Kietz, manchmal auch Kiez, bezeichnet eine Siedlungsform im Nordosten des heutigen Deutschlands, der Germania Slavica. Die Kietze sind im Mittelalter entstandene Dienstsiedlungen. Sie lagen meistens in der Nähe einer Burg, häufig in der Nähe von Flüssen oder Seen. Viele Kietze hatten in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz slawische Einwohner. Die Bewohner waren den Burgherren zu Dienstleistungen verpflichtet.

Einige Kietze bewahrten jahrhundertelang ihre Eigenständigkeit gegenüber den angrenzenden Orten. Sie sind teilweise noch heute in den Ortsbildern erkennbar. Das Wort ‚Kietz‘ ist nicht nur ein Appellativum, sondern Bestandteil vieler Orts- und Straßennamen.

Im übertragenen Sinne fand der Begriff Kietz Eingang in die Umgangssprache als abwertender Ausdruck für abgelegene Siedlungsgebiete. Hieraus ging die neuzeitliche Bezeichnung Kiez für Wohngebiete, vor allem in Berlin, hervor.

Geografie mini|hochkant=1.5|Straßenschild im Gröbener Kietz

Verbreitungsgebiet Kietze gibt es in einem Teil des einstigen slawischen Siedlungsgebietes in Deutschland. Dazu zählt vor allem die Mark Brandenburg (einschließlich der Gebiete östlich der Oder) sowie größere Teile Mecklenburgs und Pommerns, jedoch nicht die Küstenregion. Auch in der Region um Posen gab es Kietze.

Herbert Ludat untersuchte in der ersten systematischen Studie zur Erforschung der Kietzsiedlungen (1936) etwa 200 Stätten mit dem Namen Kietz als Orts- oder Flurname. Allerdings erwiesen sich nicht alle entsprechenden Örtlichkeiten tatsächlich als mittelalterliche Siedlungen. Ludat identifizierte 74 Kietze als mittelalterlich.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 211/212. Den Rest klassifizierte er als vergleichsweise wenig bedeutende Siedlungen, über die kein ausreichendes Quellenmaterial vorhanden ist, oder als spätere Gründungen meist aus der Zeit nach 1800Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 203. mit einer Namensgebung in Anlehnung an die historischen Kietze.

Bruno Krüger untersuchte in den 1960er Jahren die von Ludat genannten und einige weitere Kietze. Er nannte als Westgrenze des Verbreitungsgebietes die Kietze von Bömenzien, Seehausen und Kalbe (Milde) in der Altmark, als Ostgrenze Neustettin (heute: Szczecinek), Dramburg (heute: Drawsko) und Deutsch Krone (heute Wałcz). Im Norden sind Kietze unter anderem in Bützow, Brüel und Gadebusch nachgewiesen. Als Südgrenze stellten sich in der Arbeit von Krüger eine Linie von Cottbus über Bad Schmiedeberg bis nach Sandersleben heraus.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 27.

Das Verbreitungsgebiet der Kietze mit nachgewiesenem mittelalterlichen Ursprung ist allerdings in Richtung Westen und Süden deutlich kleiner als das von Krüger genannte. Solche Kietze sind nur östlich der Elbe und nördlich des Flämings nachgewiesen. Besonders viele historische Kietzsiedlungen gibt es am Unterlauf der Havel und an ihrem Nebenfluss Nuthe sowie an der Oder nördlich von Frankfurt und an den Flüssen Warthe und Netze.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 49.

Siedlungsstruktur Die mittelalterlichen Kietze liegen überwiegend in der Nähe städtischer Siedlungen; nur etwa 20 Prozent in der Nähe von Dörfern.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 50. Jedoch gilt nicht die Nähe zu einer Stadt, sondern zu einer Burg als entscheidend.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 79. Die Mehrzahl der Kietze entstand direkt an Flüssen oder Seen, aber in sicherer Lage vor Hochwasser.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 18. Allerdings ist nicht bei allen mittelalterlichen Kietzen ein Bezug zum Wasser nachgewiesen, als Beispiele gelten die Kietze in Buckow oder Deutsch Krone.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 87. Die Kietze besitzen meistens eine lineare Struktur in Form eines Straßendorfes, mitunter auch als Gassendorf. Einige Kietze, wie der in Beeskow haben eine unregelmäßige Struktur. Eine Besonderheit ist der Kietz in Zossen, ein dreieckiges Platzdorf.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 15. Die in der früheren Forschung als typisches Merkmal slawischer Dörfer genannte Rundlingsform tritt dagegen unter den Kietzsiedlungen nicht auf.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 14.

