mini|Plan des Towers 1597 mini|Plan des Towers 2012 Die Baugeschichte des Tower of London spannt sich über fast 1000 Jahre. Auf den Resten der römischen Stadtmauer Londons ließ Wilhelm der Eroberer ab 1066 eine Burg und ab 1077/78 den White Tower, den ältesten erhaltenen Teil des Tower of London, errichten. Wilhelms Nachfolger Richard I., Heinrich III. und Edward I. gaben dem Tower noch im Mittelalter die heutige Außengestalt mit drei Festungsringen, die von einem Graben umschlossen werden. Der Tower hat drei Festungsringe, drei Tortürme, einen dominierenden Keep und dutzende weiterer Bauten.

In den folgenden Jahrhunderten ließen verschiedene englische Könige und das Board of Ordnance Gebäude innerhalb der Festungsringe aufbauen und abreißen, erhöhten Mauern, ließen Tore ändern, abreißen oder neu anlegen, und versuchten die Festung jeweils der aktuellen Waffentechnik anzupassen. Große Renovierungsarbeiten erfolgten unter Heinrich VIII., der auch als letzter König den Tower für persönliche Zwecke nutzte. Unter dem Board of Ordnance entstanden zahlreiche barocke Innenbauten, die dem White Tower an Größe gleichkamen. Besonders prägend war hier das Grand Storehouse. Mehrfach brachen große Feuer im Tower aus. Insbesondere geschah dies 1777, als der südliche Innenhof mit dem alten Königspalast niederbrannte und 1841 als das Grand Storehouse in Flammen aufging.

Die letzten großen Baumaßnahmen fielen in das späte 19. Jahrhundert. Unter den Baumeistern Anthony Salvin und John Taylor setzte eine neo-gotische Umgestaltung ein. Sie ließen zahlreiche Gebäude im inneren niederreißen, Backstein durch „authentischere mittelalterliche Steine“ ersetzen und einige Türme und Mauern im neogotischen Stil neu bauen.

Wilhelm der Eroberer: White Tower

mini|Der White Tower. Nachdem es nach der normannischen Eroberung Englands 1066 anlässlich der Krönung Wilhelms des Eroberers zum englischen König in der Westminster Abbey an Weihnachten 1066 zu Unruhen in der Stadt gekommen war, ordnete Wilhelm den Bau einer Burg an, um den Normannen die Herrschaft über die City of London, schon damals die mit Abstand größte Stadt Englands, und das umgebende Gebiet von Middlesex, dem heutigen Greater London, zu sichern.Ivan Lapper, Geoffrey Parnell: The Tower of London. A 2000-Year History (Landmarks in History). Osprey Publishing, Oxford 2000, S. 16–18. Der Tower gehörte zu einer ganzen Zahl von Erd- und Steinfestungen, die Wilhelm bauen ließ, um die Macht der Normannen in England zu festigen. Er ordnete an, eine Reihe von Festungen um London herum zu errichten. Während Windsor Castle den Zugang zur Stadt aus dem Westen sicherte, sollte der Tower den Zugang aus dem Osten kontrollieren.Nigel R. Jones: Architecture of England, Scotland, and Wales Greenwood Publishing Group, 2005, ISBN 0-313-31850-6, S. 287 Baynard’s Castle entstand dort, wo heute Blackfriars liegt westlich der City an der Themse, Montfichet Castle nördlich von London.John Steane: The archaeology of medieval England and Wales Taylor & Francis, 1985, ISBN 0-7099-2385-6, S. 8

Wilhelm nutzte die noch vorhandene römische Stadtmauer von Londinium und ließ den Bau in ihrer Südostecke errichten, so dass die erhaltenen römischen Mauern den Tower nach Osten und nach Süden zur Themse hin schützten. Der Tower begann sein Leben als hastig errichtete Festung aus Holz, die ein Graben nach Westen zur Innenstadt hin schützte.

