Die 3ª Brigata missili “Aquileia” () war ein Artillerieverband des italienischen Heeres, der von 1959 bis 1991 im Nordosten Italiens bestand. Die Brigade war mit Kurzstreckenraketen vom Typ MGR-1 Honest John und MGM-52 Lance sowie mit schweren Haubitzen ausgerüstet. Im Rahmen der Nuklearen Teilhabe konzentrierte man in diesem Großverband italienische Heereseinheiten, die im Ost-West-Konflikt notfalls Kernwaffen einsetzen sollten.
Geschichte Hintergrund Anfang der 1950er Jahre beschloss die NATO die Einführung taktischer Nuklearwaffen. Diese Waffen sollten die Abwehrkraft der konventionellen NATO-Streitkräfte in Europa stärken, denen die des Warschauer Pakts weit überlegen waren.
1954 unterzeichneten die Regierungen Italiens und der Vereinigten Staaten ein bilaterales Militärabkommen, das den USA die Nutzung verschiedener militärischer Einrichtungen in Italien gestattete.Dies war trotz NATO-Mitgliedschaft für die Stationierung von US-Einheiten notwendig, da Italien 1947 einen Friedensvertrag unterzeichnet hatte und daraufhin alle alliierten Besatzungstruppen abzogen. Ein Abkommen von 1951 erlaubte die Versorgung der US-Truppen in Österreich über die Hafenstadt Livorno, wo das US-Depot Camp Darby entstand. Im folgenden Jahr zogen die US-Besatzungstruppen aus Österreich ab, hauptsächlich über Italien, wo zunächst 10.000 Mann von der im Oktober 1955 aufgestellten Southern European Task Force (SETAF) der US Army übernommen wurden.Siehe auch: Staatsvertrag von Wien SETAF auf globalsecurity.org. Die SETAF bildete unter anderem zwei Artilleriebataillone, die mit taktischen Atomwaffen ausgerüstet wurden. Auf der Grundlage von zwei weiteren Abkommen (Program of Cooperation und Nuclear Stockpile Agreement) wurde die SETAF verkleinert, ihre Ausrüstung zum Teil an Italien abgegeben sowie die Kooperation bei Lagerung und Einsatz von taktischen Atomwaffen festgelegt.Neben Atomsprengköpfen für Kurzstreckenraketen und Atomgeschosse für Haubitzen betraf dies auch eine kleinere Anzahl von Atomminen sowie atomare Gefechtsköpfe der Flugabwehrraketen der 1ª Brigata Aerea und die Atombomben für Geschwader der italienischen Luftwaffe in Ghedi, Rimini und Gioia del Colle.
Von der Aufstellung bis zur Heeresreform von 1975 Am 10. Januar 1959 begannen 44 italienische Soldaten des 3. schweren Artillerie-Regiments bei der SETAF in Vicenza ihre Ausbildung am Waffensystem Honest John. Kurz darauf begann die Umrüstung ihres Regiments, das zunächst zwei Bataillone (AbteilungenIn der italienischen Artillerie wird der Begriff Bataillon (wie früher in Deutschland) durch Abteilung ersetzt. Der italienische Terminus ist in diesem Fall gruppo (gruppo squadroni bei Kavallerie und Heeresfliegern). Der Einfachheit halber bleibt es hier bei Bataillon.) auf Honest John bildete. Am 1. Oktober 1959 entstand in Vicenza die III. Raketenbrigade, die im Frieden truppendienstlich dem V. Korps in Vittorio Veneto unterstand, während sie im Krieg direkt vom NATO-Kommando Landsouth in Verona geführt werden sollte.Das italienische Feldheer in Norditalien bestand aus dem III. Korps in Mailand, dem IV. (Gebirgs-)Korps in Bozen und dem V. Korps in Vittorio Veneto. Im Falle eines Krieges mit den Staaten des Warschauer Paktes sollte das NATO-Kommando Landsouth in Verona die Führung der drei Korps übernehmen. Landsouth hatte als Befehlshaber einen italienischen Viersternegeneral und einen multinationalen Stab. Neben Landsouth bestand bis 1975 (Vertrag von Osimo) noch ein rein nationales Kommando, das der 3. Armee in Padua, welches die drei italienischen Korps in nationaler Regie führen konnte, insbesondere bei einer möglichen bewaffneten Auseinandersetzung mit Jugoslawien. Implizit bezog sich die Nummerierung der 3. Raketenbrigade (als konventionelle Armee-Artillerie) auch auf die 3. Armee. Kern der Brigade war das 3. Raketenartillerie-Regiment, auf dessen Nummerierung auch die der Brigade Bezug nahm. Die neue Brigade erhielt zusätzlich verschiedene Unterstützungseinheiten. Etwa zehn Jahre nach ihrer Aufstellung umfasste die Brigade:
