mini|Freistehendes Tower House Coxton Tower, wie es im Mittelalter auf den Britischen Inseln üblich war mini|Schema des Ross Castle
Ein Wohnturm ist ein mittelalterlicher Turm, der zu einer dauerhaften Nutzung als Wohnung geeignet war und zugleich auch Wehrfunktionen hatte. Er verfügte meist nur über einen Hocheingang.
Wohntürme wurden vom frühen bis ins späte Mittelalter in ganz Europa errichtet und stellten einen – im Gegensatz zu einer großen Burganlage – relativ schnell und mit wenig Aufwand zu errichtenden Prototyp einer ebenso wehrhaften wie auch standesgemäßen Behausung für Ritter dar. Sie wurden oft zusätzlich mit Palisadenzäunen, Wassergräben oder kleinen Ringmauern geschützt (dann auch als Turmburgen bezeichnet). Sie konnten aber auch in große Burganlagen einbezogen werden. In Städten gelegene Türme werden als Geschlechtertürme bezeichnet; in Italien entsprachen sie oft dem Typus des Bergfrieds, der nur zu Verteidigungs- und Lagerzwecken genutzt wurde und oft erstaunliche Höhen erreicht, während sie in deutschen Städten meist als Wohntürme angelegt wurden. Erhaltene Beispiele finden sich hauptsächlich in Regensburg und Trier.
Bauweise und Abgrenzung mini|Frankenturm in Trier, 11. Jh. mini|Normannenkastell in Paternò, Sizilien (1072) mini|Kemenate Orlamünde, 11./12. Jh. mini|Goldener Turm in Regensburg, 13. Jh. mini|Wohnturm der Burg Eltville, 14. Jh. mini|Die Kemenate Reinstädt, 15. Jh. mini|Burg Rotwasserstelz
Der Begriff des Wohnturms wird in der mittelalterlichen Architektur in Abgrenzung zu dem des reinen Wehrturms verwendet. Wehrtürme haben zwar meist Wachstuben, wurden aber nicht als (Familien-)Wohnsitze verwendet. Wohntürme hatten hingegen immer auch eine Wehrfunktion, was etwa durch den ursprünglich meist vorhandenen Hocheingang deutlich wird. Der Bergfried unterscheidet sich vom Wohnturm in erster Linie dadurch, dass er nicht für eine Wohnnutzung vorgesehen ist. Der Turmschaft eines Bergfrieds hat meist keine oder nur wenige kleine Fenster, die Angreifern ein Durchsteigen verwehrten, die Wächterstube war meist der einzige beheizbare Raum. Es gibt aber auch Übergangsstufen zwischen beiden Bautypen, die Otto Piper als „bewohnbaren Berchfrit“ bezeichnete. Diese hatten in den oberen Geschossen Wohnräume. Beispiele hierfür sind die beiden runden bewohnbaren Bergfriede der Vorburg II der Neuenburg und der Burg Stolpe. Auch auf der Runneburg, wurde der mit dem Palas verbundene, fünfgeschossige Wohnturm mit Hocheingang bereits ursprünglich für Wohnzwecke konzipiert: mit Kaminen, Aborterker und mehreren in die Mauer verlegten Treppenanlagen.Schlösserwelt Thüringen. Magazin. Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Frühjahr/Sommer 2017. Bisweilen wurden Höhenburgen zuerst mit einem freistehenden, bewohnbaren Turm begonnen und dann im Lauf der Zeit mit Ringmauer, Palas, Kapelle, Ställen und anderen Gebäuden zu ganzen Burganlagen ausgebaut, so etwa Schloss Sargans.
Der Übergang zwischen Wohnturm und Festem Haus ist ebenfalls fließend; der Wohnturm ist im Grunde ein bestimmter Bautypus eines festen Hauses, wobei seine Höhe die Breite (bzw. den Durchmesser) übertrifft und dadurch eine turmartige Form erhält. Neben fortifikatorischen Elementen mussten Wohntürme auch herrschaftlichen Wohn- und Repräsentationsbedürfnissen genügen und waren daher innen wohnlich ausgebaut, in einzelnen Räumen beheizbar und konnten auch einen saalartigen Fest- und Versammlungsraum enthalten. Weiherhäuser waren Wohntürme bzw. Feste Häuser, die im Wasser standen oder von einem Wassergraben umgeben waren. Oft bestanden sie aus einem steinernen Unterbau, der Wehrfunktionen erfüllte und Vorratsräume enthielt (mit Hocheingang, kleinen Schlitzfenstern oder Schießscharten) sowie einem darüber aufgesetzten Holz- oder Fachwerkhaus, in dem gewohnt wurde.
