Der Brandanschlag auf das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern fand abends am 13. Februar 1970 (einem Schabbat) in München statt. Dabei wurden sieben jüdische Hausbewohner getötet. Alle hatten die Zeit des Nationalsozialismus überlebt, zwei davon sogar Konzentrationslager.

Der Brandanschlag wird als antisemitischer Massenmord eingestuft und blieb jahrzehntelang unaufgeklärt. Nachermittlungen des Generalbundesanwalts von 2013 bis 2017 blieben ergebnislos. Nach neuen Zeugenaussagen von 2025 ermittelte die Generalstaatsanwaltschaft München bis Januar 2026 einen 2020 verstorbenen Rechtsextremen als Tatverdächtigen.

Verlauf Ziel des Anschlags war das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern an der Synagoge an der Reichenbachstraße München im Stadtteil Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. In den oberen Etagen des Vorderhauses befanden sich Wohnungen für Senioren und Studenten.Miryam Gümbel: Ein Anruf an Schabbat: Vor vierzig Jahren verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf das Gemeindehaus. Jüdische Allgemeine, 11. Februar 2010

Unbekannte betraten am Tatabend vor 21:00 Uhr das Gebäude, fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben, verteilten in jedem Stockwerk des hölzernen Treppenhauses ein Öl-Benzin-Gemisch und zündeten es am Ausgang an. Das Feuer breitete sich wegen des Kamineffekts rasend schnell bis in die oberen Stockwerke aus und verhinderte so die Flucht durch das Treppenhaus.Wolfgang Kraushaar: Elf Tage im Februar. Welt, 22. September 2012 Dazu hatten der oder die Täter auch den Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt und so die oberen Stockwerke zu einer tödlichen Brandfalle gemacht.Martin Bernstein: Attentat von 1970: Brandanschlag auf jüdisches Altenheim steht vor der Aufklärung – nach mehr als 50 Jahren. Süddeutsche Zeitung (SZ), 29. Januar 2026

Um 20:58 Uhr alarmierte ein Nachbar die Feuerwehr, deren erster Löschzug um 21:00 Uhr eintraf. Weil der Schabbat begonnen hatte, hielten sich beim Anschlag 50 Personen im Gebäude auf. Die meisten konnten es, unterstützt von der Feuerwehr München und Nachbarn, rechtzeitig verlassen. In ihren Zimmern Eingeschlossene konnten sich allenfalls über das Dach retten.

Opfer mini|Tafel mit Opfernamen am Gärtnerplatz Fünf Männer und zwei Frauen starben durch den Anschlag. Sechs davon erstickten oder verbrannten im Feuer, ein Mann starb beim Sprung aus dem vierten Stock. Eine Gedenkwand in der Münchner Synagoge nennt ihre Namen: Regina Rivka Becher (59), Meir Max Blum (71), Rosa Drucker (59), Leopold Arie Leib Gimpel (69), David Jakubowicz (59), Siegfried Offenbacher (71), Georg Eljakim Pfau (63). Alle Opfer hatten die Judenverfolgung der NS-Zeit überlebt, zwei darunter (Jakubowicz und Pfau) die Vernichtungslager.Fire Kills Seven Elderly Jews; Pres. Heinemann Denounces Arsonists. Jewish Telegraph Agency, 16. Februar 1970 (Archivlink)

David Jakubowicz, ein gelernter Schneider, stammte aus Tschenstochau in Polen und musste ab 1940 in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Seine Eltern und seine Frau wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Im Januar 1945 kam er ins KZ Buchenwald und musste im KZ-Außenlager Laura in einer unterirdischen Rüstungsfabrik arbeiten. Im April 1945 mussten die KZ-Häftlinge einen Todesmarsch antreten. Jakubowicz überlebte, wurde im Mai 1945 befreit und kam in Lager für Displaced Persons. Ab 1959 lebte er im Münchner Wohnheim. Am 13. Februar 1970 wollte er zu seiner Schwester Bala nach Israel ausreisen und hatte schon gepackt, verschob den Flug jedoch kurzfristig, um die Sabbatruhe einzuhalten.Helmut Zeller: Die Wunde schmerzt nach 50 Jahren noch. SZ, 11. Februar 2020 Er erklärte einer Frau der Wohnheimverwaltung: „Du weißt doch, ich bin fromm.“ Dies waren seine letzten überlieferten Worte, bevor er im gelegten Feuer verbrannte.Olaf Kistenmacher: Antisemitischer Anschlag in München 1970: „Hilfe, wir werden verbrannt!“ Spiegel, 11. Februar 2020