rechts|150px|rahmenlos
Stab in Vicenza 20px 3. Raketenartillerie-Regiment in Portogruaro mit vier Bataillonen auf Honest John I. Bataillon in Codognè II. Bataillon in Portogruaro III. Bataillon in Oderzo IV. Bataillon in Elvas bei Brixen XIII. Aufklärungsbataillon in Montorio Veronese, Verona XIV. schweres Artilleriebataillon in Trient (später Elvas) auf M115 XV. schweres Artilleriebataillon in Verona auf M115 XXI. Pionierbataillon in Vicenza XIII. Fernmeldebataillon in Portogruaro XIII. Logistikbataillon in Vicenza Vier Sicherungskompanien in Codognè, Portogruaro, Oderzo und Elvas
Die Artillerieverbände der Brigade waren an den Haupteinfallachsen Nordostitaliens disloziert. Dabei handelte es sich insbesondere um das Pustertal, das Etschtal, das obere Piavetal, das Kanaltal und um das sogenannte Gorizia Gap in Görz und der westlich davon gelegenen Ebene bis zum Unterlauf des Piave. Die Brigade hatte den Auftrag, diese Täler und Gebiete notfalls mit atomarem Feuer einzudecken. Bedroht sah man sich besonders von zehn in Ungarn stationierten Divisionsäquivalenten, die aus dem Raum Kaposvár entweder über den Südosten Österreichs oder über den Norden Jugoslawiens Norditalien angreifen sollten.István Balló: Die ungarische Volksarmee im Warschauer Pakt. auf www.bmlv.gv.at (PDF; 104 kB).La bomba atomica su Vienna e Venezia, La Repubblica, 14. Mai 2005Einige andere Artillerie-Einheiten des Heeres konnten ebenfalls Atomgeschosse verschießen, insbesondere solche Einheiten, die mit der Feldhaubitze FH155-1 ausgerüstet waren. Aus Verfahrensgründen versuchte man jedoch, den Einsatz von Atomgeschossen in der Raketenbrigade zu konzentrieren.
Von 1975 bis zur Auflösung Mit der Heeresreform von 1975 wurde in Italien die Regimentsebene fast vollständig abgeschafft. Die Bataillone unterstanden den Brigaden damit unmittelbar. Im Zug der Reform erhielt die III. Raketenbrigade die neue Bezeichnung 3. Raketenbrigade Aquileia, wobei sich der Beiname auf die römische Stadt Aquileia bezog. Auch die unterstellten Verbände wurden umbenannt:
mini|150px|Lance, 3. ArtBtl,Übung auf Sardinien mini|150px|M115, 9. ArtBtl
Brigadestab in Portogruaro 20px 3. Raketenartillerie-Bataillon Volturno in Oderzo und Codognè auf Lance 20px 1. schweres Artilleriebataillon Adige in Elvas bei Brixen auf M115 (bis 1983) 20px 9. schweres Artilleriebataillon Rovigo in Verona auf M115 (bis 1986) 20px 27. schweres Artilleriebataillon Marche in Udine auf M107, dann M110A2 (ab 1977) 20px 41. Artillerie-Unterstützungsbataillon Cordenons in Casarsa della Delizia (bis 1986) 20px 13. Aufklärungsbataillon Aquileia in Verona 20px 21. Pionierbataillon Timavo in Vicenza (bis 1979, dann Kompanie) 20px 13. Fernmeldebataillon Mauria in Portogruaro 20px 13. Logistikbataillon Aquileia in Portogruaro 20px 92. Ausbildungsbataillon Basilicata in Portogruaro (ab 1981 in Foligno) 20px Carabinieri-Kompanie Aquileia in Portogruaro 20pxVier Sicherungskompanien in Codognè, Portogruaro (76 bis 83 in Vicenza), Oderzo und Udine (bis 83 in Elvas)
Im Zug der Heeresreform wurden auch die Honest John außer Dienst gestellt und durch Lance ersetzt. Letztere erhielt nur das 3. Raketenartillerie-Bataillon, während die übrigen Bataillone die Haubitzen behielten. Die Bezeichnung „Raketenbrigade“ bezog sich damit noch mehr auf den Kern der Brigade, denn tatsächlich handelte es sich im Wesentlichen um eine gemischte schwere Artilleriebrigade. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Brigade rund 5.500 Soldaten, gegen Ende der 1980er Jahre dann nur noch etwa 3.000 Soldaten. Bis 1991 kam es zu verschiedenen Veränderungen bei den unterstellten Bataillonen, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Die Brigade wurde am 1. Dezember 1991 offiziell aufgelöst, de facto jedoch zunächst verkleinert, indem man Teile der verschiedenen Bataillone im 3. Artillerieregiment Aquileia zusammenfasste. In dieser Form bestand der Verband noch bis September 1992.
