miniatur|rechts|Wasserrelief (1973–1975). Forumsplatz der Ruhr-Universität Bochum

Erich Reusch (* 26. Juni 1925 in Wittenberg; † 29. Dezember 2019Traueranzeige Erich Reusch, FAZ vom 4. Januar 2020Jens Dirksen: „Nachruf auf Erich Reusch“, Westfälische Rundschau vom 2. Januar 2020) war ein deutscher Bildhauer und freier Architekt.

Leben Erich Reusch studierte von 1947 bis 1953 an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Georg Leowald, Richard Scheibe und Hans Uhlmann. Ab 1953 war er in einem Düsseldorfer Architekturbüro tätig, danach von 1956 bis 1964 als freischaffender Architekt in Düsseldorf. Ab 1964 wandte sich Reusch zunehmend der Bildhauerei zu. Mit einer großen Bodenplastik war Reusch 1977 an der documenta 6 in Kassel beteiligt.

1975 wurde er zum Professor an der Kunstakademie Düsseldorf ernannt und auf den Lehrstuhl „Integration Bildende Kunst und Architektur“ berufen. 1990 wurde er emeritiert.

Erich Reusch war Mitglied im Deutschen Künstlerbund. (abgerufen am 16. Dezember 2015) Er lebte und arbeitete in Neuenrade. 2010 ernannte ihn die Kunstakademie Düsseldorf zum Ehrenmitglied.

Werk Erich Reusch unternahm eine Vielzahl von Vorstößen zur plastischen Aktivierung des Raums. Bereits 1954 verräumlichte er das Bild, indem er das frontale Blickfeld mit dünnen Stahlstäben, die in den Raum aus dem „Bild“ hinausragten, durchstieß.Wandobjekte, Galerie Zaar, Hagen, Ausstellung vom 4. Juli 2010 bis 15. August 2010. Seine kinetischen und akustischen Skulpturen der fünfziger und sechziger Jahre waren in ihrer Multimedialität wegweisend.Dieter Ronte im Vorwort zum Katalog Erich Reusch. Arbeiten 1954 – 1998. Kunstmuseum Bonn, 1998.

Revolutionär waren Reuschs Bodenplastiken, in denen er sich – Jahre vor Carl Andre – von der Skulptur auf dem Sockel und der damit verbundenen Vertikalorientierung löste.Martin Seidel: Erich Reusch. Arbeiten 1954 - 1998. Kunstmuseum Bonn. Kunstforum, Band 140, April – Juni 1998, S. 395. Anstelle dessen wird bei Reuschs minimalistischen Bodenplastiken mit einer Anzahl mehr oder weniger flacher Elemente, die asymmetrisch über ein Areal verstreut sind, die Horizontale zur bestimmenden Größe. Die am Boden verhafteten Elemente fordern, aus ihrer Ruhe heraus, den Betrachter zum Umschreiten auf und verstärken, aus ihrer Horizontalität heraus, seine Selbstwahrnehmung. Reuschs Entwurf für ein Mahnmal im Konzentrationslager Auschwitz von 1957 blieb allerdings noch Modell; seine skulpturale Substanz bestand aus der optisch aktivierten Leere, aus dem Unanschaubaren:Erich Franz: Über das Anschaubare hinaus. Notizen zur Kunst von Erich Reusch. In: REUSCH - neue arbeiten aus der vergangenheit. Hrsg. Erich Reusch. Kerber Verlag, Bielefeld 2009, S. 66. Den Ort der ehemaligen Selektionsrampe am Ende einer langen Gleisanlage gedachte Reusch mit einer 50 × 40 m großen Granitplatte, auf der vier ca. 1,30 m hohe zylindrische Scheiben intuitiv verteilt sind, zu markieren. Unter den Scheiben plante er, Glockenkammern mit gepresstem Nachhall zu installieren, deren Töne nur aus nächster Nähe zu lokalisieren gewesen wären.