Für repräsentative Wehr- und Wohntürme, insbesondere in Frankreich, ist in der Burgenforschung die Bezeichnung Donjon üblich. In Irland und Großbritannien gibt es sogenannte Tower Houses, bei denen es sich um freistehende, wehrhafte Wohntürme handelt.
Funktion und Nutzung Im Mittelalter wurden regional Türme als herrschaftlicher Wohnsitz und zum Schutz vor feindlichen Angriffen erbaut. Als einzeln stehende Gebäude konnten sie auch als befestigter Adelssitz innerhalb von Städten dienen, so die Geschlechtertürme in Oberitalien (etwa in San Gimignano oder Bologna).Elisabeth Lichtenberger: Die Stadt. Von der Polis zur Metropolis. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 29. Diese sind teilweise als Wohntürme mit Fenstern ausgebaut, teilweise aber bergfriedartige Wehrtürme, die nur im Verteidigungsfall bezogen und ansonsten als Lagerräume für Waffen, Munition und Vorräte genutzt wurden.
Mittelalterliche Städte errichten teilweise noch im Spätmittelalter sogenannte Wehrhöfe, burgartige Befestigungsanlagen die Teil einer vorgeschobenen Landwehr oder seltener Teil der Stadtmauer waren. Die städtischen Wehrhöfe von Demmin wurden in Urkunden der Stadt sogar als Burgen bezeichnet. Solche Wehrhöfe enthielten als zentralen Bestandteil oft Wohntürme. Von der Frankfurter Landwehr hat sich vom abgerissenen Wehrhof Kühhornshof der Wohnturm bis heute erhalten.
Die Mehrzahl der Wohntürme waren einzeln stehende Bauten des niederen Adels, der überwiegend aus Ministerialenfamilien bestand. Doch bewohnten auch Könige große, mit zahlreichen Nebenbauten versehene Wohntürme wie das Schloss Vincennes bei Paris.
Regionale Bezeichnungen für Wohntürme: Muthaus: Südniedersachsen, Ostwestfalen Kemenate: Breitwohntürme in Thüringen Tower House: Irland, Schottland Kulla: Albanien
Ähnliche Bauformen: Turmburg Kaukasischer Wehrturm
Im südosteuropäischen Raum boten wohnturmartige Gebäude noch im 19. Jahrhundert Schutz gegen umherziehende Banden. So zum Beispiel in den Albanischen Alpen, wo die Wohntürme (Kulla) auch als Rückzugsorte für Männer dienten, die von der Blutrache zwischen verfeindeten Familien bedroht waren.
Im arabischen Raum, insbesondere im Jemen, sind wehrhafte Wohntürme auch heute noch in Gebrauch. Bis in die heutige Zeit werden weiter Wohntürme als Kerngebäude einzelner Gehöfte in den ländlichen Regionen Irans, Afghanistans, Turkmenistans, Tibets und Nordchinas errichtet.
Im 20. Jahrhundert wurden Wassertürme, die auch eine Wohnnutzung aufwiesen, als Wohnwasserturm bezeichnet. Heute werden gelegentlich bewohnte Hochhäuser als Wohntürme bezeichnet.
Beispiele Deutschland mini|Topplerschlösschen, Wohnturm vom Typ Weiherhaus In Deutschland ist noch eine größere Anzahl von Wohntürmen erhalten, aber sie stellen nur einen Bruchteil des einstigen Bestandes dar. Der älteste erhaltene Turm ist der Granusturm in Aachen, ehemals Teil der Aachener Kaiserpfalz Karls des Großen aus dem 8. Jahrhundert, dessen genaue Zweckbestimmung jedoch ungeklärt ist. Ferner gehören zu den ältesten Beispielen (aus dem 11. Jahrhundert) der Frankenturm und der Turm Jerusalem in Trier oder (aus dem 12. Jahrhundert) der „Wohnturm I“ der Neuenburg in Sachsen-Anhalt.
Die Thüringer Breitwohntürme könnten nach süditalienischem Vorbild (etwa der Normannenburg von Paternò) entstanden sein, bekannteste Beispiele sind die „Kemenaten“ Orlamünde, Reinstädt und Ziegenrück.
