‚JOKER‘ war eine überregional bekannte Konzept-Jugendberatungsstelle für 13- bis 21-Jährige mit mehreren Außenstellen in der West-Berliner City.Siehe Berliner Morgenpost: Zwei nahmen den Kampf auf gegen Jugendkriminalität und Drogen, 15. November 1979 Die zentrale LageZwei U-Bahn-Linien und die Ring-S-Bahn kreuzten „vor der Haustür“ ermöglichte es Jugendlichen aus Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg und Wilmersdorf, unorthodoxe Soforthilfen abzufragen. Die Einrichtung Jugendberatung JOKER bestand ab 1983 so benannt vom langjährigen Leiter des Ansatzes Manfred Günther als Dienst bis 2006. Vorläufer war die kleine "Jugendberatung Wilmersdorf" von 1977–1982.
mini|hochkant=1.4|‚JOKER‘-Konzeptionen 1985–2000
Geschichte 1977 bis 1982 Im Jahr 1976 beschloss der Jugendhilfeausschuss Wilmersdorf die Einrichtung einer Jugendberatungsstelle für die schwierigen, gewaltbereiten in multikulturellen Banden kämpfenden und arbeitslosen jungen Menschen, die u. a. in den Freizeitstätten Spirale und Haus der Jugend Anne Frank verkehrten.vgl. Jugendberatungsstelle Wilmersdorf Mitteilung des Präsidenten Nr. 202, Drucksache 7/1582 des Abgeordnetenhauses von Berlin Die Statistiken der örtlichen Jugendgerichtshilfe bewirkten Ängste in einer wohlhabenden Kommune, zu der auch Grunewald und der Kurfürstendamm gehören. Die provisorische Arbeit begann 1977 in einer frei gewordenen Hausmeisterwohnung des Jugendhauses „Anne Frank“; zwei Berater auf halben Honorarstellen setzten den Anfang. Die Arbeit erfolgte an vier Abenden, auch während der Jugenddisco.Vgl. Konfliktsituationen vermeiden. Arbeitsweise der Jugendberatungsstelle Wilmersdorf; in: Blickpunkt, 20. Juli 1978, S. 51–55 Zu diesem Zeitpunkt gab es deutschlandweit nur drei vergleichbare Projekte in München, in Hannover und das der AJB in Berlin-Kreuzberg.
1983 bis 1990 Auf Druck der Alternativen Liste BerlinVgl. Erlesenes aus der Jugendpolitischen Küche der CDU, Wilmersdorfer Stachel Jg. 3, 5. Juni 1982 sowie der SPDVgl. Werner Kleist: Wohin geht die Reise mit Lummer und Laurien? In: Berliner Stimme, 1/1981 und mit den Mitteln des Jugendstadtrats Siele (CDU) wurden im Jahr 1982 zwei ganze Honorarstellen geschaffen. Schon 1983 erreichte dieser, dass Festanstellungen für einen Psychologen und einen Diplom-Pädagogen erfolgten. Neben den Räumen in der Außenstelle des Jugendhauses wurden die ‚JOKER‘ 1983 integriert in das neu geschaffene Beratungszentrum, einer bürgerorientierten ersten Etage im zentralen Gebäude Hohenzollerndamm/Fehrbelliner Platz. Nun war die Jugendberatung als amtsunabhängige und nicht aktenführende behördliche Einrichtung neben einschlägigen Diensten wie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erziehungs- und Familienberatung sowie Schulpsychologie „etabliert“.In: Stattbuch 4, Juli 1984 In den Augen von anderen Jugendhilfe-Teams erschienen die ‚JOKER‘ wie ein Modellversuch zur Optimierung ambulanter Teenagerhilfen und wegen der konsequenten Verfolgung einer hinausreichenden und aufsuchenden Arbeit wurde bewusst nicht von Beratungsstelle gesprochen.
Ein Versuch der ‚JOKER‘, mit Hilfe der Diakonische Akademie Stuttgart eine ähnliche Stelle im Problembezirk Wedding aufzubauen (Die Spinne) scheiterte nach zwei Jahren wegen fehlender Finanzierungsgrundlage. Die Konzeptentwicklung, der personeller Ausbau sowie die Einrichtungsleitung erfolgte von 1985 bis 1999 durch Manfred Günther; in dieser Zeit arbeiteten bis zu fünf Fachkräfte im Team; dazu kamen Honorarkräfte und Betreuer im Wohnprojekt "Mosse".
Im Jahr 1987 war das Jahr des 750-jährigen Bestehens von Berlin. Eine Fachtagung „Armut und Obdachlosigkeit im 750.“ nahmen die ‚JOKER‘ zum Anlass, um mit einem Kreuzberger Kollegen den kooperativen Berliner Arbeitskreis „Jugendberatung und Wohnen“ zu gründen, ein sehr früher Vernetzungsansatz, der den Zusammenschluss von etwa 20 Projekten freier Träger mit weiteren 15 öffentlichen Trägern initiierte. Der AK arbeitete regelmäßig bis zu seinem Verbot 2003 durch örtliche Dienstvorgesetzte und die überörtliche Landesjugendamtsleiterin.