Ursprünglich ließ Wilhelm eine 200 mal 400 Fuß (etwa 70 × 140 Meter) große Festung aus Holz errichten, die jedoch schon wenige Jahre später durch das Steingebäude des White Tower ersetzt wurde. Der White Tower wurde ab 1077 oder 1078 unter der Leitung von Gundulf, Bischof von Rochester, errichtet. Er orientierte sich in seiner Gestaltung an den Donjons der Normandie, etwa in Rouen oder Ivry-la-Bataille, seine monumentale Größe war jedoch bis dahin ohne Beispiel.Marc Morris: Castle. A History of the Buildings That Shaped Medieval Britain. Pan Macmillan, London 2003, S. 52–55. Wilhelm ließ ihn mit luxuriösen Wohnräumen ausstatten,Anthony Sutcliffe: London: an architectural history Yale University Press, 2006, ISBN 0-300-11006-5, S. 12 dazu kamen Empfangssäle, eine Kapelle, und andere repräsentative Räumlichkeiten, die den Tower zur einzigen königlichen Residenz in der Stadt London machten.Anthony Emery: Greater Medieval Houses of England and Wales, 1300-1500: Southern England Cambridge University Press, 2006, ISBN 0-521-58132-X, S. 245 Während diese Räume in den meisten Burgen der Zeit um einen zentralen Hof herum angeordnet wurden, ließ Wilhelm sie im Tower aus Sicherheitsgründen in mehreren Etagen in einem einzigen Gebäude bauen.

Beim Tode Wilhelms des Eroberers 1087 war der White Tower erst zur Hälfte fertig. Unter seinem Sohn Wilhelm II. schritt der Bau nur langsam voran. Die Angelsächsische Chronik berichtet, dass die Anlage 1097 mit einer Mauer umgeben wurde. Fertiggestellt wurde der White Tower vermutlich erst in der Regierungszeit Heinrichs I. (1100–1135).Ivan Lapper, Geoffrey Parnell: The Tower of London. A 2000-Year History (Landmarks in History). Osprey Publishing, Oxford 2000, S. 19. Über Bauten in den Regierungszeiten der folgenden Könige lassen sich weder archäologisch noch aus der schriftlichen Überlieferung heraus genaue Aussagen treffen. Vermutlich fällt der Wardrobe Tower in diese Zeit.Historic Royal Palaces: Tower of London World Heritage Site - Management Plan 2007. S. 19 Der Turm, der heute nur noch in Ruinen erhalten ist, ist eine ausgebaute römische Bastion, die in der römischen Stadtmauer Londons stand. Die normannischen Baumeister bauten auf dem Grund der Bastion einen höheren Wachtturm.Ralph Merrifield: London: City of Romans University of California Press, 1983, ISBN 0-520-04922-5, S. 233

William Longchamp: innerster Festungsring mini|hochkant|Bell Tower, in Teilen noch aus dem 12. Jahrhundert. Während Richard I. auf Kreuzzüge zog, begann Wilhelm von Longchamp, Lordkanzler von England, mit dem Ausbau des Towers zur Festung. Er verstärkte die weiteren Mauern um den White Tower herum. Er baute diese nach Westen aus und versah sie erstmals mit kleineren Wachtürmen an den Ecken. Einer davon, der etwa 1190 errichtete Bell Tower ist noch in Teilen erhalten. Er war in mehreckiger Bauweise gebaut, die eine bessere Sicht auf potenzielle Angreifer erlaubte, als die rechteckige Bauweise des White Towers. Die gekrümmten Oberflächen des Bell Towers dienten zudem dazu, Geschosse abzulenken. Er bildete den Teil einer neuen Mauer zum Wasser hin, die den innersten Ring abgrenzte. Der heute noch vorhandene Inner Curtain zwischen Bell Tower und Bloody Tower ist Teil dieser Befestigung. Longchamp begann den noch vergeblichen Versuch, einen Wassergraben um den Tower zu errichten.John Steane: The archaeology of medieval England and Wales Taylor & Francis, 1985, ISBN 0-7099-2385-6, S. 9 Richards Bruder Johann Ohneland testete diese neuen Anlagen bereits 1191, als er in den Machtkämpfen mit seinem Bruder versuchte den Tower zu erobern. Die Festung hielt diesen Versuchen stand, musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln doch übergeben werden.

Heinrich III.: innerer Festungsring

Im 12. und 13. Jahrhundert bauten verschiedene Herrscher die Festung aus. Ungefähr in dieser Zeit bekam auch die gesamte Festung den Namen Tower of London. Prägend für die heutige Gestalt des Towers war Heinrich III., der die Festung von 1220 bis 1238 zum Festland hin erweiterte, und von 1238 bis 1272 zum Fluss hin. Heinrich ließ einen neuen Festungsring, insgesamt acht Türme und einen permanent gefüllten Wassergraben errichten. In seine Zeit fällt der Bau des Wakefield Tower, und ein Umbau der königlichen Gemächer und Repräsentationsräume. Der ebenfalls unter Heinrich III. gebaute Queens Tower wurde im 19. Jahrhundert niedergerissen und an dieser Stelle der Lanthorn Tower neu gebaut.

