mini|hochkant=1.3|Ovales Forum, Gerasa Gerasa oder Jerasch (, auch Jarash und Jerash) ist eine Stadt im Norden Jordaniens, etwa 40 Kilometer nördlich von Amman. Sie hat etwa 40.000 Einwohner und ist Verwaltungszentrum des Gouvernement Dscharasch. Vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. war die antike Vorgängerstadt Gerasa durchgängig besiedelt. Gerasa ist die besterhaltene Stadt der Dekapolis und nach Petra die am meisten besuchte archäologische Stätte in Jordanien.

Name Der Ortsname stammt aus einer semitischen Sprache und wird als „Weide“ oder „Trift“ interpretiert. In einer nabatäischen Steleninschrift aus Petra, die versuchsweise ins 1. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, lautet er Garšu.Achim Lichtenberger: Kulte und Kultur der Dekapolis. Untersuchungen zu numismatischen, archäologischen und epigraphischen Zeugnissen, Wiesbaden 2003, S. 191. Die Steleninschrift wurde 1964 am Eingang des Siq entdeckt; sie wurde für einen Petraios errichtet „der in rqmw (= Petra) lebte, der in gršw starb und begraben wurde.“ Vgl. Manfred Weippert: Archäologischer Jahresbericht. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 82 (1966), S. 297. Die Identifikation des modernen Jerash mit dem antiken Gerasa beruht auf der Ähnlichkeit des arabischen und des griechischen Namens und wird bestätigt durch Inschriften vor Ort. Der Name der Stadt in römischer Zeit war Antiochia am Chrysorrhoas, genauer: „die Polis der Antiochener am Fluss Chrysorrhoas, vormals die der Gerasener (), heilig und unverletzlich ().“S. Applebaum, A. Segal: Gerasa, New York u. a. 1993, S. 470. Dies bedeutete, dass das Bürgerrecht von Gerasa nach dem Vorbild Antiochias gestaltet war.

Das spätantike und byzantinische Gerasa war Bischofssitz; ein Bischof namens Placcus (oder Plancus) nahm 451 am Konzil von Chalcedon teil. Im Jahr 1749 wurde das römisch-katholische Titularbistum Gerasa neu geschaffen.

Lage und Bedeutung Das antike Gerasa ist die besterhaltene Dekapolisstadt; ihre Bezeugung in antiken Quellen ist allerdings vergleichsweise gering. Sie lag an beiden Ufern des Wadi Jerasch (des antiken Chrysorrhoas) in einer durch die Adschlun-Berge gut mit Feuchtigkeit versorgten und daher sehr fruchtbaren Ebene. Die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstandene moderne Stadt überbaute die antiken Ruinen auf dem Ostufer, während jene auf dem Westufer weitgehend erhalten blieben.Jacques Seigne: Gerasa-Jerasch: Stadt der 1000 Säulen, Mainz 2002, S. 6. Drei Straßen, von denen Meilensteine, Wachttürme und abschnittsweise auch die antike Pflasterung erhalten sind, bezogen Gerasa in das römische Straßennetz ein. Sie führten nach Pella, Philadelphia und über Adraa nach Bostra. Der Fahrdamm beiderseits eines Mittelstreifens war 5,80 bis 6 Meter breit und bestand aus großen, flach verlegten Steinblöcken in einem Bett aus aufrechtgestellten kleinen Steinen. Der Straßenbelag war eine 15 bis 20 cm aufgeschüttete Mischung von Kies, Split und Erde. Diese Routen wurden auf dem Territorium der Stadt Gerasa seit der Regierungszeit Trajans ausgebaut und mindestens bis ins 4. Jahrhundert instand gehalten. mini|Die Säulenstraße.

Die Grenzen des Territoriums von Gerasa sind – recht ungewöhnlich – durch 40 gleichförmige Stelen markiert, welche die Buchstaben (Abkürzung für oder , „(der) Stadt der Gerasener“) tragen. In dem so markierten Umland der Stadt lagen Dörfer und kleine Siedlungen, deren zahlreiche Weinkeltern und Olivenpressen dokumentieren, was hier vorrangig angebaut wurde.Jacques Seigne: Gerasa-Jerasch: Stadt der 1000 Säulen, Mainz 2002, S. 20.