Beispiele für „Breitwohntürme“ vom mitteldeutschen Typus:
Kemenate Orlamünde, Thüringen Kemenate Reinstädt, Thüringen Kemenate Ziegenrück, Thüringen Ruine Burg Dölau, kleiner Breitwohnturm, Thüringen Kemenate der Wasserburg Kapellendorf, Thüringen Hohes Haus von Schloss Kochberg, Thüringen Burg Kriebstein, umbauter Breitwohnturm, Sachsen Burg Wolkenstein, Sachsen Schloss Burgk, Thüringen Burg Tannenberg, Hessen Burg Stein, Bayern (Oberfranken) Burg Rotwasserstelz, Hohentengen am Hochrhein, Baden-Württemberg
Weitere Beispiele für (einst) ländliche Burgen mit Wohntürmen sind (alphabetisch):
Burg Adelebsen, Niedersachsen Burg Altendorf, Essen Battenbergturm, Haldern Wohnturm Benneckenbeck, Magdeburg Wohnturm Berneburg, Hessen Burg Beverungen bei Höxter, Westfalen Burg Brennhausen, Unterfranken Burg Dreckburg, Salzkotten, Westfalen Burg Gerswalde, Brandenburg Goldener Turm, Regensburg Burg Hattenheim bei Eltville Burg Hof am Regen (im 12. Jahrhundert Kirche, bald danach zu einem Wohnturm aufgestockt) Kattenturm, Essen Burg Frauenstein (Erzgebirge), „Dicker Merten“ (donjonartig, mit runden Ecken und einem internen runden Wendelstein) Issumer Turm, Krefeld Wohnturm Hofgut Lehmen, Rheinland-Pfalz Burg Mylau, Sachsen Burg Nideggen bei Düren Wohnturm Prester bei Magdeburg Burg Querfurt (Marterturm), Sachsen-Anhalt Runneburg, Weißensee (Thüringen) Wohnturm Senheim, Rheinland-Pfalz Stockturm (Nienburg/Weser) Wohnturm eines ehem. Burgmannensitzes in Wandersleben, Thüringen
Städtische Wohntürme (innerhalb einer Stadtmauer):
Burg Eltville Koblenz: Deutscher Kaiser Bischofschloss (Markdorf), Baden-Württemberg Mainz: Haus zum Stein Nürnberg: Nassauer Haus Regensburg: Goldener Turm, Baumburger Turm Schwäbisch Gmünd: Glockenturm Trier: Dreikönigenhaus, Frankenturm, Turm Jerusalem
Schweiz mini|Donjon Schloss Thun Bilgeriturm, Zürich Grimmenturm, Zürich Ruine Bürg, Kanton Bern Schloss Mammertshofen, Thurgau Schloss Thun, Kanton Bern Plantaturm (CC) (von 960), Benediktinerinnenkloster St. Johann, Müstair, Graubünden Tuor Planta, Susch, Graubünden Tuor, Samedan, Graubünden Wohnturm Chisti
Österreich Burg Freundsberg, Tirol Thurnerhof, Langkampfen, Tirol Schloss Schönwörth, Tirol Burg Hart in Kindberg, Steiermark
Griechenland Turm von Kiveri auf dem Peloponnes
Italien Kränzelstein, Sarnthein, Südtirol Zant in Elzenbaum, Freienfeld, Südtirol Steifler in Jenesien, Südtirol
Polen Wohnturm in Siedlęcin, früher Boberröhrsdorf (Schlesien) Schloss Tepliwoda im Powiat Ząbkowicki (Kreis Frankenstein), Niederschlesien Turm von Dittersbach (Dzietrzychowice in der Landgemeinde Żagań, Niederschlesien) Wohnturm Wittgendorf in der Gemeinde Szprotawa (Sprottau), Woiwodschaft Lebus, Niederschlesien
Schweden Kärnan in Helsingborg
Tschechien romanischer Wohnturm der Burg Přimda, Ruine großer und kleiner Wohnturm auf Burg Karlštejn
Bilder
Literatur Uwe Albrecht: Der Adelssitz im Mittelalter. Studien zum Verhältnis von Architektur und Lebensform in West- und Nordeuropa. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 1995, ISBN 3-422-06100-2, S. 37 ff. (zugleich: Kiel, Universität, Habilitationsschrift, 1989). Uwe Albrecht: Vom Wohnturm zum Herrenhaus. Zur Typen- und Funktionsgeschichte norddeutscher und dänischer Schloßbaukunst des 14. bis 16. Jahrhunderts. In: G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Renaissance in Nord-Mitteleuropa (= Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake. 4). Band 1. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 1990, ISBN 3-422-06069-3, S. 30–59. Christofer Herrmann: Wohntürme des späten Mittelalters auf Burgen im Rhein-Mosel-Gebiet (= Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung. Reihe A: Forschungen. Band 2). Leidorf, Espelkamp 1995, ISBN 3-924734-14-3 (zugleich: Mainz, Universität, Dissertation, 1993). Kerstin Pöllath: Ein sonderbar Zierd dieser Stadt ist die Meng vieler hoher Türm. Profane mittelalterliche Türme in Regensburg. Studien zu ihrer Geschichte und Funktion (= Regensburger Studien. Band 25). Stadtarchiv Regensburg, 2019, ISBN 978-3-943222-49-4.
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Einzelnachweise
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