Leopold Gimpel wollte am Tatabend einem Bekannten im vierten Stock nur ein Buch zurückgeben. Seine Frau Jeanette, die zwei Etagen darunter wohnte, wurde gerade noch gerettet und hoffte in der Uniklinik noch Stunden vergeblich auf die Rettung ihres Mannes.Joachim Käppner: Brandanschlag auf jüdisches Altenheim: Der Schrecken eines Tages. SZ, 7. Februar 2020 Sie verlor ihr Vertrauen in ein friedliches Deutschland, fürchtete weitere antisemitische Anschläge und verließ München.

Der Großhandelskaufmann Siegfried Offenbacher war bei den Novemberpogromen 1938 ins KZ Dachau verschleppt worden. Um freizukommen, musste er sein Vermögen aufgeben und Deutschland verlassen. Anfang 1939 zog er nach Tel Aviv und kehrte 1953 in seine Geburtsstadt Fürth zurück. Als Rentner zog er ins Münchner Wohnheim und amtierte dort als Gemeindebibliothekar. Er war regelmäßiger Gasthörer an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wollte unter dortigen Studenten zur Versöhnung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen beitragen. Wegen seiner Gehörlosigkeit bemerkte er die Schreie der Hausbewohner und die Flammen nicht, bis es für ihn zu spät war.

Max Blum war 1969 aus den USA nach München gekommen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Er starb unmittelbar nach seinem Sprung. Eine der Eingeschlossenen rief in Todesangst aus einem der Fenster: „Wir werden vergast, wir werden verbrannt!“Ronen Steinke: Terror gegen Juden, Berlin 2020, S. 79

15 Personen wurden verletzt.Brand ohne heiße Spur: Empörung über das Feuer im jüdischen Altersheim. Die Zeit, 20. Februar 1970 Die Buchbestände der Gemeindebibliothek wurden großenteils verbrannt und zerstört.Herta Garfinkiel: Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. (Dezember 1993) In: Bernhard Fabian (Hrsg.): Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Digitalisiert von Günter Kükenshöner. Olms Neue Medien, Hildesheim 2003 Das Haus musste wegen der Brandschäden abgerissen werden.Michael Thaidigsmann: München: Späte Aufklärung? Jüdische Allgemeine, 12. Februar 2026

Die Anschläge des Februar 1970 veränderten die Situation der Juden in der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig und wurden als Zäsur wahrgenommen. Seitdem wurden jüdische und israelische Einrichtungen in der ganzen Bundesrepublik und weiteren Staaten Europas unter verstärkten Polizeischutz gestellt.Michael Brenner: Aufbruch in die Zukunft (1970–2006). In: Richard Bauer, Michael Brenner (Hrsg.): Jüdisches München: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54979-9, S. 209–226, hier S. 209 Dagegen hatten sich die jüdischen Bürger bis dahin erfolgreich gewehrt.