Siedlungsgeschichte Erste Spuren menschlicher Besiedlung sind für die ausgehende Mittelbronzezeit und Spätbronzezeit nachgewiesen. Die Keramik (white slip, chocolate on white) deutet darauf hin, dass enge Beziehungen zu den Bewohnern des Jordangrabens bestanden. In der Spätbronzezeit und Eisenzeit gab es eine weit ausgedehnte Siedlung, die unter anderem im Bereich des Zeus-Tempels, beim Südtor, und der Kolonnadenstraße vor dem Macellum nachgewiesen wurde. Die Keramik zeigt eine Mischung von lokaler Produktion und importierter Luxusware, wie es auch für Amman und Irbid kennzeichnend ist. Für die persische und frühhellenistische Zeit ist keine Besiedlung nachgewiesen, so dass eine angebliche Gründung im späten 4. Jahrhundert v. Chr. durch Perdikkas, einen General Alexanders des Großen, nicht durch die Archäologie gestützt wird. Die durchgehende Besiedlung beginnt demnach im 2. Jahrhundert v. Chr. und reicht mindestens bis ins 8. Jahrhundert n. Chr.Frank Braemer: History of Jerash. In: D. Homes-Fredericq, J. B. Hennessy (Hrsg.): Archaeology of Jordan, II/1: Field reports, Surveys & Sites A–K, Leuven 1989, S. 318. In einem spätantiken Geschichtskonstrukt, das sich auch in Quellentexten niedergeschlagen hat, leiteten die Gerasener den Namen ihrer Stadt von Veteranen (gerontes), die Alexander hier angesiedelt habe, ab, errichteten dem Perdikkas eine Statue und stellten Alexander als vermeintlichen Stadtgründer auf ihren Münzen dar.Achim Lichtenberger: Kulte und Kultur der Dekapolis. Untersuchungen zu numismatischen, archäologischen und epigraphischen Zeugnissen, Wiesbaden 2003, S. 191 f.

Jacques Seigne datiert die „Gründung“ von Gerasa bzw. der hellenistischen Polis Antiocheia am Chrysorrhoas in die Regierungszeit des Seleukidenkönigs Antiochos IV. (175–164). Dieser ließ zahlreiche Städte in Poleis umwandeln, so neben Jerusalem und Babylon wohl auch Gerasa, das nun rasch erblühte. Das Seleukidenreich befand sich damals bereits in einer Krise, und in seinen Randgebieten gewannen Judäa (unter den Hasmonäern) und die Nabatäer an Autonomie. Das nördliche Transjordanien, die Galaaditis, in der Gerasa lag, gehörte bald zum Interessengebiet beider Reiche. Bei einem Feldzug in Transjordanien nahm der Hasmonäer Alexander Jannäus im frühen 1. Jahrhundert v. Chr. die Galaaditis ein. Der Nabatäerkönig Obodas I. besiegte Jannäus im Jahr 93 v. Chr. bei Gadara und beanspruchte danach die Galaaditis mit Gerasa für sich. Die Präsenz der Nabatäer scheint hier aber nur schwach gewesen zu sein; es ging ihnen vielleicht nur um die Sicherung der Königsstraße.Robert Wenning: Die Dekapolis und die Nabatäer. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 110 (1994), S. 1–35, hier S. 4 f. Jannäus unternahm einen weiteren Feldzug in die Galaaditis und nahm Gerasa und Dion ein.Josephus: Antiquitates 13,398. In Städten seines Herrschaftsgebiets führte er eine Zwangsjudaisierung durch; wo dies auf Widerstand stieß, so in Pella, wurde die Stadt zerstört. „Anders als die nabatäische Inbesitznahme der Galaaditis führte somit die hasmonäische Okkupation zu gravierenden Eingriffen und Veränderungen für die Bevölkerung dieses Gebietes.“Robert Wenning: Die Dekapolis und die Nabatäer. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 110 (1994), S. 1–35, hier S. 5.

Nach seiner Einnahme Jerusalems im Jahr 63 ordnete Pompeius die Verhältnisse in der Region neu. Hasmonäer und Nabatäer behielten als Klientelkönigreiche eine Teilautonomie, aber die von den Hasmonäern in Transjordanien eroberten Gebiete wurden aus ihrem Reich ausgegliedert. Die seleukidische Provinz Koilesyrien wurde restituiert, weil die Römer als Rechtsnachfolger darauf selbst Ansprüche erhoben. Das war, so Robert Wenning, noch nicht die Gründung der Dekapolis, schuf aber die Voraussetzungen dafür. Denn in einer Reaktion auf die Expansion des Reichs Herodes’ des Großen begann eine Stadt nach der anderen, eigene Münzen zu prägen, die nach der pompejanischen Ära datieren, und sich so als prorömisch und eigenständig zu profilieren.Robert Wenning: Die Dekapolis und die Nabatäer. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 110 (1994), S. 1–35, hier S. 9–11. Die eigene Münzprägung Gerasas begann 67/68 mit pseudoautonomen Münzen unter Nero und wurde unter den folgenden Kaisern bis Elagabal fortgesetzt.Achim Lichtenberger: Kulte und Kultur der Dekapolis. Untersuchungen zu numismatischen, archäologischen und epigraphischen Zeugnissen, Wiesbaden 2003, S. 192. mini|Die Ruinen der antiken Stadt vor der modernen Stadt Während des Jüdischen Krieges griffen die Aufständischen laut Josephus Gerasa an; er hebt hervor, dass sich die Gerasener, anders als in anderen Dekapolisstädten, nicht an den jüdischen Einwohnern dafür rächten.Josephus: Bellum 2, 458 und 2, 480. Ebenfalls laut Josephus stammte Schimon bar Giora, einer der Anführer der Zeloten, aus Gerasa;Josephus: Bellum 4,503. da aber keine besonderen Beziehungen Schimons ins Ostjordanland bekannt sind und seine Machtbasis in der Akrabatene lag, vermutet Gideon Fuks, dass ein dort gelegenes Dorf Gerasa, das heutige Jureish 35 km nordöstlich von Jerusalem, gemeint sei.Gideon Fuks: Some Remarks on Simon Bar Giora. In: Scripta Classica Israelica 8/9 (1988), S. 106–119. (Online)