Bekannt wurde Reusch in den 1960er und 1970er Jahren durch seine „‚elektrostatischen Objekte‘: Glaskästen, in deren Inneren sich - je nach Außenklima und Außenreibung - Ruß niederschlägt in Schichtungen, Verwischungen, Grautönen, die viel von der Atmosphäre der Kohleklau-Zeit und des Kohlenpotts einfangen“. (Georg Jappe)Georg Jappe: (PDF; 7 kB) Die Zeit, Juni 1976.

Reusch schuf 1973 Wasserrelief, einen tief gelegten Brunnen für den Campus der Ruhr-Universität Bochum. Wenn das Wasser zwischen den Bodenplatten fließt, lädt der Platz zum Meditieren und Verweilen ein. Mit Formen wie Kubus und Scheibe schuf er 1977 bei der documenta 6 begehbare, offene und dynamische Werkensembles, die dem Konzept der dezentralen Skulptur entsprachen. Sein Lebensthema, der Raum als existentielle Größe, verwirklichte er auch 1980 mit dem antimonumentalen Denkmal für den Widerstand des 20. Juli im Berliner Bendlerblock.

Als „Pionier im dezentralen Raum“, Kunst am Bau, Ruhr-Universität Bochum hat der Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger Reusch bezeichnet. Reusch wollte den offenen Raum, der heute oft zum Zwischen- und Restraum zwischen Nutzbauten degradiert ist, in einen eigens wahrnehmbaren Ort verwandeln. An die Stelle der autonomen Plastik treten über das Areal verteilte Elemente – häufig Röhren, Trapeze oder Stelen –, die in ihrer reduzierten Form die Blicke nicht auf sich lenken, sondern auf den Raum zwischen ihnen, der auf diese Weise in ein «erfülltes Spannungsfeld zwischen materiellen Objekten»Erich Franz: Über das Anschaubare hinaus. Notizen zur Kunst von Erich Reusch. In: REUSCH - neue arbeiten aus der vergangenheit. Hrsg. Erich Reusch. Kerber Verlag, Bielefeld 2009, S. 66. transformiert wird. Übermannshohe Kreuzstelen, Röhren und andere Objekte verwandeln bei seiner Arbeit auf dem Campus der Universität Mainz beispielsweise eine Grünfläche in einen modulierten Raum, der geradezu als Bühne erlebt wird. Oder es werden im Abschreiten Raumbezüge und Raumstruktur erfahrbar – wie etwa bei seiner Arbeit am Münchner Olympiagelände. «Wichtig war für mich in erster Linie der Gravitationsbezug der Formen untereinander, nicht die Pressung durch das Gewicht auf den Boden.» (Erich Reusch)Erich-Reusch.de, offizielle Website des Künstlers, Abruf am 30. September 2010.

Ehrungen und Auszeichnungen 2001: Ida-Gerhardi-Preis 2006: Konrad-von-Soest-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe , Pressemitteilung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, Münster, vom 29. November 2006

Einzelausstellungen (Auswahl) 1966: Von der Heydt-Museum, Wuppertal 1972: Museum am Ostwall, Dortmund 1973: Kunsthalle zu Kiel 1976: Kunsthalle Düsseldorf 1986: Städtische Galerie Lüdenscheid 1987: Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl 1998: Arbeiten 1954 – 1998, Kunstmuseum Bonn (Retrospektive) 1999: Synagoge Stommeln 2000: Malerei, Zeichnung, Städtische Galerie Lüdenscheid 2005: Malerei, Zeichnungen, Kunstverein Lippstadt 2006: Raum – Skulptur – Fotografie, Wilhelm Lehmbruck Museum und Museum DKM, Duisburg; Westfälisches Landesmuseum, Münster 2010: Andere Horizonte I, Museum Haus Ludwig, Saarlouis, 31. Oktober 2010 bis 9. Januar 2011Ausstellung , Museum Haus Ludwig, Saarlouis, 31. Oktober 2010 bis 9. Januar 2011. 2012: Reusch: Der Raum ist das Ereignis. Werke 1935–2012, Situation Kunst (für Max Imdahl), Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, 7. Juli bis 30. September 2012 2018/2019 Erich Reusch – OIE. Auf den Spuren eines Pioniers. Museum Schloss Moyland, 7. Oktober 2018 bis 12. Mai 2019. Museum Schloss Moyland, 7. Oktober 2018 bis 12. Mai 2019. 2020: Erich Reusch - grenzenlos / infinite. Werke / Works 1951-2019, Situation Kunst (für Max Imdahl), Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum

