Der Baum der Erkenntnis (span. El árbol del conocimiento) ist der Titel einer 1984 publizierten und bisher nur in der Übersetzung von Kurt Ludewig auf Deutsch vorliegenden„Wir haben uns dazu entschlossen, nicht wörtlich zu übersetzen, viele der überlangen Sätze zu kürzen und einige ‚Chilenismen‘ wegzulassen. Dennoch haben wir uns im wesentlichen an den Stil der Autoren gehalten, der zwar im Deutschen zuweilen etwas umständlich wirken mag, in der Hauptsache aber ihre Denkart widerspiegelt und helfen soll, den Anschein objektiver Wahrheitsbehauptung zu vermeiden.“ Kurt Ludewig: Vorwort des Übersetzers, S. 16. (Der Baum der Erkenntnis. Scherz: Bern etc., 3. Aufl. 1987, S. 11–16) Untersuchung der chilenischen Biologen, Neurowissenschaftler und Philosophen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela über die Entwicklung des Lebens, in der sie ihre biologische Theorie der Kognition mithilfe des Konzeptes der Autopoiese vorstellen. mini|Mit ihrem Buchtitel beziehen sich Maturana und Varela – wie das gleichnamige Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. – auf die Genesis des Alten Testaments. Sie bewerten jedoch den Sündenfall neu: Indem Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, wurden sie in andere Wesen verwandelt, die nicht mehr zu ihrer ursprünglichen Unschuld („Unschuld des bloßen Kennens“Vgl.: Genesis 4,1: Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain.) zurückkehren konnten und nun „wußten, daß sie nackt waren, wußten, dass sie wußten, erkannten, daß sie kannten“.Maturana, Humberto und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Deutsche Übersetzung von Kurt Ludewig. Frankfurt a. M. 2009, S. 263 f. ISBN 3-596-17855-X und ISBN 978-3-442-11460-3. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.

Inhalt Der Baum der Erkenntnis Francisco Varela zeichnet gemeinsam mit seinem Lehrer und Kollegen Humberto Maturana die biologische Geschichte des Lebens seit Entstehung der Welt nach und akzentuiert sie neu. Dies wird auch durch entsprechende Begriffsbildungen ausgedrückt: So tritt der Aspekt des Lebenskampfes bei der Auslese zurück. Dieser belastete Begriff wird ersetzt, an seine Stelle tritt das natürliche Driften der Lebewesen.Maturana, Varela, Kp. 5, S. 111. In den Vordergrund stellen die Autoren hierbei Prozesse der Interaktion mit dem Milieu, als Umgebung mit eigener struktureller Dynamik,Maturana, Varela, S. 105. in denen nach ihrer Auffassung die Prinzipien des Lebens und seiner Entwicklung zum Ausdruck kommen. In diesem Zusammenhang deuten sie auch die Vorstellung einer Determiniertheit von Differenzierung neu: Die Struktur des Lebewesens determiniert selbst, wie es verändert wird, Perturbationen von außen bewirken lediglich den Anstoß. Dabei handelt es sich ihrer Meinung nach nicht um einen Fortschritt im Sinne der Selbstoptimierung – etwa durch eine Verbesserung in der Anpassungsfähigkeit und der Nutzung der UmweltMaturana, Varela, S. 127. –, sondern um fortwährende phylogenetische Selektion bei andauernden Strukturkoppelungen.

Für M/V sind diese Prinzipien nicht nur für die Biologie gültig, sondern allgemein für die Welt.Humberto Maturana und Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann-Verlag, 1987, 11. Auflage, S. 106.

