Franz Laurenz Joseph Maria Cantador, auch Franz Lorenz Joseph Maria Cantador (* 1. Juni 1810 in Düsseldorf; † 1. Dezember 1883 in New York City) war Kommandeur der Düsseldorfer Bürgerwehr während der Deutschen Revolution 1848/49, später Kommandeur eines Regiments der Nordstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Mit Anton Bloem, Lorenz Clasen, Joseph Euler, Ferdinand Freiligrath, Moritz Geisenheimer,Lothar Schröder: 1848 – das Rheinland erwacht. Artikel vom 31. Juli 2012 im Portal rp-online.de, abgerufen am 15. Juli 2017 Paul von Hatzfeldt, Sophie von Hatzfeldt, Louis Kugelmann, Ferdinand Lassalle, Peter Joseph Neunzig, Carl Quentin, Hugo Wesendonck, Wilhelm Weyers und Julius Wulff gehörte er zu den Hauptakteuren der Märzrevolution in Düsseldorf.
Gründung und Führung der revolutionären Bürgerwehr in Düsseldorf miniatur|In dem ab 1848 entstandenen Genrebild Arbeiter vor dem Magistrat hielt der Düsseldorfer Maler Johann Peter Hasenclever, der in Cantadors Bürgerwehr als Offizier diente, Inhalte und Stimmungen der Revolution von 1848 mittels einer verallgemeinerten Szene in einem Ratssaal fest. Der Bezug der Szene ist jedoch konkret. Am 9. Oktober 1848 reichte eine Delegation von 600 erwerbslos gewordenen Notstandsarbeitern, deren Arbeitsmaßnahme die Stadt Düsseldorf nicht weiter tragen konnte, eine Petition im Rathaus ein. Der Blick durch das Fenster des Ratssaals, dessen Rokoko-Dekor die unzeitgemäßen Herrschaftsverhältnisse symbolisiert, zeigt auf einem städtischen Platz, der dem Marktplatz in Düsseldorf nachgebildet ist, eine öffentliche Massendemonstration zu Füßen eines St.-Georg-Standbildes, das mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne geschmückt ist.Kathrin DuBois: Carl Wilhelm Hübner und die Folgen. Artikel zu Abbildung Nr. 261: Arbeiter vor dem Magistrat, um 1848/50. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918, Band 2 (Katalog), Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, S. 310 f. mini|Zeitgenössische Abbildung des Festes des deutschen Einheit am 6. August 1848 auf dem Friedrichsplatz in Düsseldorf mini|Erwachende Germania von Christian Köhler, 1849: Ihr erscheinen die Genien der Gerechtigkeit und der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.Friedrich Schaarschmidt: Zur Geschichte der Düsseldorfer Kunst, insbesondere im XIX. Jahrhundert, herausgegeben vom Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Verlag August Bagel, Düsseldorf 1902, S. 81, onlineminiatur|Politics in an Oyster House (Politik im Austernhaus), Gemälde von Richard Caton Woodville, 1848: In diesem in Düsseldorf entstandenen Genrebild wird die durch Zeitungsnachrichten politisierte Atmosphäre und die zwischen den Generationen uneinheitliche Bewertung der politischen Ereignisse aus der Sicht eines zeitgenössischen US-amerikanischen Malers festgehalten.Der Auftraggeber des Bildes war der Rechtsanwalt John H. B. Latrobe in Baltimore, der Sohn des Architekten Benjamin Latrobe. Obwohl die Handlung des Bildes in einem Austernrestaurant der amerikanischen Ostküste spielt, hält sie die von politischen Diskussionen geprägte Atmosphäre des Vormärz und der Revolution in Düsseldorf, dem Aufenthaltsort des Malers, fest. Die Schnelligkeit, mit der die frischen Austern in dem Restaurant auf den Tisch kommen müssen, kann als Parabel auf die Schnelllebigkeit der politischen Nachrichten und Ereignisse aufgefasst werden. Das Motiv der Zeitung als Symbol für die Öffentlichkeit der politischen Nachricht übernahm der Maler von Johann Peter Hasenclever und Wilhelm Kleinenbroich. Das Originalbild gehört heute zur Sammlung des Walters Art