Eine Gemeinsamkeit fast aller Kietze ist das Fehlen einer eigenen Kirche.

Namensursprung Über die Herkunft des Wortes Kietz gibt es verschiedene Annahmen. Eine bereits im 19. Jahrhundert gängige Auffassung war die Ableitung des Wortes aus einer slawischen Wurzel chysa oder hyža (Hütte) im Sinne von ‚Fischerhüttenort‘.Paul Kühnel: Die slavischen Ortsnamen in Meklenburg. In: Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, 1881, Band 46, S. 3–168. Während eine Reihe späterer Publikationen diese Interpretation teilt,Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 197. nimmt Gerhard Schlimpert eher einen deutschen Ursprung des Wortes an. Er verweist darauf, dass die Kietze erst mit der deutschen Besiedlung der Region entstanden sind und dass es teilweise für später Kietz genannte Orte vorher andere – slawische – Namen gegeben hätte. Schlimpert vermutet einen Namensursprung von den deutschen Wörtern Kober (Tragekorb), Kote (Hütte) oder kitzen (mittelniederdeutsch: ‚kleine Wohnung‘).Gerhard Schlimpert: Slawische Namen in Brandenburg. In: Wilfried Schich (Hrsg.): Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter. de Gruyter, 1993, ISBN 3-11-013983-9, S. 30/31 Auch eine Herleitung von ketze (kleiner Anbau an einer Stube) wird erwogen.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Alter – Herkunft – Bedeutung. be.bra Wissenschaft, Berlin 2005, ISBN 3-937233-30-X.

Geschichte

Entstehung der Kietze Urkunden, die direkten Aufschluss über die Gründung der Kietze geben, gibt es nicht. Die ältesten bekannten Zeugnisse stammen aus dem 14. Jahrhundert und beziehen sich auf bereits existierende Kietze. In vielen Fällen werden in den ältesten Dokumenten slawische (wendische) Bewohner der Kietze genannt.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 200. Dies führte bereits im 19. Jahrhundert zur Vermutung eines slawischen Kietzursprungs. Bereits im 19. Jahrhundert gab es auch die Hypothese, Kietze wären erst eine Regierungsmaßnahme der askanischen Herrschaft gewesen. Slawen sollten danach während der deutschen Ostsiedlung an bestimmten Orten sesshaft gemacht werden. Dem wurde mit der Begründung widersprochen, dass auch außerhalb des Einflussgebietes der Askanier Kietze entstanden waren.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 91.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 13.

Ludat nahm 1936 einen slawischen Ursprung der Kietze an und begründete diese Vermutung mit der seinerzeit gängigen Annahme einer slawischen Herkunft des Wortes Kietz. Er verwies aber darauf, dass nur archäologische Untersuchungen diese Frage letztlich klären könnten. Um das Jahr 1960 führte Bruno Krüger entsprechende Grabungen in einer Reihe von Kietzorten durch.

Als Resultat stellte sich heraus, dass nur in einem kleinen Teil der Kietze eine Besiedlung bereits vor der deutschen Kolonisation nachgewiesen werden konnte.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 53–56. Für eine Entstehungszeit erst mit der deutschen Kolonisation spricht für ihn auch, dass in Orten mit sowohl slawischen als auch deutschen Burganlagen die Kietze stets in der Nähe der deutschen Burg lagen. Bei einigen Kiezorten ist zudem nur eine deutsche, aber keine slawische Befestigungsanlage benannt.Bruno Krüger: Die Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleuropa. S. 86/87. Auch in späteren Publikationen wird von einem Ursprung der Kietze zu deutscher Zeit ausgegangen.

Nachgewiesen ist für viele Kietze die Abhängigkeit von den jeweiligen Burg- oder Landesherren und eine rechtliche Sonderstellung gegenüber der umgebenden Ansiedlung. Die Kietze gelten als Dienstsiedlungen, deren Bewohner zu Leistungen verschiedener Art gegenüber den Burgen verpflichtet wurden. Angesichts der gewässernahen Lage der Kietze und des meist fehlenden ausgewiesenen Landbesitzes geht man davon aus, dass es sich vorwiegend um die Versorgung der Burgen mit Fischen handelte. Allerdings sind Kietze nicht allgemein mit Fischerdörfern gleichzusetzen. Die Wassernähe der meisten Kietze könnte auch allein über die Lage der angrenzenden Burgen nahe am Wasser erklärt werden. Aus mehreren Kietzen sind aber wiederum direkte Vereinbarungen belegt, in denen die Aufgaben der Kietzbewohner zur Versorgung der Herrschaft mit Fisch geregelt wurden.

