Die ZSU-37-2 „Jenissei“ war ein Flugabwehrpanzer, der in den späten 1950er Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurde. Nach der Erprobung wurde die Entwicklung des Projektes 1962 eingestellt und die Flugabwehrselbstfahrlafette nicht in die Serienproduktion überführt.
Bezeichnung Die Originalbezeichnung lautet (Transkription: ZSU = Senitnaja Samochodnaja Ustanowka, deutsch Flugabwehr-Selbstfahrlafette, abgekürzt Fla-Sfl).die Transkription der Abkürzung weicht von den in der deutschsprachigen Wikipedia üblichen Transkriptionsregeln ab, hat sich aber für derartige Fahrzeuge aus sowjetischer Produktion in der deutschsprachigen Literatur eingebürgert. Der GRAU-Index des Waffensystems ist 2A1, der Index der Hauptverwaltung Panzer des Verteidigungsministeriums der UdSSR () lautet Objekt 119 (Объект 119).А. Б. Широкорад: «Шилка» и другие отечественные зенитные самоходные установки (russisch)
Entwicklung Während des Zweiten Weltkrieges verfügte die Rote Armee nicht über selbstfahrende Flugabwehrwaffen eigener Produktion. Die ZSU-37 wurde ab 1945 in geringer Stückzahl produziert, gelangte aber nicht mehr zum Einsatz. Nach Kriegsende wurden in der Sowjetunion Anstrengungen unternommen, moderne und leistungsfähige Flugabwehrwaffen zu entwickeln. Ab 1955 wurde als Zwischenlösung die ZSU-57-2 eingeführt, die mehrere konzeptionelle und konstruktive Mängel aufwies: das Waffensystem besaß kein Radargerät und war damit zur eigenständigen Aufklärung nicht in der Lage, die Feuerleiteinrichtung entsprach nicht mehr den Anforderungen und die Kadenz der beiden 57-mm-Kanonen war zu gering. Insgesamt war die ZSU-57-2 gegen Luftziele in einer Höhe von mehr als 1500 m praktisch wirkungslos, konnte bei Nacht und schlechter Sicht nicht eingesetzt werden und war zur Bekämpfung schnell- und tieffliegender Luftziele nur bedingt geeignet.
1957 wurde daher die Entwicklung einer modernen Fla-Sfl mit zwei 57-mm-Kanonen beauftragt. Das Objekt 530 sollte über ein Radargerät zur Aufklärung und Feuerleitung verfügen. Nach dem Bau eines Mock-ups wurde die Entwicklung 1958 abgebrochen, da nur mit kleinkalibrigen Waffen die erforderliche, wesentlich höhere Kadenz erreicht werden konnte.
Die Entwicklung der ZSU-37-2 wurde am 17. April 1958 mit dem Erlass des Ministerrates der UdSSR №426-211 angewiesen. Gleichzeitig wurde auch die Entwicklung der Fla-Sfl-23-4 beauftragt. In diesem Zeitraum wurden in der UdSSR zahlreiche neue Waffensysteme parallel entwickelt. Dies hatte mehrere Gründe: Einerseits war deutlich geworden, dass nicht alle Anforderungen von einem einzigen Flugabwehrsystem erfüllt werden konnten, da die unterschiedlichen Einsatzgrundsätze und Aufgaben der Truppenteile und Verbände der Sowjetarmee die Entwicklung unterschiedlicher Waffensysteme erforderten. Andererseits war noch nicht absehbar, ob bei der Abwehr von Luftzielen im Höhenbereich von 3 bis 5 km im beweglich geführten Gefecht Flugabwehrraketen oder herkömmliche Artilleriewaffen vorteilhafter waren. Da in der Sowjetunion keine Erfahrungen in der Entwicklung derartig komplexer Waffen vorhanden waren, wurde so auch das Entwicklungsrisiko minimiert. Letztendlich führte dies aber auch zu einer Überbeanspruchung der vorhandenen Entwicklungsressourcen.
Formal handelte es sich bei der ZSU-37-2 Jenissei und der ZSU-23-4 „Schilka“ nicht um konkurrierende Projekte. Die ZSU-37-2 sollte in Panzerregimentern und -divisionen eingesetzt werden, die ZSU-23-4 in motorisierten Schützenregimentern und -divisionen. Während die ZSU-37-2 Luftziele in einer Höhe bis zu 3000 m bekämpfen sollte, war für die ZSU-23-4 ein Höhenbereich bis 1500 m vorgegeben. Nach sowjetischen Vorstellungen handelten Panzerverbände oft auf sich allein gestellt, zusätzliche Luftabwehrmittel standen ihnen nicht zur Verfügung. Die ZSU-37-2 sollte daher den Schutz der Panzerverbände gegen Luftziele in einem möglichst großen Höhenbereich sicherstellen. Gleichzeitig musste sie so beweglich sein, dass sie Panzern auf dem Marsch und im Gefecht folgen konnte. Weiterhin war eine Panzerung des Fahrzeuges unabdingbar.