Beschreibung ausgewählter Brigadeteile Die schweren Artillerieverbände der Brigade waren bis 1943 den Befehlshabern einzelner Armeen oder Korps direkt unterstellt (Armee-Artillerie, Korpstruppen). Einzige Ausnahme ist das 27. Regiment/Bataillon, das ursprünglich ein Feld- oder Divisions-Artillerieverband war.
3. Raketenartilleriebataillon Volturno mini|100px|Kragenspiegel und Emblem 3. RakArtRgt/Btl Die Geschichte dieses Verbandes geht zurück auf Giuseppe Garibaldis Rothemden und die 1860 ausgetragene Schlacht am Volturno. Aus den Artillerie-Einheiten, die an der Schlacht teilgenommen hatten, entstand noch 1860 das 3. Artillerie-Regiment, welches als solches bis 1870 bestand und dann, nach einer Neuordnung der Truppengattung, an die Feldartillerie ging. 1910 entstand in Bologna das 8. Festungsartillerie-Regiment, welches 1920 in 6. schweres Artillerie-Regiment, 1926 in 3. schweres Artillerie-Regiment und 1934 in 3. Armee-Artillerie-Regiment umbenannt wurde. Im Zug des Waffenstillstands von Cassibile wurde es im September 1943 aufgelöst.
Ende 1955 entstand es als 3. schweres Artillerie-Regiment mit drei Bataillonen (Abteilungen) in Brescia wieder. 1959 gab es seine 155-mm- und 203-mm-Haubitzen ab und führte an seinem neuen Standort Vicenza die Honest-John-Raketen ein. Das erste Testschießen fand noch 1959 bei Bibione an der Adria statt, die weiteren Übungen dann auf der Hochebene der Sieben Gemeinden oder in Salto di Quirra auf Sardinien. Bis Anfang der 1970er-Jahre waren vier Raketenbataillone auf Honest John aktiv. Der Regimentsstab befand sich seit 1963 in Portogruaro.
Im Jahr 1974 nahmen Soldaten des 3. Raketenartillerie-Regiments an der US-amerikanischen Artillerie-Schule in Fort Sill an einem Lehrgang teil, der sie auf das neue Waffensystem Lance vorbereitete. Gegen Ende des Jahres führten sie auf der White Sands Missile Range das erste Testschießen durch. Im folgenden Jahr wurden die ersten Lance nach Italien geliefert. Das 3. Raketenartillerie-Regiment wurde am 1. Januar 1975 zum 3. Raketenartillerie-Bataillon Volturno herabgestuft. Es bestand aus einer Stabs- und Versorgungsbatterie, drei schießenden Batterien und einer Feuerleitbatterie. Das Bataillon mit neuem Standort Oderzo hatte rund 100 Lance-Raketen im Bestand und setzte besondere Versionen des Transportpanzers M113 ein, das Startfahrzeug M752 und das Ladefahrzeug M688.
Nach Ende des Kalten Krieges wurden die Atomsprengköpfe der Brigade 1992 an die 59th Ordnance Brigade in Deutschland abgegeben, die Lance-Raketen gingen nach Camp Darby bei Livorno. Am 28. September 1992 wurde das Raketenartillerie-Bataillon im Rahmen einer weiteren Reform vor allem aus Traditionsgründen wieder in 3. schweres Artillerie-Regiment Volturno (in Bataillonsstärke) umbenannt und mit dem Mehrfachraketenwerfer MLRS ausgerüstet. Am 1. Dezember 2001 erfolgte die Umbenennung in 5. schweres Artillerie-Regiment Superga. In dieser Form besteht es in Portogruaro als Teil des Unterstützungskommandos des Heeres noch immer.
1. schweres Artilleriebataillon Adige Dieses Bataillon entstand am 1. September 1962 in Trient unter der Bezeichnung XIV. schweres Artillerie-Bataillon durch die Ausgliederung und Verselbständigung des III. Bataillons des 9. schweren Artillerie-Regiments. Kurz danach kam es nach Elvas bei Brixen. Im Zug der Heeresreform von 1975 erhielt es die neue Bezeichnung 1. schweres Artillerie-Bataillon Adige. 1983 wurde es gekadert und nach Verona verlegt. Das Bataillon war mit M115-Haubitzen ausgerüstet. Übungen mit scharfem Schuss wurden auf dem mittelitalienischen Truppenübungsplatz bei Monte Romano durchgeführt, ansonsten im oberen Piavetal und auch in Karnien.
9. schweres Artilleriebataillon Rovigo mini|50px|9. ArtBtl