1990 bis 2002: Wende und Verwaltungsreform Die politische Wende forderte die ‚JOKER‘ zunächst auf, jugendhilfe-planerisch vergleichbare Einrichtungen z. B. in Friedrichshain zu entwerfen und zu coachen. Die Jahre 1997 bis 1999 waren aber auch von strukturellen Veränderungen in der Berliner Verwaltung geprägt. Verwaltungsreform, Produktorientierung, Budgetierung sowie perspektivisch Bezirkszusammenlegungen zur Kostendämpfung ließen Konzept-Ansätze in die Defensive geraten. Auch hatte das SGB VIII Kinder und Jugendhilfe von 1991 in seinem § 11 (3) 6. die Jugendberatung nur als „Kann-Leistung“ fixiert. So war es aus der Sicht der damals amtierenden CDU-Stadträtin El Safadi nur konsequent, Jugendberatung JOKER als unabhängiges Projekt innerhalb der öffentlichen Dienstes abwickeln zu wollen. Zuerst wurde 1996 die Unabhängigkeit vom Jugendamt aufgehoben, die Jugendberatung wurde Teil des Leistungs- und Verantwortungszentrums (ein LuV mit über 50 Fachkräften) „Psychologische und Medizinische Dienste“, ein ‚JOKER‘ Günther wurde Vize-LuV-Leiter. 1999 erfolgte bereits eine empfindliche Stellenreduzierung, die kurz darauf durch die Bezirksverwaltungsreform 2000 radikale Formen annahm. Der jugendpolitische Pressedienst Paper Press widmete dem Skandal eine ganze Ausgabe unter dem Titel Russisch Roulette in Wilmersdorf oder Der Fall Joker.vgl. Paper Press Nr. 324, 25. Jg. vom 13. März 2000 Der Leiter wurde in eine Stabsstelle „Koordination Jugendhilfe-Schule“ versetzt und wechselte nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 als Expertisenschreiber, BAG-Moderator und Fachreferent Jugendhilfe/Familie/Schule in die gemeinsame Kriminalprävention des Justiz- und Innenministeriums, Bonn/Berlin. Eine einzige Fachkraft, genannt "Jugendberatung JOKER" in der bezirklichen EFB konnte wohl noch bis 2006 in Charlottenburg-Wilmersdorf arbeiten.
Den konsequenten Interessenvertretungsansatz einschließlich Rechtsberatung (vgl. Ombudschaft) übernahm ab 2001 in Berlin dann der ehrenamtlich wirkende von Peter Schruth und Ulrike Urban-Stahl gegründete neue Verein Berliner Rechtshilfefonds Jugendhilfe.
Theorie, Konzeption Umfängliche, fachintern veröffentlichte Konzeptionen lagen in den Jahren 1984, 1993 und, als – von der Dezernentin und ihrem Büroleiter (beide CDU) 1999 abgelehnter – Zukunftsplan JOKER 2000 vor.Die drei historischen ‚JOKER‘-Konzeptionen, gesehen am 19. September 2012 auf www.mg-joker.de (PDF; 174 kB) Die ‚JOKER‘ setzten sich früh für eine Regionalisierung der Jugendarbeit sowie der Erzieherischen Hilfen und für kleine, dezentrale Jugendhilfestationen ein.
Zu Beginn war die Arbeit der Berater deutlich mit Erkenntnissen der Kritischen Psychologie verwoben. Ausgangspunkt waren Positionen, wie sie zunächst Klaus Stern und Georg Haus, später Peter Zielke und Manfred Günther, in der Beratungsstelle sowie Uwe Gluntz und Dave Harris – damals Geschäftsführer der Allgemeinen Jugendberatung BerlinAJB Trägerstruktur – festgelegt hatten im Slogan „Orientierungshilfe statt Therapie“. Der Ansatz implizierte, dass nicht Sozialarbeiter wie üblich als Helfer fungieren, sondern zusatzausgebildete Psychologen, Soziologen und Pädagogen. Die Teamer verfolgten ebenso „kritisch“ die Ergebnisse der SHELL-Studien sowie der einschlägigen Regierungsberichte.