Technik Fahrgestell Das Chassis der ZSU-37-2 wurde von dem der Selbstfahrlafette SU-100P abgeleitet. Die SU-100P war ab 1947 bei Uraltransmasch (Уралтрансмаш) entwickelt worden. Die ursprünglich vorgesehene Variante mit der 100-mm-Kanone D-50 wurde nicht in Serie gebaut, jedoch war das Fahrgestell Basis für zahlreiche andere Fahrzeuge. Als Objekt 123 und 124 wurden beispielsweise die aus der SU-100P abgeleiteten Basisfahrzeuge für die Startrampe 1P25 und die Aufklärungs- und Leitstation 1S32 des Flugabwehrraketenkomplexes 2K11 Krug entwickelt, Objekt 303 war das Chassis der 152-mm-Sfl 2S3.
Bei der SU-100P kam ein Stützrollenlaufwerk mit sechs Laufrollen und drei Stützrollen je Seite zum Einsatz. Motor und Getriebe befanden sich im vorderen Teil des Fahrzeuges, demzufolge lag auch das Antriebsrad vorn. Die Laufrollen waren mit Drehstäben gefedert, die jeweils ersten und der letzten Laufrollen wurden hydraulisch gedämpft. Als Motor wurde der flüssigkeitsgekühlte V12-Dieselmotor W-105W verbaut. Bei einem Hubraum von 38,88 Litern gab er eine Leistung von 400 PS ab. Damit konnte auf Straßen eine Geschwindigkeit von 60 km/h und im Gelände zwischen 20 und 25 km/h erreicht werden. Der Fahrbereich lag auf Straßen bei 450 km, im Gelände bei 310 km.
Die Wanne wurde aus Panzerblechen zusammengeschweißt. Sie schützte die Besatzung und Ausrüstung gegen Beschuss aus Handwaffen des Kalibers 7,62 m aus 400 m Entfernung. Der Kampfraum befand sich im hinteren Teil des Fahrzeuges. Auf ihn war ein ebenfalls aus Panzerblechen zusammengeschweißter Turm aufgesetzt, der die Waffenanlage, die elektronische Ausrüstung und die Geschützbedienung aufnahm.
Für die Stromversorgung der elektronischen Anlagen im Stand war die ZSU-37-2 mit einer Gasturbine ausgerüstet.
Bewaffnung In der Waffenanlage kam die im Versuchskonstruktionsbüro OKB-16 (ОКБ-16) unter Leitung von Alexander Emmanuilowitsch Nudelman entwickelte automatische 37-mm-Kanone 500P (500П) zum Einsatz. Dabei handelte es sich um eine Neukonstruktion. Die für die in der Sowjetarmee eingeführten Waffen übliche 37-mm-Munition konnte von der 500P nicht verschossen werden. Die 500P wurde auch in der in geringer Stückzahl produzierten 4 × 37-mm-Flak Schkwal (Шквал) genutzt. Für die ZSU-37-2 wurden zwei dieser Waffen im OKB-43 in der Waffenanlage Angara (Ангара) kombiniert. Das Rohr der Kanone hatte eine Länge von 82 Kalibern. Die Waffe verschoss patronierte Munition, die über Gurte zugeführt wurde. Im Normalbetrieb konnten aufgrund der Wasserkühlung Feuerstöße mit maximal 150 Schuss verschossen werden, danach wurde das Rohr für 30 Sekunden gekühlt. Die Kanone erhielt den GRAU-Index 2A11, die Waffenanlage den GRAU-Index 2A12.
Installiert wurde die Waffenanlage mittig im vorderen Teil des Drehturms. Der Richtbereich lag zwischen −1 und +85°. Der Kampfsatz von 540 Granatpatronen wurde in Gurtbunkern links und rechts neben der Waffe mitgeführt. Gerichtet wurden die Waffen mit elektrohydraulischen Richtantrieben, die Umrüstung auf elektrische Richtantriebe war vorgesehen. Die Richtantriebe erhielten den GRAU-Index 2Ä14 (2Э14). 37-mm-Maschinenkanone 500P Allgemeine Eigenschaften Klassifikation Fliegerabwehrkanone ChefkonstrukteurAlexander Emmanuilowitsch Nudelman GRAU-Index 2A11 Hersteller Rohr Kaliber 37 mm Rohrlänge (L/82) Feuerdaten Höhenrichtbereich −1° bis +85° Seitenrichtbereich 360° Höchstschussweite 4.500 m Höchstmündungsgeschwindigkeit 1000 m/s Feuerrate 900–1200 Schuss/min Höchstgeschwindigkeit im Schlepp 35 km/h
Feuerleitanlage Für die ZSU-37-2 wurde der Gerätekomplex (радиолокационно-приборный комплекс) Baikal (Байкал) im wissenschaftlichen Forschungsinstitut NII-20 (НИИ-20) entwickelt, der ein Radargerät zur Aufklärung und Zielbegleitung sowie einen Feuerleitrechner umfasste. Der Gerätekomplex erhielt den GRAU-Index 1A11 (1А11), das Radargerät den GRAU-Index 1RL34 (1РЛ34). Das Radargerät arbeitete mit einer Wellenlänge von 3 cm. Die Antennenanlage war auf dem Drehturm installiert. Sie konnte während des Marsches abgeklappt werden, um die Höhe des Fahrzeuges zu verringern. Mit dem Radargerät konnten Luftziele bis auf eine Entfernung von 20 km automatisch begleitet werden. Die automatische Begleitung war im Bereich zwischen 100 und 300 m bis zu einer Geschwindigkeit des Luftzieles von 415 m/s möglich, im Bereich über 300 m Höhe bis zu einer Geschwindigkeit von 660 m/s. Die vertikale Richtgeschwindigkeit lag bei 40 °/s.