Ethik der Gemeinschaft Ausgehend von der Entwicklungsgeschichte – einmal der Arten (Phylogenese) und zweitens der einzelnen Lebewesen (Ontogenese) – und den in diesem Prozess entstandenen sozialen Strukturen postulieren Maturana/Varela ihre Ethik:Maturana, Varela, S. 264, Kp. 10: Der Baum der Erkenntnis. Ursprung ist der Akt der Liebe bei der Paarung der Menschen – als Basis für die Sozialisation – und das Angewiesensein auf die Gruppenmitglieder, um als Einzelwesen zu überleben und um die Nachkommenschaft sowie deren Fortbestand zu sichern. Das heißt: Priorität hat immer die Gemeinschaft. Darin sehen M/V die Verpflichtung der Menschen zur Akzeptanz Anderer und zur Zusammenarbeit mit ihnen, um durch ihr Tun ihre Welt gemeinsam zu erkennen und darin existieren zu können. Sie empfehlen dafür die Mittelwege zwischen verschiedenen perspektivisch begründbaren Auffassungen.Maturana, Varela, S. 259. Diese aufzufinden, erfordere Reflexion und Erkenntnis (auch unseres Nicht-Wissens um das Wissen), die den gesamten Körper mit einbeziehe,Maturana, Varela, S. 267 ff. und sei als Erkennen – im Bewusstsein der biologischen und sozialen Struktur des Menschen – effektives Handeln.Maturana, Varela, S. 262 ff.

Perspektive des Beobachters Ein zweiter Aspekt bei diesen Darstellungen ist die bewusste Betonung der Perspektive des Beobachters, eines Lebewesen[s] in der Sprache.Maturana, Varela, Kp. 1: Das Erkennen erkennen. Mit Betonung des kognitiven, rückbezüglichen (rekursiven) Prozesses beim Verstehen der Realität sprechen Maturana/Varela hier von Ontieren,Maturana, Varela, S. 13. als dem subjektgebundenen Konzipieren eines Bildes der Realität. Damit binden sie Philosophie und Kognitionswissenschaften in ihre Interpretation mit ein:Maturana, Varela, S. 14: Neurofilosofia. Alles Gesagte ist von jemandem gesagt (Zweiter KernaphorismusMaturana, Varela, S. 32.). Die Autoren laden den Leser ein, von ihrem Baum der Erkenntnis zu essen – mit dem Appell: Das „Erkennen des Erkennens“ verpflichte zu „ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit“. Womit die Welt, die wir sehen, „nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen“.Maturana, Varela, S. 263 ff.

Natürliches Driften Die Entwicklung des Lebens geschieht nach M/V ohne Entwurf, ohne Richtungs-Planung (keine lenkende Kraft ist notwendigMaturana, Varela, S. 129.), allein durch Prüfung (natürliches Driften) von vielfältigen Alternativen (jeder Einzelfall ist das Ergebnis von Zufallsvariationen). Rahmenbedingung des Lebens sei die Geschichte des Sterns,Maturana, Varela, Kp. 2: Die Organisation des Lebendigen. die mit molekularer Homogenität beginnt, gefolgt von einem kontinuierlichen komplexen Prozess chemischer Transformationen mit einer Vielfalt molekularer Substanzen (z. B. Kohlenstoffketten), welche die Existenz von Lebewesen ermöglichenMaturana, Varela, S. 51. und zu den kompliziertesten Formen aus harmonisch verbundenen Teilen führen. In der Entwicklungsgeschichte (Phylogenese und EvolutionMaturana, Varela, S. 115.) treten immer wieder ähnliche Phänomene auf wie das Grundprinzip der ReproduktionMaturana, Varela, S. 65 ff. durch Zellteilung:Maturana, Varela, Kp. 3: Geschichte: Fortpflanzung und Vererbung. Jeder Entstehungsbeginn eines Lebenszyklus geht auf eine Zelle zurück.Maturana, Varela, S. 91. Ein anderes Beispiel ist die Erhaltung der Autopoiese und der Anpassung der Lebewesen, in Übereinstimmung mit dem Driften des Milieus.Maturana, Varela, S. 113.

mini|Die zirkuläre „Penrose-Treppe“ veranschaulicht Rückkoppelungen autopoietischer Systeme, für Maturana und Varela ein Prinzip lebendiger Prozesse, das auch für die Erkenntnis des Einzelnen in der Kommunikation Gültigkeit hat und extreme Positionen der Ich- bzw. Welt-Dominanz zu einem Ausgleich führt.