Reaktionen Vertreter des Judentums Der Anschlag löste in der ganzen Bundesrepublik große Betroffenheit, Trauer und Empörung aus. Der Münchner Rabbiner Hans Grünewald nahm anfangs einen Unfall an: „Wir sind eine so kleine jüdische Gemeinde in München. Ich will es einfach nicht glauben, dass es sich hier um Brandstiftung handelt.“

Nachdem diese erwiesen war, forderte der Zentralrat der Juden in Deutschland „Konsequenzen gegen Drahtzieher und Organisationen […], die zu derartigen Verbrechen anstiften“.Empörung über Anschlag: Brand in jüdischem Altersheim noch nicht aufgeklärt. Zeit, 20. Februar 1970

Bei der Trauerfeier am 18. Februar 1970 auf dem Jüdischen Friedhof in München sagte der damalige Präsident der Münchner jüdischen Gemeinde, Maximilian Taucher, der Anschlag habe sich nicht nur gegen die Münchner Juden, sondern gegen alle Juden in Deutschland und auf der ganzen Welt gerichtet: „Was in den Gaskammern nicht vollbracht werden konnte, ist im Altersheim 25 Jahre später zu Ende geführt worden.“ Er stellte die Frage nach der Ursache in den Raum: „Warum dieser Hass, diese Verblendung? Was haben diese Menschen verschuldet?“ Hans Lamm, der kurz darauf sein Nachfolger wurde, verzichtete auf Vermutungen über Identität und Herkunft der Täter.Charlotte Knobloch, Andrea Sinn: „Und ich lebe wieder an der Isar“: Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58395-3, S. 157

Heinz Galinski, der damals die jüdische Gemeinde in Berlin leitete, vermutete linksextreme Täter. Die „drohende Zuspitzung“ habe sich am 9. November 1969 beim Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin während einer Gedenkfeier für die Novemberpogrome 1938 angekündigt. Den Attentätern in München sei gelungen, was sie in Berlin vorgehabt hätten.Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 63

Deutsche Politiker Im ausgebrannten Wohnheim lag eine Kondolenzliste aus. Der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel appellierte an alle Bürger der Stadt, sich dort einzutragen: „Münchner, gebt diesen Toten die letzte Ehre!“

Bei der Trauerfeier am 18. Februar 1970 waren die höchsten Vertreter der Bundesregierung anwesend. Bundespräsident Gustav Heinemann verurteilte die Tat: Sie sei besonders widerlich, weil die Opfer schon in der Vergangenheit so viel gelitten hätten. Bundeskanzler Willy Brandt erklärte, dass alles getan werde, um den oder die Täter zu finden. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher versprach:

Der Bundestag gedachte zu Beginn seiner Sitzung am 17. Februar 1970 der Opfer.Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 146

Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß bezeichnete den Brandanschlag als Ergebnis sozialliberaler Regierungspolitik, die das Verbrechen und die Kriminalität nicht mehr unter Kontrolle habe. Er bezog sich damit auf das erste sozialliberale Kabinett der Bundesrepublik, das Kabinett Brandt I, das zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Monaten im Amt war.

Zur Ergreifung der Täter wurde eine Belohnung von 100.000 DM ausgelobt, die bis dahin höchste Summe der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Je ein Viertel davon stifteten die Bundesregierung, die Bayerische Staatsregierung, die Stadt München und der Axel Springer Verlag.Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 98

Andere Zwei Tage nach dem Anschlag beschuldigte die Zeitung Bild am Sonntag die Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre und verknüpfte deren Protestaktionen gegen ein Verlagsgebäude von 1968 mit dem Mord an Juden: „Vorgestern brannte ein Zeitungswagen und heute verbrennen Juden in einem Altersheim.“Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 75

Der AStA der Ludwig-Maximilians-Universität München verurteilte die Tat als Verbrechen und sagte eine geplante Demonstration gegen den Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban ab.

Am 20. Februar 1970 distanzierten sich die Tupamaros München mit einer Presseerklärung von Verdächtigungen: „man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!“ Damit verknüpften sie eine Verschwörungstheorie: „Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 139 Ein mit ihrem Kürzel TM unterzeichneter Brief an eine Presseagentur forderte am selben Tag Freiheit für einen Genossen und bedrohte dessen Strafverfolger. Am 23. Februar 1970 warfen Unbekannte Molotowcocktails in das Wohnzimmer des Münchner Amtsrichters, der den Aktivisten verurteilt hatte.