Die Jugendberichte als Handlungsleitfaden
Arbeitsprinzipien in der Beratung Für andere Ansätze, Versuche und Vorhaben in jungen westdeutschen Beratungsstellen hatten neben den elf Indikatoren (oben) die acht Basics der West-Berliner eine Modell- und Vorbildfunktion:
mini|hochkant=1.3|Wohngruppe 18–21 (das ‚Mosse‘)
Aufsuchende, hinausreichende Hilfe statt „Kommstruktur“ Niedrigschwelliger Zugang, Soforthilfe Sprechstunden an Nachmittagen und Abenden Praktische Hilfe, konkrete Angebote Parteilichkeit Anonymität, Verschwiegenheit Freiwilligkeit Entwicklungsbegleitung statt Psychotherapie
Standards und besondere Angebote Die Jugendberatung ‚JOKER‘ griff ganzheitlich in fast alle Problemfelder ein, die Jugendliche betrafen; eine Spezialisierung wurde abgelehnt. Bei komplexen psychiatrischen Fragen wie Magersucht wurde mit Fachärzten der Platane/FU kooperiert (nach 1986 z. B. mit Fegert), in der Suchtmittelfrage erfolgte Kooperation mit dem Therapieladen e. V. und in der Suizidprävention mit Neuhland e. V. Bearbeitet wurden seelische, existentielle und materielle Probleme. Beratungsschwerpunkte waren Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche, Hilfe bei Schulkonflikten, Vermittlung von Plätzen in (Jugend-)Wohngemeinschaften, Hilfe bei der Beantragung von Sozialleistungen, Beziehungskonflikte in der Familie und Mediation auf Wunsch, Sexualität u. Schwangerschaftsfragen, Ausländer/Migranten-Beratung auch in türkischer Sprache sowie Mädchenförderung/Sprechstunden im Mädchenfreizeitheim; darüber hinaus ging es um besondere Instrumente wie das „Arbeitslosenfrühstück“.Vgl. Jugendberatung und Hilfe beim Frühschoppen. In: Berliner Morgenpost, 15. Oktober 1986 Alljährlich erfolgte die rechtspädagogische Unterrichtung in den 9. Klassen der Haupt-, Gesamt- und Realschulen. Der Ansatz der (freiwilligen) Entwicklungsbegleitung sowie die Regelsprechstunden in den Häusern der Jugend bewirkten eine beachtliche Nachfrage: In den Jahren 1983–1998 besuchten rund 6000 Jugendliche die Dienststelle. Einige von ihnen konnten mit Mitteln der Leon-Jessel-Stiftung gefördert werden.
Ein weiteres Special war die Vermittlung ins Projekt Gruppenführerschein (Klasse 3), ein Kooperationsprojekt mit der TU Berlin für 17- bis 20-Jährige.
Heranwachsendenarbeit Nachdem das Volljährigkeitsalter 1975 von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt war, fielen zahlreiche Heranwachsende in ein Betreuungsloch: das Jugendamt lehnte diesen Personenkreis ab, weil die Zuständigkeit in den Sozialämtern läge;Vgl. Manfred Günther: Hilfen für Junge Volljährige nach SGB VIII § 41 in: Jugendhilfe 8/1993 deren Soziale Wohnhilfe war aber auf ältere Nichtsesshafte ausgerichtet. Die Jugendberatung ‚JOKER‘ warb um diesen betroffenen Personenkreis und half in komplizierten Rechtsfragen. Ihre Berater traten immer wieder in Jugendhilfekonferenzen als Interessenvertreter und Person des Vertrauens gem. § 5 (1) AG-KJHG Berlin der scheinbar Rechtlosen auf.
Wohnprojekt Im Jahr 1990 konnte ein lange geplantes Ergänzungsangebot eröffnet werden: Das ‚JOKER‘-Wohnprojekt für Heranwachsende. Mit nur einer Betreuungsstelle konnten nun bis zu elf junge Menschen für maximal ein Jahr und unter Umständen in Kurzzeit-Krisenunterkunft in einer Etage des ehemaligen Wohnheims Mosse-Stift untergebracht werden. Schon in den ersten zwei Jahren konnte 57 Obdachlosen geholfen werden.vgl. Christel Seiffert: Joker bietet jungen Leuten eine Bleibe. In: Berliner Zeitung, 24. August 1993 1996 wurde das Projekt dem freien Träger Evangelisches Klubheim für Berufstätige e.V. überantwortet.
Jugendrechtsberatung Wirklich einmalig in Deutschland war zunächst das im Jahr 1978 fundierte Angebot an Rechtsberatung in Verbindung mit psychosozialer Beratung. Über 28 Jahre hinweg schafften es die ‚JOKER‘, wöchentlich an zwei Abendstunden gemeinsam mit der Vereinigung Berliner Strafverteidiger qualifizierte Anwälte in die Beratungspraxis zu holen – für 13- bis 21-Jährige kostenlos. Der Berliner Anwaltsverein setzt weiterhin (Stand 2026) im Jugendberatungshaus SOS (Mitte) mit einer kostenlosen qualifizierten Jugendrechtsberatung die ‚JOKER‘-Idee fort. abgerufen am 19. September 2012
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