 v. Chr. 15.P. Hib. II 199.PP VI 15063.Für die Priester Nr. 21–25 vom 16. bis 20. Herrscherjahr des Ptolemaios II. Philadelphos liegen keine Papyrusfunde oder Inschriften vor. 026Timarchides, Sohn des Asklepiodoros265/264 v. Chr. 21.P. Strasb. V 641. 027Pelops, Sohn des Alexandros264/263 v. Chr. 22.P. Hib. I 92.PP VI 14618.aus Makedonien, Vater des Pelops 028Kineas, Sohn des Alketas263/262 v. Chr. 23.P. Hib. I 88; II 209.PP VI 17215.aus Thessalien 029Aristonikos, Sohn des Perilaos262/261 v. Chr. 24.P. Hib. I 85 und 190.PP VI 14897. 030Ptolemaios, Sohn des Aratokles261/260 v. Chr. 25.P. Hib. I 143.P. Osl. II 16.PP III/IX 5236. 031Taurinos, Sohn des Alexandros260/259 v. Chr. 26.BGU VI 1226.aus Makedonien, Bruder des Pelops 032Medeios, Sohn des Lampon (oder Laagon)259/258 v. Chr. 27.BGU VI 1227.P. Petrie III 56b. 033Antiphilos, Sohn des Lykinos258/257 v. Chr. 28.BGU VI 1228.P. Hib. I 94. 034Antiochos, Sohn des Kebbas257/256 v. Chr. 29.BGU VI 1229; X 1979, 1980.P. Cair. Zen. I 59133.P. Hib. I 95.aus Thessalien 035?256/255 v. Chr. 30. 036Glaukon, Sohn des Eteokles255/254 v. Chr. 31.PP IX 5203.P. Cair. Zen. II 59173, 59182.Bruder des Chremonides aus Athen 037?254/253 v. Chr. 32. 038Aetos, Sohn des Apollonios253/252 v. Chr. 33.P. Cair. Zen. II 59248.PP IX 4988.aus Aspendos 039Neoptolemos, Sohn des Kraisis252/251 v. Chr. 34.P. Hib. I 98.aus Pisidien 040Ptolemaios, Sohn des Andromachos251/250 v. Chr. 35.P. Cair. Zen. II 59289.vielleicht mit Ptolemaios Andromachou identisch 041Epainetos, Sohn des Epainetos250/249 v. Chr. 36.P. Cornell 2. 042?249/248 v. Chr. 37.P. Cornell 2. 043Antiochos, Sohn des Kratidas248/247 v. Chr. 38.PP III/IX 4999.P. Petrie III 54a. 044Tlepolemos, Sohn des Artapates247/246 v. Chr. 39.P. Cair. Zen. III 59340.aus Xanthos
Ptolemaios III. Euergetes I. (246–222 v. Chr.)