Das Lupemban (oder Lupembien) ist eine spätmittelpaläolithische (late Middle Stone Age) bis frühjungpaläolithische (Late Stone Age) Industrie in Zentralafrika (Kongobecken) und Angola sowie potentiell mit allerdings geringen, schlecht datierbaren Inventaren in Westafrika. Sie hat jedoch Spuren bis nach Südafrika und den Sudan hinterlassen. Das Lupemban hat sich mit und aus dem Sangoan entwickelt und bildet mit diesem zusammen einen Komplex der sog. Waldlandgruppe (bezogen auf die heutige landschaftliche Ökosituation, denn während der letzten Jahrhunderttausende änderte sich das subsaharische Klima mehrmals entscheidend, wie man annimmt unter dem Einfluss verschiedener Kalt- und Warmzeiten der Nordhalbkugel und deren Interstadiale).David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 116 f., 122 f., 128; John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 61, 202 ff., 246. Es wurde früher als sehr viel jünger eingestuft als heute, wo man einen Beginn für ca. 300.000 BP, also noch im Spätacheuléen ansetzt. Benannt ist der Technokomplex nach der Station Lupemba am Kasai in Angola.Hermann Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band I: Altsteinzeit. 2. Aufl. C. H.Beck Verlag, München 1977, S. 109; Brockhaus, Bd. 1, S. 623, Bd. 2., S. 49. (Zur Fachterminologie mit den Unterscheidungen Komplex, Industrie und Inventar sowie der Werkzeugkategorien (modes) m1 bis m5 siehe Urgeschichtliche Terminologie und Systematik.)

Periodisierung und Träger Periodisierung:Die steinzeitliche Periodik Afrikas weicht von der Europas stark ab. Siehe dazu Kulturhistorische Periodik John Desmond Clark (im Band 1 seiner Cambridge History of Africa von 1982/89) und andere hatten bisher angenommen, das Lupemban sei vor allem eine Erscheinung des Jungpleistozäns und decke sich somit zeitlich vor allem mit der Eem-Warmzeit und der ersten Phase der Würm-Kaltzeit beziehungsweise mit deren potentiellen klimatischen Auswirkungen auf das subsaharische Afrika, also feuchter und wärmer zuerst, trockener und 6 Grad kälter danach.Sherratt, S. 80; John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 289 ff., 315. Insgesamt hatte man anhand der Inventare besonders im Äquatorialbereich 3 Stadien des Lupemban unterschieden:John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1., S. 289 ff. Ein Frühstadium oder unteres Lupemban vor 40.000 BP, als die klimatischen Folgen der Würm-Eiszeit die Regenwälder zugunsten von Savannen für etwa 70.000 Jahre zurückdrängten. Als mittleres Stadium oder oberes Lupemban nach 40.000 BP.Diese beiden Phasen mussten aus Datierungsgründen aufgegeben werden. Bestand hat hingegen ein letztes Stadium, das man üblicherweise in zwei regional unterschiedliche Phasen unterteilt: Ein Komplex, der im äußersten Nordosten des Kongo-Beckens aus dem Bambata-Komplex entstanden sein könnte und um ca. 40/30.000 BP einsetzt, in etwa mit dem Beginn des Holozäns endet. Umweltbestimmend war hier die Savanne. Hauptfundstelle ist die Matupi-Höhle im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (vor 1997 Zaire). Ein Komplex am Ende des Mittelpleistozäns zwischen 19.000 und 10.000 BP in Sambia, der noch stärkere Lupembanzüge aufweist. Sein hoch entwickeltes Werkzeugrepertoire umfasst vor allem kleine, fein gearbeitete Spitzen, Levallois-Abschläge und Scheibenkerne sowie trapezoide Mikrobohrer bzw. Mikrospitzen für Pfeilschäftungen (petits tranchets). Er wird auch als Lupembo-Tschitolian bezeichnet. An Fundstätten im südlichen Kongobecken in dichter bewaldeten Flusstälern finden sich häufiger am Rücken abgestumpfte Mikrolithen, während Fundstätten auf weniger bewaldeten Plateaus eher größer, zweiseitig retuschierte Werkzeuge aufweisen, möglicherweise Hinweis auf umweltbedingt angepasste Jagdmethoden verschiedener Gruppen oder auch saisonal bedingt derselben Gruppe.John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 291 f.; David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 109, 120 f. Neue Bewertung: Wegen der viel weiter nach hinten gerückten Datierung auf ca. 300.000 BP mussten die Lupemban-Funde in den letzten Jahren völlig neu bewertet und Clarks bisherige Einteilung in drei Phasen im späten Mittelpaläolithikum und Jungpaläolithikum musste vor allem für die beiden ersten Phasen revidiert werden. Die klassischen Lupemban-Industrien werden danach inzwischen nicht mehr so sehr als Reflex bestimmter Umweltbedingungen, etwa der Auswirkungen der europäischen Würm-Warmzeit, gesehen, sondern vielmehr als lokale Manifestationen einer sehr weit verbreiteten technologischen Tradition, deren spezifischen Eigenschaften zumindest teilweise vom jeweils verfügbaren Material abhing. Umweltfaktoren mögen durchaus eine Rolle bei der Werkzeugtypologie gespielt haben als Rahmenbedingung für menschliche Aktivitäten und deren Möglichkeiten, die Umwelt mittels bestimmter Werkzeuge zu bewältigen. Inzwischen sieht man nicht nur das Lupemban als eine Art Mosaik, das aus Variationen im Rahmen eines weit gespannten Gesamtbildes besteht und weniger als Gegensatz zwischen den beiden klar definierten Kulturzonen Lupemban und Tschitolian, das derart ebenfalls mit seiner ja vor allem mikrolithisch bestimmten Inventaren in diesen Zusammenhang gehört. Neuere Forschungen haben denn auch sowohl die weite Verbreitung wie die Bedeutung der Lupemban-Industrien während der späten Phasen des Mittelpleistozäns und der frühen des Jungpleistozäns bestätigt. Die zentrale Rolle des einen Werkzeugtypes, der Blattspitze, bei der kulturellen Zuordnung ist damit ebenfalls obsolet. Vielmehr spielt das Lupemban nun eine kritische Rolle bei interregionalen Übergängen, etwa beim Übergang von einfachen groben Kernwerkzeugen zu den Mikrolithen des Tschitolian. Lupembanzüge finden sich daher selbst in Namibia, und auch das nordafrikanische Atérien könnte durchaus eine engere Verwandtschaft zu Lupembam aufweisen als mit weit verbreiteten europäischen oder levantinischen Levallois-Werkzeugtraditionen.David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 121 f.