Während die automatische Zielbegleitung den Anforderungen entsprach, konnten die erreichten Parameter in der Betriebsart Rundumsuche, also Aufklärung, nicht befriedigen. Dies lag am Konzept der Radaranlage und traf im gleichen Maße auch auf die ZSU-23-4 zu. Beide Waffensysteme nutzten für Rundumsuche und Zielbegleitung jeweils nur ein Radargerät mit einer Antenne. Während der Zielbegleitung und -bekämpfung konnte daher keine Aufklärung durchgeführt werden. Für die Zielbegleitung besaß die Antenne ein nadelförmiges, sehr enges Richtdiagramm. Für eine Rundumsuche ist jedoch ein Cosecans²-Diagramm vorteilhafter. Die Verwendung des nadelförmigen Diagramms führte dazu, dass bei einer Drehung der Antenne um 360° nicht der gesamte Höhenbereich abgesucht werden konnte, zur vollständigen Aufklärung waren mehrere Umdrehungen in verschiedenen Höhensektoren notwendig. Dies führte wiederum dazu, das für den Zielwechsel eine unverhältnismäßig lange Zeit benötigt wurde. Diese lag bei der ZSU-23-4 beispielsweise bei 11 Sekunden, so dass das zweite und weitere Luftziele mit diesem Waffensystem in der Praxis nur mit Hilfe der Ringvisierplatte im optischen Visier bekämpft werden konnten. Diese grundsätzlichen Probleme wurden erst im Flugabwehrkanonenpanzer Gepard durch Verwendung von zwei separaten Radargeräten mit unabhängig arbeitenden Antennen gelöst.
Um das Problem zu lösen, wurde für die ZSU-37-2 das System Ob (Обь) entwickelt. Die Entwicklung war bereits Weisung №426-211 angewiesen worden, die Erprobung war für das zweite Quartal 1960 vorgesehen. Das System Ob bestand aus dem Gerätekomplex Baikal der ZSU-37-2 und der Radarstation Irtysch (Иртыш) auf dem Führungsfahrzeug Newa (Нева). Die Radarstation Irtysch war für die Aufklärung vorgesehen, die Zieldaten wurden dann an das System Ob übergeben, welches das Ziel dann auffasste und begleitete. Damit war sichergestellt, dass auch während der Zielbegleitung und -bekämpfung ein Luftlagebild bereitgestellt wurde. Für eine Batterie von sechs bis acht ZSU-37-2 war jeweils ein Führungsfahrzeug Newa vorgesehen. Dessen Einführung bot noch einen weiteren Vorteil: Die Fahrzeuge einer Batterie waren ursprünglich nicht miteinander vernetzt, die Kommandanten verfügten nicht über ein gemeinsames Lagebild. Dies erschwert die Koordinierung des Feuerkampfes, da unbeabsichtigte Mehrfach- oder Nichtbekämpfungen von Luftzielen möglich sind. Ein einheitliches, durch das Führungsfahrzeug Luftlagebild hätte die Führung des Feuerkampfes deutlich erleichtert. In der Jahresmitte 1959 wurde die Entwicklung des Systems Ob jedoch abgebrochen, um die Entwicklungskapazitäten für die Entwicklung des Flugabwehrraketenkomplexes 2K11 Krug nutzen zu können. Die ZSU-37-2 wurde daher nur mit dem Gerätekomplex Baikal mit den bekannten Nachteilen erprobt. Auch für die ZSU-23-4 stand während ihrer gesamten Nutzungsdauer kein entsprechendes System zur Verfügung, jedoch wurde mit dem Führungssystem 9S44 Krab für die Fla-Raketenkomplexe 2K11 Krug und 2K12 Kub ein entsprechender konzeptioneller Ansatz erfolgreich realisiert.
Erprobung