Autopoiese Den Begriff alles Lebendigen verbinden M/V mit der autopoietischen (= sich selbst schaffenden) Organisation, die sie am Beispiel einer Zelle aufzeigen und auf mehrzellige Organismen übertragen.Maturana, Varela, S. 35. Ziel der Evolution ist das Fortbestehen der Art mit Hilfe der Einzelwesen. Voraussetzungen dafür sind sowohl eine autonome Organisation wie eine Anpassung (strukturelle Koppelung) an die Umgebung, allerdings nicht als einseitige Ausführung der Forderungen der Außenwelt: Bei all diesen Prozessen gibt es nicht einen Akteur und die Zielgruppe, sondern wechselseitig sich überlappende Vorgänge: Bereits bei der Reproduktion ist nicht allein die DNS beteiligt, sondern ein ganzes Netzwerk von Interaktionen mit z. B. den Mitochondrien und Membranen in ihrer Gesamtheit.Maturana, Varela, S. 78. Dieses Zusammenspiel zur Selbsterhaltung besteht aus Geben und Nehmen, wobei die ausgewählten und übernommenen Substanzen zum System passen müssen und von diesem verarbeitet werden. Das heißt: Die beteiligten Organe sind in einem kontinuierlichen Netzwerk von Wechselwirkungen miteinander verbunden. Am Beispiel der Zelle wird dies deutlich:Maturana, Varela, S. 85 ff. Der Zellstoffwechsel erzeugt Bestandteile, die in das Netz von Transformationen, das sie hervorbrachte, integriert werden, und bildet einen Rand (MembranMaturana, Varela, S. 58.), der die Zelle als Einheit konstituiert und selbst wieder an diesem Transformationsprozess durch Operieren beteiligt ist: durch Regulierung des Stoffdurchflusses von außen oder innen. Das bedeutet: Es wird nur mit Substanzen (wie Natrium- und Calcium-Ionen) interagiert, die zu der Organisation der Zelle und ihrer Struktur passen. Die daraus folgenden Veränderungen in der Zelle werden demnach von ihrer eigenen Struktur als zelluläre Einheit bestimmt. Das führt zu einer AutonomieMaturana, Varela, S. 55 ff. der Zelle: Sie lebt nach ihren eigenen Gesetzen, ist aber nicht selbst-versorgend, also auf lebensnotwendige Zulieferungen angewiesen, genauso wie die Zulieferer, die nach denselben Prinzipien organisiert sind. Es muss folglich im Überlebensprozess zu einem Ausgleich, zu einer Zusammenarbeit (Symbiose)Maturana, Varela, S. 99. kommen.

Autopoietische Systeme zweiter Ordnung Die autopoietische Organisation findet sich auch bei den MetazellernMaturana, Varela, Kp. 4: Das Leben der "Metazeller" wie den Menschen. Charakteristisch für Metazeller (autopoietische Systeme zweiter Ordnung mit Bildung von Kolonien und Gesellschaften) ist die Entwicklung eines NervensystemsMaturana, Varela, S. 96 ff. als integraler Bestandteil eines Organismus. Dadurch wird die strukturelle rekursive Koppelung mit dem Milieu ermöglicht:Maturana, Varela, Kp. 6: Verhaltensbereiche Das Milieu determiniert dabei nicht die Einheit, sondern löst lediglich Strukturveränderungen in den autopoietischen Einheiten aus. Diese reagieren gezielt – z. B. durch Auswahl und integrierende Verarbeitung – und wirken dadurch ihrerseits auf das Milieu ein: Strukturveränderungen sind also wechselseitig und rekursiv.Maturana, Varela, S. 85.

Interneuronales Netzwerk und Erkenntnis Eine weitere Stufe zur Erkenntnis stellt die Entwicklung des Nervensystems zu einem – motorische und sensorische Zellen verknüpfenden – interneuronalen Netzwerk mit dem Gehirn als ZentrumMaturana, Varela, S. 173 ff. dar. Dies geschieht in Verbindung mit der Beweglichkeit (Nahrung, Flucht, Fortpflanzung) und der dafür notwendigen sensomotorischen Koordination. Darin sehen M/V die Voraussetzung für Denken, Bewusstsein und Erkenntnis.Maturana, Varela, Kp. 7: Nervensystem und Erkenntnis mini|Ernst Machs Zeichnung „Innenperspektive“ illustriert die solipsistische Sichtweise: die Welt wird als Vorstellung aus der Ich-Bewusstseins-Perspektive interpretiert.

Zwei „Weltbild“-Interpretationen