Museum. Eine Kopie des Bildes, die der Maler später anfertigte, nannte er A New York Communist Advancing an Argument (Ein argumentierender New Yorker Kommunist). mini|Johann Peter Hasenclever: Der Abschied des Bürgerwehrmannes, Öl auf Malkarton Cantador entstammte einer bürgerlichen Familie mit norditalienischen Wurzeln, die sich im 18. Jahrhundert in Düsseldorf niedergelassen hatte und dort Textilhandel betrieb. Im politischen Leben der Stadt war die Familie durch einige Stadträte, einen Beigeordneten und einen Bürgermeister bereits zu hohem Ansehen gelangt, als Cantador 1844, in der Zeit des Vormärz, zum Chef des Schützenvereins St. Sebastianus gewählt wurde und innerhalb des Schützenvereins ein uniformiertes Jägercorps gründete.Cantadors Urgroßvater, Anton Cantadore, war 1735 aus dem piemontesischen Toceno nach Düsseldorf eingewandert. – Siehe ausführliche Biografie Cantadors in: Astrid Küntzel: Laurenz Cantador (29. November 2013), Webseite im Portal rheinische-geschichte.lvr.de, abgerufen am 5. Januar 2014 Seit Mitte der 1840er Jahre stand Cantador – zusammen mit Hugo WesendonckHugo Maximilian Wesendonck in dem Portal Otto und Mathilde Wesendonck, Webseite vom 13. März 2010, abgerufen am 16. Januar 2014 – auch dem Allgemeinen Verein der Carnevalsfreunde vor, einer der berüchtigtsten Karnevalsgesellschaften des Rheinlandes, deren satirische, das Preußentum karikierende und provozierende Aktionen bald zum Verbot der Gesellschaft durch den preußischen Innenminister führte.Jonathan Sperber: Rhineland Radicals. The Democratic Movement and the Revolution of 1848–1849. Princeton University Press, Princeton 1991, ISBN 0-691-00866-3, S. 100 (online)
Nach der Missernte 1846, nach dem wirtschaftlichen Krisenjahr 1847 und nach der in Frankreich ausgebrochenen Februarrevolution 1848 flackerten auch im Königreich Preußen politische Unruhen mit der Forderung nach demokratischen Reformen und nationaler Einheit auf. Diese Unruhen weiteten sich rasch zur Märzrevolution aus. In dieser Zeit griff Cantador in Düsseldorf, dem Parlamentssitz der preußischen Rheinprovinz, in die Ereignisse ein. Am 18. März 1848, einen Tag bevor König Friedrich Wilhelm IV. die Aufstellung von Bürgergarden genehmigt hatte, gehörte er zu den Gründern einer Bürgerwehr, die ihn am 26. März 1848 mit 735 von 949 Stimmen zu ihrem Kommandeur wählte. Bis zu November 1848 waren ihr rund 2.500 Männer beigetreten, unter ihnen auch Lorenz Clasen, Ferdinand Freiligrath, Johann Peter Hasenclever, Carl Hilgers, Carl Wilhelm Hübner, Rudolf Jordan, Ferdinand Lassalle, Carl Friedrich Lessing, Wolfgang Müller von Königswinter und Hugo Wesendonck. Die später auf rund 3.500 Mann aufgestockte Bürgerwehr konnte sich aus älteren Beständen des Kölner Artillerie-Depots bewaffnen. Die Aufgabe der Bürgerwehr war der „Schutz der gesetzlichen Freiheit, Erhaltung der Eintracht und des Friedens unter allen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft, Abwehr jeder Störung der öffentlichen Ordnung“.Astrid Küntzel: Laurenz Cantador (29. November 2013), Webseite im Portal rheinische-geschichte.lvr.de, abgerufen am 5. Januar 2014 Die Bürgerwehr war auch das Zeichen des demokratischen Aufbruchs und der Machtübernahme durch das Volk. Die Bewaffnung des Volks gründete in dem Volkswehr-Gedanken der Französischen Revolution.Albert Boime: Art in an Age of Civil Struggle 1848–1871. University of Chicago Press, Chicago, 2007, ISBN 978-0-226-06328-7, S. 550 (online) Cantador ließ die Bürgerwehr öffentlichkeitswirksam in der Stadt paradieren, um den Vertretern der preußischen Krone und dem preußischen Militär dies zu demonstrieren.