Träger: Möglicherweise handelt es sich hier ebenfalls zumindest in der frühen Phase noch um Vertreter des Homo rhodesiensis wie beim Sangoan, die damals noch weit über das subsaharische Afrika verbreitet waren und paläoanthropologisch als ein mögliches Bindeglied zwischen frühem Neandertaler und archaischem Homo sapiens interpretiert werden. Wahrscheinlich aber ist hier bereits eine frühe Form des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) der Kulturträger, zumal man am ostafrikanischen Fundplatz Porc Epic bei Dire Dawa ein assoziiertes menschliches Unterkiefer mit fast schon moderner Form fand.John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 469; David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 124. Grundlage dieser späteren Datierung der Hominidenfunde von Broken Hill (heute Kabwe) sind neuere Aminosäuredatierungen der begleitenden Überreste der Säugetierfauna (Schlachtreste in der dortigen Höhle von 25 Großsäugern, von denen 5 inzwischen ausgestorbene Savannenformen waren), die sich in etwa mit dem Beginn der Eem-Warmzeit deckt.John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 293, 320. Wegen der vor allem in den Regenwaldgebieten kaum vorhandenen Hominidenfunde ist eine eindeutige Aussage hier aber kaum zu treffen. Zudem ist die Fundlage somatisch sehr heterogen, und es mischen sich Sapiens-Typen mit neandertaloiden Formen.Hermann Baumann (Hrsg.): Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen. 2 Bde. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1975 und 1979, S. 32; Hermann Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band I: Altsteinzeit. 2. Aufl. C. H.Beck Verlag, München 1977, S. 109 f. Insbesondere im westlichen Kongobassin gibt es keine Hominidenfunde (das saure Milieu des Regenwaldboden löst Knochen auf), so dass der für das Lupemban und Tschitolian verantwortliche Menschentyp unklar bleibt. Gelegentlich wurde angenommen, der Typus sei näher an den heutigen, besonders dunkelhäutigen Bewohnern Westafrikas als an den Buschmännern (Khoisan) des Ostens und Südens, wobei man inzwischen allerdings weiß, dass die genetischen Unterschiede zwischen beiden Gruppen gar nicht so groß sind. Auch das Verhältnis zu den heutigen Pygmäen ist eher unklar; sie scheinen jedoch körperliche Elemente von beiden Gruppen aufzuweisen.John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1, S. 471 f.

Verbreitung, Datierung, Werkzeuginventar, Umwelt Verbreitung: Das Lupemban ist zusammen mit dem Stillbay-Komplex südlich von Kapstadt und dem Pietersburg-Komplex in Transvaal (Name bis 1994, heute die vier nordöstlichen Provinzen Südafrikas) die hauptsächliche Ausprägung des Mittelpaläolithikums im subsaharischen Afrika. Gemeinsam ist diesen drei Technokomplexen das Auftreten flachretuschierter, blattspitzenartiger Geräte, die zwischen dreieckiger, ovaler herz- und mandelförmiger und symmetrisch-doppelspitziger Gestalt variieren. Sie fanden sich in großer Zahl bei Dundo in Nord-Angola, allerdings in sekundärer Lage in Flussschotter. Man nimmt allerdings an, dass ihr dortiges Vorkommen an bestimmte geologische Gegebenheiten gebunden ist, vor allem feinkörniges homogenes Material.David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 117. Typologisch sind die Beziehung zu den älteren Faustkeilen des Acheuléen oft deutlich.Hermann Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band I: Altsteinzeit. 2. Aufl. C. H.Beck Verlag, München 1977, S. 109. Angesichts der sehr viel früher anzusetzenden Chronologie des Lupemban und erst recht des Sangoan, kann man nicht mehr wie früher davon ausgehen, beide seien Kulturen vor allem der offenen Baumsavannen des subsaharischen Afrika gewesen mit dem Zentrum in Äquatorialafrika, als die dortigen Feuchtgebiete zeitweise trockener geworden seien und in den sich ausdehnenden Savannen neue Anforderungen an die Gerätetechnologie entstanden sei, selbst wenn man dem Sangoan eher noch wegen der potentiell für Holzbearbeitung geeigneten Geräte, etwa Picken (GebrauchsspurenanalyseLutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried Rosendahl: Altsteinzeit von A bis Z. WBG, Darmstadt 2011, S. 294.), auch dichtere Waldhabitate zuschrieb.Britannica, Bd. 7., S. 566; John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1982/89, Bd. 1., S. 291 f. Zumindest lässt sich aber nach wie vor feststellen, dass das Lupemban mit dem Sangoan wohl die Wurzeln im Spätacheuléen gemeinsam hat. Auch werden Umwelteinflüsse keineswegs in der neueren Forschung ausgeschlossen.David W. Phillipson: African Archaeology. 3. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 116ff., 139