Arbeiten in öffentlichen Sammlungen (Auswahl) Neue Nationalgalerie, Berlin Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum Kunstmuseum Bonn Museum am Ostwall, Dortmund Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg Museum DKM, Duisburg Museum Folkwang, Essen Musée de Grenoble Kunsthalle zu Kiel Schloss Morsbroich, Leverkusen Städtische Galerie Lüdenscheid Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach Stiftung für Konkrete Kunst, Reutlingen Staatsgalerie Stuttgart Museum Schloss Moyland

Arbeiten im öffentlichen Raum (Auswahl) 1971: Vier Plastiken aus Edelstahl. Mensa der Landesfinanzschule, Schloss Nordkirchen/Münsterland 1969–1973: Ohne Titel, Plastik. Finanzamt Bochum MitteErich Reusch: Plastik Finanzamt Mitte, artibeau - Kunst in Bochum 1973–1975: Wasserrelief (Forumsbrunnen). Campus der Ruhr-Universität Bochum 1977: Ohne Titel. Sechsteilig, Skulpturenhof, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 1978: Plastik Frankfurt, Schlosspark Haus Weitmar, BochumErich Reusch: Plastik Frankfurt, artibeau - Kunst in Bochum 1978/1979: Neugestaltung des Ehrenmals 20. Juli 1944, Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Bendlerblock, Berlin 1979–1982: Mehrteilige Installation. Bundeswehrverwaltungszentrum MünchenErich Reusch: o.T. (1979), SkulpTour München (Welt-der-Form) 1983: Platzgestaltung. Rathaus BochumErich Reusch: "Nasse Augen", artibeau - Kunst in Bochum 1985: COR-TEN-Stahl-Quader vor dem Haus Burgplatz 29 in Düsseldorf, 1988/1989: Integration. Kunstlandschaft Campus, Johannes Gutenberg-Universität MainzIntegration (1988/89) - Erich Reusch, in: (PDF; 3,1 MB), Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1992: Grüne Säule. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Brunnen - Denkmale - Kunst in GöttingenÖffentliches Aufsehen erregte der rosa angestrichene Skybiker, der von unbekannter Hand 1994 in mehreren Metern Höhe an der Skulptur, nach oben „fahrend“, angebracht worden war. Bürger und Studenten setzten sich damals öffentlich für den Verbleib des Skybiker ein und empfanden diesen als Verschönerung eines ungeliebten Kunstwerkes. Reusch bestand auf seinem Urheberrecht und verbat sich die Veränderung seines Kunstwerkes. Der Skybiker wurde schließlich durch Gerichtsbeschluss entfernt und an einem Lichtmast auf dem Universitätsforum neu installiert (Quelle: Göttinger Terminkalender 2007; PDF; 3,4 MB). 2007: Deutsche Rentenversicherung Westfalen, Münster; Villa am Wall, Neuenrade, Stadt Neuenrade 2015: Gestaltung der Oberfläche des Museum unter Tage von Situation Kunst (für Max Imdahl), Bochum

Abbildungen

Literatur Erich Reusch: grenzenlos. Werke 1951-2019 / infinite. Works 1951-2019, Ausst.-Kat. Situation Kunst (für Max Imdahl), Bochum 2020. Volker Adolphs, Christoph Schreier (Konzeption und Bearbeitung): Erich Reusch: Arbeiten 1954–1998. Anlässlich der gleichnamigen Retrospektive im Kunstmuseum Bonn, 29. Januar bis 22. März 1998. Wienand Verlag, Köln 1998. Reusch. Der Raum ist das Ereignis / It is the Space. Ausst.-Kat. Situation Kunst (für Max Imdahl). Richter & Fey Verlag, Düsseldorf 2012, ISBN 978-3-941263-44-4.

Einzelnachweise

Weblinks

Offizielle Website von Erich Reusch Künstlerlexikon - Erich Reusch, Kunstforum (mit zahlreichen Fotos seiner Arbeiten)

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