Cantador zählte in der Anfangsphase der Revolution zu den gemäßigten Kräften, die eine Abschaffung der Monarchie durch Ausrufung einer Republik nach französischem Vorbild, wie dies der frühsozialistisch inspirierte Düsseldorfer Volksklub um Ferdinand Lassalle, Paul von Hatzfeldt und Julius Wulff anstrebte, ablehnte. Programmatisch stand er der demokratischen Bewegung nahe, deren Hauptaugenmerk auf dem Gedanken der Volkssouveränität lag, welche unter dem Dach einer konstitutionellen Monarchie verwirklicht werden sollte. Am 19. März 1848 stiftete Cantador den St.-Sebastianus-Schützen eine schwarz-rot-goldene Fahne, das Symbol der deutschen Volkssouveränität und der nationalen Einheit Deutschlands, die anschließend auf dem Düsseldorfer Rathaus gehisst wurde. Zusammen mit Hugo Wesendonck gründete Cantador den Verein für demokratische Monarchie,Helmut Bleiber, Karl Obermann: Männer der Revolution von 1848, Band 1, herausgegeben vom Arbeitskreis Vorgeschichte und Geschichte der Revolution von 1848/49, Zentralinstitut für Geschichte (Berlin, Ost), Akademie-Verlag (DDR), 1988, S. 104Am 1. Juli 1848 legte der deutschkatholische Abgeordnete Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck der Preußischen Nationalversammlung seinen Gesetzesvorschlag Die demokratische Monarchie vor (online). Unter Verwendung des Begriffs demokratische Monarchie führte Julius Fröbel in seiner Schrift Das Königthum und die Volkssouverainität 1848 ähnliche Gedanken aus (online). der aufgrund der Wahlen am 1. Mai 1848 seinen Vorsitzenden Hugo Wesendonck in die Frankfurter Nationalversammlung und die Mitglieder Joseph Euler, Seite im Portal duesseldorf.de des Stadtarchivs Düsseldorf, abgerufen am 18. August 2013 und Anton BloemBloem, Anton Joseph (1814–1884), Advokatenanwalt, Seite im Portal duesseldorf.de des Stadtarchivs Düsseldorf, abgerufen am 18. August 2013 in die Preußische Nationalversammlung entsenden konnte.
Auf dem Fest der deutschen Einheit am 6. August 1848, das von Männern aus der Bürgerwehr, dem Verein für demokratische Monarchie, Düsseldorfer Malern und Mitgliedern des neu gegründeten Düsseldorfer Turnvereins nach der Wahl Johanns von Österreich zum „Reichsverweser“ organisiert worden war, trat Cantador neben Oberbürgermeister Wilhelm Dietze als Hauptredner auf. Das Ereignis fand in Düsseldorf auf dem damaligen Friedrichsplatz statt – vor einer von Karl Ferdinand Sohn entworfenen und Dietrich Meinardus geschaffenen Germania-Figur aus Holz, Pappe und Leinwand, mit erhobenem Schwert in ihrer Rechten, 15 Fuß hoch, sowie vor einer schwarz-rot-goldenen Standarte mit einem doppelköpfigen, ungekrönten Reichsadler als dem im März 1848 von der Frankfurter Nationalversammlung angenommenen Wappenzeichen des Deutschen Bundes. Unter den Klängen des Liedes Des Deutschen Vaterland wurden Germania und Standarte mit bengalischem Feuer festlich illuminiert.Die Figur, die Standarte und das Schauspiel der Illumination wurden von dem amerikanischen Maler Emanuel Leutze in einem Aquarell festgehalten. – Vgl. Sabine Schroyen zu Kat.-Nr. 46 Fest der deutschen Einheit in Düsseldorf vor dem Standbild der Germania, 1848. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 2, S. 72Eine weitere Abbildung des Ereignisses ist auf einem Holzstich im Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf erhalten. – Vgl. Hugo Weidenhaupt: Kleine Geschichte der Stadt Düsseldorf. Triltsch Verlag, Düsseldorf 1983, S. 108 In der Begeisterung für die nationalen Ideale wurde am gleichen Tag der Künstlerverein Malkasten gegründet.Friedrich Schaarschmidt: Zur Geschichte der Düsseldorfer Kunst, insbesondere im XIX. Jahrhundert, herausgegeben vom Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Verlag August Bagel, Düsseldorf 1902, S. 183 f. (online)