Heinrich begann mit dem Bau der Anlagen um den heutigen innersten Festungsring. Dazu gehörten neben dem Wakefield Tower auch das Bloody Gate und die Great Hall. Sowohl die Arbeiten an der großen Halle als auch andere haushaltsbezogene Konstruktionen deuten darauf hin, dass Heinrich den Tower als Wohngebäude aufwerten wollte, und ihn auf eine Ebene mit Windsor Castle oder den Residenzen in Winchester und Clarendon stellten wollte.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216-1327 in: Architectural History, Vol. 38, (1995) S. 37 Heinrich ließ die Gemächer von König und Königin neu herrichten, ließ Wände weiß kalken und importierte fünf Tonnen Marmor aus Dorset, um die Innenräume auszubauen. Heinrich ließ den Keep auch von außen weiß kalken und verlegte Regenrinnen, damit herablaufendes Wasser nicht die Farbe verfleckte. Aus dieser Zeit stammt der Begriff White Tower für den Keep.John Steane: The archaeology of medieval England and Wales Taylor & Francis, 1985, ISBN 0-7099-2385-6, S. 10

Nachdem Heinrich sich 1238 im Zuge der Verwerfungen um die Hochzeit seiner Schwester Eleanor von England mit Simon de Montfort, 6. Earl of Leicester vor aufgebrachten Adligen einen Monat lang im Tower verschanzen musste, begann er mit dem Ausbau der Tower als Festung auf dem damals aktuellen Stand der Festungstechnik.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216-1327 in: Architectural History, Vol. 38, (1995) S. 39 Neben verstärkten Mauern, und einem neuen Tor entstanden in dieser Zeit Devereux Tower, Bowyer Tower, Martin Tower, Broad Arrow Tower und Salt Tower.

Zeitweise verlor er im Konflikt mit den Baronen durch die Provisions of Oxford die Kontrolle über die Festung ganz und musste sie an Hugh Le Bigod abgeben. Von Frankreich aus, ordnete er dennoch den weiteren Ausbau der Festung an. Bei diesen Arbeiten wurde der innere Festungswall vollendet, und es entstand Coldharbour Gate, das zentrale landseitige Tor zum heutigen innersten Festungsring – und Heinrich kehrte heimlich in die Festung zurück.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216-1327 in: Architectural History, Vol. 38, (1995) S. 40

Edward I.: äußerer Festungsring mini|Edward ließ die heutige Außenmauer errichten und den Graben. Edward I., der umfangreiche Erfahrungen mit der Kriegsführung auf den britischen Inseln und dem Kontinent hatte, setzte das ehrgeizige Bauprogramm seines Vorgängers fort. Er baute die innere Mauer aus, so dass eine echte Ringburg entstand, und ließ einen neuen Graben aushebenSimon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216-1327 in: Architectural History, Vol. 38, (1995) S. 46 und neue Außenmauern bauen, so dass insgesamt drei Verteidigungsringe entstanden. Die Festungsringe wurden dabei nach innen höher, so dass Verteidiger auf den inneren Ringen über ihre Mitkämpfer auf den äußeren Ringen hinwegschießen konnten. Sollten die äußeren Festungsringe fallen, hätten die Verteidiger immer noch einen Höhenvorteil. Die Außenmauern des Towers erreichten damit ihre heutige Gestalt.

Edward ersetzte den großen Torbau seines Vorgängers durch zwei neue Tore: eines zum Wasser und ein landseitiges auf der West- (Stadt-)seite der Festung. Seit 1275 entstand der nach Thomas Beckett benannte St Thomas’s Tower.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216-1327 in: Architectural History, Vol. 38, (1995) S. 47 Das von diesem beschützte Bogentor zur Themse, das später Traitors' Gate (Verrätertor) genannt wurde, ersetzte den Wasserzugang über den Wakefield Tower. Über dem Tor befanden sich zeitweise die Schlafgemächer des Königs.John Steane: The archaeology of medieval England and Wales Taylor & Francis, 1985, ISBN 0-7099-2385-6, S. 11