Im Jahr 106 n. Chr. wurde Gerasa Teil der neuen römischen Provinz Arabia Petraea. Im Schutz der Pax Romana scheint Gerasa eine offene Stadt ohne Befestigungsanlagen gewesen zu sein.Jacques Seigne: Gerasa-Jerasch: Stadt der 1000 Säulen, Mainz 2002, S. 9. In den folgenden Jahrzehnten führten die römischen Expansionskriege in Vorderasien zu einem weiteren Bedeutungsgewinn; es entstanden gut ausgebaute Straßen nach Pella, Philadelphia, Dion und zur Provinzhauptstadt Bos(t)ra. Kaiser Hadrian stattete der Stadt im Winter 129/130 einen Besuch ab.

In der Spätantike änderte sich die politische Situation in der Region grundlegend und die Stadt verlor an Bedeutung. Dennoch blieb die Oberschicht wohlhabend. In diese Zeit fällt auch die Durchsetzung des Christentums und der Bau vieler Kirchen in der Stadt. Während die Stadt im 3. Jahrhundert noch etwa 25.000 Einwohner zählte, fiel diese Zahl bis zum Ende des 6. Jahrhunderts auf vielleicht 10.000. In die Zeit der Justinianischen Pest datiert ein Massengrab im Südwesten der Stadt, das kaum Spuren ritueller Beisetzungen aufwies, aber genauso wenig Spuren von Gewalt. Daher gilt Gerasa als die erste Stadt, in der sich ein durch die Pest ausgelöstes umfangreiches Sterben nachweisen ließ.Karen Hendrix, Swamy R. Adapa, Robert H. Tykot, Gregory O'Corry-Crowe, Andrea Vianello, Gloria C. Ferreira, Michael Decker, Rays H. Y. Jiang: Bioarchaeological signatures during the Plague of Justinian (541–750 CE) in Jerash (ancient Gerasa), Jordan, in: Journal of Archaeological Science 186, Februar 2026, 106473.

Zwischen 613 und 630 beherrschten die Sassaniden den Ort, um für wenige Jahre an das Oströmische Reich zurückzufallen. Bald nach 636 fiel die Stadt dann an die muslimischen Araber. Nach einem Erdbeben im Jahr 658 wurde die sogenannte Kathedrale von Gerasa aufgegeben. Die danach wieder instandgesetzte Portikus überließ man ab der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts sich selbst, zeitweise wurde der Bereich als Deponie verwendet. Ein erneutes Erdbeben 749 führte zum Einsturz des Bauwerks. Das Erdbeben von 749 hatte wie für die gesamte Region auch für Gerasa verheerende Folgen. Allerdings zeigen jüngere Forschungen, dass es nicht zu einem abrupten Siedlungsabbruch kam, sondern eher eine längere Phase des Niedergangs fortgesetzt wurde.

In der Kreuzfahrerzeit scheint Gerasa unbewohnt geblieben zu sein. Fulcher von Chartres und Wilhelm von Tyrus erwähnen allerdings eine Episode, wonach im Jahr 1121 König Balduin II. eine Festung in Gerasa einnahm und anschließend zerstörte, die erst im Jahr zuvor durch Tughtigin, den Atabeg von Damaskus erbaut worden war. Diese Festung ist bisher archäologisch nicht nachweisbar.

Aus ayyubidisch-mamlukischer Zeit ist ebenfalls Bebauung nachweisbar. Bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts ist die Stadt nach Angaben des Yāqūt al-Ḥamawī aber völlig verlassen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch in Gerasa Tscherkessen angesiedelt, womit die neuzeitliche Wiederbesiedlung des Ortes beginnt.

Aus Gerasa stammen u. a. Schimon bar Giora und Nikomachos von Gerasa.

Die antike Stadt mini|Karte von Gerasa Stadtbefestigung