Die Zeugnisse einer speziell slawischen Einwohnerschaft der Kietze werden mit der zunehmenden Assimilation und Vermischung der Bevölkerungsgruppen seltener, um im Wesentlichen Mitte des 15. Jahrhunderts aufzuhören.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 114.

Spätere Entwicklung Eine Reihe von Kietzen gingen in den folgenden Jahrhunderten in den umgebenden Orten auf oder wurden zu Wüstungen. Dazu gehörte unter anderen der Kietz in Schorin (heute: Marquardt), der zuletzt Ende des 14. Jahrhunderts in den Quellen auftauchte.

Der soziale Status der verbliebenen Kietze änderte sich über Jahrhunderte hinweg nur wenig. Sie blieben lange von den angrenzenden Orten separiert. Die Kietzbewohner verfügten in der Regel über kein Ackerland und waren der jeweiligen Herrschaft zu Dienstleistungen verpflichtet, teilweise im erheblichen Umfang.Der Kietz bei Köpenick und die Fischerei. Website der Köpenicker Fischervereinigung; abgerufen am 20. September 2012. Auf der anderen Seite besaßen die Kietzer gewisse Privilegien, dazu gehörte die Fischereigerechtigkeit. Entsprechende Urkunden sind für die Köpenicker Fischer mindestens seit 1457 belegt, bei den Lebuser Fischern ist eine Bestätigung der diesbezüglichen Privilegien aus dem Jahr 1354 überliefert. In Gerichtsprozessen um das Jahr 1900 wurden den Einwohnern beider Kietze die entsprechenden Rechte erneut bestätigt.

Für die Havel und die Spree hat sich die Abschrift einer Urkunde von 1515 erhalten: „Sodan […] unsere lieben getreuen Kiezer auf dem Kiez vor Spandow angezeiget, daß sie von alters auf der Sprew [Spree] von dem Tham [Damm] zu Brandenburg bis zu dem Thame von Berlin auff u. nider frei zu fischen haben […]“. Dem Kurfürsten Joachim I. war offensichtlich unwichtig, dass man den Fluss zwischen Spandau und Brandenburg Havel nennt, er residierte an der Spree und so wurde eben das ganze Gewässer zur Spree erklärt. In einer älteren Urkunde von 1393 werden dieselben als „Wenden uff dem Kietze daselbst vor Spanndow“ angesprochen und darauf hingewiesen, dass diese als Belohnung für abgegebenen Fisch „teglich redelich morgenbroth und zu trincken“ zu erhalten haben. Abgaben und Versorgung scheinen für alle als Gemeinschaft gedacht gewesen zu sein.

Exemplarisch für das Verhältnis zwischen Kietz und Burgherrn sind zwei Zitate aus dem Jahr 1520 für den Grabower Kietz:

Als Gegenleistung erhielten die Fischer unter anderem Deputat in Form von Brot:

Auch wenn die Kietzer in der Regel keinen Ackerbau betrieben, baute man in manchen Kietzen – so in Freienwalde – Hanf an, der als Material zur Netzherstellung diente. Im geringen Umfang betrieben die Kietzer auch Viehzucht.Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 150.

Einige Kietze wurden in späteren Jahrhunderten an andere Orte verlegt. Dazu zählen unter anderem die Kietze in Küstrin und Spandau. Der Küstriner Kietz lag ursprünglich auf der rechten Oderseite am Rande der AltstadtHerbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 57. und wurde im 16. Jahrhundert aus militärischen Gründen auf das linke Oderufer verlegt. Der Spandauer Kietz wurde zunächst um 1560 ebenfalls aus militärischen Gründen und ein weiteres Mal in der Zeit der Befreiungskriege von 1813 verlegt.Lieselott Enders: Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil III: Havelland. Verlag Klaus-D. Becker, Potsdam 2011, ISBN 978-3-941919-80-8, S. 182.